Magazinrundschau

Bach war ein Arbeiter

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
15.03.2011. MicroMega bringt die ergreifende Rede des Historikers Angelo d'Orsi gegen den Niedergang Italiens. Das TLS behauptet, Englisch als lingua franca werde bald von Übersetzungsprogrammen abgelöst. Der New Yorker beschreibt zwei Möglichkeiten, eine Schreibblockade zu lösen. In Le Monde beschreibt Agnes Heller die Fronten des ungarischen Kulturkampfes. The Atlantic bringt eine Reportage über den digitalen Samisdat in Nordkorea. In Elet es Irodalom erklärt Bela Tarr: Ich bin kein Wichtigtuer!

MicroMega (Italien), 12.03.2011

Geradezu martin-luther-king-haft psalmodierend, ergreifend und traurig klingt die bei MicroMega abgedruckte Rede des Kulturhistorikers Angelo d'Orsi gegen das Berlusconi-Regime und die Abspaltungstendenzen der Lega Nord. Er greift zurück auf einen Ausspruch Alberto Moravias nach dem Mord an Per Paolo Pasolini: Was ist das für ein Land, das seine Dichter umbringt? "Aber was für ein Land ist das heute? Ein Land, in dem man vielleicht keine Dichter mehr umbringt, aber jeden Tag den Bürgersinn, die Erinnerung und die eigene Geschichte, deren Sinn verdreht wird. Ein Land, in dem man ein Zusammengehörigkeitsgefühl und eine über Jahrzehnte gebaute Gemeinschaft zerstören will. Diese Gemeinschaft bedeutete einen Glauben an gemeinsame Prinzipien und Werte, nicht an Blut und Boden. Die Gemeinschaft der Italiener wurde nicht von jenen gebildet, die auf dem Boden des Landes geboren wurden, sondern von jenen, die aus eigenem Entschluss dort leben wollten, die Sprache des Landes lernen, seine Identität konstruieren, seine tausendjährige Geschichte kennen wollten, um die einst die ganze Welt das Land beneidete und die uns heute, angesichts des täglichen Spektakels der Ineffizienz und Arroganz unserer Regierung, angesichts der Performance unseres Regierungschefs, ins Gesicht geschlagen wird - mit den Worten: 'Wie habt ihr so tief fallen können? Wie seid ihr von Cavour zu Berlusconi gekommen?'"
Archiv: MicroMega

Times Literary Supplement (UK), 09.03.2011

Kerstin Hoge stellt das Buch "The Last Lingua Franca" des britischen Wissenschaftlers und Publizisten Nicholas Ostler vor, das sich mit der Frage beschäftigt, ob Englisch in einer Welt, in der digitale Technologien billig und allgegenwärtig sind, als Verkehrssprache überlebensfähig ist beziehungsweise überhaupt noch gebraucht wird. "In Anerkennung der beispiellosen geografischen Ausdehnung des Englischen trifft Ostler eine strikte Unterscheidung zwischen Englisch als Muttersprache und Englisch als lingua franca bzw. Kommunikationsinstrument für Nicht-Muttersprachler. Diese Unterscheidung führt zu zwei Fragen bezüglich der Zukunft des Englischen. Die erste lautet: Wird sich Englisch, angesichts seiner Verbreitung als Muttersprache, in eine Reihe eigener Sprachen aufspalten wie Latein in den romanischen Sprachen? Und die zweite: Wird es auch weiterhin eine breit genutzte Verkehrssprache bleiben und möglicherweise seinen Einfluss noch steigern? Ostler beantwortet beide Fragen mit einem entschiedenen Nein." Englische Muttersprachler würden einander auch weiterhin weltweit verstehen, allerdings meint Ostler: "Innovationen in der Übersetzungs-Technologie werden die Notwendigkeit einer globalen Verkehrssprache beseitigen."

Kritisch besprochen wird außerdem eine neue Anthologie englischer Lyrik: ?The Cambridge History of English poetry", herausgegeben von Michael O?Neill.

