Magazinrundschau

Vierzehn Schläger im Kopf

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
22.07.2025. In Harper's denkt der Autor Michael W. Clune darüber nach, was digitale Gesichtserkennung über unser Gesicht aussagt. Elet es Irodalom gratuliert dem großen Bela Tarr zum Siebzigsten. Emmanuel Carrère begleitet Emmanuel Macron zum G7-Treffen. Meduza versucht der moldauischen Identität auf die Spur zu kommen. Der New Yorker stellt Trumps schmerzempfindlichen Handelsminister Howard Lutnick vor. Osteuropa beleuchtet die Rolle der Neokosaken im Donbass. Die LRB freut sich über die Fahrräder im nigerianischen Bundesstaat Borno.

Harper's Magazine (USA), 31.08.2025

Der amerikanische Schriftsteller Michael W. Clune denkt über verschiedene Aspekte der digitalen Gesichtserkennung nach. Durch KI wird diese immer präziser - die Vorstellung von unserem Gesicht als einer Landschaft unterschiedlicher Emotionen und individueller Ausdrücke wird dadurch völlig umgeworfen. Am eigenen Leib erlebte Clune das, als er wegen Drogenbesitzes verhaftet und fotografiert wurde: "Welchen Gesichtsausdruck die Kamera auch immer einfing - benommen, blicklos auf weite Flächen in grau-weißer Gefängnisfarbe blinzelnd - er war nicht beabsichtigt. Vielleicht war es in gewisser Weise das authentischste Bild meines Gesichts, das je aufgenommen wurde. Das Justizsystem war jedenfalls nicht daran interessiert, mich zum Lächeln zu bringen. Dieses Foto diente lediglich zu Identifikationszwecken (...) Das ist die Wahrheit, die im Begriff 'Faceprint' steckt. Er ist wie ein Daumenabdruck: ein Muster, das für eine Person einzigartig ist, die Spur, die jemand in jedem Raum hinterlässt, den er durchquert. Sich ein Bild des eigenen Gesichts als irgendwie analog zu seinem Daumenabdruck vorzustellen, führt zu ernsthaftem Schwindelgefühl. Schauen Sie sich Ihren Daumen an. Und jetzt schauen Sie sich Ihr Gesicht im Spiegel an. Stellen Sie sich vor, Ihr Hals würde in einem riesigen Daumen enden. Um zu verstehen, wie das eigene Gesicht so neutral, objektiv und ausdruckslos wie der eigene Daumen werden kann, muss man den entscheidenden Unterschied zwischen dem Regime der Gesichtserkennung und dem Regime der alltäglichen, ausdrucksstarken Gesichtskontrolle begreifen."

Elet es Irodalom (Ungarn), 18.07.2025

Gestern wurde der große ungarische Filmregisseur Béla Tarr siebzig Jahre alt. In Elet es Irodalom würdigt ihn der Dramatiker und Drehbuchautor András Forgács: "Man hat das Gefühl, dass alle seine Filme von denselben Personen gespielt werden, so viele wiederkehrende Gesichter gibt es. Schauspieler jedoch gibt es in einem Tarr-Film keine, denn selbst die professionellen Schauspieler sind nicht als solche da. Sie sind Persönlichkeiten, seltsame Wesen. Tarr sagt, es sei die Aufgabe des Regisseurs dafür zu sorgen, dass die Rolle und die Persönlichkeit miteinander harmonieren, also gibt er meist nur physische Anweisungen. Bei Tarr sind die Orte ebenfalls Hauptdarsteller. Sie haben Gesichter. Wir bewegen uns durch sie hindurch. Die Zeit vergeht nicht, sie passiert. In einem Tarr-Film wird die Zeit auch als Verbrechen begangen. Vielleicht gehen die Figuren irgendwo hin. Sie bewegen sich, sie gehen weiter, sie sind immer noch in Bewegung. Wir gehen mit ihnen. Wir werden nicht müde, ihnen zuzusehen. Das Gehen ist die unzerstörbare syntaktische Einheit von Tarrs Filmsprache. Aber es gibt kein Drehbuch, oder wenn es eines gibt, wird es vor dem Dreh verworfen."
Stichwörter: Tarr, Bela, Ungarischer Film

