Magazinrundschau
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10.09.2024. Tote Russen in Kursk scheren weder Putin noch die apathische Bevölkerung, konstatiert Desk Russie. Lieber investiert Putin in Projekte für gesundes Altern, die bis 2030 "175.000 Leben retten" sollen, sekundiert Meduza. Wie Russland indes Armut und Enttäuschung vom Westen in Niger ausnutzt, berichtet NewLines. Außerdem blickt NewLines auf die Lektüreliste von US-Generälen und entdeckt ein neues Genre: FICINT. In Kenia geht die Gen Z auf die Straße, weiß die LRB. In Artalk analysiert der Übersetzer Robert Švarc die nazistische Rhetorik der slowakischen Regierung. Und HVG meldet: Das in Ungarn erlassene Handyverbot stellt Schulen vor massive Herausforderungen.
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Desk Russie (Frankreich), 10.09.2024
Vor zwei Monaten startete die ukrainische Armee ihre Invasion in der russischen Region Kursk. Eines wurde klar, erinnert Gael Ackermann: die russische Armee war auf diese Offensive nicht vorbereitet. Überraschend sei aber vor allem die Reaktion im Kreml und in der Bevölkerung, denn die "unerwartete Operation löste keine starke Reaktion innerhalb der Regierungsmannschaft aus, zu der auch Wladimir Putin selbst gehört. Das 'heilige Land unserer Vorfahren', das das Regime in der Ukraine erobern will und für das es bereit ist, Zehntausende, wenn nicht gar Hunderttausende russische Leben zu opfern, bewegt den Oberbefehlshaber der Streitkräfte und sein Umfeld anscheinend nicht sonderlich, wenn sich dieses Land ... in Russland selbst befindet. In den Augen von Wladimir Putin hat das Ziel, die gesamte Region Donezk zu erobern, Priorität: Wenn er scheitert, ist der Krieg endgültig verloren. Daher bringt er seinen erbitterten und völkermörderischen Hass auf die Ukrainer zum Ausdruck, indem er verstärkt barbarische Angriffe auf ukrainische Städte mit schweren Verlusten unter der Zivilbevölkerung fliegt, wie kürzlich in Poltawa und Lwiw, will aber den Druck auf den Donbass nicht verringern." Aber auch in der russischen Bevölkerung herrscht eine seltsame Apathie, beobachtet Ackermann: "Noch erstaunlicher ist, dass der ukrainische Überfall in der russischen Bevölkerung keine besondere Wut auslöst. Es ist, als wäre das gesamte Volk zombifiziert worden und schaue sich das, was mit ihm geschieht, an, als wäre es nicht betroffen. (...) Ukrainische Raketen und Drohnen regnen auf die Krim herab, doch die Touristen strömen weiter, wenn auch in geringeren Mengen, die sich jedoch nicht davon stören lassen, dass neben jedem Strand Luftschutzbunker stehen." Dieses "fehlende Bewusstsein der Menschen als Subjekte der Geschichte, lässt die Annahme zu, dass das Auseinanderbrechen Russlands, das sich zum Zeitpunkt des Sturzes des Putin-Regimes ereignen könnte, unblutig verlaufen wird. Wenn sich die Armee beim letztlich gescheiterten Putsch vom Juni 2023 nicht auf dem Weg der Wagners in die Hauptstadt aufstellte, wenn weder die Armee noch die Bevölkerung sich wie ein Mann erheben, um die 'Invasoren' in der Kursk-Region zu bekämpfen, wie kann man dann annehmen, dass sich die Bevölkerung Zentralrusslands erheben wird, um 'das heilige Land unserer Vorfahren' im Ural, in Sibirien, im Fernen Osten und im Kaukasus zu verteidigen?"Meduza (Lettland), 03.09.2024
