Magazinrundschau

Verführungen der Unterwelt

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
09.10.2012. In The New Inquiry bewundert Teju Cole die geheimnisvollen Fotos Gueorgui Pinkhassovs. In der LRB möchte Christian Lorentzen aus David Foster Wallace lieber keinen Heiligen gemacht sehen. Ähnlich ergeht es in der NYRB Fintan O'Toole mit James Joyce. In ADN Cultura kann der französische Philosoph Jacques Rancière das Gerede von "der Krise" nicht mehr hören und bittet um Präzision. Bloombergs Businessweek fühlt Sizilien den Puls. Ars technica sucht die Vier von der Pirate Bay. In The Awl erinnert sich Fran Lebowitz an eine Zeit, in der man Sex für gesund hielt, nicht Radfahren. Die NYRB und der Rolling Stone schildern, wie Occupy-Aktivisten vom Staat zu Terroristen gemacht werden.

New Inquiry (USA), 23.09.2012

Es wird mehr fotografiert als je zuvor: ein Zehntel aller existierenden Fotos wurde in den vergangenen 12 Monaten aufgenommen, berichtet der Schriftsteller und Kunsthistoriker Teju Cole. Die meisten dieser Bilder sehen gleich aus - und nicht besonders gut -, aber einigen wenigen Fotografen gelingt es, mit den Mitteln von iPhone und Instagram große Kunst zu erschaffen. Besonders die Arbeiten des russischen Fotografen Gueorgui Pinkhassov haben es Cole angetan: "Eines der Vergnügen beim Betrachten von Pinkhassovs Fotos ist dieser ständige 'Moment, was ist das?'-Effekt, selbst wenn man sie schon fünf- oder zehnmal angesehen hat. Ich liebe die Bilder, die kaum da sind, die sich ihrer Bestimmung entziehen (meist durch Fragmentierung und eigenwillige Verschränkung von Vorder- und Hintergrund). Und ich liebe das Geheimnis, warum mich diese Fotos berühren, obwohl sie sehr wenig Journalismus und kaum ein Narrativ enthalten. Stattdessen gibt es Emotionen, die nicht falsch oder aufgesetzt wirken."
Archiv: New Inquiry

London Review of Books (UK), 11.10.2012

Christian Lorentzen führt anhand von D. T. Max' neuer Biografie (die aus einem langen, im New Yorker erschienenen Nachruf des Biografen hervorgegangen ist) durch das Leben von David Foster Wallace. Doch stört sich der Rezensent ziemlich an Max' Versuchen, den 2008 durch Freitod gestorbenen Autor als möglichst normal hinzustellen: "Es scheint so, als würde Max die 'Tugend' der 'Normalität' mit deutlicher Absicht an Wallace zu heften versuchen. Das ist insofern seltsam als Max' sorgfältiger und gewissenhafter Bericht tatsächlich einen ziemlich wunderlichen Mann zeigt, der einen Großteil seines Lebens im quasi-klösterlichen Stil eines akademischen Lebens zubrachte, einen Raum in seinem Haus komplett schwarz gestrichen hatte und sich offenbar viele Jahre alleine von Blondies (einer schokoladelosen Brownie-Variante) ernährte. Max' Fixierung auf 'Normalität' ('Wallace' Kindheit war glücklich und gewöhnlich') ist Teil einer Mission zur Popularisierung. Er möchte Wallace zum Heiligen stilisieren ... Doch um jemanden zu bewundern, ist es nicht nötig, sich mit ihm zu identifizieren. Heiligkeit, bis zu jenem Grad, den er besaß, war Wallace' uninteressanteste Qualität. Wenigstens übertrifft Max' Faktenzusammenstellung für gewöhnlich seine Versuche, seinen Gegenstand heiligzusprechen." Beim New Yorker finden wir nicht nur einen Auszug aus der Biografie, sondern auch einige, die Buchveröffentlichung flankierende Blogposts, sowie die Aufnahme eines Gesprächs mit D. T. Max über sein Buch.