Guardian (UK), 22.07.2025

Der französische Autor Emmanuel Carrère begleitet Emmanuel Macron zum diesjährigen G7-Gipfel in Kanada. Der französische Präsident ist entspannter und besser gelaunt, als man angesichts seiner diversen Probleme zu Hause und in aller Welt erwarten würde. Zweifellos hat sich jedoch in den letzten Jahren einiges verändert, was die Welt der Spitzendiplomatie betrifft: "Als Präsident Valéry Giscard d'Estaing im Jahr 1975 die G7 - damals noch die 'Gruppe der Sechs' oder G6 - ins Leben rief, vereinten die teilnehmenden Länder (die USA, Frankreich, das Vereinigte Königreich, Deutschland, Italien und Japan) rund 75 Prozent des weltweiten BIP auf sich. Heute ist dieser Anteil auf etwa 35 Prozent gesunken. 'Früher waren wir der Vorstandsvorsitzende', fast Macrons diplomatischer Berater Emmanuel Bonne zusammen. 'Heute sind wir nicht einmal mehr Mehrheitsaktionäre.' Umso wichtiger ist es für diese Länder, wenn sie nicht völlig von der Bildfläche verschwinden wollen, eine Lösung zu finden oder sich zumindest auf eine gemeinsame Haltung zu den großen Probleme der Welt zu einigen: Ukraine, Naher Osten, Umwelt, Zölle - das Thema ist egal, an Elefanten im Raum mangelt es nicht. Ziel des Gipfels war es daher stets, eine gemeinsame Erklärung zu verabschieden, die lediglich politischen Willen, eine Richtung und gemeinsame Zielsetzungen zum Ausdruck bringt. Normalerweise sollte das nicht allzu schwierig sein, doch seit Trump 2 ist es das geworden - insbesondere beim Thema Klima. Bis vor Kurzem war es noch völlig unproblematisch, zu sagen, dass die Erderwärmung eine große Bedrohung darstellt und ihre Bekämpfung absolute Priorität hat - genauso wie zu sagen, dass man gegen Krieg, für Frieden oder für mehr Gerechtigkeit ist. Man konnte es einfach aussprechen, ob man dann entsprechend handelte oder nicht, spielte zunächst keine Rolle - es kostete nichts. Diese Zeiten sind vorbei. Da der 'Herr der Welt' meint, das Klima sei kein Problem, kann man es sich nicht einmal mehr symbolisch auf die Tagesordnung setzen. Selbst das Wort 'Klima' ist mittlerweile ein Tabu."
Archiv: Guardian

Istories (Lettland / Russland), 16.07.2025

Russland verliert seinen Einfluss in Osteuropa und Zentralasien, konstatiert Vladimir Solovyov und schaut unter anderem auf die sich verschlechternden Beziehungen Russlands zu seinen früheren Verbündeten Azerbaijan, Armenien - und Moldau. "Vor dem Krieg wurde Chisinau vom stellvertretenden russischen Außenminister Andrej Rudenko besucht. Moldawische Diplomaten erzählten mir, dass er bei einem informellen Abendessen direkt gefragt wurde: 'Wird Russland ein Nachbarland angreifen?' Ihnen zufolge lautete die Antwort: 'Wir werden Kiew bombardieren?! Wie können Sie sich das vorstellen!' Eine Woche später schlugen russische Raketen in der ukrainischen Hauptstadt ein. Nach Beginn des Krieges schlug sich Moldau auf die Seite der Ukraine, brach die Beziehungen zu Moskau auf allen Ebenen ab und begann, im Rahmen der GUS unterzeichnete Abkommen zu kündigen. Jetzt sind die moldauisch-russischen Beziehungen Beziehungen ohne Beziehungen. (...) Moskau will den Verlust seines Einflusses jedoch nicht hinnehmen und unterstützt Politiker und Parteien, die für eine Zusammenarbeit mit Russland eintreten. Der prominenteste Vertreter russischer Interessen in Moldawien ist der flüchtige Oligarch Ilan Shor. Der Staatsbürger der Republik Moldau, Israels und seit kurzem auch Russlands wurde von einem moldauischen Gericht zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, weil er an einem massiven Finanzbetrug beteiligt war - der Veruntreuung von einer Milliarde Dollar aus drei moldawischen Banken, die er damals kontrollierte. Um dem Gefängnis zu entgehen, floh Shor 2019 nach Israel und zog dann nach Moskau, von wo aus er die Aktivitäten seiner Unterstützer und seines Parteinetzwerks koordiniert. Einige von ihnen haben sich im vergangenen Jahr in Moskau im Block 'Sieg' zusammengeschlossen. Shor handelt mit Kryptowährungen, hilft Russland bei der Umgehung von Sanktionen und organisierte während der letztjährigen Präsidentschaftswahlen den Stimmenkauf von Wählern durch seine Leute."
Archiv: Istories
Stichwörter: Russland, Moldau, Moldawien