Die russische Elite um Putin würde gerne für immer leben, wissen Svetlana Reiter und Sergey Titov. So kündigte Putin massive Investitionen in Projekte an, die "gesundes Altern" unterstützen sollen. "Die Ausrichtung des Projekts auf Langlebigkeit blieb in der russischen Ärzteschaft nicht unbemerkt. Eine Quelle aus einem Moskauer Krankenhaus nannte die Initiative 'die Launen eines alternden Politbüros': Jeder wird alt, auch Politiker. Die Anti-Aging-Behandlungen sind auf dem Höhepunkt, und das Umfeld für die Einführung neuer [einheimischer] Technologien ist derzeit sehr günstig - es gibt einen Kampf gegen die Korruption, und die Leute beginnen endlich, aus Angst ehrlich zu arbeiten und nicht, um Schmiergelder zu kassieren oder um etwas zu veruntreuen. [...] Ob das den Preis, den wir in Form eines Krieges zahlen, wert war, darüber lässt sich streiten. Russischen Staatsmedien zufolge wird das neue nationale Projekt die Entwicklung neuer medizinischer Technologien fördern, um die Lebenserwartung der Bürger zu erhöhen. Wie viel dies kosten wird, ist unklar; das Budget der Initiative wurde noch nicht bekannt gegeben. Auf jeden Fall wollen die Behörden damit bis 2030 '175.000 Leben retten'. Zum Vergleich: Russlands militärische Verluste im Krieg in der Ukraine in den letzten 2,5 Jahren belaufen sich auf über 120.000 Menschen."no future (Russland), 04.09.2024
In den 2000ern gab es in Russland eine große und vor allem gewalttätige, antifaschistische Bewegung, die sich in den 2010ern größtenteils ins bürgerliche Leben verabschiedete. Heute kämpfen manche dieser alten Antifaschisten auf der Seite Russlands gegen die Ukraine. Anna Worobjewa fragt (hier die deutsche Übersetzung von Dekoder) für das unabhängige Online-Portal no Future (hier mehr Informationen) ein paar von ihnen: Warum? "'Wir leben einfach in einer anderen Welt als die Zivilbevölkerung. Vor allem die, die lange an der Front sind. Das verändert das Denken. Und manchmal verstehen wir euch nicht mehr richtig. Wir sind froh, wenn wir noch leben. Und wenn wir von einem Einsatz lebendig wiederkommen, wenn sogar niemand verletzt wurde - weder man selbst, noch ein Kamerad - dann ist das das Größte. Und ihr sitzt einfach rum und beschwert euch', sagt der Antifaschist Sergej Sashin. In seiner 'Straßenkampfzeit' war Sergej oft aktiv auf Neonazis losgegangen, hatte in einer Punk-Band gespielt. 2014 sprach er sich noch öffentlich für den Maidan und die ukrainische Antiterroroperation aus, demonstrierte mit 'No Putin, no War'-Plakaten. 'Ich habe Leute unterstützt, die für die Freiheit und für Veränderungen zum Besseren waren. Die Fortschritt wollten. Ist doch super, oder? Nur, was bringt's im Endeffekt? Das ging vom Regen in die Traufe. Nur, dass die Traufe noch schlimmer war', sagt Sashin. 'Warum haben die Donezker überhaupt rebelliert? Na, fahrt doch mal hin und seht euch an, was sich da seit dem Ende der Sowjetunion getan hat. Gar nichts nämlich! Ich bin vor 2014 in Kyjiw gewesen - da war alles superschick renoviert. Die anderen Städte auch: Tipptopp saniert! Nur Donezk, Luhansk, der ganze Osten, der das Land ja ernährt hat, der hat die Riesenarschkarte gezogen.'" 2022 zog Sashin dann mit der Wagner-Truppe in den Ukraine-Krieg. "'Ich war eigentlich immer gegen Krieg gewesen, aber wenn er, wie man so sagt, nun schon mal da ist - sorry, da gibt es kein 'Aaaa, ich will keinen Krieg!' mehr. Die Fahne schwenken, das ist für'n Arsch. Das machen nur Debile.' 'Aber wenn Krieg ist, heißt das doch nicht, dass man unbedingt daran teilnehmen muss?' 'Wie soll man ihn sonst beenden?' 'Darüber könnten wir uns stundenlang unterhalten. Wie hast du dich für die russische Seite entschieden? Du hast sicher keine Münze geworfen?' 'Sorry, aber ich bin in Russland geboren, das ist mein Land… Das war sozusagen nicht meine Entscheidung.'"The Insider (Russland), 04.09.2024
Newlines Magazine (USA), 05.09.2024