Weitere Artikel: Tom Carver schreibt Tagebuch in Beirut. Adam Smyth erinnert die Lektüre von Tom Phillips' Roman "A Humument" daran, "dass Bücher unausweichlich intertextuell sind (...) und dass alles Schreiben darauf fußt, aus einem endlichen Pool an Wörtern zu wählen." Anders als die anderen Besucher im Kinosaal hat ein recht ratloser Michael Wood "The Master" (Pressespiegel), den neuen Film von Paul Thomas Anderson über Scientology-Gründer L. Ron Hubbard, zwar tapfer durchgehalten, nur um sich am Ende doch zu fragen, ob er "weniger verwirrt oder vielleicht sogar weniger gelangweilt" war als die anderen Zuschauer. James Wood liest mit Freuden Michael Gorras ausführliches Buch über Henry James' Roman "Portrait of a Lady". Der guten Besetzung (unter anderem mit "Sherlock" Benedict Cumberbatch) zum Trotz findet Christopher Tayler die BBC/HBO-Produktion "Parade's End" (nach Ford M. Fords gleichnamigem Romanzyklus) auf "unschreckliche Art und Weise" ziemlich durchwachsen. Chimamanda Adichie liest Chinua Achebes "persönliche Geschichte von Biafra". James Davidson schlendert durch die Bronze-Ausstellung in der Royal Academy.

ADN cultura (Argentinien), 06.10.2012

Krise und Populismus - Luisa Corradini unterhält sich mit dem französischen Philosophen Jacques Rancière: "Die Art, wie heutzutage über 'die Krise' geredet wird, gefällt mir nicht. Der Begriff ist nicht nur zu einem Allround-Konzept verkommen - die Demokratien sind in der Krise, die Kunst ist in der Krise, etc. etc. -, sondern er ist auch verantwortlich dafür, dass alles bloß noch unter einer klinischen Perspektive wahrgenommen wird, als Betätigungsfeld für eine intellektuelle und soziale Ärzteschaft. Es gibt aber keine 'Krise der Demokratie', sondern es gibt demokratische Defizite, was nicht dasselbe ist. Und so sehr ich dagegen bin, jede Art der Forderung nach Macht durch das Volk als 'Populismus' abzutun, teile ich doch nicht automatisch die Begeisterung so vieler für die neuen Regierungen in Südamerika: Wenn ich sehe, dass Hugo Chávez zum dritten Mal hintereinander Präsident werden will, sage ich mir, dass er weit davon entfernt ist, ein Demokrat zu sein: Demokrat ist jemand, der die Voraussetzungen dafür schafft, dass ihm so schnell wie möglich ein anderer nachfolgen kann, beziehungsweise, dass es gar nicht mehr nötig ist, dass es einen Anführer, eine oberste Verkörperung der Nation gibt."
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Archiv: ADN cultura

Bloomberg Businessweek (USA), 08.10.2012

"Die größte Bedrohung für Siziliens Zukunft sind seine Politiker", behauptet Stephan Faris in einem Report, der das Drama der Insel als eines der öffentlichen Verschwendung beschreibt. Aber eine kleine Rolle spielt die Mafia doch: "In gewisser Weise ist Siziliens derzeitige Krise eine Folge seiner vorigen. Als Leoluca Orlando vor 27 Jahren zum Bürgermeister gewählt wurde, war die Mafia die größte Gefahr für die Hauptstadt Siziliens. Leichen lagen in den Straßen, Opfer eines Krieges zwischen rivalisierenden Familien. Ein früherer Bürgermeister, Vito Ciancimino war gerade wegen Betrugs, Untreue und Verbindungen zur Cosa Nostra verhaftet worden. Orlando antworte mit dem, was als Palermos Renaissance bekannt werden sollte. Er stoppte die Verträge der Stadt mit Firmen, die verdächtigt wurden, der Mafia nahezustehen, er ermutigte Bürger und Händler, sich gegen die Mafia zu wehren und veranlasste den Bau eines bunkerartigen Gerichtsgebäudes inmitten Palermos, wo italienische Staatsanwälte Hunderten von mutmaßlichen Gangstern den Prozess machten und mehr als dreihundert überführten. Um die Überlegenheit des Rathauses gegenüber der Mafia zu beweisen, stellte Orlando Tausende von neuen Angestellten ein und bot denen, die den Verführungen der Unterwelt am stärksten ausgesetzt waren, befristete Jobs an: den Arbeitslosen, den Benachteiligten und Arbeitern, die ihren Job verloren hatten, als ihre mutmaßlich von der Mafia infiltrierten Firmen geschlossen wurden... Die meisten der von Orlando befristet Eingestellten arbeiten noch immer für die Stadt."

