Magazinrundschau
Der Verlust einer echten Verheißung
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
20.05.2025. Der New Yorker zieht eine grauenhafte Bilanz des Bürgerkriegs im Sudan. New Lines schildert die unaufhörliche Zerstörung Somalias seit Siad Barre. Qantara beobachtet die massenhaften Abschiebungen von Afghanen aus Pakistan. Die London Review beschreibt die nervenzerfetzenden Fluchtversuche des Eritreers Even nach Europa. The Atlantic porträtiert J. D. Vance als den Lucien du Rubempré des 21. Jahrhunderts. HVG, Desk Russie und Elet es Irodalom beobachten die Folgen einer revisionistischen Erinnerungspolitik in Ungarn und Russland.
New Yorker (USA), 26.05.2025
Nicolas Niarchos erzählt in einer niederschmetternden, aber unbedingt lesenswerten Reportage von der Flucht von Wanis, Intisar und ihren sieben Kindern aus Khartoum zu ihren Verwandten in die Nuba-Berge, immer auf der Flucht vor dem Krieg und den Rebellen des R.S.F.. Verzweifelt ist schon kein Ausdruck mehr, um die Lage im Sudan zu beschreiben: "Im derzeitigen Bürgerkrieg im Sudan - dem dritten seit seiner Unabhängigkeit von Großbritannien und Ägypten im Jahr 1956 - schwanken die Schätzungen der Opferzahlen zwischen sechzigtausend und hundertfünfzigtausend. Das Land verfügt jedoch nur über wenige Ressourcen, um die Toten zu zählen, so dass die tatsächliche Zahl der Todesopfer möglicherweise nie bekannt wird. Seit 2024 herrscht im Sudan außerdem eine Hungersnot, was zum Teil darauf zurückzuführen ist, dass die Kämpfe die Verbreitung humanitärer Hilfe behindert haben. Neben der R.S.F. kämpfen mindestens sechzehn Milizen um die Macht. Die R.S.F. hat das Chaos ausgenutzt, um Gold, das im Sudan in großem Umfang abgebaut wird, aus dem Land zu bringen, und ist damit die bei weitem reichste Miliz. (In dem Maße, wie sich die Lage im Sudan verschlechtert hat, ist der Weltmarktpreis für Gold in die Höhe geschossen und hat vor kurzem ein Allzeithoch erreicht.) Hemedti, der R.S.F.-Warlord, ist ein arabischer Sudanese, der als Mohamed Hamdan Dagalo als Sohn eines Kamelzüchters geboren wurde, der zwischen Darfur und dem Tschad, dem westlichen Nachbarland des Sudan, pendelte. In seinen Fünfzigern wurde Hemedti zum Milliardär, vor allem dank des Schwarzmarkthandels mit Gold durch die RSF. Er unterhält enge Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten, die ein bevorzugtes Ziel für das Edelmetall sind. ... Die arabische Vorherrschaft ist eine der Leitideen der RSF, und nichtarabische Sudanesen werden zunehmend zur Zielscheibe rassistisch motivierter Gewalt. Laut Tom Perriello, dem Sondergesandten für den Sudan während der Biden-Administration, hat die R.S.F. in einigen Teilen des Landes sogar nichtarabische Zivilisten vergiftet, indem sie angeblich Mehlsäcke mit Dünger versetzte. (Die Trump-Administration hat noch keinen neuen Gesandten ernannt.)"Clare Malone fragt sich, womit Jeff Bezos die Washington Post wohl am meisten beschädigt hat, nachdem er die Zeitung 2013 gekauft hatte. Während er sich anfangs als Freund der Tradition des Blattes gerierte, zeigt sich immer mehr, dass ihn die Integrität der Zeitung kaum interessiert, wichtiger ist das Geld: "Jahrelang schienen Bezos' Ideen für die Post auf seiner Erfahrung mit Amazon zu basieren. 'Er meinte, 'Ich hätte lieber zweihundert Millionen Abonnenten, die zehn Dollar im Jahr zahlen als eine geringere Anzahl, die einen höheren Preis zahlt'', berichtet mir ein früherer Redakteur. 'Einfach die Zahlen in die Höhe treiben. Das war immer seine Auffassung eines wirklich erfolgreichen digitalen Nachrichtenunternehmens. Aber in einer Zeit, wo Mainstream-Medien oft nicht getraut wird, ist die Menge an Leuten, die für Qualitätsjournalismus in Amerika zahlen wollen, empfindlich geringer als die jener, die zweilagiges Toilettenpapier bestellen wollen, das am nächsten Tag ankommt.'" Insbesondere die Meinungsseiten der Zeitung stehen jetzt unter Beschuss: "Als Bezos begann, über Veränderungen der Meinungsseiten nachzudenken, hat er die Sache mit Barry Diller besprochen, dem Medienmogul, der neben Rupert Murdoch an der Gründung der Fox Broadcasting Company beteiligt war. (…) Der neue Fokus, so Diller, reflektiert Meinungen, die Bezos seit Langem hat. Aber es gibt auch Risiken, gibt Diller zu. Bezos' Motivation könnte falsch interpretiert werden als Versuch, 'eine unparteiische Beziehung zu der neuen und möglicherweise gefährlichen Regierung' zu halten. Das, unglücklicherweise oder nicht für Bezos, scheint zu passieren. 'Ich habe ihn kennengelernt und ich glaube, er versucht einen guten Job zu machen,' so Trump im März über Bezos. 'Jeff Bezos versucht einen guten Job mit der Washington Post zu machen, und das ist vorher nicht passiert.'"
