Magazinrundschau
Raumschwingungen
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
06.08.2024. Der New Yorker porträtiert den Hamas-Führer Yahya Sinwar, der seine eigenen Landsleute folterte, bevor er den 7. Oktober orchestrierte. Lidove noviny stellt die Fotografin Dagmar Hochová vor. In Mediazone denkt der im russischen Straflager sitzende Kommunalpolitiker Alexei Gorinov über die kosmische Ewigkeit nach. Im Observator Cultural verteidigt der rumänische Dichter Cosmin Petra atypische Literatur. Der Guardian feiert den ukrainischen Monuments Man Leonid Marushchak. New Lines erzählt, wie sich Rumänien seiner Beteiligung an der Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg stellt.
New Yorker (USA), 05.08.2024
Im New Yorker versucht David Remnick ein Porträt von Yahya Sinwar zu entwerfen, Führer der Hamas in Gaza und Architekt des Massakers vom 7. Oktober. Sinwar hatte seine "Karriere" bei der Hamas damit begonnen, palästinensische Abweichler oder "Verräter" aufzuspüren, zu foltern und zu ermorden. Seine Brutalität war berüchtigt. Er saß lange in israelischen Gefängnissen wegen der Entführung eines israelischen Soldaten. Dort lernte ihn auch der pensionierte Zahnarzt Yuval Bitton kennen, der dafür sorgte, dass Sinwar in einem israelischen Krankenhaus an einer potenziell tödlichen Geschwulst im Kopf operiert wurde. Sinwar kam später, mit hunderten anderen Palästinensern, im Austausch gegen den israelischen Soldaten Gilad Shalit frei. Aus seinem Hass auf die Israelis und Plänen zu ihrer Vernichtung hat Sinwar auch im Gefängnis nie ein Geheimnis gemacht, lernt Remnick. Tatsächlich hätte die israelische Armee gut daran getan zu glauben, dass Sinwar alles, was er über die Jahre gesagt und geschrieben hatte, buchstäblich auch so meinte: "Wie sich später herausstellte, war der israelische Geheimdienst seit langem im Besitz eines Kriegsplans der Hamas, der als Jericho Wall bekannt ist und die Ereignisse des 7. Oktobers nahezu exakt wiedergibt. Sinwar hatte sogar einige Wochen zuvor eine geheime Nachricht an die Israelis geschickt, in der er sie warnte, dass sie mit einem Aufflammen der Kämpfe in den Gefängnissen rechnen müssten. Die Nachricht zirkulierte laut Channel 12 in den höchsten Rängen des Mossad, des Shin Bet und der IDF; sowohl Netanjahu als auch Verteidigungsminister Yoav Gallant waren 'auf dem Laufenden'. Doch als die israelische Militärführung am Tag des Angriffs kurz nach 3 Uhr morgens erfuhr, dass Hamas-Soldaten Manöver abhielten, kamen die Befehlshaber zu dem Schluss, dass es sich wahrscheinlich nur um Übungen handelte." Auch der israelische Analyst Michael Milshtein kritisiert gegenüber Remnick "die Vernachlässigung dessen, was Sinwar öffentlich sagte. Er sagte: 'Im nächsten Krieg werden wir die Kämpfe eröffnen - und der Krieg wird auf israelischem Gebiet stattfinden, nicht auf palästinensischem', so Milshtein. 'Das war in offenen Quellen! Sinwar und andere haben es öffentlich gesagt!' In den letzten Jahren habe die Hamas ein umfangreiches Training durchgeführt, das auf Szenarien basierte, in denen Angreifer Kibbuzim und Militärbasen überfielen. ... Ein hochrangiger israelischer Sicherheitsbeamter sagte mir, dass die Parallele zu 1973 unheimlich sei: Das Sicherheitsestablishment habe unter der 'eitlen Unfähigkeit gelitten, zu erkennen, dass Yahya Sinwars messianische Reden und ehrgeizige Militärproben ernst gemeint waren'." Ein weiteres lesenswertes Sinwar-Porträt brachte vor einigen Monaten das Magazin Tablet (unser Resümee).Im Fall McGirt vs. Oklahoma entschied der Supreme Court 2020, dass das Reservat der Muskogees bei der Gründung des Bundesstaats rechtswidrig aufgelöst worden war und daher auch heute noch in seinen Grenzen von 1866 bestehe. Rachel Monroe hat sich für den New Yorker auf die Spur