Niger hatte bis vor kurzem keine diplomatischen Beziehungen zu Russland, sondern war immer dem Westen verbunden, erinnert die italienische Journalistin Floriana Bulfon. Seit dem Putsch aber ist der Groll gegen Frankreich der einzige Kernglaube, der von den Fraktionen geteilt wird, die den Putsch inszenierten, und ihre Verachtung wird von einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung unterstützt: "Moskau ergriff sofort die Gelegenheit, das letzte Teil in ein Puzzle einzufügen, das die Russische Föderation in der Cyrenaika (einer Region im Osten Libyens), Mali, Burkina Faso und der Zentralafrikanischen Republik fest etabliert hat. In Niger musste Russland nur noch konsequenter dem Drehbuch folgen, das ihm bereits das Eindringen in die Nachbarländer ermöglicht hatte. Es beginnt damit, sich als bewaffnetes Gegenmittel gegen den Dschihadismus zu präsentieren, und nutzt weiterhin den Hass auf Frankreich, um seine Autorität durchzusetzen. (...) Die Wurzel des Grolls ist jedoch die Geschichte der kolonialen Ausbeutung: 'Es ist nicht möglich, dass mein Land reich ist und an der Oberfläche sind wir alle arm', sagte Moussa, ein städtischer Angestellter. 'Seit meiner Geburt habe ich gesehen, dass Frankreich seit 59 Jahren nichts anderes getan hat. Sie stahlen sogar unser Uran und haben nicht einmal ein Haus gebaut.' In der Tat ist Niger reich an natürlichen Ressourcen. Ein Drittel der französischen Atomkraftwerke wird mit Nigers Uran betrieben. Es gibt auch Ölquellen und Goldminen. Doch die Armut ist erschütternd. Statistiken sehen das Land als eines der Schlusslichter weltweit. In Niamey schlafen die Menschen auf den in den Sand geworfenen Matten und es gibt Horden von Kindern, die betteln, sogar mitten in der Nacht. Eine hoffnungslose Masse von Menschen wird durch Militante Überfälle und eine Wüste, die selbst wegen der globalen Erwärmung voranschreitet, in die Stadt gedrängt. Die Temperaturen steigen so hoch, dass die Hitze Plantagen und Weiden auslöscht, die seit Jahrhunderten aktiv sind. Heute sind sie von einem Durst nach Wasser verwüstet, den nicht einmal der Niger-Fluss lindern kann. Bauern und Hirten haben keine Alternative als Migration, obwohl vielen von ihnen das Geld fehlt, das für eine Auslandsreise notwendig ist. Stattdessen leben sie in Holzhütten am Straßenrand, die aufgrund der schwülen Hitze fast unbewohnbar sind."
London Review of Books (UK), 12.09.2024
Kenia wird, berichtet Kevin Okoth, von einer wuchtigen Protestbewegung erschüttert, die sich gegen die Sparmaßnahmen richtet, mit denen Präsident William Ruto unter anderem auf Reformforderungen von seiten des Internationalen Währungsfonds reagiert. Seine Kritiker vermuten freilich, dass auch Korruption im Spiel ist. Vor allem die nachrückende Generation ist unzufrieden: "Junge Kenianer sind frustriert über den Mangel an wirtschaftlichen Möglichkeiten und öffentlichen Dienstleistungen und bezeichnen sich selbst als die 'Gen Z', die einen Kampf für intergenerationelle Gerechtigkeit führe. Achtzig Prozent der Bevölkerung sind unter 35 Jahre alt, und die Mehrheit der Erwerbsfähigen ist arbeitslos. Ruto trat 2022 sein Amt mit dem Versprechen an, Wirtschaftsreformen durchzuführen und gegen Korruption vorzugehen; Kenia sollte eine 'Hustler'-Nation werden, in der individuelle Anstrengungen belohnt würden. Er schien frischen Wind in eine politische Landschaft zu bringen, die von alten Dynastien dominiert wird. (Der vorherige Präsident, Uhuru Kenyatta, ist der Sohn des ersten Präsidenten Kenias, Jomo Kenyatta; der langjährige Oppositionsführer, Raila Odinga, ist der Sohn des ersten Vizepräsidenten des Landes, Jaramogi Oginga Odinga.) Doch Ruto war neun Jahre lang Kenyattas Stellvertreter, und es gibt kaum echte Anzeichen dafür, dass seine Präsidentschaft die Korruption und das schlechte Wirtschaftsmangement, das frühere Regierungen belastete, beendet. Seine Versprechen haben sich nicht verwirklicht, und die meisten Kenianer 'hustlen rückwärts', wie sie es ausdrücken, und kämpfen darum, sich über Wasser zu halten, während sie mit immer mehr Problemen zu kämpfen haben."Merkur (Deutschland), 03.09.2024
