Magazinrundschau

Liebe, Revolution und Verrat

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
22.05.2012. Die Tscherkessen möchten 2014 keine Olympischen Winterspiele in Sotschi: Man könnte auf den Knochen ihrer ermordeten Vorfahren Ski fahren, berichtet Newsweek. Die Italiener müssen verstehen, dass Demokratie auch ohne Spektakel eine interessante Sache ist, meint Roberto Saviano im Espresso. Museen, fürchtet die türkische Regierung, ruft der Economist. Die LRB reist nach Syrien. Der New Yorker porträtiert Fidel Castros "Nacht-und-Nebel-Mann" William Alexander Morgan. Das Smithsonian Magazine steht staunend vor dem größten Salzsee der Welt.

Newsweek (USA), 21.05.2012

Falls Putin dachte, wenigstens bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 sei Ruhe, hat er sich geirrt. Die Spiele kommen den Tscherkessen gerade recht, darauf aufmerksam zu machen, das ihr Land am schwarzen Meer 1864 von den Russen kurzerhand abgeschafft worden war, berichtet Oliver Bullough. "'Wie würden Sie sich fühlen, wie würden die Russen sich fühlen, wenn Sportler aus der ganzen Welt angereist kämen, um auf den Gräbern Ihrer Vorfahren Ski zu fahren ohne zu wissen, was sie da tun', fragt Danyal Merza. Am 21. Mail war die 29jährige Telefontechnikerin mit zwei anderen ethnischen Tscherkessen, ihren Freunden Clara und Allan Kadkoy, von New Jersey in die Türkei geflogen, wo die meisten Mitglieder der tscherkessischen Diaspora heute leben. Wir vier landeten neben tausenden singenden Tscherkessen. Die menschliche Welle, gekrönt von einer Woge von Anti-Sochi-Bannern, schwappte in die Istiklal Straße in Istanbul und brach sich am einem Polizeikordon, der mit Schlagstöcken und Tränengas bewaffnet vor dem russischen Konsulat stand."

Und: Dan Ephron porträtiert einen "unwiderstehlichen Islamisten", Muslimbruder Abdel Moneim Aboul Fotough, der Ägyptens nächster Präsident werden könnte.
Archiv: Newsweek
Stichwörter: Diaspora, Muslimbrüder

Espresso (Italien), 21.05.2012

Lange Zeit waren Politik und Spektakel in Italien eins: Die Talkshows nährten sich von unfähigen Politikern und ihrem Versagen. Nun sind die Medien in Verlegenheit, schreibt Roberto Saviano, der übrigens auf La7 selbst eine Talkshow moderiert. Die Inszenierung der Lächerlichkeit sei beendet: "Dies alles war zwar zutiefst traurig, aber eine Garantie für Einschaltquoten. Allzu selten gelang es der Demokratie mit ihrer Langsamkeit, ihrer Strenge und Disziplin für 'Spektakel' zu sorgen. Und nun, wo das alles für uns vorbei ist, bleibt etwas Komplizierteres, nämlich die Konstruktion einer Grammatik, die in der Lage wäre, das zu erzählen, was gerade geschieht - diese Übergangsphase, die wir erleben. Die wirkliche Revolution und Neuerung sind heute die sozialen Netzwerke, die Online-und Digital- Sender, die auf dem Sharing beruhen und darum gerade der Quote nicht unterworfen sind. Darum sind sie siegreich."
Archiv: Espresso