New Yorker (USA), 21.03.2011

Dana Goodyear porträtiert den Therapeuten Barry Michels, die ultimative Anlaufstelle in Hollywood für Drehbuchautoren mit Schreibblockade. Michaels hat aus esoterischen Versatzstücken und Prinzipien seines Mentors, des Psychiaters und Jungianers Phil Stutz, ein Programm entwickelt, das die "kreative Kraft des Unbewussten" seiner Klienten mobilisieren will. Während Stutz' Credo - das nach eigenen Angaben bereits zwölf oder dreizehn Drehbuch-Oscars zeitigte - lautet: "Schreib die Scheiße einfach fertig, du Idiot", sieht eine Schreibkur bei Michels beispielsweise so aus: "Michels sagte dem Autor, er solle sich eine Eieruhr besorgen. Auf Michels Anweisung hin stellte er sie täglich auf eine Minute, kniete sich wie ein Betender vor seinen Computer und bat das Universum, ihm zu helfen, den schlechtesten Satz aller Zeiten zu schreiben. Wenn die Eieruhr rappelte, fing er an zu tippen. Er erklärte Michels, die Übung sei dämlich, unsinnig und peinlich und würde nicht funktionieren. Michels sagte ihm, er solle weitermachen ... Sechs Wochen später hatte er ein 165 Seiten starkes Drehbuch, es wurde verfilmt, und als der Film rauskam, gewann der Autor einen Oscar."

Weiteres: John Lancester stellt das ultimative Kochbuch des ehemaligen Microsoft-Entwicklers Nathan Myhrvold vor, das von Warenkunde über Kücheneinrichtung und die richtige Zubereitung von Spiegeleiern bis hin zu Molekulartechniken wirklich alles behandelt - außer Desserts: "Modernist Cuisine" mit 2438 Seiten zu 625 Dollar. Anthony Lane sah im Kino den Actionthriller "Battle: Los Angeles" von Jonathan Liebesman und die Sci-Fi-Komödie "Paul" von Greg Mottola.
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Archiv: New Yorker

Monde (Frankreich), 14.03.2011

Warum attackiert die ungarische Regierung ausgerechnet die Philosophen?, fragt Agnes Heller: "Wir erleben einen 'Kulturkampf', eine Offensive der Macht gegen die Intellektuellen." Und dieser Kulturkampf ist nur die Begleitmusik zu einigen sehr konkreten politischen Maßnahmen: "Die Regierung führt eine Menge Reformen ein, die die Nerven rechtsbewusster Intellektueller reizen. Zum Beispiel indem sie von der Verfassung vorgesehene Gegenmächte schwächt, die Macht konzentriert, Einzahlungen an private Rentenversicherungen verstaatlicht, die Unabhängigkeit der Zentralbank einschränkt, nachträglich in Kraft tretende Gesetze einführt - und so weiter."
Archiv: Monde

The Atlantic (USA), 01.04.2011

Im Januar 2010 wurde ein nordkoreanischer Arbeiter öffentlich von einem Erschießungskommando hingerichtet, weil er den Reispreis nach Südkorea durchtelefoniert hat. Es nützt nichts. Immer mehr Bürgerreporter verschicken News aus Nordkorea, berichtet Robert S. Boynton. Sie beliefern zum Beispiel die in Seoul beheimatete Daily NK mit Informationen, deren Mitbegründer Park In Ho erzählt, wie er einen seiner besten Reporter rekrutierte: "Ich traf ihn in China bei einer NGO. Er hatte einen Abschluss von der Kim-Il-Sung-Universität und war daher dazu bestimmt, ein Mitglied der Elite zu werden. Das erste, was er mich fragte, war, ob ich ihm helfen könne Dynamit zu beschaffen um Kim Jong Il in die Luft zu sprengen.' Sie verbrachten drei Monate zusammen, redeten und lasen Bücher über die Geschichte Nordostasiens. 'Ich wollte, dass er die Situation der Region versteht und überzeugte ihn davon, dass Terrorismus nicht nur falsch ist, sondern auch nichts ändert.' Der Mann ist jetzt ein Händler in Nordkorea. Und weil er seiner Arbeit wegen viel reisen muss, ist er einer der wertvollsten Reporter von Daily NK."