Weitere Artikel: Früher misstrauten Linke den Experten, heute sind es Rechte: Daniel Immerwahr überlegt, wie es dazu kam. Adam Gopnik liest die Memoiren von Barry Diller. Hua Hsu hört und sieht ein experimentelles musikalisches Biopic über die amerikanische Indieband Pavement. Alex Ross sieht zwei Strauss-Produktionen in New York. Lesen dürfen wir außerdem Patricia Lockwoods Story "Fairy Pools".
New Lines Magazine (USA), 19.05.2025
Um die lange Zerstörung Somalias zu verstehen, muss man weit zurückgehen in der Geschichte, meint Faisal Ali. Der Militärputsch in Somalia 1969, angeführt von dem Offizier Siad Barre, schien für die Bevölkerung zunächst ein vielversprechender Neuanfang zu sein, der die von Korruption geprägte Regierung von Abdirashid Ali Shermarke beendete. Wie konnte es geschehen, dass sich der aufstrebende Staat, den Barre nach dem Prinzip des "wissenschaftlichen Sozialismus" aufbauen wollte, in eine mörderische Diktatur verwandelte, die Anfang der Neunziger in einem furchtbaren Bürgerkrieg endete? Ali zeichnet in seinem Artikel nach, wie Barre, der sich als eine Art "afrikanischer Napoleon" sah, mit dem Angriff auf die äthiopische Region Ogaden 1977 die Unterstützung der Sowjetunion verlor und das Land ins Chaos stürzte: "Für Somalia erwies sich der Krieg als Katastrophe. Die kubanischen und sowjetischen Truppen, die ihren Sieg über Südafrika in Angola feierten, konnten Äthiopiens zusammenbrechende Armee wieder aufbauen, während Somalia ohne einen mächtigen Patron dastand. Jimmy Carter zögerte, Unterstützung zu leisten, obwohl Außenminister Cyrus Vance ihn eindringlich darauf hinwies, dass Barre die Angelegenheit eher als eine geopolitische Angelegenheit des Kalten Krieges denn als eine ideologische Frage betrachtete. Ein Abgeordneter der Tory-Partei in Großbritannien, der die Angelegenheit ähnlich wie Vance sah, sagte dem Labour-Außenminister David Owen, dass 'die Somalier für britische Waffen sicherlich ein ebenso guter Kunde sind wie die Republik Salvador'. Unterdessen gingen die Kämpfe unvermindert weiter. Der unter Barre verfolgte und inhaftierte Politiker Mohamed Aden Sheikh erinnert sich, dass viele im Barre-Regime glaubten, die Einnahme von Jigjiga, einer großen, von Somaliern bewohnten Stadt, würde ausreichen, und dass die somalische Armee ohne diplomatische Absicherung nicht weiter gehen sollte. Barre war jedoch 'im Allmachtswahn', schreibt Sheikh, mit ihm war nicht zu reden. Barre hoffte auch immer noch, dass die Amerikaner ihm irgendwann helfen würden, aber dazu kam es nicht, da Carter Barre als Aggressor betrachtete. Somalia wurde im Stich gelassen, völlig isoliert, und die somalische Armee wurde von den vereinten Kräften der Kubaner, Äthiopier und Sowjets schnell aufgerieben. Das Gefühl des Verrats ließ Barre verbittert zurück, der später zu einem der energischsten antisowjetischen Führer in Afrika werden sollte."Qantara (Deutschland), 13.05.2025
London Review of Books (UK), 22.05.2025