Meduza (Lettland), 04.07.2025

Die Journalistin Natalia Jidovanu ist in Moldau aufgewachsen, als Teenager zog sie mit ihren Eltern nach Portugal, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Für Meduza kehrt sie zurück und fragt sich: Konnte oder kann Moldau nach den Jahren unter Sowjetherrschaft noch ein eigenes nationales Selbstbewusstsein entwickeln? "In den nächsten zwei Wochen reise ich von nach Norden und Süden. Ich besuche Denkmäler und historische Wahrzeichen. Ich besuche religiöse Zeremonien und literarische Veranstaltungen. (...) Ich lausche den Geschichten derer, die weggegangen sind, und derer, die zurückgeblieben sind, derer, die ihr Leben in fernen Ländern neu aufgebaut haben, und derer, die auf dem Boden unserer Vorfahren geblieben sind. 'Damals hatten wir alles, was wir brauchten. Wir hatten Arbeit. Wir hatten eine Ordnung. Wir hatten Essen auf dem Tisch. Wir hatten Freunde. Und wir hatten eine Gemeinschaft. Wir haben zusammen gelacht und geweint. Aber jetzt sind wir aufgeschmissen. Jeder ist auf sich selbst gestellt. Wenn ich nur die Zeit zurückdrehen könnte, um dieses Leben noch einmal zu leben!' 'Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, wäre es nur für meine Jugend. Ich will nicht das Elend zurück. Wir haben Tag und Nacht gearbeitet, und wir hatten nichts. Unsere Kinder haben sich ihr Leben in Europa aufgebaut. Wenn sie dort glücklich sind, bin ich glücklich mit ihnen. Europa ist ihre Heimat, also ist es auch meine Heimat und Zukunft.' 'Die Zukunft? Die gibt es nicht. Wir stehen am Rande des Abgrunds. Seit über 30 Jahren werden wir von denselben Personen belogen, die sich unter verschiedene politische Farben geben. Die Europäische Union ist eine Illusion. Die Wiedervereinigung mit Rumänien ist der einzige Ausweg. Wir sprechen Rumänisch. Wir sind Rumänen.' Wenn ich diesen Gesprächen zuhöre, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass mein Land wie ein Spiegel ist, in dem sich die Kämpfe widerspiegeln, die ich zu ignorieren versucht habe. Gefangen zwischen zwei gegensätzlichen Welten, ringt Moldau mit seinem Identitätsgefühl, genau wie ich. Wir suchen beide nach einem Ort, an dem unser Erbe mit unseren Ambitionen in Einklang gebracht werden kann. Unsere Vergangenheit, die von mächtigen äußeren Einflüssen und dem Kampf um Freiheit geprägt wurde, wirkt sich weiterhin auf unsere Gegenwart aus."
Archiv: Meduza