Geht es wirklich abwärts mit der Presse? Lesen wir nur noch den Blödsinn, den wir lesen wollen, hüstel, statt des Qualitätsmaterials, das wir lesen sollen? Reporterveteran James Fallows betrachtet Gawker und Fox News und kommt - nach vielen Gesprächen und überreiflicher Überlegung - zu dem Schluss: Nein, früher war's kein Stück besser. Und diese neuen Jungs haben alles in allem ziemlich gute Ideen. "'Die Linken lieben es, über den Verfall der Logik und wissenschaftlicher Methoden zu reden', sagt [Gawker-Gründer] Nick Denton. Eins seiner Beispiele: Al Gores Buch 'The Assault on Reason' über die Irrationalität des öffentlichen Lebens mit Passagen wie dieser: 'Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas beschreibt, was gerade geschieht, als 'Refeudalisierung der öffentlichen Sphäre'.' 'Aber was, wenn die Antwort auf eine falsche Erzählung nicht Fakten sind?', fragt Denton. 'Oder Habermas? Vielleicht ist die Antwort auf eine fehlerhafte Erzählung eine andere Erzählung. Man ändert die Story.' Genau das, meint er, haben Jon Stewart und Stephen Colbert getan. Sie überprüfen nicht die Fakten von Fox News oder versuchen sie direkt zu widerlegen oder sie mit den Mitteln von Fox zu bekämpfen. Sie verändern die Story nicht, indem sie die Realität verbiegen - ihre Stärke ist gerade ihr Vertrauen in Fakten - oder eine fiktive Erzählung verbreiten, sondern indem sie die Fakten auf eine Art präsentieren, wie es niemand zuvor getan hat.'"

Außerdem: Joshua Hammer beschreibt die Arbeit der - gut beschäftigten - Bombenentschärfungskommandos rund um Berlin. Und Caitlin Flanagan weiß, warum "gute" amerikanische WASP-Mütter Amy Chua nicht ausstehen können.
Archiv: The Atlantic

Elet es Irodalom (Ungarn), 11.03.2011

In einem Interview mit Eszter Radai erklärt der ungarische Filmemacher Bela Tarr, weshalb er Abstand von jenem ominösen Tagesspiegel-Interview genommen hat (mehr dazu hier). Demnach hatte der Journalist des Tagesspiegels ursprünglich um ein Hintergrundgespräch mit Tarr gebeten, das nach der Presse-Vorführung von "The Turin Horse" auch stattfand. Nach dem offiziellen Teil des Gesprächs äußerte Tarr auch seine private Meinung zu den politischen Vorgängen in seinem Land. Dass aber der Text später (ohne Tarrs Wissen) zu einem Interview umgebaut und mit einem Bild von der Berlinale-Preisverleihung montiert wurde, bei der Tarr einen Silbernen Bären bekam, empörte den Filmemacher zutiefst: "Mir wurde unwohl, als ich nach der Preisverleihung mich selbst in der Zeitung wiedersah, wie ich auf der Bühne stehe, mit der Statue in der Hand, und darunter durfte ich in Form eines Interviews diese Sätze über die ungarische Innenpolitik lesen, wie eine Art Offenbarung... Ich sah so einen schmächtigen Typen auf der Bühne, mit dieser schweren Statue in der Hand, als würde er damit zuschlagen wollen, von dem Preis dazu ermutigt. So sieht das aus wie politischer Klamauk! Das bin ich nicht, so bin ich nicht. [...] Die Glaubwürdigkeit einer Aussage kommt durch die Argumente zustande, die sich dahinter verbergen, und ihre Kraft dadurch, wie sie formuliert wird. Ohne das ist es nur Klamauk, mehr nicht. Und es ist nicht meine Art, mich auf diese Weise zu äußern. Ich glaube, es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich von etwas distanzieren musste, weil es ein falsches Bild von mir zeichnet. [...] Denn jede Wahrheit wird durch Großmäuligkeit und Kraftmeierei unmöglich gemacht und ich wurde auf diesem Foto, mit dieser Statue in der Hand und über diesem Text als solch ein Wichtigtuer dargestellt, und das verbitte ich mir. Das mag als eitel erscheinen, aber in Wahrheit entspricht es meiner inneren Wertordnung."
Stichwörter: Bela Tarr