Jérôme Tubiana berichtet vom Leidensweg des eritreischen Flüchtlings Even und seinem Versuch, über die Mittelmeerroute von Libyen aus Italien zu erreichen. Verhindert wurde das (vorläufig, inzwischen lebt Even in Belgien) auch vom Kapitän des italienischen Schiffes Asso 29: "Die Asso 29 nahm alle Migranten von der Zuwarah auf und nahm das Schiff in Schlepp. Der Kapitän sagte ihnen, sie sollten sich beruhigen: 'Wir bringen euch nach Italien. Schlaft und trinkt.' Erschöpft, aber hoffnungsvoll schlief Even ein. Als er am Morgen des 2. Juli aufwachte, sah er die Gebäude einer Küstenstadt nur wenige Meilen entfernt. Die Migranten glaubten, sie würden sich der italienischen Küste nähern, doch einer der Eritreer erkannte, dass es sich bei der Stadt um Tripolis handelt und riet allen, sich zu verstecken. Einige der Migranten versuchten, sich in Müllcontainern oder kleineren Tonnen zu verbergen; Even versteckte sich in einem Ölfass. 'Wir hatten nicht begriffen, dass sie Kameras hatten', sagte er. Libysche Wächter auf der Asso 29 brachten die Migranten - mindestens 262 von ihnen, aus sechzehn verschiedenen Ländern - auf die Ras Jadir, ein Schwesterschiff der Zuwarah, und setzten sie in Tripolis an Land. Sie wurden von Soldaten geschlagen und verspottet, die auf Arabisch riefen: 'Es gibt kein Europa! Keine Hoffnung! Ihr werdet in Libyen sterben!'"David Thompson beschäftigt sich anlässlich einer Buchveröffentlichung John Bleasedales über den Regisseur noch einmal mit Terrence Malick, einem der großen Enigmas des Gegenwartskinos. Mit dessen neueren Filmen wird Thompson zwar nicht warm. Und doch machen seine Beschreibungen Lust auf ein Wiedersehen. Zum Beispiel mit "'Knight of Cups', in dem Christian Bale einen Hollywood-Drehbuchautor spielt, der sich in einer kreativen Sackgasse befindet und die unentschlossene Aufmerksamkeit mehrerer Frauen auf sich zieht - darunter Cate Blanchett, Freida Pinto, Isabel Lucas und Natalie Portman. Der Film ist neblig, angesiedelt in einem Los Angeles, das romantisch, aber kraftlos wirkt, seltsam losgelöst von der echten Energie jenes archaischen Zauberkönigreichs. Es ist nicht nur so, dass Malick offenbar den Glauben daran verloren hat, Liebe oder deren Verlust in einer ausformulierten Geschichte zu erzählen und zu inszenieren. Er hatte nicht nur kein konventionelles Drehbuch geschrieben, sondern den Film außerdem in einer Art und Weise geschnitten, die sich von der gewohnten Grammatik verabschiedete. So wie es keine klassischen 'Szenen' oder entscheidenden Situationen gibt, bricht auch das Bild ständig aus. Malick verweigert sich der konventionellen Art, Dialoge zu filmen. Die Beziehungen zersplittern und überlappen; sie verwandeln sich in einen Stream, auch wenn dieses Konzept damals noch nicht gängig war. Wir sollen ihre Grenzen nicht kennen. So häufen sich 'Ereignisse', die jeder Ordnung oder emotionalen Kohärenz entrückt sind. Und in den geflüsterten, sehnsuchtsvollen Stimmen und dem Rauschen der Musik beginnen wir uns zu fragen, ob die Strukturierung vielleicht einer anderen Instanz überlassen wurde - dem Publikum, das sich danach sehnt, bewegt zu werden, oder einem Gott?"
