Magazinrundschau
Ein Synapsen-Hochzeitslied
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
New York Times (USA), 22.03.2025
Im New York Times Magazine nimmt Charles Homans erstaunt zur Kenntnis, wie der Unabomber Ted Kaczynski an Popularität gewinnt: links, rechts, bei alten und bei jungen Leuten. Kaczynski, ursprünglich Mathematiker, hatte sich 1969 in die Wälder Montanas zurückgezogen, um ein Leben jenseits der Zivilsation zu führen. Zwischen 1978 und 1995 verschickte er 16 Paketbomben und tötete mehrere Menschen, um das "System" zu stürzen, das die Natur zu zerstören drohte. Er wurde erst 1996 verhaftet und starb 2023 im Gefängnis. Was also fasziniert Menschen heute an ihm und seinem Manifest "Industrial Society and Its Future"? Seine Technologiekritik, an die Rechte wie Linke gleichermaßen andocken können, meint Homans. Kaczynski glaubte nicht, dass die auf moderner Technologie basierende Gesellschaft einen falschen Weg eingeschlagen hatte, "er glaubte vielmehr, sie sei falsch. ...Kaczynski, der sich auf populäre Bücher über Evolutionspsychologie stützte, argumentierte, dass dieses technologische System eine unvermeidliche Folge des darwinistischen Vorteilsstrebens sei, bei dem das Überleben des Einzelnen und der Gesellschaft gleichermaßen Innovationen erfordere, um seine Nachbarn zu übertreffen. Dies bedeute, dass das System nicht reformiert werden könne. 'Man kann nicht die 'schlechten' Teile der Technologie loswerden und nur die 'guten' Teile behalten', schrieb Kaczynski. Er schlussfolgerte: 'Es wäre besser, das ganze stinkende System wegzuwerfen und die Konsequenzen zu tragen.'" Für Kaczynski war die logische Folge, das die moderne Gesellschaft zerstört werden müsste. "Dies verschaffte ihm während seiner langen Haftzeit eine Reihe von Gefolgsleuten: zunächst radikale Umweltschützer und Anarchoprimitivisten, später Ökofaschisten, die Fraktion der weißen Nationalisten, die auf Hitlers Ansicht aufbauten, dass der Krieg der Ethnien für das Überleben in einer Welt mit endlichen Ressourcen notwendig sei." Heute erscheint ein Rückzug aus der technologischen Gesellschaft unmöglich denn je, so Homans. "Das Gefühl, dass es kein Entrinnen vor der Technologie und ihren Folgen gibt, hat das sehr lockere, sehr online geprägte Ethos gefördert, das als Doomerism bekannt ist, eine durch Ironie vermittelte Verbindung von Nihilismus und Utopismus, in der die Apokalypse unausweichlich ist, die Möglichkeiten auf der anderen Seite aber unermesslich sind, unbelastet von den Zwängen und engen Vorstellungen der Politik, wie wir sie kennen. Es ist vielleicht keine Überraschung, dass Kaczynski in diesem Milieu allgegenwärtig ist und in den sozialen Medien und Foren als Onkel Ted zitiert und verehrt wird. In diesem Kontext ist Kaczynskis Manifest weniger der Entwurf für den Widerstand, den er sich erhofft hatte, als vielmehr ein theoretischer Rahmen für das Verständnis der Dystopie, in der wir jetzt leben müssen und wie wir hierher gekommen sind."The Ideas Letter (USA), 20.03.2025
Einst hatten Westler den Traum, China würde sich demokratisieren. Aber im Februar 2025 fühlte sich Jacob Dreyer in Washington DC wie in Peking 2012, als Xi Jinping seinen Vorgänger Bo Xilai ins Gefängnis werfen ließ und die Macht übernahm. Und auch er spürt dabei ein tiefes Unbehagen angesichts des technologischen Fortschritts, der diese unerwartete Wendung vielleicht erst möglich machte: "Wir alle konzentrieren uns auf die politischen Veränderungen, aber was ist, wenn diese Veränderungen lediglich eine Widerspiegelung des technologischen Wandels sind, ein Versuch der politischen Struktur, mit einer Gesellschaft Schritt zu halten, die sich von der unterscheidet, für die unsere Institutionen konzipiert wurden? ... Die Industrielle Partei, eine generische ideologische Struktur des Techno-Nationalismus, die an die jeweilige Nation angepasst werden kann, hat die Kontrolle über Amerika