Magazinrundschau

Na bravo, wirklich vorbildlich

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
29.05.2012. Im New Yorker erzählt Colson Whitehead, was B-Pictures ihn über die Kunst lehrten. In El Pais Semanal möchte der Philosoph Javier Gomá Lanzón nach einem Gin Tonic gern auch mal nicht vorbildlich sein. In Eurozine erklärt Michael Ignatieff, warum Empathie nicht verwaltet werden kann. La Regle du Jeu feiert Jonathan Littells Notizen aus dem syrischen HomsWired studiert den Cyberwar am Beispiel Libyen.

New Yorker (USA), 11.06.2012

Diese Doppelnummer beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Science Fiction. In einem herrlichen autobiografischen Text beschreibt der Romancier Colson Whitehead seine "psychotronische Kindheit" im New Yorker der siebziger Jahre und wie er von B-Movies fürs Leben lernte. Während andere Kinder im Central Park spielten, lag er daheim auf dem Wohnzimmerteppich und guckte Horrorfilme: "Ich machte keinen Unterschied zwischen guten und schlechten Filmen. Für jeden Science Fiction-Klassiker - wie 'Der Tag, an dem die Erde stillstand' (ein Abgesandter der Vereinten Galaxen ermahnt die Menschen zu guter Staatsbürgerschaft) -, den ich an strahlenden Sommertagen auf irgendeinem UHF-Kanal entdeckte, gab es eine 'Insel der Ungeheuer' (vom Himmel gefallene Riesenhühner hacken eine kleine Insel kaputt), vor dem ich mich auf dem Teppich zusammenkringelte ... Ich legte mehr Wert auf die Zahl der Toten als auf Regie. Was ich über Kunst dabei lernte: Schon ihre reine Existenz war ein Qualitätsbeweis. Wenn es Poster gab und Fernsehwerbung und wenn die Bilder tatsächlich menschliche Wesen aufwiesen, die vor Kameras standen und Worte von sich gaben, erfüllte das die Definition eines Films, und das genügte mir."

Außerdem: Laura Miller untersucht, wie die ersten Aliens in der Literatur aussahen, und stellt dabei fest, dass sie vor dem 19. Jahrhundert im Grunde immer menschlich waren: wie etwa in Voltaires satirischer Erzählung "Micromégas", in der die Saturnianer, abgesehen von ihrer Größe, aussehen wie Erdlinge. Zu lesen ist weiter die Kurzgeschichte "Olds Rocket 88, 1950" von Großmeister William Gibson.

Weitere Artikel: Philip Gourevitch denkt über das syrische Dilemma nach und wie man mit Bashar al-Assad verfahren soll. Außerdem gibt es Besprechungen der TV-Serien "Doctor Who" und "Community".
Archiv: New Yorker

El Pais Semanal (Spanien), 26.05.2012

Der spanische Philosoph Javier Gomá Lanzón lobt die "ejemplaridad", die "Vorbildlichkeit" im Öffentlichen wie auch im Privaten, als zeitgemäße politische Tugend, denn "sich an die Gesetze zu halten ist in der Demokratie eine notwendige, jedoch keineswegs hinreichende Bedingung". Die Sache hat aber auch ihre Tücken: So wie der spanische König, dessen letzte Weihnachtsansprache die Beispielhaftigkeit in den Mittelpunkt gestellt hatte, wenig später nach Bekanntwerden seiner Elefantenjagdabenteuer in Botswana bei seinen Untertanen öffentlich Abbitte leisten musste - ein buchstäblich beispielloser Vorgang -, sieht Gomá Lanzón sich selbst seit der Veröffentlichung eines überraschend erfolgreichen Essays zum Thema "Ejemplaridad" unter ständiger Beobachtung: "Es genügt, dass ich nach dem ersten Gin Tonic einen leicht anzüglichen Kommentar abgebe oder beim Autofahren einen Handyanruf entgegennehme - sofort schallt es mir entgegen: Na bravo, wirklich vorbildlich! Besonders unnachgiebig in dieser Hinsicht sind meine Kinder. Um mir künftig wieder Luft zu verschaffen, widme ich mein nächstes Buch jedenfalls dem Thema 'Sadomasochistische Libertinage - Eine Apologie'."