La vie des idees (Frankreich), 09.05.2025

Im Pariser Musée Jacquemart-André läuft noch bis zum 3. August die Ausstellung "Artemisia, héroïne de l'art". Annabelle Allouch und Julien Le Mauff haben den Kurator und Museumschef Pierre Curie getroffen, der über die heute übliche feministische Lektüre der Werke Artemisia Gentileschis hinausgehen will - Förderung fehlte ihr zu Lebzeiten jedenfalls nicht: "Curie betont, wie sehr Artemisias Talent von ihren Zeitgenossen und bereits von ihrem Vater mit einer quasi unternehmerischen Zielsetzung anerkannt wurde: 'Zweifellos wollte er, dass sie die Werkstatt leitete. Er sah sich als Meister, der im Kontakt mit den Mäzenen und Auftraggebern war, während sie an der Herstellung der Gemälde und Repliken arbeitete.' Nach ihren Aufenthalten in Florenz, Venedig, Neapel und kurzzeitig in England erlangte Artemisia schließlich echtes Renommée, das manchmal sogar über dem ihres Vaters lag, insbesondere im Bereich der Porträtmalerei. Auch Selbstporträts sind in ihrem Werk zahlreich vertreten, darunter ihr Selbstporträt als Lautenspielerin (1614-1615), das während ihres Aufenthalts in Florenz entstand, einer echten Blütezeit der Künstlerin. Viel langsamer erhielt sie dagegen Anerkennung in den Gefilden der Wissenschaft. Wie andere Künstlerinnen wurde Artemisia Gentileschi lange Zeit von Kunsthistorikern an den Rand gedrängt. Relativ frühe Aufmerksankeit erhielt sie aber durch die Romane von Anna Banti (1947) und Alexandra Lapierre (1998). Die Ausstellung im Musée Jacquemart-André ist für Pierre Curie jedoch Teil einer viel allgemeineren Bewegung der Neubewertung (um nicht zu sagen Rehabilitierung) von Künstlerinnen sowohl für ihre Kunst als auch für ihre Ausnahmestellung in einer Männerwelt."
The Atlantic (USA), 02.06.2025
"J. D. Vance stellt ein Problem dar, das im Kern eine Frage des Charakters ist", meint George Packer in seinem ausführlichen Porträt des amerikanischen Vizepräsidenten. "In den Jahren nach der Wahl 2016 wandelte er sich von einem Mitte-Rechts-Memoirenschreiber und öffentlichen Redner, der eine komplexe Analyse der sozialen Missstände in Amerika und eine scharfe Kritik an Donald Trump vorbrachte, zu einem rechtspopulistischen Politiker, dessen illiberale Ideen und bissige Rhetorik das Original häufig übertrumpfen. Nach Ansicht von Vance und seinen Anhängern folgte dieser Wandel auf die Erkenntnis während Trumps erster Amtszeit, dass der Präsident die gefallene Arbeiterklasse des Landesinneren, die den jungen J.D. hervorgebracht hatte, wieder aufrichtete. Um seinen Leuten zu helfen, musste Vance seinen Frieden mit ihrem Meister machen. Seinen Kritikern zufolge entschied sich Vance zynisch dafür, seine wahren Werte zu verraten, um den einzigen Weg einzuschlagen, der einem ehrgeizigen Republikaner in der Trump-Ära offenstand, und als Konvertit, der unter Verdacht stand, verfolgte er diesen Weg mit aller Härte. ... Beide Versionen erinnern an den Protagonisten eines Romans aus dem 19. Jahrhundert - Pip in Dickens' 'Große Erwartungen', Lucien in Balzacs 'Verlorene Illusionen'. Ein Romanautor, der den Niedergang des amerikanischen Imperiums im 21. Jahrhundert schildern will, könnte einen Protagonisten wie J. D. Vance erfinden. Er taucht an allen wichtigen Stellen auf und verkörpert jedes wichtige Thema. Er ist das Produkt einer insularen Subkultur (der schottisch-irischen in den Appalachen von Kentucky) und wächst inmitten der Übel (Armut, Sucht, Zusammenbruch der Familie) einer sterbenden Stahlstadt in Ohio auf, die von der Deindustrialisierung heimgesucht wird. Er flieht rechtzeitig vor dem Irak-Krieg zum Marine Corps und dann in die zweifelhafte Umarmung der kognitiven Leistungsgesellschaft (Yale Law