Guardian (UK), 12.03.2011

Was haben Mendelssohn, Nina Simone und die "Gremlins II" gemeinsam? Johann Sebastian Bach, wie Nichoals Kenyon in seinem Artikel über die Überzeitlichkeit des Komponisten weiß. "Bach nimmt in jeder Zeit ein anderes Gesicht an, und wir haben keine Zauberkräfte, um sagen zu können, welches richtig und welches falsch ist. Richard Wagner war verdutzt über 'das nahezu unerklärliche mysteriöse Phänomen ... diesen Meister, ein erbärmlicher Kantor und Organist, der von einem kleinen thüringischen Dorf ins nächste zog ... und so unbekannt blieb, dass es ein Jahrhundert dauerte, bevor seine Werke vor dem Vergessen gerettet wurden...' In einem hatte Wagner recht: Bach war ein Arbeiter ... Er ist nicht nur die Apotheose unserer Vorstellung vom Komponisten als Handwerker, sondern auch unserer Vorstellung vom Komponisten als Idealist, als einem Strebenden nach etwas Jenseitigem."

Janet Todd las zwei Bücher von Umberto Eco und Orhan Pamuk über das Schreiben und gelesen werden: "Confessions of a Young Novelist" und "The Naive and the Sentimental Novelist". Adam Newey stellt einen Band mit 1000 Gedichten vor, die Glyn Maxwell ausgesucht hat.
Archiv: Guardian

Magyar Narancs (Ungarn), 03.03.2011

Der Dirigent Ivan Fischer hatte sich in der FAZ sehr kritisch zur ungarischen Politik geäußert. Nun sind seinem Budapester Festivalorchester wie vielen anderen Kulturinstitutionen die Subventionen drastisch gekürzt worden. Ferenc Laszlo sprach mit Ivan Fischer anlässlich seiner Berufung zum Leiter des Berliner Konzerthauses ab 2012/13 und fragte ihn, was die Kürzungen für die ungarische Kulturszene bedeuten: "Die Kultur Ungarns und insbesondere Budapests ist ein kostbarer Schatz und ein herausragendes gesamteuropäisches Gut... Ich sehe es als meine persönliche Aufgabe an, in Berlin möglichst vielen zu erklären, dass die ungarische Kultur internationale Unterstützung verdient, denn ihre Erhaltung ist für das gesamte Europa wichtig. Ich bin nämlich davon überzeugt und halte diese Idee bei weitem nicht für abwegig, dass der ungarischen Kultur mit einer Art Marshall-Plan unter die Arme gegriffen werden müsste. Darüber werde ich mich auch in Deutschland zu Wort melden."
Stichwörter: Ivan Fischer

London Review of Books (UK), 17.03.2011

Die neue konservative Regierung will einen neuen Geschichtsunterricht. Kein Geringerer als der konservative, aber dummerweise für seine Erzählkunst höchst beliebte Kunsthistoriker Simon Schama soll die aufregende Geschichte Großbritanniens dem Nachwuchs ereignisgeschichtlich zugänglich machen. Den Historiker Richard J. Evans schüttelt es: "'Unsere Kinder', sagt Schama, 'werden um das Erbe ihrer Geschichte betrogen, um die in sich geschlossene ganze Geschichte, denn kann keine wahre Geschichtsschreibung geben, die sich weigert, den Bogen zu spannen, keinen wahren Zusammenhang ohne die Chronologie'." Evans erkennt in den Forderungen der Konservativen die Rückkehr zu "Geschichte als nationaler Selbstfeier" und den Verzicht auf Skepsis und Kritik gegenüber den großen Erzählungen der Historiker.

Weitere Artikel: Stephen W. Smith versucht zu erklären, was in der westlichen Wahrnehmung des Genozids in Ruanda bis heute katastrophal falsch läuft - mit fatalen Auswirkungen: der Diktator Paul Kagame wird vom Westen noch immer hofiert. Jenny Diski liest Stanley Fishs Untersuchungen zur von ihm heiß geliebten Fernsehserie "The Fugitive". Peter Campbell besucht die Ausstellung "Jan Gossaert's Renaissance" in der Londoner National Gallery.