New Yorker (USA), 28.07.2025

Antonia Hitchens stellt uns im New Yorker den Handelsminister Howard Lutnick vor, der vor diesem Posten Leiter des Finanzunternehmens Cantor Fitzgerald war. Wie Trump hält auch er Zölle für eine absolut geniale Idee, und wie Trump nutzt er sein Amt, um sich zu bereichern: "Es kümmert Lutnick nicht, dass die Barriere zwischen Finanzen und Politik brüchig wirkt und einige Gesetzgeber behauptet haben, dass er von seiner Position finanziell profitieren würde. Nachdem er vom Senat in sein Amt eingesetzt worden war, wurden seine älteren Söhne Brandon und Kyle, die in ihren späten Zwanzigern sind, zum Vorsitzenden und stellvertretenden Vorsitzenden von Cantor ernannt (Kyle ist eigentlich DJ). Letztes Jahr hat Cantor fünf Prozent der Anteile von Tether erworben, eine Kryptofirma, die mit Geldwäsche, Terrorismus und internationalem Betrug in Verbindung gebracht wird. (Tether ist allerdings nicht angeklagt worden). Cantor managt auch eine substantielle Menge von Tethers Vermögenswerten, wofür die Firma Millionen Dollar in Gebühren bezieht. Seit Trumps Wahl ist der Marktwert von Tether auf mehr als 160 Milliarden Dollar gestiegen. Dem Wall Street Journal zufolge hat Giancarlo Devasini, Tether's Vorsitzender, Mitarbeitern erzählt, dass Lutnick seine 'politische Aufmerksamkeit nutzen würde, um Gefahren von Tether abzuwehren.' (Ein Sprecher von Lutnick hat dies verneint.) Angeblich hat Lutnick einen Lobbyisten zu Übergangsmeetings mitgebracht, der sowohl für Tether als auch für Cantor arbeitet, nun arbeitet er für eine von Trumps Krypto-Beratergruppen, die entscheidet, wie Firmen wie Tether reguliert werden. 'Es bereitet ihm physische Schmerzen, eine Business-Möglichkeit zu verpassen', erzählte mir einer seiner alten Freunde."

Außerdem: Rachel Aviv berichtet über neue Erkenntnisse zur Schizophrenie. Keith Gessen fragt mit Tim Weiner: Was wird aus der CIA unter Trump. Margot Talbot liest eine Geschichte der Bärte-Kultur in Amerika. Amanda Petrusich hört Musik von Mk.gee. Justin Chang sah im Kino Ari Asters Horror-Western "Eddington", mit Joaquin Phoenix, Emma Stone und Pedro Pascal. Lesen dürfen wir noch Mona Awads Erzählung "The Chartreuse".
Archiv: New Yorker

Kontexty (Tschechien), 21.07.2025

Tomáš Suchomel unterhält sich mit einem großen Leoš-Janáček-Kenner, dem Musikwissenschaftler und Herausgeber von Janáčeks Werken Jiří Zahrádka. Zahrádka verwaltet unter anderem Janáčeks Nachlass und schleift an möglichst präzisen Werkeditionen - was kein ganz einfaches Unterfangen ist, denn Janáček "hinterließ sein Werk in einem ziemlich komplizierten Zustand. Seine Opern wurden zu Lebzeiten oft gar nicht in Druckform veröffentlicht, oder dann in einer Form, die nicht ganz seinen Intentionen entsprach", so Zahrádka. Manchmal habe Janáček nach einer ersten Aufführung in Brünn noch Änderungen untergebracht, dann wieder nach der Prager Uraufführung, manchmal auch unter dem Einfluss des jeweiligen Dirigenten. "Ein 'normaler' Komponist wie Bohuslav Martinů macht zu einer Oper vielleicht ein paar Seiten Anmerkungen, bei Janáček sind es unzählige Seiten, wobei es zu jeder zweiten Notiz dann auch noch widersprechende Quellen gibt." Anders als vielen seiner Vorgängern sei es Janáček nie in erster Linie um Schönheit, sondern um Wahrheit gegangen. "Eine Oper ist immer etwas Stilisiertes, im Leben singt man normalerweise nicht, man spricht. Janáček war sich dessen bewusst. Er wählte nicht nur meist realistische Geschichten, sondern vertonte auch Prosatexte, und seine Musik basierte dann auf gesprochener Sprache, auf natürlicher Sprache." Auch wenn Janáčeks Opern so eher als widerspenstig gelten und keine eingängigen Arien besitzen, legt Jiří Zahrádka sie unbedingt auch Nicht-Kennern ans Herz: "Ich behaupte, dass jeder Janáček hören kann, und für diejenigen, die keine Opernerfahrung besitzen, ist er sogar noch zugänglicher. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass solche Leute, wenn sie eine Verdi-Oper besuchten, enttäuscht waren, nach einer Janáček-Oper hingegen begeistert. Diese Zuhörer haben es manchmal leichter, sie sind gewissermaßen unbelasteter und verstehen Janáčeks Sprache, seine Botschaft, ganz intuitiv."
Archiv: Kontexty

