Magazinrundschau - Archiv

iLiteratura

7 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 01.07.2025 - iLiteratura

Der tschechische, auch auf Deutsch schreibende Schriftsteller Jaroslav Rudiš erinnert sich an seine Treffen als junger Autor mit der alten Schriftstellerin Lenka Reinerová, die als letzte Vertreterin der Prager deutschsprachigen Literatur 2008 starb. Im Gespräch mit Radana Litošová (die über Reinerová soeben ihre Abschlussarbeit verfasst hat) erzählt Rudiš, dass er auf Kaffeebesuche zu Reinerová kam, und "diese Kaffeetreffen dauerten meist vier bis fünf Stunden." Ihm habe gefallen, dass Reinerová sich weniger als Schriftstellerin denn als Aufschreiberin und Lebensbeobachterin verstand. "Sie hat den Menschen wirklich zugehört (…) Ich habe von ihr viel fürs Leben gelernt: dass man sich für alles interessieren muss, offen bleiben und vor allem zuhören muss." Trotz ihrer persönlichen Tragödien, der Holocaust-Ermordungen ihrer jüdischen Familie und ihrer eigenen Verhaftung unter den Kommunisten habe die mehrsprachige Lenka Reinerová eine erstaunliche optimistische Energie ausgestrahlt. "Es tut mir leid, dass sie in Deutschland etwas in Vergessenheit geraten ist", so Jaroslav Rudiš, der dennoch an ihre Wiederentdeckung als große deutschsprachige Schriftstellerin glaubt. "Sie hat eine so einfache, klare Sprache verwendet, die jedoch bis ins Mark ausgefeilt war. Ich mag diese Schreibweise sehr, es ist eine große Kunst, sich nicht hinter großen Metaphern zu verstecken, sich nicht im Text zu verlieren. Sie hatte einen so ruhigen Erzählton, saubere, schöne, glasklare Sätze." Lesenswert in diesem Zusammenhang ist sicher auch das Abschiedsbuch von Reinerovas Tochter Anna Fodorova, das vor drei Jahren auf Deutsch erschien.

Magazinrundschau vom 25.03.2025 - iLiteratura

Rezensent Jan Lukavec erkennt ein "bahnbrechendes Werk" in der tschechischen Wissenschaftspublikation "Tvořeni literaturou" ("Geschaffen durch Literatur: Die gemeinsame Geschichte tschechischer und deutschsprachiger Literatur in Böhmen (1760-1920)"). Der Band korrigiere die bislang zu einseitige Sicht auf die tschechische Literaturgeschichte, indem er die Entwicklung der Literatur in Böhmen erstmals umfassend darstelle und dabei gleichermaßen den tschechischen wie den deutschsprachigen Zweig berücksichtige: "Er zeigt, dass in der hiesigen literarischen Kultur verhältnismäßig lange keine wesentlichen nationalen Unterschiede gemacht wurden und die Gruppen sich erst allmählich voneinander abzugrenzen begannen. Dabei war der deutsche Zweig dem tschechischen in seiner Entwicklung oft voraus, was seine Vorteile gehabt haben könnte: 'Die differenziertere deutschsprachige Literatur in Böhmen konnte vorübergehend als Zufluchtsort für jene innovative tschechische Dichtung fungieren, die die geschlossenere tschechische Gesellschaft in der Ära der nationalen Wiedergeburt noch nicht anzunehmen bereit war'", so zitiert Lukavec die Literaturwissenschaftler. Danach sei es jedoch zum Bruch gekommen und zu einer starken gegenseitigen Rivalität, die nach Ansicht der Buchautoren nicht ganz symmetrisch gewesen sei. "Einige deutsche Schriftsteller verbreiteten das Bild der Tschechen als - manchmal sogar rassisch - minderwertiger Wesen: Die Deutschen singen, die Tschechen brüllen. In der tschechischen Literatur wiederum dominierte der Appel zur nationalen Mobilisierung der Gleichgültigen oder gar abtrünnigen Germanisierten." Es habe jedoch immer auch Persönlichkeiten gegeben, die in beide Richtungen vermittelten und übersetzten (so übersetzte etwa Rudolf Fuchs Bezručs "Schlesische Lieder", Emil Saudek Otokar Březinas Gedichte (mehr hier) oder Otto Pick Fráňa Šrámeks "Silberner Wind".) Insgesamt lobt Lukavec die transnationale Perspektive des dicken Bandes, der von Koniáš bis Kafka reicht. "Nach Hitlers Schreckensherrschaft und der Vertreibung der Deutschen aus dem Sudetenland wurde vieles von dem, was sie dort aufgebaut hatten, zerstört. Die Spuren, die sie jedoch auch bei den tschechischsprachigen Autoren hinterlassen haben, lassen sich weder auslöschen noch leugnen, nur vergessen. Angesichts der vielfältigen Verflechtungen und Beziehungen zwischen der tschechischen und der deutschen Literatur (und der Tatsache, dass viele berühmte tschechische Klassiker viele ihrer Werke auf Deutsch geschrieben oder zumindest auf Deutsch begonnen haben), ist diese tschechisch-deutsche Perspektive eigentlich natürlicher und logischer als die bisher vorherrschende, getrennte."