übernommen; in China ist sie schon seit geraumer Zeit an der Macht. Wir befinden uns mitten in der vierten industriellen Revolution, die politische und kulturelle Strukturen im In- und Ausland umwälzen wird. Die neue Politik ist sicher nicht konservativ, aber auch nicht liberal. Sie erkennt eher in der Technologie als in den politischen Strukturen den Apparat, der uns in die Zukunft führen wird. Die Arbeit in den Fabriken wird automatisiert, viele Angestellte werden durch künstliche Intelligenz ersetzt, und vielleicht wird sich das Kapital endlich von den Ketten der Arbeit lösen. Nur sehr wenig von der Gesellschaft, an die wir gewöhnt sind, wird erhalten bleiben, und schon gar nicht die politischen Strukturen, die man liberale Demokratie nennt. Wir mögen den Trumpismus als eine politische Revolution betrachten, aber in vielerlei Hinsicht ist er nur der politische Ausdruck eines sozialen Wandels, der ihm vorausgeht."Wired (USA), 24.03.2025
Auch das noch: Wenn es dumm läuft, steht uns in den nächsten Jahren ein "Q-Day" ins Haus - der Tag also, an dem jemand einen Quantencomputer vorweisen kann, der leistungsfähig genug ist, um all unsere modernen Verschlüsselungstechnologien mit einem Klacks zu brechen, für die heutige Computer noch ein paar Jahrtausende brauchen würden, schreibt Amit Katwala. Welches Szenario daraus folgt - ob jemand diesen Vorteil für gezielte, aber überschaubare Attacken nutzt oder ob eine internationale Tech-Apokalypse über uns hereinbricht -, hängt maßgeblich von der kriminellen Energie desjenigen ab, der als erster über diese Technologie verfügen wird. "Wenn öffentlich bekannt wird, das der Q-Day erfolgt ist - entweder durch eine grimmige Bekanntmachung der Regierung oder eine euphorische Pressemitteilung aus der Tech-Branche - betritt die Welt das Post-Quantum-Zeitalter. Es wird dies eine Zeit sein, die von Misstrauen und Panik definiert sein wird - das Ende der digitalen Sicherheit, wie wir sie kennen. 'Und dann geht das Gezeter los', sagt die Informatikerin und Sicherheitsexpertin Deborah Frincke. Jeder Glaube an die Vertraulichkeit unserer Kommunikation wird zusammenbrechen. Sicher, es ist unwahrscheinlich, dass wirklich all unsere Messages ins Visier genommen werden. Aber die Auffassung, dass man zu jeder Zeit ausspioniert werden könnte, wird die Art und Weise ändern, wie wir leben. ... Sicherheitsberater Roger A. Grimes sagt enorme Disruptionen voraus. Es könnte dazu kommen, dass wir für die Übermittlung empfindlicher Daten wieder auf Methoden aus dem Kalten Krieg zurückgreifen. ... Man kann damit rechnen, dass die wichtigsten Branchen - Energie, Finanzen, Gesundheit, Produktion, Transport - wieder ein Kriechtempo einschlagen, da die Firmen mit empfindlichen Daten zurück zu papierbasierten Methoden finden, um ihre Geschäfte zu führen, und sich darum balgen, teure Kryptografie-Berater anzuwerben. Es wird eine heftige Inflation geben. Die meisten Leute werden das Unausweichliche akzeptieren: eine post-private Gesellschaft, in der jegliche Erwartung von Privatsphäre verdampft, es sei denn, man spricht mit jemandem persönlich in einer abgelegenenen Gegend mit ausgeschalteten Telefonen. Big Quantum is watching you."New Lines Magazine (USA), 24.03.2025
Auch bei den Yoruba werden Hochzeiten auf das Prächtigste gefeiert, was den eingeladenen Gäste einiges abverlangt, erzählt Kingsley Charles. Vor allem von den Frauen wird erwartet, "Aso Ebi" zu tragen, ein sündhaft teures Outfit aus erlesenem, paillettenbesetztem Stoff. Wer zu billiger Baumwolle greift, wie Faith Nwachukwu, von der Charles erzählt, wird ostrachiert: "Wie sich Nwachukwu erinnerte, kamen die weiblichen Gäste in ihrer ganzen Pracht an, mit Kopfbedeckungen, die sich wie die Flügel riesiger Schmetterlinge ausbreiteten, und Make-up, das schimmerte wie die mit Pailletten besetzte, leuchtende Spitze. Die Frauen tanzten zur Bühne, auf der das Paar saß, während 'die Live-Band