School, Risikokapital der Westküste, Medien der Ostküste). An einem Wendepunkt in seinem Leben und dem des Landes - 2016, mit dem überraschenden Erfolg von 'Hillbilly Elegy' und dann dem überraschenden Sieg von Trump - wird Vance zu einer Berühmtheit, zum gesalbten Sprecher der 40 Prozent des Landes, die die weiße Arbeiterklasse bilden, die plötzlich politische Macht und kulturelles Interesse hat. Er hat die Aufgabe, die Welt, aus der er kommt, der Welt zu erklären, der er gerade beigetreten ist. ... In einem anderen Zeitalter wäre sein Aufstieg vielleicht als Beweis dafür gewertet worden, dass der amerikanische Traum lebendig und weitgehend intakt ist. Aber unser Zeitalter hat keine einfach inspirierenden und verbindenden Geschichten mehr, und jedes Kapitel von Vances Erfolg ist Teil eines nationalen Scheiterns".HVG (Ungarn), 15.05.2025

Desk Russie (Frankreich), 19.05.2025
Das ukrainische Dorf Kamjanka wurde während der russischen Invasion in Charkiw fast vollständig vernichtet, hält die britische Historikerin Jade McGlynn fest: "Inmitten der Trümmer steht ein Denkmal aus der Sowjetzeit für den Zweiten Weltkrieg: ein steinerner Soldat auf einer zerstörten Plattform mit der Inschrift "19__ - 1945". Die '41' wurde gelöscht." Es handelt sich nicht um einen Akt des Vandalismus, so McGlynn, sondern um "eine Verteidigung der historischen Wahrheit, eine Richtigstellung". Denn "für die Ukraine begann der Zweite Weltkrieg 1939 mit der Invasion der Nazis im Westen des Landes (damals Teil der Zweiten Polnischen Republik). Ende September wurde die Westukraine im Rahmen des Molotow-Ribbentrop-Pakts von der Sowjetunion besetzt. Der sowjetische 'Große Vaterländische Krieg', der 1941 begann, lässt bequemerweise die Zeit außer Acht, als die mit Nazideutschland verbündete UdSSR dazu beitrug, den Zweiten Weltkrieg auszulösen." Am Beispiel dieses Denkmals zeigt Glynn, wie die ideologische Geschichtsverdrehung in Russland zu einem mächtigen Propagandamittel geworden ist, mit dem auch der Krieg gegen die Ukraine gerechtfertigt wird. Denn Russland "begeht Gewalt nicht trotz der Geschichte, sondern durch sie. Die Besetzung Mariupols wird mit der Befreiung Berlins gleichgesetzt. Die Filtrationslager für Zivilisten werden mit der 'Entnazifizierung' begründet. Die Massengräber und Folterkammern von Izium und Olenivka sind unter den moralischen Überresten des Jahres 1945 begraben. In diesem System ist Erinnerung kein ethischer Akt. Es ist ein Instrument der Straflosigkeit. Doch Russland ist mit seinen Verzerrungen nicht das einzige Land. Westliche Gesellschaften frönen ihren eigenen selektiven Mythologien. Die deutsche Nachkriegsidentität beruht auf der Auseinandersetzung mit der Geschichte, doch im Rahmen dieser Auseinandersetzung wurde das Leid Russlands oft stärker in den Vordergrund gestellt als das Leid der Ukraine. Das Ergebnis? Eine strategische Lähmung. Die Verzögerung der Panzer erfolgte nicht aus Pazifismus, sondern aufgrund einer Hierarchie des Gedenkleidens. Die unter der Nazi-Besatzung verwüstete Ukraine wird als Fußnote einer Geschichte behandelt, die Russland zu monopolisieren vermochte."Elet es Irodalom (Ungarn), 16.05.2025