Economist (UK), 19.05.2012

Museen weltweit sollten besser ihre Dokumente überprüfen, folgt man diesem Artikel. Demnach sieht die "mild islamistische" türkische Regierung unter Erdogan es im Zuge ihrer kulturpolitischen Bestrebungen als erwiesen an, dass archäologische Artefakte aus dem Raum der Türkei, deren legaler Erwerb nicht eindeutig belegt werden kann, als gestohlen betrachtet werden und somit ausgehändigt werden müssen. Neben dem Einsatz juristischer Mittel versucht die türkische Kulturpolitik auch auf andere Weise Druck auszuüben, so werden zum Beispiel bislang gepflegte Kooperation mit ausländischen Museen eingefroren. Die Angelegenheit geht wohl auch mit einem neuen nationalen Selbstbewusstsein einher: "Wachsende Wirtschaftskraft und die zum Erliegen gekommenen Gespräche über eine EU-Mitgliedschaft lassen in vielen Türken die Überzeugung reifen, dass es Zeit ist, sich vom Westen abzuwenden. Mitten im Trubel des Arabischen Frühlings glaubt die Türkei, dass sie die führende Kraft der Region werden kann. 'Ein neuer Naher Osten ist im Begriff zu entstehen', äußerte sich Außenminister Ahmet Davutoglu vergangenen Monat im Parlament. 'Wir werden der Besitzer, der Pionier und der Diener dieses neuen Nahen Ostens sein.'"
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Archiv: Economist

MicroMega (Italien), 20.05.2012

Traurig, beängstigend, aber auch sehr spannend liest sich das Vorwort Roberto Scarpinatos zu einem Band mit Essays und Interviews der Mafiaverfolger Giovanni Falcone und Roberto Borsellino, die vor zwanzig Jahren ermordet wurden. Nur mit Unbehagen denke er an die kommenden Gedenkzeremonien, schreibt Scarpinato, denn das Böse verkörpere sich nicht nur in ein paar festgenommenen Mafiabossen, es "ist mitten unter uns". Und Scarpinato braucht nur nachzuerzählen, wie die Stukturen der Antimafia-Einheit, die Falcone und Borsellino aufgebaut hatten, von Vorgesetzten zerbröselt wurden, um verständlich zu machen, was er meint: "Der Antimafia-Pool der beiden wurde in Wirklichkeit auseinandergenommen, weil er Ort eines Kriegsspiels war, in dem das gesamte Machtsystem Siziliens und damit eine der Säulen des nationalen Machtsystems ins Visier geraten war."
Archiv: MicroMega
Stichwörter: Sizilien

London Review of Books (UK), 24.05.2012

Layla Al-Zubaidi ist nach Syrien gereist, um sich dort mit Aktivisten aus dem Protest gegen das Assad-Regime zu treffen. Dabei hat sie zahlreiche Belege dafür gesammelt, dass der Kampf nicht mehr nur allein physisch konfrontativ vonstatten geht, sondern in Form satirischer Netzvideos längst auch auf der symbolischen Ebene ausgefochten wird: "Satire ist wichtig für die 'mentale Entgiftung', denn es wird nicht immer ganz deutlich, was real ist und was nicht. Ein kürzlich auf YouTube hochgeladenes Video ist das beste Beispiel dafür. Im Gewand eines besonders kruden Stücks Staatspropaganda trägt es das Logo von Dunya TV, dem Verlautbarungsapparat des Regimes. Der Ansager erklärt, dass die Übertragung eines Fußballmatchs zwischen Barcelona und Real Madrid auf Al-Jazeera 'in echt' eine verschlüsselte Beschreibung eines Waffendeals darstelle. Über die Spielübertragung legt sich eine Karte von Syrien, auf der nun jeder gespielte Ball quer durchs ganze Land geschmuggelte Waffen zeigen soll. Das Video wurde tausendfach kommentiert. Regimegegner nannten es ein typisches Stück Dunya TV-Propaganda, Regimeunterstützer einen Knüller."

Außerdem Iain Sinclair besucht den früheren Beat-Autor und heutigen Radikalökologen Gary Snyder auf dessen entlegener Farm, wo Elektrizität, wiewohl Teufelszeug, gerade so geduldet wird. Christian Lorentzen blättert in einem neuen Buch über die Kennedy-Ermordung und sieht am Ende in alten Polaroids George W. Bushs Augen aufblitzen. Besprochen werden ein neues Buch über Klimawandel von Stephen Gardiner und eine Ausstellung in der National Gallery in London über Tizians Bild "Flucht nach Ägypten":