Eurozine (Österreich), 08.10.2012

Polen verabschiedet die Intelligentsia. Wie der Soziologe Tomasz Zarycki in einem etwas trockenen Text erklärt, werden auch die polnischen Eliten inzwischen in der westlich-bürgerlichen Mittelklasse generiert - und nicht mehr in der alten russisch gesprägten Bildungsaristokratie. Diese Veränderung habe am prominentesten Pawel Kubicki in seinem Buch 'Neue Bürger' (Nowi Mieszczanie) beschrieben: "Kubicki argumentierte, dass die 'neuen Bürger' im Milieu junger Polen, die nach und nach vom Land in die größeren Städten gezogen sind, eine ganz neue urbane Schicht hervorgebracht haben, die als das zukünftige Modell der polnischen Mittelklasse betrachtet werden kann. Kubicki kritisierte die Tradition der Intelligentsija, und erklärte sie für überholt." Dass er Städte wie Krakau, Stettin und Wroclaw wählte, erscheint Zarycki kein Zufall, denn sie gehörten zu den Teilen Polen, die im 19. Jahrhundert von Preußen oder Österreich besetzt waren, nicht von Russland. "Wroclaw ist der positivste Fall in Kubickis Bericht, er zitiert junge Bürger der Stadt, die sich bereits mit den Bewohnern Breslaus vor dem Krieg identifizieren."
Archiv: Eurozine
Stichwörter: Krakau, Preußen, Stettin

ars technica (USA), 04.10.2012

Cyrus Farivar spürt für ars technica akribisch den Schicksalen der vier Pirate-Bay-Gründer nach. Alle sind zu mehrmonatigen Haftstrafen, vor allem aber zu millionenhohen Entschädigungen verurteilt worden. Ihre Strafe anzutreten, würde für sie bedeuten, ihr künftiges Leben auf Sozialhilfeniveau zu fristen. Aber kein einziger ist mehr in Schweden. Einer von ihnen, Peter Sunde, hat den Crowdfunding-Dienst flattr mitgegründet. Ein anderer, Fredrik Neij, setzt juristische Hoffnungen auf den Europäischen Gerichtshof und beauftragte seinen Anwalt Jonas Nilsson mit einer Menschenrechtsklage. Aber "was auch immer in diesem Fall geschieht - der Gerichtshof kann die Entscheidung eines EU-Mitgliedsstaats nicht rückgängig machen. Das endgültige schwedische Urteil steht. Warum also das Straßburger Gericht anrufen? Die Hoffnung liegt darin, dass ein Tadel gegen Schweden ausgesprochen wird, der auch Entschädigungszahlen an seinen Mandanten einschließen könnte. Solch ein Tadel, so Nilssons Hoffnung könnte einen ganz neuen Prozess nach sich ziehen."
Archiv: ars technica

Awl (USA), 02.10.2012

Schwule wollen heute heiraten, Kinder kriegen und allen vermitteln, dass sie genau so sind wie Heterosexuelle. Aber das stimmt nicht, behauptet fast wütend Fran Lebowitz im Interview mit The Awls Matthew Gallaway. Erst Aids habe diese konventionelle Einstellung hervorgerufen. Alles begann damit, dass selbst die Act-up-Aktivisten gewissermaßen zu verschleiern suchten, dass Aids ein Virus war: "Ronald Reagan war Präsident. Heute wird er als eine Art Heiliger Nikolaus angesehen, aber er war schrecklich, wirklich schrecklich. Und Ronald Reagan war nicht der einzige, die ganze Welt schien von Reagans bevölkert zu sein. Deshalb fürchteten sich Schwule und dachten sich diese große Lüge aus: 'Nein, ich hatte keinen Sex mit 40.000 Leuten in einem Darkroom, ich bin genau wie ihr.' Und so erfanden sie nicht den Virus, aber die Geschwindigkeit, mit der er sich verbreitete, denn natürlich wurde er durch die Promiskuität weitergegeben."
Archiv: Awl
Stichwörter: Aids, Ronald Reagan