weiter ihr Loblied sang', so Nwachukwu, die beobachtete, wie mehrere Mitglieder der Spitzen-Crew die tanzende Braut mit frisch geprägtem Geld beschenkten. Später nahmen die Frauen an einer anderen Tischreihe Platz, die gut mit exotischen Getränken bestückt war. Nwachukwu erinnert sich, dass die Kellner einmal mit Tabletts voller Cocktails und einer erstaunlichen Vielfalt an Snacks an ihr vorbeigingen, obwohl auf ihrem Tisch nur 'ein paar Dosen Malz, Wasser in Flaschen und Zobo', ein würziges Getränk aus getrockneten Hibiskusblättern, standen. Als das Essen endlich kam, wurde Nwachukwu und den Gästen im gleichen Outfit mitgeteilt, dass es kein Fleisch mehr gebe. Nicht wenige fühlten sich beleidigt und stürmte aus dem Lokal: 'Stellen Sie sich vor, wie beschämend es ist, ein Essen ohne Fleisch zu bekommen, wenn man kein Bettler ist', seufzte sie sich an die 'größte Peinlichkeit' erinnernd, die sie je erlebt hatte. 'Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, verteilten sie auch noch Feuerzeuge unter uns, während sie den anderen Gästen bedruckte Taschen und Regenschirme als Souvenirs schenkten', fügte sie hinzu."The Atlantic (USA), 24.03.2025
Robert F. Worth fragt sich, ob es dem Interimspräsidenten Ahmed al-Sharaa gelingen wird, für ein stabileres Syrien zu sorgen. Mangelnde Regierungserfahrung vieler der von ihm eingesetzten Beamten und Spannungen zwischen Alawiten, Schiiten, Kurden und Drusen sind nur zwei der vielen Probleme, die das Land nach dem Sturz Assads beschäftigen. Die dringendste Sorge ist aber wohl eine andere, mutmaßt Worth: "Geld ist wahrscheinlich die größte Herausforderung von allen für Sharaa. Sein Land ist seit mehr als sechzig Jahren ökonomisch vom Rest der Welt isoliert, dank seiner eigenen xenophoben Richtlinien und einer Mauer aus Sanktionen, die gegen das Assad-Regime erhoben wurden. Die EU hat einige Restriktionen syrischer Banken im Februar behoben, aber die Trump-Administration scheint nicht zu folgen, insbesondere nach den Massakern diesen März. Die Amerikaner und Europäer bleiben skeptisch wegen Sharaas islamistischer Vorgeschichte und sind sowieso mit anderen Dingen beschäftigt, siehe Ukraine und Gaza. Sharaa hat sich umsonst dafür eingesetzt, dass das Milizenbündnis HTS von den USA nicht mehr als terroristische Vereinigung gesehen wird, ein weiteres Hindernis für Investments. Selbst seine Bitten für Nothilfe haben nicht viel ergeben. Die Saudis und Kataris haben versprochen zu helfen, aber bislang wenig geliefert. Immerhin hat niemand in Syrien Geld, einen weiteren Krieg anzuzetteln. Aber wenn Sharaa keinen Weg findet, das Land wirtschaftlich überlebensfähig zu machen, könnte seine Koalition aus ehemaligen Kämpfern zusammenbrechen. Menschen, die sich seit Jahren mit Syrien beschäftigen, halten mir dieses Szenario wieder und wieder vor Augen: Kein weiterer Bürgerkrieg, aber ein langsamer Zerfall in Anarchie, nicht so anders als in Libyen, mit einem Land, das in einen Flickenteppich aus Enklaven zerstückelt wird, die von lokalen Milizen regiert werden."Le Grand Continent (Frankreich), 21.03.2025
Paris Review (USA), 21.03.2025
Der Nigerianer Ọlábísí Àjàlá bereiste in den 50ern und 60ern auf seinem Rad die ganze Welt. Um Grenzen kümmerte er sich dabei nicht die Bohne, lernt ein baff erstaunter Toye Oladinni bei der Lektüre von Àjàlás 1963 erstmals erschienenem Buch "An African Abroad": "Ich wurde süchtig. Ich schickte vielen Freunden Zitate aus dem Buch und noch mehr Bilder. Einmal wurde er nur wenige Kilometer vor der libanesischen Grenze von einem Konvoi aus Jeeps und Soldaten umzingelt, und sie verhandelten stundenlang. Um deutlich zu machen, dass er im Grenzgebiet bleiben würde, wenn sie ihm die Einreise verweigerten, kochte Àjàlá Kaffee, baute ein Zelt auf und aß (offenbar) vorbereitete Sandwiches. Als die Nacht hereinbrach, verhafteten ihn die Soldaten widerwillig, aber nicht bevor sie ein Foto gemacht hatten, das in dem Buch erscheint. Àjàlá dreht seinen Kopf zur Kamera, die Hand in der Tasche, die Augen schmal, ein verwegenes Lächeln im Gesicht. 