New York Magazine (USA), 26.05.2012

Joe Hagan liefert zuweilen durchaus nicht unsalzige Insiderinformationen über die jüngsten Konflikte bei der New York Times. Hat Arthur Sulzbergers neue Freundin Claudia Gonzalez dafür gesorgt, dass Sulzberger im letzten Dezember die NY Times-CEO Janet Robinson rausschmiss? So lauteten die Gerüchte - aber vielleicht war der Sulzberger-Clan in der Sache noch wichtiger. Robinson konnte sich immerhin die erfolgreiche Einführung einer Pay Wall zuguteschreiben. Aber gleichzeitig sanken die Einnahmen aus der Printwerbung, während andere Zeitungen wieder anfingen sich zu erholen. Und das bedeutete, dass all die Sulzbergers auf ihre gewohnt üppigen Dividenden verzichten mussten: "Für Arthur Sulzberger und die fünf anderen Familienmitglieder mit festen Stellen in der Firma war das okay, aber die weitere Familie, all die Söhne, Töchter, Neffen und Nichten, war nun gezwungen, Aktien zu verringerten Kursen zu verkaufen um Geld aufzutreiben. Die meisten haben tolle, aber gering bezahlte Beschäftigungen wie Akademiker, Romancier, Musiker, Psyhpotherapeut, aber das Geld floss auch in Zweitwohnsitze und teure Hobbies wie Tiefseetauchen."

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La regle du jeu (Frankreich), 21.05.2012

Klarsicht und einen desillusionierten Blick bescheinigt Alex Lacroix Jonathan Littells "Notizen aus Homs". Das Buch sei zweifellos eine der "literarischen Erschütterungen" des Frühjahrs. Littell, Autor von "Die Wohlgesinnten", versammelt darin seine Beobachtungen und Erlebnisse in der umkämpften syrischen Stadt, in die er sich Anfang des Jahres zusammen mit einem Fotografen von Angehörigen der Syrischen Befreiungsarmee hatte einschleusen lassen. "Ein Buch, das mit nüchterner und wirkungsvoller Kraft gegen die Litanei des Defätismus protestiert: natürlich indem es die Rebellion feiert und deren anonymen Märtyrern ein Gesicht gibt; vor allem aber, indem es uns durch seine Zeugenberichte das Schicksal der Einwohner näher bringt, oft moderat konservative Muslime, die eine geschickt inszenierte Propaganda gern als fremdgeleitete Radikalislamisten darstellt. Ethische Macht der Literatur: Dank Littell betreten wir jenes geheime Krankenhaus, in dem Zwölfjährige, von staatlichen Heckenschützen angeschossene Jungen sterben, während die medizinische Hilfe systematisch vereitelt wird. Gebrauchsanweisung für einen Urbizid."

MicroMega (Italien), 23.05.2012

Europa, und besonders Deutschland, sollten sich dringend John Maynard Keynes' und der eigenen Geschichte erinnern, meint Barbara Spinelli, sonst könnte die gegenwärtige Eurokrise gewaltig schief laufen: "Die Erinnerungen spielen üble Scherze, vor allem den Deutschen, die nach 45 eine Modelldemokratie aufbauten. Aber mit der Zeit hat sich das Gedächtnis wie halbseitig gelähmt erwiesen: als ob nur eine Seite der Geschichte aufbewahrt würde. Es bleibt die quälende Sorge der Hyperinflation zwischen 1914 und 1923, aber es verdunstet die Deflation, die 1929 begann und mit Hitlers Aufstieg endete. Das gleiche gilt für die Reparationen, die die Demokratie von Weimar zerstörten, und für die Niederlage Keynes in Versailles: man vergisst den verspäteten Sieg Keynes' nach dem Zweiten Weltkrieg. Diesmal waren es Europa und Amerika, die den Kurs wechselten: der Marshall-Plan wurde geboren..."
Archiv: MicroMega

The Atlantic (USA), 01.06.2012

Vietnam sucht mehr und mehr die Unterstützung der USA, um ihre Interessen in der South China Sea gegen China zu verteidigen. Dieses Meer ist nicht nur einer der wichtigsten Handelswege in Asien, dort liegt vermutlich auch mehr Öl als sonst irgendwo auf der Welt, Saudiarabien ausgenommen, berichtet Robert Kaplan. "Wie ein chinesischer Diplomat mir erklärte: 'China ist siebzehn Mal in Vietnam eingefallen. Die USA sind einmal in Mexiko eingefallen und sehen Sie, wie empfindlich die Mexikaner deswegen sind. Wir wachsen mit Büchern auf, die voller Geschichten sind über Nationalhelden, die die Chinesen bekämpften.' Die vietnamesische Furcht vor China ist genau deshalb so tief, weil Vietnam der Umarmung dieses gigantischen Nachbarn, dessen Bevölkerung fünfzehn Mal größer ist, nicht entkommen kann."