Magazinrundschau vom 28.02.2023 - iLiteratura

Das Metropolitan Museum of Art hat unlängst die bislang als "russisch" benannten Künstler Ilja Repin, Archip Kuindschi u.a. als "ukrainisch" umetikettiert. Auf die Frage "Was hat ein Jahr Krieg gebracht?" antwortet die ukrainisch-tschechische Lyrikerin Marie Iljašenko aus diesem Anlass: "Außer unendlichem Leid auch einen Wandel im Denken, den man allgemein Dekolonialisierung nennt. Im Fall der Ukraine muss man genauer von Deimperialisierung sprechen." Außer der schlichten Erkenntnis, dass was aus dem ehemaligen russischen Reich oder der Sowjetunion stammt, nicht automatisch russisch ist, gebe es auch eine interessante mental-geografische Verschiebung. Kiew und Charkiw hätten Moskau und St. Petersburg als Zentren, auf die sich die Ukrainer beziehen, abgelöst. Und die Ukraine werde endlich nicht mehr als bloße Peripherie des russischen Reichs wahrgenommen. "Als ich las, dass Ilja Repin als Sohn einer Kosakenfamilie im Charkiwer Umland geboren wurde und seine Schlüsselwerke eine Reihe ukrainischer Motive enthalten, empfand ich ebenso Freude wie Trauer darüber, dass ich das jetzt erst erfahre. Der Schöpfer ikonischer Bilder von Meeresstürmen und Schiffbrüchen, Iwan Aiwasowski, war ein auf der Krim geborener Armenier, also wiederum kein Russe. Sinaida Serebrjakowa, von der die russische Wikipedia schreibt, es handele sich um 'eine der größten russischen Künstlerinnen', wurde auf einem Gut unweit von Charkiw geboren, und bevor sie nach Frankreich ging, studierte sie just bei Ilja Repin. Die ukrainische Wikipedia führt sie als ukrainisch-französische Malerin. Und jetzt halten Sie sich fest, auch Kasimir Malewitsch, der Schöpfer des Schwarzen Quadrats, war Ukrainer. (…) Beim Verweis auf die Verbrechen Russlands pflichten viele Menschen bei, dass Putin schlimm sei, fügen aber im selben Atemzug hinzu, dass die große russische Kultur nichts für Putin könne." Der Mythos von der großen russischen Kultur bekommt nun jedoch Risse, so Iljašenko, "und das ist gut so".

Magazinrundschau vom 24.05.2022 - iLiteratura

Darf man als Schriftsteller einen russischen Panzersoldaten als begeisterten Menschen schildern, der die Ukraine nur in die Arme der Dreieinigkeit Russland-Belarus-Ukraine zurückführen will, ein ukrainisches Kriegsopfer dagegen als widerlichen Säufer? Die streitbare tschechische Schriftstellerin Petra Hůlová, die regelmäßig gegen jegliche Wokeness aufbegehrt (sei es in der Frauenfrage oder während der Flüchtlingswelle 2015), nimmt dieses Recht unbedingt für sich in Anspruch und beklagte in einem Artikel kürzlich die "neue Autozensur" unter tschechischen Literaten. Patrik Ouředník, in Frankreich lebender Autor und Sprachexperimentator, kann zwar eine spezifische tschechische Selbstzensur nicht bestätigen (weit entfernt von "amerikanischen Campussen"), sprang Hůlová jetzt jedoch im gleichen Magazin bei und verteidigte sie gegen Vorwürfe, eine Putin-Agentin zu sein (nicht ohne sicherheitshalber hinzuzufügen, er kenne sie nicht persönlich und schulde ihr auch kein Geld). Der Streit zwischen der engagierten und der L'art-pour-l'art-Literatur sei so alt wie die (moderne) Literatur selbst. Engagierte Literatur sei nützliche Literatur, und Ouředník hält es hier mit dem alten Flaubert: Der Wert von Kunst lässt sich nicht anhand ihrer gesellschaftlichen Nützlichkeit beurteilen: "Schreibt nutzlos - das ist die einzige Art, sich schöpferische Freiheit zu bewahren."