'Meine libanesischen Fänger an der israelisch-arabischen Grenze', lautet die Bildunterschrift. Es ist ein Urlaubsfoto aus der Diashow eines Verrückten. Der Soldat zur Linken von Àjàlá guckt streng, aber der zu seiner Rechten kann sein Lächeln nicht unterdrücken. Man kann sehen, wie er in Echtzeit überzeugt wird. Ich kenne das Gefühl. Es gibt Menschen in meinem Leben, die ich ablehne, aber dann liebe, weil sie mir zeigen, wie viel von dem, was ich für meine Unfreiheit halte, in Wirklichkeit meine Angst ist. Sie kündigen ihren Job, sie finden einen neuen, sie schicken mir FaceTime-Nachrichten aus Nordamerika, ihre Pässe werden in Westafrika beschlagnahmt. 'Du musst den Polizisten in deinen Gedanken töten', sagen sie mir. Àjàlá hat keinen Polizisten, und das ist beängstigend. Deshalb lieben ich, seine Frauen und seine libanesischen Soldaten ihn. Sein innerer Polizist wurde gehängt, gestreckt und gevierteilt."Außerdem: Jessica Laser unterhält sich mit dem Robert-Frost-Biografen Adam Plunkett über den Dichter.
Guardian (UK), 25.03.2025
iLiteratura (Tschechien), 25.03.2025
Rezensent Jan Lukavec erkennt ein "bahnbrechendes Werk" in der tschechischen Wissenschaftspublikation "Tvořeni literaturou" ("Geschaffen durch Literatur: Die gemeinsame Geschichte tschechischer und deutschsprachiger Literatur in Böhmen (1760-1920)"). Der Band korrigiere die bislang zu einseitige Sicht auf die tschechische Literaturgeschichte, indem er die Entwicklung der Literatur in Böhmen erstmals umfassend darstelle und dabei gleichermaßen den tschechischen wie den deutschsprachigen Zweig berücksichtige: "Er zeigt, dass in der hiesigen literarischen Kultur verhältnismäßig lange keine wesentlichen nationalen Unterschiede gemacht wurden und die Gruppen sich erst allmählich voneinander abzugrenzen begannen. Dabei war der deutsche Zweig dem tschechischen in seiner Entwicklung oft voraus, was seine Vorteile gehabt haben könnte: 'Die differenziertere deutschsprachige Literatur in Böhmen konnte vorübergehend als Zufluchtsort für jene innovative tschechische Dichtung fungieren, die die geschlossenere tschechische Gesellschaft in der Ära der nationalen Wiedergeburt noch nicht anzunehmen bereit war'", so zitiert Lukavec die Literaturwissenschaftler. Danach sei es jedoch zum Bruch gekommen und zu einer starken gegenseitigen Rivalität, die nach Ansicht der Buchautoren nicht ganz symmetrisch gewesen sei. "Einige deutsche Schriftsteller verbreiteten das Bild der Tschechen als - manchmal sogar rassisch - minderwertiger Wesen: Die Deutschen singen, die Tschechen brüllen. In der tschechischen Literatur wiederum dominierte der Appel zur nationalen Mobilisierung der Gleichgültigen oder gar abtrünnigen Germanisierten." Es habe jedoch immer auch Persönlichkeiten gegeben, die in beide Richtungen vermittelten und übersetzten (so übersetzte etwa Rudolf Fuchs Bezručs "Schlesische Lieder", Emil Saudek Otokar Březinas Gedichte (mehr hier) oder Otto Pick Fráňa Šrámeks "Silberner Wind".) Insgesamt lobt Lukavec die transnationale Perspektive des dicken Bandes, der von Koniáš bis Kafka reicht. "Nach Hitlers Schreckensherrschaft und der Vertreibung der Deutschen aus dem Sudetenland wurde vieles von dem, was sie dort aufgebaut hatten, zerstört. Die Spuren, die sie jedoch auch bei den tschechischsprachigen Autoren hinterlassen haben, lassen sich weder auslöschen noch leugnen, nur vergessen. Angesichts der vielfältigen Verflechtungen und Beziehungen zwischen der tschechischen und der deutschen Literatur (und der Tatsache, dass viele berühmte tschechische Klassiker viele ihrer Werke auf Deutsch geschrieben oder zumindest auf Deutsch begonnen haben), ist diese tschechisch-deutsche Perspektive eigentlich natürlicher und logischer als die bisher vorherrschende, getrennte."