Tehelka (Indien), 26.05.2012

Shoma Chaudhury kann es nicht fassen. Eine Riesen-Karikaturen-Affäre erschüttert Indien. Anlass ist eine Zeichnung K Shankar Pillais - des Begründers der politischen Karikatur im demokratischen Indien - aus dem Jahr 1948. Sie zeigt Bhimrao Ramji Ambedkar - einen der Väter der indischen Verfassung mit einer Peitsche in der Hand auf einer Schnecke, die das nur langsam vorankommende Verfassungsprojekt symbolisiert. Hinter ihm steht Nehru, ebenfalls mit Peitsche, um der Schnecke Dampf zu machen. Das Problem ist nur: Ambedkar war Dalit, Nehru gehörte der Brahmanenkaste an. Die Zeichnung ist "kasteistisch" und nicht mehr politisch korrekt. Sie wurde aus Schulbüchern entfernt. Chaudhury kommentiert: "Die Kongresspartei, die Kommunisten, die Sozialisten, der TMC und kleinere Gruppierungen jeder Couleur, die sich auf nichts Sinnvolles einigen können - weder auf das Landerwerbsgesetz, noch auf die Frauenquote im Parlament, noch auf ein Gesetz zur Verbesserung der Lage der Bauern, noch auf Antikorruptionsgesetze - hier sind sie sich einig!" Tehelka bringt ein ganzes Dossier mit vielen Statements zu der Affäre.
Archiv: Tehelka

HVG (Ungarn), 12.05.2012

Abgesehen davon, dass die Kategorie "teilweise frei" den Publizisten László Seres an den Begriff "ein bisschen schwanger" erinnert, ist die kürzliche Herabstufung Ungarns durch die internationale NGO Freedom House um 13 Punkte in der Kategorie Pressefreiheit alles andere als überraschend - vor allem, weil die meisten Probleme der ungarischen Medien nicht neu, sondern Produkte des immer noch gegenwärtigen Kádár-Systems sind, meint Seres: "Eine Zensur - oder zumindest ein gewisses Hineinreden - seitens des Besitzers, der Behörde oder des Interviewpartners kommt seit der Wende immer wieder vor. Die Unparteilichkeit in den öffentlich-rechtlichen Medien wurde auch bisher nicht von unabhängigen Experten, sondern von Parteien 'garantiert'. Der servilere Teil der Journalisten neigte auch in der Vergangenheit zur Selbstzensur und zu unterwürfigen Fragen beim Interview. Die Radiofrequenzen wurden stets, wie es Freedom House formuliert, 'in politisch motivierten Genehmigungsprozessen' vergeben, also durch Hinterzimmer-Entscheidungen von (mindestens) zwei Parteien, jetzt eben von einer Partei. All das bedeutet nicht, dass die Regierungsnähe der Medienbehörde NMHH, die Verstaatlichung der öffentlich-rechtlichen Medien, die Verunglimpfung eines ehemaligen Staatssekretärs durch die Nachrichtenagentur MTI, der Fall Klubrádió, die Registrierung der Blogs, also die Unklarheit um die Kontrolle des Internets und viele andere Dinge nicht skandalös wären. Aber die ungarischen öffentlich-rechtlichen und privaten Medien sind nicht nur seit Beginn der Orbán-Regierung vor zwei Jahren, sondern seit der Wende nur teilweise frei. Die Lösung dieses Problems ist nicht einfach die Änderung des Mediengesetzes, sondern die Ausschaltung des in unseren Köpfen existierenden Kádár-Systems."
Archiv: HVG