der Folgen dieser Entscheidung begeben: Im Reservat besteht für die Stämme die Möglichkeit, Angeklagte nach Stammesrecht vor Gericht zu stellen, statt sie dem staatlichen Recht zu überantworten. Das führt dazu, dass die unterschiedlichen Behörden aneinandergeraten: "Der Okmulgee County-Vorfall begann letzten Dezember, als ein Polizist der Lighthorse-Polizei der Indigenen, Keith Bell, einen Verdächtigen abgetastet und ein kleines Tütchen Fentanyl gefunden hatte. Weil der Verdächtige nicht indigen war, rief Bell die Stadtpolizei, die nicht reagierte. Bell wollte den Mann nicht gehen lassen, aber weil es keine Kreuzvertretungsübereinkunft mit dem Sheriffsbüro gab, konnte er ihn nicht verhaften. Es hätte allerdings einen möglichen Ausweg gegeben: Die Lighthorse-Polizei hat eine Übereinkunft mit einer obskuren staatlichen Organisation namens Grand River Dam Authority. In der Vergangenheit ist das meist so interpretiert worden, dass die Lighthorse-Polizei Verhaftungen in jedem County vornehmen konnte, wo die GRDA Gebiete hat - inklusive Okmulgee County. Northcross, der stellvertretende Lighthorse-Chef, hatte Schwierigkeiten schon erwartet und war mit zum County Jail gekommen. Als die Stammespolizei den Mann in eine Arrestzelle bringen wollte, weigerten sich die Gefängniswärter, den Verdächtigen aufzunehmen. Der Streit wurde zu einer schreienden Auseinandersetzung; ein Gefängniswärter hat angeblich einen Stammesoffizier beschuldigt, 'kein richtiger Polizist' zu sein. Die Wärter zogen sich in einen sicheren Eingangsbereich zurück und Northcross folgte ihnen. Die Tür schlug hinter ihm zu, sodass sein Kollege Bell und ein weiterer Beamter in der Zelle mit dem Verdächtigen eingesperrt waren. (…) Northcross, der sich ziemlich zurückgehalten hat, beschrieb die Szene als 'nicht angenehm' und 'ziemlich aufgeheizt'. Letztendlich, nachdem sie sich mit dem Generalstaatsanwalt beraten hatten, nahmen die Wärter den Gefangenen zähneknirschend auf. Der Stamm hat den Wärter, der Northcross gestoßen hatte, wegen schwerer Körperverletzung an einem Polizeibeamten angeklagt, die Anklage wurde jedoch später fallen gelassen. Als Ergebnis des Konflikts hat der Gouverneur Stitt das Prinzip der Kreuzvertretung abgeschafft, was bedeutet, dass die Stammespolizei keine Nicht-Natives mehr in Okmulgee County verhaften darf. Das Büro des Sheriffs und die Stammespolizei befinden sich im Grunde genommen in einem kalten Krieg."
Lidove noviny (Tschechien), 04.08.2024

Mediazona (Russland), 24.07.2024
Observator Cultural (Rumänien), 01.08.2024
Wie kann man kleine und junge Literaturen populär machen? Indem man Vielfalt zum verlegerischen Leitkonzept macht, meint der rumänische Dichter, Schriftsteller, Essayist und Herausgeber Cosmin Perta gegenüber dem rumänischen Kulturbeobachter. Im Gespräch mit Silviu Romaniuc zeichnet er optimistisch ein aktuelles Bild der rumänischen Gegenwartsliteratur, die formal immer mutiger, immer mehr rezipiert und immer breiter in Rumänien diskutiert werde. Als Editor ist es Perta vor allem ein Anliegen, die Leserschaft mit den formalen Versuchen junger Autorinnen und Autoren in der aktuellen literarischen Produktion in Rumänien vertraut zu machen: "Die meisten Verlage führen - bewusst oder nicht - zu einer Art Standardisierung oder Ideologisierung, indem sie eine bestimmte Art von Diskurs bevorzugen und suchen. Ich sage nicht, dass das etwas Schlechtes ist, es bringt nur eine Art von Positionierung und eine Art von erkennbarer Identität mit sich. Aber ich interessiere mich auch für Diskurse, die sich nicht in Schubladen einordnen lassen, für atypische Bücher, die aber einen bestimmten Wert haben, wie zum Beispiel gut geschriebene poetische Prosa oder der journalistische Essay, der sich an der Grenze zwischen den Genres bewegt. Man kann keinen Verlag betreiben, der ausschließlich atypische Büchern publiziert, das stimmt, aber ich versuche doch, ihre Integration zu ermöglichen."Guardian (UK), 05.08.2024