Außerdem: Abnehmen ohne Jojo-Effekt ist möglich, behauptet David H. Freedman - mit modernen Apps und den Methoden des Verhaltensforschers B.F. Skinners.

Archiv: The Atlantic
Stichwörter: Apps, Mexiko, Vietnam

Eurozine (Österreich), 25.05.2012

Eurozine übernimmt aus der deutschen Zeitschrift Mittelweg 36 (dort nicht online) eine Rede Michael Ignatieffs zum Gedenken an Tony Judt. Der kanadische Autor und Poltiker fragt sich darin, wie eine sozialdemokratische Politik heute aussehen könnte und macht dabei auch kritische Anmerkungen zur Geschichte des Sozialstaats: 'Schon vor 25 Jahren legte ich in dem Buch 'The Need of Stangers' dar, dass der Wohlfahrtsstaat Solidarität und Empathie eher konfiszierte und bürokratisierte als sie wirklich zu verkörpern. Solidarität wurde im Sozialstaat verwaltet. Wir lebten sie nicht und drückten sie nicht aus. Wir müssen das heute verstehen, denn der Sozialstaat braucht mehr als eine Verteidigung in Zeiten der Austerität, er braucht eine Reform: eher Ermächtigung von Empathie als ihre Bürokratisierung, Dezentralisierung der Entscheidungsfindung statt Zentralisierung, Marktdisziplin und Wettbewerb, um die Kosten zu beherrschen und ein Dienstleistungsethos, das die Leute als Bürger und nicht als Nummern behandelt."

Außerdem berichtet Mircea Vasilescu von der angesehenen Wochnzeitschrift Dilema veche von der höchst misslichen Lage der rumänischen Presse, die Dilema veche unter anderem veranlasste, ihren Onlinenauftritt kostenpflichtig zu machen. Und der Politologe Daniel Chirot würdigt die Entwicklung Osteurops seit 1989 in einer Übernahme aus der Zeitschrift Kulturos barai als eine der erfolgreichsten Revolutionen der Geschichte.
Archiv: Eurozine

Wired (USA), 18.05.2012

Sehr ausführlich erzählt Matthieu Aikins den Verlauf auf beiden Seiten des Cyberwars rund um die Aufstände in Libyen im vergangenen Jahr. Passagenweise liest sich das wie ein echter Thriller: Es geht um Überwachungssysteme wie "Eagle" von Amesys, einer Tochterfirma des französischen Konzerns Bull S.A., das in der Lage ist, den gesamten Internetverkehr einer Region zu protokollieren und zu durchleuchten, um persönliche Spionage-Intrigen, um gekappte Internetverbindungen und geklaute Satellitenschüsseln zur Umgehung der Überwachung. "Mittlerweile ist es allgemein bekannt, dass der Arabische Frühling das Versprechen des Internets auf einen Schmelztiegel für demokratischen Aktivismus aufzeigte. Doch im Schatten entfaltete sich ein zweites Narrativ über das gleichwertige Potenzial des Internets zur staatliche Überwachung und Repression in einem Ausmaß, das mit alter analoger Technologie wie Lauschangriffen und Informanten unvorstellbar gewesen wäre. Heute, da Gaddafi tot ist und die provisorische Regierung der früheren Rebellen das Kommando übernommen hat, ist es uns möglich, das Geheimnis um die Hi-Tech-Spionagemaschinerie zu lüften, die dem Diktator und seinem Regime dabei behilflich war, sich an der Macht zu halten."

Weiteres: Der Erfolg selbst könnte Facebook als Privatunternehmen eines Tages das Genick brechen, schreibt Steven Johnson: Je mehr sich das Netzwerk von einem von vielen Orten im WWW zu einem Netz eigenen Rechts wandle, desto größer werde (analog etwa zur Infrastruktur von Straßen und Brücken) das Interesse der Öffentlichkeit an einer allgemeinen Nutzbarkeit seiner Strukturen. David Wolman schreibt mit einiger Begeisterung über den Grafikdesigner Hans-Jürgen Kuhl, der mit dem Ethos künstlerischer Perfektion in Köln Dollarnoten im Wert von einigen Millionen fälschte (eine Illustrationsreihe, wie Kuhl vorging, gibt es obenauf). Für die "Icons"-Gesprächsreihe unterhält sich Thomas Goetz mit dem Genforscher Craig Venter, der in Zukunft mittels synthetischer Lebensformen CO2 in Treibstoff umwandeln will.
Archiv: Wired