Osteuropa (Deutschland), 22.07.2025

Wie konnte im ukrainischen Donbass nach dem Sturz der Regierung von Präsident Janukowitsch im Februar 2014 ein "Machtvakuum" entstehen, das prorussische Gruppierungen Gelegenheit bot, einen bewaffnete Aufstand anzuzetteln? Alexander Osipian widmet sich in einem von Andrea Huterer übersetzten Essay der Geschichte des Donbass. Dabei beleuchtet er auch die Rolle der Donkosaken bzw. Neokosaken: "Dass sich im Donbass im Vorfeld des Aufstands von 2014 und danach zahlreiche Männer Donkosaken-Einheiten anschlossen, hatte seinen Grund nicht zuletzt darin, dass in den 1990er Jahren viele Arbeiter und ausgemusterte Soldaten arbeitslos geworden waren und in einer tiefen Identitätskrise steckten. Die Härten der Transformation verschärften diese Krise zusätzlich. Selbst Männer, die ihren Arbeitsplatz behielten, fühlten sich oft enttäuscht. Industriearbeit büßte ihr einst hohes soziales Prestige ein. Dieses genossen nun Geschäftsleute, Banker und auch Kriminelle - die neue Klasse der 'Gewinner'. Viele desillusionierte 'Verlierer' der Transformation in Russland und der Ukraine schlossen sich Kosakenorganisationen an. Vom kommunistischen Regime verboten und verfolgt, erlebten die Kosakenverbände in den 1990er Jahren einen Aufschwung, wobei eine echte 'kosakische' Herkunft nun keine Rolle mehr spielte. Bei den wie Pilze aus dem Boden schießenden Kosakenorganisationen handelte es sich anfangs eher um eine spezielle Art des postsowjetischen 'Reenactments'. In Russland entwickelten sich die 'Neokosaken' jedoch über die Jahre zu einer besonders regimetreuen paramilitärischen Gruppe, die Moskau in den bewaffneten Konflikten in Bosnien-Hercegovina, Südossetien und Abchasien Anfang der 1990er Jahre oder gegen die Tschetschenen im Nordkaukasus und im Georgienkrieg 2008 einsetzte. Die Kosaken in Russland bilden eine konservative Avantgarde des Regimes. Sie zählen zum besonders xenophob, homophob und klerikal eingestellten Teil des politischen Spektrums in Russland und vertreten die vom Staat, der Russischen Orthodoxen Kirche und radikalen Nationalisten vorgegebenen antiwestlichen, antiliberalen und fremdenfeindlichen Narrative."
Archiv: Osteuropa

Le Grand Continent (Frankreich), 17.07.2025

Nvidia, die Firma, die die Chips für unser aller Künstliche Intelligenz herstellt, ist auch die erste Firma in der Weltgeschichte, die an der Börse 4.000 Milliarden Dollar wert ist, etwa doppelt so viel wie alle vierzig Firmen des DAX. Der Nvidia-Chef ist letzte Woche nach China gereist, ein Ereignis, das Beachtung verdient, findet Alessandro Aresu, denn unter Joe Biden hat man Exportbeschränkungen für die avanciertesten Chips erlassen. Mit - milde gesprochen - paradoxem Ergebnis. "Seit der Verschärfung der Exportkontrollen im Sommer 2022 hat Nvidia die US-Politik immer wieder kritisiert. Bill Dally, wissenschaftlicher Direktor des Unternehmens - eine der wichtigsten Persönlichkeiten der angewandten Forschung dieses Jahrhunderts - erklärte im November 2023 an der Cornell University: 'Die Exportbeschränkungen gegenüber China haben in Wirklichkeit Tausende chinesischer Programmierer, die Software für unsere Maschinen entwickelten, dazu getrieben, sich Huawei und anderen lokalen Unternehmen wie Biren zuzuwenden. Kurz gesagt, diese Strategie schadet langfristig der amerikanischen Industrie, ohne den Fortschritt Chinas im Bereich der künstlichen Intelligenz zu bremsen. Aber in Washington tut man so, als würde man diese Stimme nicht hören.' Mit anderen Worten: Die Beschränkungen haben China nicht gebremst, sondern im Gegenteil seine technologischen Fähigkeiten gestärkt und gleichzeitig die Position der USA geschwächt." Nicht nur hat China die Welt vor einigen Monaten mit "Deepseek" geschockt, das billiger ist, aber genauso effizient wie die amerikanischen Konkurrenten. Jetzt kommt auch noch die Sofware "Kimi K2" des Unternehmens Moonshot AI aus Shanghai, berichtet die FAS, das "beste offene Modell der Welt " - und besser als Chat GPT sowieso.