Persuasion - Substack, Yascha Mounk (USA), 05.08.2024

New Statesman (UK), 05.08.2024
Wie Lily Lynch berichtet, ist die amerikanische Tech-Branche in politischer Hinsicht gespaltener denn je. Hatten in Silicon Valley früher die Demokraten die Überhand, sind inzwischen viele Tech-Unternehmer ins Trump-Lager gewechselt. Ein Grund dafür: Trump macht sich für eine weitgehende Deregulierung der KI- und Krypto-Märkte stark, während Biden und vermutlich auf Kamala Harris für eine stärker interventionistische Politik stehen. Manche haben noch radikalere Visionen: "Bedenken hinsichtlich KI, Kryptowährungen und Steuern sind sicherlich die Hauptgründe für die (Tech-)Unterstützung von Trump, aber es gibt inzwischen andere, wildere Ideen, die ebenfalls mit im Spiel sind. Tech-Barone aus dem Silicon Valley haben begonnen, mit neuen Formen des Staatswesens zu experimentieren. Der Unternehmer und Investor Balaji Srinivasan, der während Trumps Amtszeit als Kandidat für die Leitung der Food and Drug Administration gehandelt wurde, schrieb ein Buch mit dem Titel 'The Network State: How to Start a New Country' (2022), in dem er über die Möglichkeit nachdenkt, neue Länder zu schaffen, die frei von den liberalen Pathologien sind, die seiner Meinung nach Städte wie San Francisco prägen. Srinivasans 'Network State' würde darauf basieren, dass Online-Gemeinschaften von der 'Cloud'-Welt in die materielle Welt erweitert werden: Mit anderen Worten, neue Staaten würden online gegründet werden, in Gemeinschaften, die nach gemeinsamen Interessen und Werten geformt sind, und schließlich offline gehen, indem sie über Crowdfunding Territorien erwerben, in denen sie ein libertäres Xanadu schaffen. Die Idee mag nach Science-Fiction klingen, aber es gibt bereits experimentelle Gemeinschaften, die in Betrieb sind; die am weitesten fortgeschrittene unter ihnen ist das von Thiel unterstützte Prospera auf der Insel Roatán vor der Küste von Honduras. Das Gebiet umfasst bereits einen 18-Loch-Golfplatz, ein Bitcoin Education Center und eine experimentelle Biotech-Klinik."HVG (Ungarn), 01.08.2024
Die aus Siebenbürgen stammende und in Paris lebende Regisseurin Mónika Rusz reagiert auf die Empörung der ungarischen regierungsnahen Presse über die vermeintlich "blasphemisch-woke" Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele in Paris. "Ist es zu viel, ästhetisch überhöht, verblüffend? Ist es provokant, dass nicht Leonardo da Vincis 'Letztes Abendmahl', sondern Jan Hermansz van Biljerts 'Fest der Götter' als Live-Bild präsentiert wurde? Diese Vorführung sprach sowohl zu einem Frankreich in der Krise als auch zu einer Welt voller Traumata und Empfindlichkeiten. Letztere versteht, fordert oder akzeptiert nicht unbedingt die französische eklektische Lässigkeit, das grenzwertig kitschige Toben. Sie ist immer weniger mit der französischen Kunst und dem französischen Geist vertraut, die die europäische Kultur für Jahrhunderte prägten. Deshalb wird dieses große Lichterfest von einem französischen Weltbürger, der trotz so vieler Widrigkeiten noch immer aufnahmefähig und offen ist, anders gesehen und erlebt als vom Zensor des marokkanischen Fernsehens oder von Elon Musk, dem Milliardär, der die sozialen Medien besitzt und sie seinen politischen Interessen unterordnet. Die von ihrer Natur aus nicht zensierbare Kunst zeigte sich hier und blieb nur einer Frage schuldig: Warum erscheint sie so, wie sie ist?"The Insider (Russland), 01.08.2024
Tablet (USA), 05.08.2024
Ebenfalls in Tablet erzählt Jonathan Marc Gribetz die Geschichte des frühen Antizionisten Elmer Berger, der aus dem Reformjudentum kam.