Die Schriftstellerin Daniela Dröscher, Autorin des autofiktionalen Romans "Lügen über meine Mutter" sinniert über das autofiktionale Schreiben, das nicht nur sie, sondern Frauen sich ganz allgemein in der Literatur jüngst erst hart erkämpfen mussten - obwohl das "Life writing" bis auf die confession poets der 1950er Jahre, darunter Anne Sexton und Sylvia Plath, zurückgeht: "Für mich liegt die Magie des autofiktionalen Ich in seiner Intimität. Seiner Direktheit. Wer in 'Ich'-Form schreibt, exponiert und zeigt sich in seiner subjektiven Sicht auf sich und die Welt: So und so und nicht anders empfinde ich. (...) 'Life writing' bringt Stimmen hervor, die zuvor keine Schrift hatten. Mit einem Mal werden Ungerechtigkeiten auf ästhetische Weise nachvollziehbar. Sie werden lauter, entschiedener, sie bekommen Gesichter. Ein Gewicht. Mit einem autofiktionalen Ich lässt sich eine Schnur direkt von Herz zu Herz spannen. Jemand, der 'ich' sagt, erlaubt mir, die Welt 'durch seine Augen zu sehen' und ihm dadurch ganz nahe zu kommen. Ich verbinde mich im Lesen mit Erfahrungswelten, die von meiner eigenen ganz verschieden sind. Der Kern der Autofiktion ist in dieser Hinsicht eben gerade nicht das identifikatorische Lesen, sondern die Berührung mit Alterität. Die Autofiktion verändert den literarischen Diskurs, gerade weil sie nicht im Diskursiven aufgeht, sondern eine ästhetische Erfahrung evoziert. Sie lässt den Diskurs - wie es seinem Wortsinn gebührt - hin- und herlaufen."Weitere Artikel: Der Rechtswissenschaftler Florian Meinel denkt in seiner Rechtskolumne über Wissenschaftspolitik nach.
Artalk (Tschechien / Slowakei), 06.09.2024
Der slowakische Künstler, Kurator und Übersetzer Robert Švarc fühlt sich durch die rechtspopulistischen slowakischen Regierungspolitiker und deren Vorwürfen, die Leute aus der Kultur wüssten nicht, was es heißt, hart zu arbeiten, und würden letztlich auf dem Rücken der sogenannten "Arbeiterklasse" schmarotzen, an die nationalsozialistische Propaganda erinnert. Es sei ein Kennzeichen aller totalitären Regime, den Begriff "Arbeit" zur emotionalen Manipulation der Gesellschaft zu missbrauchen und sie damit gezielt zu polarisieren. So sei die Arbeit ein zentrales Motiv der NS-Ideologie gewesen. "Das manische Arbeitsethos schwappte in alle Bereiche der Gesellschaft über: von Arbeitsliedern über den Bau der Konzentrationslager bis hin zu den Frauen im Haushalt. Und dieser 'Arbeitsstaat', dessen 'erster Arbeiter' Adolf Hitler war, verwandelte sich nach und nach in eine Maschine der 'Tötungsarbeit'." Švarc erinnert an den tschechoslowakischen Juden und Auschwitzüberlebenden Tibor Wohl, der die zynische NS-Völkermordformel "Arbeit macht frei" in "Arbeit macht tot" umformuliert habe, und zweifelt daran, dass nach Auschwitz und der Zwangsarbeit der Gulags 'Arbeit' überhaupt noch als positiver Wert per se gelten könne. Zumal "ein Großteil der Arbeit, die wir heute leisten, nicht mehr die Grundvoraussetzungen für das Leben auf diesem Planeten sichert, sondern es unmöglich macht. Wie ist diese Arbeit zu bewerten?" Ganz abgesehen davon, dass die meisten Kulturschaffenden unter Prekariatsbedingungen von kläglichen Tantiemen lebten, staunt Švarc darüber, dass die aufsteigenden Rechtsextremisten europaweit immer vehementer jene angriffen, die sie als "Nicht-Arbeiter" betrachteten: Künstler, Wissenschaftler usw. "Dabei bedienen sie sich buchstäblich nazistischer rhetorischer Figuren, die so unverhohlen sind, dass wir es irgendwie immer noch nicht glauben können." Doch angesichts der sich gerade ankündigenden Streikbereitschaft Tausender slowakischer Kulturschaffender in Theatern, Kunstgalerien und anderen Kulturinstitution glaubt Robert Švarc, dass die Auflehnung gegen die destruktive slowakische Kulturpolitik "gerade erst beginnt".New Yorker (USA), 09.09.2024
Anhand der kleinen jüdischen Zeitschrift Jewish Currents blickt Gideon Lewis-Kraus auf die Brüche, die seit dem 07. Oktober durch die jüdisch-amerikanische Community gehen. Die Konflikte zeigen sich hier nicht nur zwischen Zionisten und Propalästinensern, sondern auch zwischen den Generationen sowohl in der personellen Besetzung als auch in der Rezeption des Blatts wie unter der Lupe: "David Myers, der am UCLA jüdische Geschichte unterrichtet, hat seinen Sitz im Currents-Vorstand 2022 aufgegeben, aber seine Millenial-Tochter hat ihren behalten. Myers erzählte mir, dass er 'nicht mehr sicher ist, was die ultimative Nachhaltigkeit oder sogar moralische Frage eines selbsternannten jüdischen Staates betrifft.' Er pausierte. 'Aber ich habe Angst, diese Zweifel jetzt auszusprechen, weil ich glaube, dass das die physische Sicherheit israelischer Juden gefährden würde. Ich gehöre zur letzten Generation - wirklich der letzten -, die im Schatten des Holocausts aufgewachsen ist, für die die existenzielle Frage, wie wir überleben werden, die Frage meines Lebens ist. Die existenzielle Frage für meine Töchter ist: Wie können wir dieses Ausmaß an Unterdrückung, Dehumanisierung und Brutalität in unserem Namen rechtfertigen? Wir können es nicht.' Aber er sagte mir, seine 'gequälte Seele' sei bei Israel: 'Wie ist diese einst so nötige und großartige Idee so schief gelaufen? Es stellt sich heraus, es war gar keine so großartige Idee, sondern ein Projekt der Eroberung und der Rettung, eines, das Juden vor großem Unglück und dem sicheren Tod bewahrt hat. Ich bin vielleicht nur einen Millimeter von meinen Töchtern entfernt, aber in dieser aufgeheizten Stimmung ist dieser Millimeter riesengroß."Film-Dienst (Deutschland), 06.09.2024
In seiner Essayreihe im Filmdienst zum Kracauer-Stipendium befasst sich Leo Geisler mit der Geste aus filmphilosophischer Sicht: "Der italienische Philosoph Giorgio Agamben diagnostiziert, dass dem abendländischen Bürgertum durch die drastischen Veränderungen der Lebensbedingungen zum Ende des 19. Jahrhunderts - zur Zeit der Entstehung des Kinos also - seine Gesten endgültig abhandenkamen. 'Im Kino', schreibt er, 'versucht eine Gesellschaft, die ihre Gesten verloren hat, sich das Verlorene wieder anzueignen, und registriert zugleich den Verlust.' Es ist das Verhängnis der Kamera, dass sie bloß des immer schon vergangenen Augenblicks gedenkt. Daher gleicht der frühe Stummfilm einer Bibliothek entglittener Gesten. In den Worten Agambens: 'Die Epoche, die ihre Gesten verloren hat, ist eben darum zwanghaft von ihnen besessen; Menschen, denen alle Natürlichkeit abgezogen worden ist, wird jede Geste zu einem Schicksal.' Somit ist es nicht das Bild, sondern die Geste, die Agamben als das eigentliche Element des Kinos bestimmt. ... Wie jede Sprache ist die Gestik beides zugleich: Versprechen von Freiheit durch gesteigertes Ausdrucksvermögen und systematischer Zwang, eine Grammatik, die sich wie ein Netz um den Körper legt und das Mögliche, das von ihrer Logik nicht erfasst wird, als unmöglich abtut. ... Die Welt unter dem Gesichtspunkt der Geste zu lesen, führt uns vor Augen, dass unsere Lebensform, so sehr wir uns auch mit ihr identifizieren, bloß eine mögliche Verkleidung unter vielen ist." Und "hin und wieder, bricht eine neuartige Körperregung - die eine Geste - aus einem Film hervor. Etwa in Leos Carax' 'Pola X' (1999), als Pierre (Guillaume Depardieu) und seine Verlobte Lucie (Delphine Chuillot) vor dem beschlagenen Badspiegel stehen, sich ankleiden, Lucie aber ihre Meinung ändert, das beige Oberteil über den Kopf zieht, weil sie dessen Farbe als trist empfindet, Pierre ihre Geste unterbricht, indem er ihre hinter dem Kopf verschränkten Arme fixiert, sodass der beige Stoff sich wie ein Segel über Julies Gesicht spannt, Julie ihre Ellbogen umfasst, Pierre ihre Achsel küsst, ihre Brust, schließlich den Stoff über ihren Lippen, Pierre Julie umarmt, sein Gesicht in ihre Schulter drückt, während Julie den verhüllten Kopf zu ihren verschränkten Armen reckt, sodass ihre Augenhöhlen, ihre Nase, ihr Kinn sich unter dem beigen Stoff abzeichnen. Carax archiviert diese neuartige Geste, eine Bewegung, in der sich eine Empfindungs- und Verhaltensweise entblößt. Er unterbricht, wie Pierre, die sich wiederholende Fortzeugung der immergleichen Bewegungsabläufe."
HVG (Ungarn), 05.09.2024
Das neue Schuljahr ist gerade eine Woche alt und neben Lehrermangel, sowie einseitigen, unausgewogenen Lehrmitteln, ist das von der Regierung verordnete Handyverbot im Unterricht das bestimmende Thema. Die entsprechende Verordnung wurde kurz vor Beginn des Schuljahres verabschiedet, den Schulen damit kaum Zeit zu geben die Umsetzung des Verbots technisch vorzubereiten (das tägliche Einsammeln, Aufbewahren, Austeilen der Geräte). Ein Schulleiter, der die Eltern beruhigend - und wie es sich herausstellt doch im Einklang mit der Verordnung - verkündete, dass seine Schule weiterhin die bewusste digitale Erziehung vor Augen haben wird und die Geräte im Unterricht weiterhin als Lehrmittel verwendet werden, wurde fristlos seines Amtes enthoben. Veronika Munk kommentiert die Situation: "Wenn man davon ausgeht, dass das Problem real ist, stellt sich die Frage, wie es gelöst werden kann und welche Art von Unterstützung Lehrer, Kinder und Eltern von der Regierung, die die öffentlichen Bildungseinrichtungen reguliert, erhalten werden. Die Antwort lautet: keine. Kein Handy, finde eine Lösung, Basta! Wer die in der Verordnung versteckte Interpretationsfreiheit für sich in Anspruch nehmen wollten, wurden gefeuert. (...) Wir haben die Schiefertafel und den Rechenschieber hinter uns gelassen und es ist machbar und wünschenswert ist, mobile Geräte für Bildungszwecke einzusetzen. Es ist jedoch unrealistisch, sie morgens abzugeben, sie für Bildungszwecke wieder auszuteilen, sie nach Abschluss des Bildungszwecks erneut abzugeben und sie am Ende des Tages wieder zurückzugeben, und das alles mit sicherer Aufbewahrung zum Nulltarif. In der Woche des Schulbeginns gab es Situationen, in der Kinder 25 Minuten lang Schlange standen, nur um morgens ihre Geräte abzugeben. In einer anderen Schule verkündeten die Lehrer morgens nach dem Prinzip 'Was ich nicht sehe, existiert nicht', dass zum Glück niemand ein Telefon habe und es daher auch nichts eingesammelt werden müsse. An einem anderen Ort gaben die Schüler alte Handys ab, während die Smartphones in ihren Taschen blieben. Erneut ist das zu Tage gefördert worden, was der ungarische Staat den heranwachsenden Generationen seit langem effektiv beibringt: die Regeln zu umgehen, etwas vorzutäuschen."Elet es Irodalom (Ungarn), 06.09.2024
Der Ökonom und Philosoph György Marosán nimmt die diesjährige Rede des Ministerpräsidenten Orbán im rumänischen Băile Tușnad zum Anlass, über die darin angekündigte "Weltsystemwende", sowie die "Wahrung der ungarischen Souveränität" nachzudenken: "Die Wende der Weltordnung macht es daher unausweichlich, dass sich alle auf der Erde, vom Kleinsten bis zum Mächtigsten, an die neue Situation, die sich allmählich abzeichnet, anpassen müssen. Soweit ist diese Aussage ein Klischee. Die Vision des Wandels wird jedoch dominant, wenn wir ihr Wesen verstehend die richtigen Schlüsse aus ihr ziehen. Unsere globale Koexistenz bedeutet, dass das Weltsystem so komplex und interdependent geworden ist, dass sein Frieden nur durch ständige Konsultationen und Verhandlungen mit allen gesichert werden kann. Wenn also jemand eine souveräne Entscheidung zu fast jeder Frage treffen will, muss er die Zustimmung aller Beteiligten einholen. Die schwierigste Voraussetzung für das Funktionieren des neuen Weltsystems, das sich jetzt abzeichnet, ist die Anerkennung der Tatsache, dass unsere Welt nicht mehr von Souveränität, sondern von Ashdowns drittem Gesetz regiert wird, das besagt, dass 'man nur das tun kann, was man mit zusammen anderen tun kann'. Ob man es will oder nicht, dementsprechend muss das Leben gelebt werden."New Statesman (UK), 04.09.2024
Schon jetzt sieht sich Keir Starmers Labour-Regierung mit schlechten Umfragewerten und Anfeindungen von Seiten der Presse konfrontiert. Andrew Marr zeichnet die aktuelle Problemlage nach. Er hegt weiterhin Hoffnung für Starmers Reformprojekt, stellt aber klar, dass die Aufgabe auch weiterhin keine leichte ist: "Britische Wähler erwarten nach wie vor einen umfassenden, modernen und spendablen Wohlfahrtsstaat; eine Nationalen Gesundheitsversorgung (NHS), die in der Lage ist, auf die Herausforderungen eine alternden Bevölkerung zu reagieren; ein modernes und inklusives Bildungssystem, das auf eine sich schnell verändernde Wirtschaft ausgerichtet ist; und ein Sozialsystem, das Kinder vor Verelendung schützt. Und zu allem Überfluss wollen wir nun auch noch eine moderne nationale Verteidigungsstrategie für gefährliche Zeiten. Jahrelange rücksichtslose Kürzungen der Staatsausgaben durch die Regierungen haben uns zu dem Punkt gebracht, an dem wir uns nun befinden. (...) Umfragen von Ipsos im Sommer ergaben, dass die Wähler sehr wohl wissen, dass man ohne Bezahlung keine wirksamen öffentlichen Dienstleistungen erhalten kann. ... Zwei von fünf Befragten sprachen sich dafür aus, die Ausgaben für öffentliche Dienstleistungen zu erhöhen, auch wenn sie dafür mehr Steuern zahlen müssten. Hier liegt ein versteckter Vorteil für Labour: Immer mehr Menschen verstehen, was zu tun ist, wenn sie sich umschauen. Das drängendste Problem für die Schatzkanzlerin Rachel Reeves stellt jedoch nicht die Wirtschaftsleistung dar, sondern die Struktur des Staates. Mit anderen Worten: It's not the economy, stupid. Vielmehr geht es darum, dass die Erwartungen an die materielle Bedürfnisse des täglichen Lebens brutal zerstört wurden; es geht um das minderwertige, schlecht funktionierende und zerfallende gesellschaftliche Gefüge. Das 'schwarze Loch' ist real. Dieser soziale Verfall ist um uns herum deutlich sichtbar. Wir können ihn sehen und riechen. Er hat seinen Ort auf den Straßen, nicht auf den Finanzmärkten."
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