Tablet (USA), 16.07.2025

Kaum hatten die Hamas und verbündete palästinensische Zivilisten 1.200 Israelis massakriert und 250 weitere entführt, wurden die Israelis des Genozids bezichtigt. Einer der Hotspots der gut organisierten Pro-Hamas-Proteste, in denen sich dieser Diskurs etablierte, waren die amerikanischen Universitäten. Shai Davidai, Professor an der Columbia University, war einer der ersten, die die Weltöffentlichkeit auf die Zustände auf seinem Campus aufmerksam machte (unsere Resümees). Dagegen waren die Proteste in Berlin noch harmlos. Dies Video zeigt, wie jüdischen Studenten von einem chorisch skandierenden Mob der Zugang zum Campus verwehrt wird.

Davidai erklärt, warum er die Uni jetzt verlässt und ist verbittert, dass diese ihn nicht nur nicht unterstützte, sondern sogar suspendierte und seine Zugangskarte zu den Unigebäuden sperrte. Seine Kollegen hielten still. "Die Leitung der Columbia University ist nicht als einzige dafür verantwortlich, dass Studenten fundamentalistischen islamistischen Terror bejubeln. Hinter jedem wütend protestierenden Studenten in seinem kulturell angeeigneten Palästinensertuch steht ein radikaler Professor, der begeistert zusieht, wie sich seine postkolonialen Theorien über den Kampf zwischen Unterdrückern und Opfern bewahrheiten. Die Studenten marschieren, aber ihre Professoren entfachen das Feuer und zeigen ihnen, wohin sie es richten sollen. Man denke nur an Joseph Massad, der 'Jubel und Ehrfurcht' über das Massaker an Israelis zum Ausdruck brachte, Jeanine D'Armiento, die als Vorsitzende des Uni-Senats Kollegen zum Schweigen brachte, weil sie sich gegen die Campus-Proteste aussprachen, Katherine Franke, die das Massaker vom 7. Oktober als 'militärische Aktion' bezeichnete, Joseph Slaughter und Susan Bernofsky, die die Universitätsregeln umgeschrieben haben, um den Demonstranten zu helfen, und Mahmood Mamdani, Vater des demokratischen Bürgermeisterkandidaten von New York City, der die 'Schleifung des jüdischen Staates' fordert. Mit dem ausdrücklichen Lob des Professors Rashid Khalidi für die gewaltsame Besetzung eines Gebäudes folgen die Studenten einem Drehbuch, das ihre Professoren geschrieben haben."
Archiv: Tablet

HVG (Ungarn), 17.07.2025

"Selbst, wenn einer deiner Filme verboten wurde, (...) konntest du immer noch den nächsten machen. Ich sage nicht, dass es damals keine menschlichen Tragödien gegeben hat. Ich habe wohl manch zerstörten Existenzen in der Filmindustrie gesehen", erzählt der 77-jährige Schriftsteller und Regisseur Péter Gárdos im Interview mit Zsuzsa Mátraházi über das Filmemachen in den 1980er Jahren. Heute ist es für ihn eher noch schwieriger geworden: "Zwei meiner letzten Bücher habe ich zuerst in Drehbuchform geschrieben, und wenn sich die Möglichkeit ergäbe, sie zu verfilmen, würde ich ohne zu zögern ja sagen. Das jüngste Buch müsste als Drehbuch umgeschrieben werden. Es wäre ein interessantes Experiment zu sehen, wie man aus dieser Mischung aus zeithistorischer Dokumentation und Fiktion einen Spielfilm machen könnte. Es lohnt sich aber im Moment nicht, mich zu bewerben, denn ich stehe nicht auf der Liste derjenigen, die berücksichtigt werden. Heute ist in den allermeisten Fällen Loyalität das wichtigste, wenn nicht sogar das einzige Kriterium für die Annahme eines Drehbuchs. Das letzte Mal wollten wir aus meinem Buch 'Seven Dirty Days' eine Fernsehserie machen. Der Filmplan wurde eine Zeit lang hin- und hergeschoben dann schließlich drastisch abgeschmettert. Mir wurde klar, dass ich in diesem System nicht drehen darf."
Archiv: HVG