New Yorker (USA), 28.05.2012

In einem gewaltigen, nämlich 23-seitigen Kraftakt widmet sich David Grann dem amerikanischen Guerillakämpfer William Alexander Morgan, der sich der kubanischen Revolution anschloss und 1961 in Havanna der Verschwörung angeklagt und erschossen wurde. Diese Geschichte von "Liebe, Revolution und Verrat", an der die Amerikaner die nach wie vor unentschiedene Frage interessiert, ob Morgan nun ein Patriot oder ein Verräter war, liest sich wie ein Krimi. Eingangs schildert Grann die Exekution und steckt die Eckpfeiler der Geschichte ab. "Nach der Revolution löste Morgans Rolle in Kuba noch stärkere Faszination aus, als die Insel in die größere Schlacht des Kalten Kriegs verwickelt wurde. Ein Amerikaner, der Morgan kannte, sagte, dieser habe als Castros 'Nacht-und-Nebel-Mann' gedient und die Times bezeichnete ihn als Castros 'ausgekochten, US-stämmigen Doppelagenten'. Jetzt wurde Morgan der Verschwörung gegen Castro angeklagt. Die kubanische Regierung behauptete, Morgan habe in Wirklichkeit für den amerikanischen Geheimdienst gearbeitet - und sei tatsächlich ein Dreifachagent. Morgan bestritt die Vorwürfe, doch sogar einige seiner Freunde fragten sich, wer er wirklich war und weshalb er nach Kuba gekommen war."

Weiteres: In einem kurzen Artikel kommentiert James Surowicki den Börsengang von Facebook als den "größten, den die Vereinigten Staaten je gesehen haben. Und zugleich voraussichtlich der größte, den sie je sehen werden." Und Woody Allen erzählt die heitere Geschichte der Begegnung mit einem Hollywoodproduzenten namens Nestor Grossnose, einem "fetten Langweiler", der den "Kniff beherrschte, noch das vielversprechendste Projekt in den Sand zu setzen". Wer könnte das denn sein?
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Woody Allen, Havanna, Kuba

La vie des idees (Frankreich), 17.05.2012

Sophie Leclerc stellt das Buch "Pekin 798" des Anthropologen Marc Abeles vor, der darin mit dem Blick des Ethnologen das inzwischen weltberühmte Künstlerviertel 798 im Nordosten Pekings, ursprünglich eine alte Militärfabrik, beschreibt. "Das Buch handelt von der Art und Weise, in welcher der Ort, mal aufgeladen mit Geschichte, mal in einem extremen Verfallszustand an der Grenze zur Müllhalde, ein sensibler Erfahrungsraum für den Künstler ist, der ihn für seine Arbeit nutzt. Umgekehrt ist das Quartier nicht einfach nur die Summe der künstlerischen Ausdrucksformen, die es beherbergt - es wird selbst zu einem Artefakt. Mit den renommierten Künstlern, die den Ort nutzen, mit den Kunstwerken, die sich häufig mit der Archiktur vermengen, mit den bedeutenden Ausstellungen, die dort veranstaltet werden, und den Perfomances, die hier stattfinden, entsteht eine Geschichte."

Smithsonian Magazine (USA), 01.06.2012

Die Gastrokritikerin Mimi Sheraton ist eine Salzspezialistin. Sie hat Salz gekostet in den Minen von Avery Island, in Sizilien und in Israel. "Wie eindrucksvoll auch immer diese Orte waren, keiner reicht an Boliviens Salar de Uyuni heran, den größten Salzsee der Welt. Die Fotos hier können das Drama der von einem Horizont zum anderen reichenden salzverkrusteten Landschaft aus Hügeln, Abbaustrecken und -feldern, die als die reinsten des Planeten gelten, nur andeuten. Das Salz ist feinkörnig, von einer fast mehligen Weichheit. Der Salar bedeckt etwas 6.575 Quadratkilometer auf einem virtuellen Ozean von Lake, der zwischen 50 und 70 Prozent des gesamten Weltaufkommens an Lithium enthält. Diese endlose Ausdehnung spiegelt den Himmel wieder, als liege ein Schleier aus Blau darüber. Von den zehn Milliarden Tonnen Salz im Salar werden jährlich 25.000 Tonnen geerntet, was harte Arbeit und unterbrochenes Spiel für Erwachsene und Kinder in nachgelegenen Dörfern wie Colchani bedeutet. Nach der Schule verdienen die Kinder sehr wenig Geld, indem sie Salz in die 1 Kilogramm umfassenden Beutel schaufeln. Fünf Dollar ist der Lohn für die Ernte von 2.500 Kilogramm."

Außerdem: Ayaan Hirsi Ali erklärt Sinn und Zweck ihrer Stiftung für muslimische Frauen in Amerika.