New Lines Magazine (USA), 05.08.2024
In von Rumänien kontrollierten Gebieten wurden während der Nazi-Zeit 380.000 Juden und 11.000 Angehörige der Roma-Gemeinschaft ermordet. Die Rolle, die Rumänien bei der Verfolgung der Juden im eigenen Land spielte, wurde im Land aber lange Zeit ignoriert. Seit dem Jahr 2023 gibt es nun einen verpflichtenden Kurs in Schulen, der den Holocaust in Rumänien aufarbeiten soll, berichtet Amanda Coakley. Dabei geht es auch um das Pogrom von Iasi, das am Beginn einer Vernichtungswelle gegen Juden und Jüdinnen stand: "In den ersten fünf Monaten seiner Regierungszeit, die im September 1940 begann, verbündete sich Ion Antonescu mit der faschistischen Bewegung der 'Eisernen Garde', verschärfte die antisemitische Gesetzgebung und unterstützte Angriffe auf jüdische Gemeinden, um die Wirtschaft zu 'rumanisieren'. Anfang 1941 kam es zum Zerwürfnis zwischen Antonescu und der 'Eisernen Garde' und ihrem Anführer Horia Sima, nachdem diese einen Staatsstreich verübt hatten, um die Macht an sich zu reißen. Doch obwohl die Mitglieder verhaftet und eingesperrt wurden, blieb der Antisemitismus bestehen. Monate später, als sich 585.000 rumänische Soldaten auf den Einmarsch ihrer deutschen Verbündeten in die Sowjetunion vorbereiteten, behauptete Antonescu, die jüdische Gemeinde in Grenznähe spioniere im Auftrag der Russen und warne sie vor den Militärmanövern. Dies war der Auslöser für das Pogrom von Iasi, das am 28. Juni 1941 begann und zu einem Massenmord an über 4.000 Juden in der Polizeistation der Stadt führte. Parallel zu den Morden wurden mehrere Tausend weitere Juden aus der Region in Viehwaggons gesperrt und nach Nord- und Südrumänien deportiert. Die Einwohnerzahl der Gemeinde in der Stadt, in der sich sephardische Juden erstmals im 15. Jahrhundert niedergelassen hatten, wurde halbiert. Um die rumänischen Soldaten bei der Durchführung der Aktion zu unterstützen, wurden Mitglieder der 'Eisernen Garde' aus dem Gefängnis entlassen. Insgesamt wurden bei einem der blutigsten Massaker, das die Rumänen während des Krieges verübten, mindestens 13.000 Menschen getötet. Als Rumänien später Bessarabien und die Nordbukowina zurückeroberte, verschärften sich die Angriffe auf Juden in diesen Gebieten. Zwanzigtausend Juden wurden in Odessa ermordet, als die ukrainische Stadt unter rumänischer Kontrolle stand. Tausende weitere wurden auf Geheiß von Antonescu in Lagern und Ghettos im gesamten Gouvernement Transnistrien getötet."Saurav Das deckt in einer größeren Recherche die düsteren Machenschaften der Polizei in dem bevölkerungsreichsten Bundesstaat Indiens Uttar Pradesh auf. Seit 1997, erklärt er, sind landesweit mindestens 3.584 Menschen bei Schießereien mit der Polizei ums Leben gekommen. Uttar Pradesh führt diese Liste mit 1.114 Tötungen an. Über die Jahre hat sich ein bestimmtes Muster abgezeichnet nach dem viele dieser Schießereien ablaufen: Die Beamten geben an, der Getötete sei ein gesuchter Verbrecher, die Tötung sei deshalb in Selbstverteidigung erfolgt, "viele Menschenrechtsaktivisten und Familien von Opfern haben jedoch behauptet, dass es sich bei den meisten dieser Polizeiaktionen um 'vorgetäuschte Begegnungen' handelt, ein Begriff, der zur Beschreibung außergerichtlicher Tötungen verwendet wird. Der von Das befragte Menschenrechtsaktivist Rajeev Yadav erklärt, wo der Grund liegt: "'Was wir heute erleben, ist, dass die Polizei als bezahlte Mörder und Auftragskiller agiert, die Personen für einen Preis töten oder verletzen', sagte der Aktivist. 'Die eigentlichen Verbrecher bestechen die Polizei, um Ermittlungen zu entgehen. Die Polizei zwingt dann Informanten, jemanden mit einer Vorgeschichte von vielleicht geringfügigen, unbedeutenden Straftaten zu belasten.' In den ersten Jahren von Adityanaths Herrschaft enthüllte eine verdeckte Operation von India Today, dass einige Polizeibeamte bereit waren, für einen Preis von 5.000 bis 7.000 Dollar Begegnungen zu inszenieren, um den Gegner einer Person zu eliminieren. Es gab Berichte, dass in einigen Bezirken eine monetäre 'Tarifkarte' für Polizeieinsätze gegen die Gegner im Umlauf war."
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