Magazinrundschau vom 05.04.2022 - iLiteratura

Die tschechische Schriftstellerin Magdalena Platzová fragt sich in einem Essay, was Russland den Bewohnern eines neuen, großrussischen Eurasien denn anzubieten hätte: "Russland hat keine Philosophie, auch keine Küche wie China. Es hat nicht Yoga. Nicht Zen. Weder Manga noch Sushi. Es hat auch kein Hollywood. Keine Pizza. Russland hat überhaupt nichts, womit es ein breiteres Publikum verlocken könnte, nichts, was in der gegenwärtigen Welt relevant wäre. Die vom Staat korrumpierte orthodoxe Kirche interessiert keinen außer die Serben, und auch das nur, weil sie keine Wahl haben." Putin und sein Hofeinflüsterer Dugin stellten sich ihr Reich wohl wie eine Matrjoschka vor: "Ein Großrussland, in das die anderen Länder hübsch ordentlich nach Größe eingeordnet werden: Armenier, Georgier, Ukrainer, Kasachen, Litauer, Esten und andere. Und wenn sich die große Puppe leert, ist sie hohl wie ein Fass. Ein großes Nichts. Das man am besten mit Vodka runterspült. (…) Das die Ukraine angreifende Russland ist wie ein Betrunkener, der aus Verzweiflung über sein gescheitertes Leben seine Frau erwürgt und dabei weint: 'Ach, ich Armer, warum hast du mich dazu gezwungen, wir hätten doch so schön miteinander leben können, das hast du jetzt davon!' Das Selbstmitleid des Mörders, die abstoßendste psychologische Volte, wie sie genial von Dostojewski beschrieben wurde. Übrigens wird dieses ganze russische Unglück, dessen Zeugen wir in Direktübertragung sind, auch bei Bunin, Gogol, Tschechow, Tolstoi, Puschkin, Bulgakow und anderen geschildert. Aus den Äußerungen von Putins strategischem Berater für Auslandspolitik, dem bekennenden Faschisten, Satanisten, Okkultisten und Misogynen Alexander Dugin können wir das betrunkene Gelalle all dieser verkrachten, selbstzerstörerischen Gestalten hören, die seit je mit alkoholvernebeltem Kopf oder in religiöser Verwirrung oder beidem durch die russische Literatur wanken und die meistens, ehe sie selbst zugrunde gehen, noch möglichst viele Menschen in den Abgrund reißen."

Magazinrundschau vom 14.04.2020 - iLiteratura

Die tschechische Schriftstellerin Markéta Pilátová, die viele Jahre in Südamerika gelebt hat, vergleicht die Corona-Erfahrung mit einem anderen bekannten Bedrohungsgefühl: "Sieben Jahre lang war für mich der März ein etwas unheimlicher Monat. Ich zog nach Brasilien, wo mich die alljährliche Epidemie des Dengue-Fiebers erwartete. In Mato Grosso do Sul, wo ich arbeitete, sind dieses Jahr schon 19 Menschen daran gestorben und Hunderttausende infiziert worden." Gegen die Überträgermücken habe sie sich außer mit riesigen Moskitonetzen und Insektenspray mit dem "Gestank von Bierhefe" geschützt. "Nichtsdestoweniger musste ich mich sieben Jahre lang daran gewöhnen, dass ich sterblich und, falls ich Dengue-Fieber mit einem schweren Verlauf bekomme, im brasilianischen Gesundheitssystem, in dem wirklich sehr vieles fehlt, geliefert bin. Seit dieser Zeit habe ich in meinem Handy die App We Croak installiert, die mich fünf Mal am Tag daran erinnert, dass ich sterben werde, und dann kann ich mir eine von fünf weisen Sprüchen über den Tod öffnen. Die App beruht auf einem Sprichwort aus Bhutan, nach dem derjenige, der fünf Mal täglich an den Tod denkt, ein glückliches Leben führen kann." Was nun den Coronavirus betrifft, der werde von Präsident Bolsonaro zwar heruntergespielt, der Rest des Landes aber habe die Gefahr erkannt. Nicht zuletzt die Drogengangs in den besonders gefährdeten Favelas. "Letzte Woche", berichtet Pilátová, "sind sie mit Megafonen durch die Favelas gefahren, haben die Waffen geschwungen und die Einwohner aufgefordert, die Quarantäne einzuhalten, sprich: 'Bleib zu Hause, oder wir pusten dich weg!'. Um Demokratie sorgt sich in den Favelas niemand, also gab es keinerlei Einwände. Eine Kalaschnikow ist deutlich wirksamer als eine Geldbuße."

Magazinrundschau vom 15.01.2019 - iLiteratura

Marcel Černý unterhält sich mit dem bulgarischen Schriftsteller Georgi Gospodinov über die Umbruchjahre 1968 (Gospodinovs Geburtsjahr) und 1989, die freilich in Bulgarien zu keinem größeren gesellschaftlichen Umbruch geführt hätten. "Die Generation der unverwirklichten Revolutionen" - so nennt Gospodinov sich und seine bulgarischen Altersgenossen. Zum Thema des aktuellen osteuropäischen Populimus und der Rolle (oder des Versagens) der Intellektuellen darin meint er: "Der Intellektuelle war in Osteuropa in den letzten zehn, fünfzehn Jahren ein völlig vergessenes und marginalisiertes Subjekt. Das hängt unmittelbar mit dem Aufkommen des Populismus zusammen. Ich glaube, dass die Kunst - und besonders die Literatur - furchtbar wichtig ist für etwas, das wir unterschätzen: die Verfeinerung des Geschmacks. Geschmacksverfeinerung ist eine politische Frage, da ein Mensch mit kultiviertem Geschmack weniger leicht Fake News oder Propaganda unterliegt und selbstverständlich auch nicht so anfällig für Populismus ist. Meine Antwort lautet also: Unterschätzt die Literatur nicht, unterschätzt die Kunst nicht, weil sonst auf dem frei werdenden leeren Platz der Populismus einzieht."