New York Review of Books (USA), 25.10.2012

In New York soll eine eigens dafür gegründete Polizei- und Spionageorganisation - New York City Police Department's Intelligence Division (Intel) - hausgemachte muslimische Terroristen aufspüren. In dieser Hinsicht sind ihre Erfolge fragwürdig, meint Michael Greenberg. Sehr gut ist Intel aber offenbar im Terrorisieren und Einschüchtern von Occupy-Aktivisten, die ihr Recht auf freie Meinungsäußerung wahrnehmen: "Er sehe im Kriminalgericht immer häufiger friedliche politische Aktivisten auf Beobachtungslisten für Terroristen landen, erklärte mir Gideon Oliver, Präsident der New Yorker Abteilung der Nationalen Anwaltskammer, die zusammen mit der Legal Aid Society, kostenlose Rechtsberatung für verhaftete Aktivisten anbietet. Martin Stolar verteidigte kürzlich einen Occupy-Aktivisten, der wegen unerlaubten Betretens eines Grundstücks vor Gericht stand. In den vorgerichtlichen Untersuchungen brachte ein Intel-Detektiv die Beweise vor und legte damit nahe, so Stolar, dass sein Mandant, ein bekannter Occupy-Aktivist, unter Beobachtung stehe und gezielt verhaftet wurde. 'Zur Gerichtsverhandlung', sagte Stolar, 'haben sie dann einen einfachen Polizisten geschickt, um Intel zu schützen.'"

Außerdem: Fintan O'Toole liest Gordon Bowkers hagiografische Joyce-Biografie. Anne Applebaum amüsiert sich mit einer Reihe von Büchern über erfolgreiche russische Spione. Elisabeth Sifton und Fritz Stern würdigen die Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer und Hans von Dohnanyi.

Rolling Stone (USA), 27.09.2012

Sabrina Rubin Erdely schildert in einer ausführlichen Reportage die Hintergründe eines gescheiterten Bombenanschlags einiger so grundnaiver wie radikalisierter Occupy-Aktivisten in Cleveland unter der Anleitung eines FBI-Informanten, der der zuvor orientierungslos agierenden Gruppe den Anschlag allerdings offenbar regelrecht einflüsterte: "Und es handelte sich dabei nicht um irgendeinen Informaten, sondern um einen zuckersüß daherredenden Ex-Knacki, einen unverbesserlichen Gesetzesbrecher, der noch zusätzliche Anzeigen einheimste, während er schon auf der Gehaltsliste des FBI stand. Von Anfang an nährte die Regierung die destruktiven Tagträume der Jungs, ermunterte sie bei jedem Schritt und gab ihnen den Mut und die Werkzeuge, um ihre 'Fight Club'-artige Sprücheklopferei in die Realität umzusetzen. Beobachtet man, wie sich diese Verschwörung unter den Fittichen des Informanten entwickelt hat, so sieht man fünf junge Männer, die mit gewaltigem staatlichen Aufwand von rebellischen Idealisten zu terroristischen Teufeln geformt werden. Diese Entwicklung hat deutlich den Beigeschmack dessen, was man einst 'in die Falle locken' nannte. Und doch, sagt der frühere FBI-Agent Michael German, hätte das FBI noch vor dem 11. September die Idee, terroristische Verschwörungen mitanzuschieben, um sie dadurch zu entschärfen, als lachhaft abgetan. 'Doch was einst als eine für den Notfall vorgesehene Methode gerechtfertigt wurde, hat sich zu einem als normal angesehenen Bestandteil der regulären Arbeit der Strafjustizbehörden gewandelt.'"
Stichwörter: FBI