London Review of Books (UK), 22.07.2025

Gazelle Mba besucht den nigerianischen Bundesstaat Borno, der letztes Jahr, nach dem Kollaps eines Staudamms, von einer Flutkatastrophe heimgesucht wurde, die Hunderte Todesopfer forderte. Die Räumarbeiten in den Katastrophengebieten gehen nur langsam voran. Dennoch zeigen sich Mbas Gesprächspartner vorsichtig optmistisch. Die größte Bedrohung stellten für die Region noch bis vor wenigen Jahren die Angriffe der islamistischen Terrorgruppierung Boko Haram dar - und zumindest in dieser Hinsicht haben sich die Dinge, nicht zuletzt aufgrund lokaler Initiativen, zum Besseren gewendet. Insgesamt bleibt die Lage komplex: "Borno wird von vielen Nigerianern oft missverstanden. Es ist eine der am stärksten benachteiligten Regionen des Landes. Die multidimensionale Armutsrate im Bundesstaat liegt bei 72,5 Prozent, 9,5 Prozentpunkte über dem nationalen Durchschnitt. Wie bei der Bewältigung der Überschwemmungen mussten die Bürger selbst die Initiative gegen Boko Haram ergreifen. Habib wies auf einige Mitglieder der Civilian Joint Task Force (CJTF) hin, eine Art Bürgerwehr, die sich als Reaktion auf das Versagen der Regierung im Kampf gegen die Terroristen gebildet hatte. In den frühen Jahren der Aufstandsbewegung griffen zahlreiche Freiwillige aus allen Gesellschaftsschichten zu den Waffen - Macheten, lokal hergestellten Gewehren und so weiter -, um die Stadt zu verteidigen. Heute besteht ihre Aufgabe darin, den Frieden zu wahren. 'Selbst diese Straße' - Habib deutete auf den Weg, auf dem wir langsam entlangfuhren - 'konnte während der Zeit des Aufstands niemand benutzen. Sie war nicht sicher.' Während der Überschwemmung half die CJTF dabei, Familien in Notunterkünfte zu bringen und Hilfsgüter zu verteilen. Ein Hinweis darauf, dass die Stadt heute wieder sicher ist, sei die Präsenz von Fahrrädern, erzählte mir Habib. Die Aufständischen nutzten Motorräder, um sich zwischen Dörfern und Städten zu bewegen und Überfälle durchzuführen, während alle anderen - sofern möglich - mit dem Auto reisten. Jetzt, da das Leben wieder sicherer ist, können die Menschen Fahrrad fahren, und das Dröhnen von Motorrädern hört man nicht mehr."

David Trotter beschäftigt sich ausführlich mit Golf, einem Sport, dem seine Anhänger eine Form der natürlichen Eleganz zusprechen. Trotter ist ganz anderer Meinung: "Was den Golfsport von den vielen anderen Sportarten unterscheidet, bei denen man etwas mit oder an einem kleinen runden Objekt tut, ist der Grad seiner inneren wie äußeren Vermittlung. Die äußere Vermittlung findet im Raum des Golfplatzes statt; die innere Vermittlung ergibt sich aus der Qualität und Quantität der Ausrüstung, die zwischen dem Spieler - ob Amateur oder Profi - und seiner Fähigkeit steht, eine entscheidende Handlung auszuführen. Wenn ein Tennisspieler sich entscheidet, einen Schläger gegen einen anderen auszutauschen, der mit leicht unterschiedlicher Bespannung versehen ist, kann das durchaus Einfluss auf den Ausgang eines Spiels haben. Doch das ist kaum vergleichbar mit der Präsenz der vierzehn Schläger im Kopf und in den Händen eines Golfspielers - jeder ein kleines Wunderwerk der Technik, jeder dafür entworfen (in manchen Fällen sogar maßgeschneidert), eine ganz bestimmte Aufgabe zu erfüllen. ... Edward VII. besaß eine Golftasche, die aus der Haut eines Elefantenpenis gefertigt war - ein Geschenk eines Maharadschas. Diese Abhängigkeit von industrieller Herstellung ist mehr als nur ein bisschen paradox. Golf ist das pastoralste aller Spiele. Seine Wettkämpfe finden zwischen sanften Hügeln oder in üppigem Parkland statt... Doch die Leichtigkeit, mit der sich die typischen Kulissen ausstatten und gestalten lassen, macht Golf jenen Sportarten ähnlich, die sich an der Verdrängung der natürlichen Umwelt erfreuen."
Stichwörter: Golf, Nigeria, Borno