London Review of Books (UK), 20.03.2025

Elet es Irodalom (Ungarn), 21.03.2025
In Élet és Irodalom unterhält sich der Autor Balázs Sipos mit dem Regisseur und Kameramann Ferenc Grunwalsky u.a. über die Lage des ungarischen Films:"Meiner Meinung nach hat der ungarische Film im Moment keine Zukunft", meint Grunwalsky. "Es gibt sicher keine Rückkehr zu früheren Konstellationen. Ich kann mir nur vorstellen, dass neue Jungs und Mädels auftauchen, die irgendwie in der Lage sein werden, die eigenen Sorgen und gesellschaftlichen Zwänge, die materiellen und existenziellen Barrieren zu überwinden, und aus ihnen eine radikal andere Wahrnehmung hervorstößt. Vielleicht werden sie nicht nur zeigen wollen, was in Ungarn los ist und was sich hier verändert hat, sondern sie werden von hier hinausgehen und auf die Welt fokussieren. Denn seien wir ehrlich: Dieses Land ist zu klein, um sich ständig nur mit sich selbst zu beschäftigen. Die Zukunft des ungarischen Films hängt nicht zuletzt davon ab, ob diese Jungs und Mädels es schaffen, die festgelegten Rahmen zu verlassen und den Blick über den Tellerrand hinaus in die Welt zu richten."The Yale Review (USA), 25.03.2025
"Was wäre, wenn das erste menschliche Werkzeug keine Waffe - ein Schlagstock oder ein geschärfter Stein -, sondern eine Umhängetasche gewesen wäre, um eine Hand für das Baby und die andere für die Welt frei zu haben?" Audrey Wollen greift diese Theorie der feministischen Anthropologin Elizabeth Fisher auf, die damit in ihrem 1979 erschienenen Buch "Woman's Creation: Sexual Evolution and the Shaping of Society" einen Gegenentwurf zur "Jäger - und Sammlertheorie" aufstellt. Wollen jedenfalls hat sie völlig überzeugt: "Menschliche Babys wurden ungewöhnlich abhängig von ihren Eltern - ein Schritt in Richtung unserer heutigen biologischen Realität. Was würde unseren sich wandelnden Geist dazu bewegen, aus gefundenem Material ein neues Objekt zu erschaffen? Brauchten wir einen Speer, eine Klinge - wofür? Für den Wunschtraum, einen Elefanten zu töten? Nein. Was wir brauchten, war viel dringender. Wir brauchten einen flexiblen Behälter, der es uns ermöglichte, umherzustreifen, alles, was wir fanden, jeden kostbaren Bissen unserer Erkundungen, festzuhalten. Wir mussten uns mit unseren Babys bewegen und die Hände frei haben. Um zur politischen Arbeit ihrer Mitfeministinnen beizutragen, die heute mit anderen Verhältnissen leben, unternahm Fisher die fantasievolle, fast literarische Arbeit, einen anderen Anfang zu denken. Unser Gehirn lernte nicht durch die Strategie systematischen Tötens, sondern durch die 'Anhäufung botanischer Informationen' mittels der Kunst des Sammelns, des Umsehens, des Zusammenseins mit Kindern und des Teilens. Sprache entwickelt sich aus dieser gemeinschaftlichen Verantwortung und entfaltet mit der Zeit Klänge: 'Mach die mal, während ich noch welche hole' oder 'Warte kurz - die Beeren werden rot und köstlich, wenn die Tage länger werden.' Beobachtungen werden zu Absichten, Projektionen, Überlegungen, Fiktionen. Stellen Sie sich das erste hergestellte Ding vor: einen Netzsack, über den Ellenbogen gehängt, randvoll mit geschlossenen Austern, wie graue Wolken, die aneinander klirren, ein Synapsen-Hochzeitslied." Ursula K. Le Guin sollte Fischers Idee sieben Jahre später mit ihrem Roman "The Carrier Bag Theory of Fiction" ausleuchten, während Oscar Wilde schon früh die augenzwinkernde Ironie der Handtasche erkannte, so Wollen weiter. Lady Bracknell, hier verkörpert von Dame Edith Evans, kann es kaum fassen:



