Der slowakische Künstler, Kurator und ÜbersetzerRobert Švarc fühlt sich durch die rechtspopulistischen slowakischen Regierungspolitiker und deren Vorwürfen, die Leute aus der Kultur wüssten nicht, was es heißt, hart zu arbeiten, und würden letztlich auf dem Rücken der sogenannten "Arbeiterklasse" schmarotzen, an die nationalsozialistische Propagandaerinnert. Es sei ein Kennzeichen aller totalitären Regime, den Begriff "Arbeit" zur emotionalen Manipulation der Gesellschaft zu missbrauchen und sie damit gezielt zu polarisieren. So sei die Arbeit ein zentrales Motiv der NS-Ideologie gewesen. "Das manische Arbeitsethos schwappte in alle Bereiche der Gesellschaft über: von Arbeitsliedern über den Bau der Konzentrationslager bis hin zu den Frauen im Haushalt. Und dieser 'Arbeitsstaat', dessen 'ersterArbeiter' Adolf Hitler war, verwandelte sich nach und nach in eine Maschine der 'Tötungsarbeit'." Švarc erinnert an den tschechoslowakischen Juden und Auschwitzüberlebenden Tibor Wohl, der die zynische NS-Völkermordformel "Arbeit macht frei" in "Arbeit macht tot" umformuliert habe, und zweifelt daran, dass nach Auschwitz und der Zwangsarbeit der Gulags 'Arbeit' überhaupt noch als positiver Wert per se gelten könne. Zumal "ein Großteil der Arbeit, die wir heute leisten, nicht mehr die Grundvoraussetzungen für das Leben auf diesem Planeten sichert, sondern es unmöglich macht. Wie ist diese Arbeit zu bewerten?" Ganz abgesehen davon, dass die meisten Kulturschaffenden unter Prekariatsbedingungen von kläglichen Tantiemen lebten, staunt Švarc darüber, dass die aufsteigenden Rechtsextremisten europaweit immer vehementer jene angriffen, die sie als "Nicht-Arbeiter" betrachteten: Künstler, Wissenschaftler usw. "Dabei bedienen sie sich buchstäblich nazistischer rhetorischer Figuren, die so unverhohlen sind, dass wir es irgendwie immer noch nicht glauben können." Doch angesichts der sich gerade ankündigenden Streikbereitschaft Tausender slowakischer Kulturschaffender in Theatern, Kunstgalerien und anderen Kulturinstitution glaubt Robert Švarc, dass die Auflehnung gegen die destruktive slowakische Kulturpolitik "gerade erst beginnt".
Heribert Fischer-Geising, Portrait of Hildegard, 1931, courtesy of Freital Municipal Collections, Photographer Steffen Petrenz
Noch bis zum 25. August ist in der Prager Stadtgalerie die Ausstellung "Nové realismy / Neue Realismen" zu sehen, und Kenner sprechen schon jetzt von der "Ausstellung des Jahres". Auch Martin Vanek ist voller Lob nicht nur für die gezeigten Exponate (Kunstwerke aus der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit 1918-1945), sondern auch für die Gestalt der Ausstellung, der intensive neue Forschungen vorausgegangen seien. "Formal geht es um Realismen, die im Kontrast zu den Avantgarde-Strömungen stehen, die in der tschechoslowakischen Kunstgeschichte bislang im Mittelpunkt standen. Dass die realistischen Strömungen in der Vergangenheit vernachlässigt wurden, lag oftmals an der 'problematischen' deutschsprachigen Herkunft vieler Künstler und Künstlerinnen der Tschechoslowakei. Inhaltlich handelt es sich um eine Zusammenstellung von Werken, deren Schöpfer nicht einfach nur die Realität nachahmen wollten, sondern in ihrem stilisierten künstlerischen Ausdruck ihre Nähe zur modernen Gesellschaft bezeugten." Oder wie Ivo Habán, einer der Kuratoren, es formuliert: "Von den früheren Realismen mit ihrer mimetischen Absicht unterscheiden sich die neuen Realismen durch ihre Absicht, die Realität zu interpretieren." Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen die Neue Sachlichkeit, die eng mit dem Werk deutscher Künstler der Weimarer Republik zusammenhänge, dazu die zeitgleichen tschechoslowakischen Strömungen, die in der Kunstgeschichte bislang als Primitivismus, Neoklassizismus oder auch Magischer Realismus bezeichnet wurden. Martin Vanek erkennt in der Ausstellung und den begleitenden Monografien einen ganz neuen kunsthistorischen Ansatz, der auch bisher völlig unbekannte oder nur regional verankerte Namen mit einschließe und der zudem die Multiethnizität der Tschechoslowakei verdeutliche, "die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs eine Selbstverständlichkeit war".
Die slowakische Kuratorin, Kunstkritikerin und Aktivistin Lenka Kukurová berichtet von der Kunstbiennale in Venedig, wo sich dieses Jahr Tschechien und Slowakei einen Pavillon teilen. Diese Kooperation wurde schon vor Antritt der rechtspopulistischen Fico-Regierung angestoßen; da jedoch Lýdia Pribišová, die Kuratorin des slowakischen Auftritts, von der neuen Kulturministerin Martina Šimkovičová im Zuge von deren Säuberungen (so muss man wohl sagen) Anfang des Jahres gechasst wurde, mussten die Künstler "in einer feindseligen politischen Realität, unter großem Zeitdruck und unter eingeschränkten finanziellen Bedingungen improvisieren", so Kukurová. Während die Ausstellung der tschechischen Künstlerin Eva Kotátková "die Geschichte einer Giraffe erzählt, die zunächst als lebende Giraffe im Zoo und dann als tote Giraffe im Museum ausgestellt wurde", widmet sich das "Floating Arboretum" des slowakischen Künstlers Oto Hudec der Geschichte spezifischer Bäume. Im Zuge der Pavillon-Eröffnung kam es während der Rede des Ministeriumsvertreters Peter Lukáč zu einer Protestaktion, bei der viele Anwesende Schilder mit der Aufschrift: "Das Kulturministerium der Slowakischen Republik repräsentiert uns nicht" hochhielten. Auch Tschechen und andere nichtslowakische Besucher nahmen daran teil - und dieser internationale Beistand sei enorm wichtig im Kampf um die freie Kunst in der Slowakei, meint Lenka Kukurová. Die Kulturministerin reagierte umgehend, erst über spöttische Kommentare in ihrem Telegram-Account, dann über eine offizielle Erklärung, in der sie offenbar auch eine der künstlerischen Performances als Protest missinterpretierte und abschließend forderte: "Hört auf, der slowakischen Kultur im Ausland Schande zu bereiten!" Kukurová befindet: "Das Gegenteil ist der Fall. Dank des gemeinsamen Engagements des ganzen Ausstellungsteams und des kollektiven Publikumsprotests während der Rede des Ministeriumsvertreters verwandelte sich das Gefühl der Schande und Scham über die derzeitige slowakische Kulturrepräsentation in ein Gefühl von Bestärkung und Stolz."
Bild: Andrej Dúbravský "Quo vadis, slowakische Kultur?", fragt die slowakische Kunsthistorikerin und Kuratorin Barbora Komarová besorgt. Was sich Martina Šimkovičová, einst Fernsehmoderatorin, zuletzt Betreiberin des Desinformationsportals TV Slovan und jetzt neue Kulturministerin der Fico-Regierung, auf die Fahnen geschrieben hat, lautet, wie Komarová zitiert, so: "Andere Kulturen zu respektieren, bedeutet nicht, die slowakische Kultur mit einer anderen zu vermischen, und das, meine Damen und Herren, ist meine Vision: den Kultursektor auf dem slowakischen Kulturerbe, den Erbauern und geschichtlichen Meilensteinen der slowakischen Nation zu errichten." Zwar habe man, so Komárová, den zunächst ernannten ersten Staatssekretär im Kulturministerium Štefan Kuffa gleich wieder abgesägt und ins Umweltministerium abgeschoben, nachdem dieser geäußert habe, man werde "Jesus Christus als König der Slowakei inthronisieren", dafür wurde nun aber Mário Maruška zum ersten Kulturstaatssekretär ernannt, der laut Komárová, "keinerlei Erfahrung in diesem Bereich hat und in den letzten 15 Jahren Leiter des Sicherheitsdienstes war". Ferner bekam Lukáš Machala den Posten des Generalsekretärs des ministeriellen Dienstbüros, "ebenfalls ein bekannter Verbreiter von Desinformationen und Verschwörungstheorien über die Illuminaten sowie Fan des russischen Präsidenten Putin", so Barbora Komárová. Ein konkretes Beispiel für den neuen Wind, der auch gegen die LGBTIQ-Community anbläst, ist die Empörung von Ministerin Šimkovičová über ein Gemälde des Künstlers Andrej Dúbravský in einer Ausstellung der Galéria Slovenského rozhlasu, das zwei nackte, sich umarmende Männer zeigt. Die Kulturministerin, die sich nach eigenen Worten "daran gestört" habe, aber leider ihre Hände gebunden sehe, dagegen vorzugehen, verkündete, es seien dahingehende "Gesetzesänderungen in Vorbereitung. Es geht darum, dem Kulturministerium größere Kompetenzen zugeben, damit wir auf irgendwie auf solche Dinge Einfluss nehmen können" - dies die Worte der Ministerin.
Die tschechische Kunsthistorikerin Milena Bartlovástellt die Frage, warum die Künstler in ihrem Land so wenig auf das Corona-Sterben reagieren, und geht in einem Essay der Darstellung von Epidemien in der Bildenden Kunst nach - auch wenn Vergleiche von Covid mit etwa dem Schwarzen Tod im Mittelalter derzeit als geschmacklos übertrieben abgetan würden nach dem Motto: "Wir sind schließlich eine moderne Gesellschaft und keine Dummköpfe, die nicht einmal wussten, dass sich die Pest bakteriell über Rattenflöhe verbreitete. Stellen Sie sich vor, damals dachten sie sogar ganz naiv, man könne sich über das Einatmen 'verdorbener' Luft anstecken!" Im Gegensatz zu zahlreichen barocken Siechtumsdarstellungen in der Malerei oder den vielen Pestsäulen auf städtischen Plätzen sei in der Tschechoslowakei schon die Spanische Grippe erstaunlich wenig in Kunst oder Denkmälern zum Ausdruck gekommen, wohl auch, weil die Euphorie der Staatsgründung 1918 davon abgelenkt habe: "Auf den Denkmälern 'Gefallen im Weltkrieg', die bei uns noch in den kleinsten Dörfern zu finden sind, lesen wir nicht, wie viele der Opfer durch eine ansteckende Krankheit, daunter die Spanische Grippe umkamen (…) Einer Krankheit zu erliegen ist nicht heldenhaft, weniger noch, als das Opfer einer Atombombe, eines Atomkraftwerks oder des Angriffs vom 11. September zu werden. Es ist nur banal, traurig und ein bisschen peinlich." Die fehlende künstlerische Reaktion habe aber vor allem damit zu tun, dass die tschechische Gesellschaft "kein gemeinsames Narrativ" habe: "Wenn wir mit anderen mitteleuropäischen Ländern vergleichen, sehen wir, dass das politisch sicherer ist, denn für autoritäre politische Kräfte ist es leicht, sich so eines Narrativs zu bedienen und es auszunutzen, sei es das ungarische Trauma der kleinen Nation oder der polnische katholische Patriotismus."