
Tomáš Suchomel
unterhält sich mit einem großen
Leoš-
Janáček-Kenner, dem Musikwissenschaftler und Herausgeber von Janáčeks Werken
Jiří Zahrádka. Zahrádka verwaltet unter anderem Janáčeks Nachlass und schleift an möglichst präzisen Werkeditionen - was kein ganz einfaches Unterfangen ist, denn Janáček "hinterließ sein Werk in einem ziemlich komplizierten Zustand. Seine Opern wurden zu Lebzeiten oft gar nicht in Druckform veröffentlicht, oder dann in einer Form, die nicht ganz seinen Intentionen entsprach", so Zahrádka. Manchmal habe Janáček nach einer ersten Aufführung in Brünn noch Änderungen untergebracht, dann wieder nach der Prager Uraufführung, manchmal auch unter dem Einfluss des jeweiligen Dirigenten. "Ein 'normaler' Komponist wie Bohuslav Martinů macht zu einer Oper vielleicht ein paar Seiten Anmerkungen, bei Janáček sind es
unzählige Seiten, wobei es zu jeder zweiten Notiz dann auch noch widersprechende Quellen gibt." Anders als vielen seiner Vorgängern sei es Janáček nie in erster Linie um Schönheit, sondern
um Wahrheit gegangen. "Eine Oper ist immer etwas Stilisiertes, im Leben singt man normalerweise nicht, man spricht. Janáček war sich dessen bewusst. Er wählte nicht nur meist realistische Geschichten, sondern vertonte auch Prosatexte, und seine Musik basierte dann auf
gesprochener Sprache, auf natürlicher Sprache." Auch wenn Janáčeks Opern so eher als widerspenstig gelten und keine eingängigen Arien besitzen, legt Jiří Zahrádka sie unbedingt auch Nicht-Kennern ans Herz: "Ich behaupte, dass jeder Janáček hören kann, und für diejenigen, die keine Opernerfahrung besitzen, ist er sogar
noch zugänglicher. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass solche Leute, wenn sie eine Verdi-Oper besuchten, enttäuscht waren, nach einer Janáček-Oper hingegen begeistert. Diese Zuhörer haben es manchmal leichter, sie sind gewissermaßen unbelasteter und verstehen Janáčeks Sprache, seine Botschaft, ganz intuitiv."