Eine Spionageaffäre zwischen der Ukraine und Ungarn erschütterte in den vergangenen zwei Wochen die öffentliche Diskussion in Ungarn, wobei die ungarische Regierung auf eine angebliche Verschwörung zwischen der Ukraine und der stärksten ungarischen Oppositionspartei deutet. Die Ukraine wies zwei Ungarn aus dem Land aus, die militärische Ziele ausspioniert haben sollen (mehr dazu hier). Nach Bewertung von Experten stünde eine solche Aktion allerdings weniger im Interesse Ungarns als in dem Russlands. Sollte sich erweisen, dass Ungarn sensible Daten an Russland weitergab, würde dies das Restvertrauen der EU und der Nato in Ungarn begraben. Der Publizist János Széky kommentiert die Angelegenheit, wobei er die antiwestliche Haltung der ungarischen Regierung im Fokus hat, die auch mit dem Vertrag von Trianon zu tun hat, von dessen Revision einige in der ungarischen Regierung wohl träumen: "Diejenigen, die die Idee der territorialen Revision als Wahnsinn bezeichnen, berücksichtigen trotz zahlreicher Hinweise nicht, inwieweit die ungarische Rechte ein Gefangener von Trianon ist und der daraus folgenden Beschneidung des ungarischen Staatsgebiets. Sollte Putins Krieg gegen die Ukraine erfolgreich sein und der Westen die gewaltsame Aneignung von fremdem Staatsgebiet als legitim anerkennen, würde dies bedeuten, dass das Verbot obsolet geworden ist. Wenn unter der geheimdienstlichen Operation gegen die Ukraine, die den Interessen des westlichen Bündnisses zuwiderläuft, die ungarische Minderheit in der Karpato-Ukraine leidet, und wenn es die siebenbürgische Minderheit ist, die im Fadenkreuz der anti-ungarischen Hetze von Simion steht, dann ist das kein Widerspruch. Denn wichtiger als die Verteidigung der Rechte ungarischer Gemeinschaften in den Nachbarländern war für die auf Trianon ausgerichteten Nationalisten stets die Störung der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen internationalen Ordnung."Vanity Fair (USA), 14.05.2025
Elsa Keslassy erzählt in ihrem Porträt von Efe Cakarel, wie es dem türkischen Informatiker und Stanford-Absolventen gelungen ist, den kleinen, 2006 noch als The Auteurs gegründeten Nischen-Streaminganbieter Mubi zu einem profitablen Arthouse-Netzwerk auszubauen, dessen Wert jüngst auf eine Milliarde Dollar geschätzt wurde. Längst schickt sich Mubi an, neben dem ebenfalls für einigen Buzz sorgenden Studio A24 zum großen Filmkunstplayer zu werden, Eigenproduktionen samt Cannes- und Oscar-Erfolgen inklusive. Dass er sein Unternehmen sorgfältig und Stück für Stück aufgebaut hat, ist das eine. Dass die Pandemie 2020 dem Streamer einen massiven Millionenschub verpasst hat, das andere. "Aber Cakarel interessiert sich nicht dafür, an der Spitze der Box Office zu stehen. Er will lieber die Kultur, gezielt in einen Film zu gehen, wiederbeleben - indem er ein Biotop schafft, das von Streaming über Veröffentlichungen bis hin zu Arthouse-Kinos reicht, um Filmliebhabern zu ermöglichen, jene Sorte von ungewöhnlichen, visionären Werken zusehen, vor denen andere Studios zurückschrecken. ... Im Gegensatz zu anderen Streamingdiensten hat es sich als Mubis vorrangige Strategie herausgestellt, die Abonnenten davon zu überzeugen, Filme im Kino zu sehen. Während das Basisabo bei 14,99 Dollar liegt, hat Mubi auch ein Premium-Abo für 19,99 Dollar eingerichtet, bei dem ein Service namens Mubi Go inklusive ist. Dieser beinhaltet pro Woche ein gratis Kinoticket in den USA, in UK oder auch in Deutschland. ...Während Mubi sich immer weiter in die Welt von Distribution und Produktion begibt, möchte Cakarel streng kontrollieren, wie viele Filme sie jährlich auf den Markt bringen und welches Budget sie haben. Mubi hofft, jährlich einen Schwung von 15 Filmen auf den Markt zu bringen, die je zwischen fünf und 25 Millionen kosten sollen - eine relativ bescheidende Investitionssumme. 'Können wir das für das richtige Projekt, den richtigen Filmemacher ein bisschen erweitern? Ja, absolut', sagt er. 'Frag mich im nächsten Jahr nach dieser Nummer. Sie wird größer sein. Aber wir wollen wirklich fokussiert beiben auf diesen speziellen Raum und dieses Budget. Wenn man einen Film für 100 Millionen dreht, sind die Erwartungen, was dieser Film alles leisten muss, viel höher.'"2 Kommentare



