Magazinrundschau

Verflochtene Körper

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
21.12.2010. Der Chronicle meint: Wenn Wagner den Kontrapunkt umkehrt, dann ist das auch eine Stellung. Polityka überlegt, wie der polnischen Filmindustrie zu helfen ist. Segregation gab es schon vor dem Multikulturalismus, erinnert uns Nepszabadsag. The New Republic erklärt, warum Französisch das neue Altgriechisch ist. Wikileaks ist diktatorisch, behauptet La Regle du Jeu. Das Buch wird zum Koop, meint der Guardian. Science Fiction lebt!, meldet Salon.

Chronicle (USA), 20.12.2010

Peter Monaghan stellt fasziniert ein Buch über "Wagner und den erotischen Impuls" des Cellisten Laurence Dreyfus vor ("Wagner and the Erotic Impulse", Leseprobe bei Google). So hat noch niemand über die Erotik in Wagners Musik geschrieben! "In einem langen Kapitel zeigt Dreyfus, wie Wagner zum Beispiel verflochtene Körper durch melodische Kombinationen und kontrapunktische Umkehrungen suggeriert, mutmaßliches Geschlecht und Körperposition durch hohe und tiefe Instrumente und ihre Gesangslage, und vorgeführte sexuelle Klimax durch Rückkehr zur Tonika und perkussive Explosionen." Die Wagnerforschung hat das offenbar nie so recht gewürdigt. "Dreyfus findet sie zu prüde, zu weit entfernt sogar von den Prozessen und Emotionen des Musikmachens. Er schreibt: 'Wir sollten nicht unsere eigenen erotischen Empfindsamkeiten ausschalten, wenn wir auf Kunst reagieren - ein Syndrom, dass deprimierend oft in akademischen Diskursen auftaucht. Sobald wir das tun, schmälern wir die ästhetische Erfahrung und verleugnen das Offensichtliche.'"

Außerdem: Daniel W. Drezner erklärt, warum Wikileaks für Politikwissenschaftler kein Glücks-, sondern eher ein Unglücksfall ist. Und Carlin Romano singt ein Loblied auf die sehr spitzzüngige Kritikerin Terry Castle (hier ihr offenbar besonders gnadenloser Essay aus dem Jahr 2005 über ihre Beziehung zu Susan Sontag).
Archiv: Chronicle
Stichwörter: Susan Sontag, Erotik

Polityka (Polen), 17.12.2010

Janusz Wroblewski überlegt (hier auf Deutsch), wie Polen seine ausgepowerte Filmindustrie wieder auf die Beine bekommt und empfiehlt einen kräftigen Löffel Europudding: "Welches Land steckt Geld in ein Kunstprojekt, das nur für uns von Bedeutung und nur für uns verständlich ist? Eine gute Lösung scheint zu sein, eine Kooperation anzuregen, die mit berühmten und interessanten Künstlern arbeitet. Das Problem ist nur, dass wir nur wenige allgemein bekannte und international vermarktete Namen haben. Seit Jahren ist das der gleiche Kreis: Wajda, Zanussi, Holland, Skolimowski. Von den jungen: Andrzej Jakimowski, Dorota Kedzierzawska, vielleicht Jacek Borcuch."
Archiv: Polityka
Stichwörter: Filmindustrie, Geld, Holland

Nepszabadsag (Ungarn), 18.12.2010

Der Streit um Thilo Sarazzin und Angela Merkels Behauptung, Multikulti sei am Ende, hat auch in Ungarn eine Debatte ausgelöst. Der Soziologe Csaba Gombar erinnert daran, dass Multikulturalismus ursprünglich als Gegenkonzept zur alten Idee des Nationalstaats entworfen wurde, die in der Vergangenheit Auslöser zahlreicher Konflikte war. "Vielleicht ist es damit nun tatsächlich vorbei. Vielleicht hat sich unsere krisengeschüttelte Welt inzwischen derart verhärtet, dass sich der Standpunkt: 'assimiliert euch, integriert euch, oder macht, dass ihr fortkommt!', europaweit durchsetzen wird. Der Multikulturalismus wurde nirgendwo auf der Welt zur Wirklichkeit, sondern blieb stets ein im liberalen und linken Gedankengut verankertes, von Schuldgefühlen, Moral und Hilfsbereitschaft motiviertes Ziel. Er wurde von Anfang an als 'Multikulti' verpönt, genauso wie die mit ihm eng verbundene, fast schon mit Abscheu ausgesprochene 'PC', die politische Korrektheit. Beide sind von Zielscheiben des Hohns inzwischen zu regelrechten Sündenböcken geworden. Die politisch korrekte Rede, so scheint man heute weithin anzunehmen, behindert nur noch die Durchleuchtung und Diskussion gesellschaftlicher Probleme. Und der Multikulturalismus ist seinen zahlreichen Kritikern zufolge geradezu zum Auslöser für Ghettoisierung und der Segregation geworden. Als hätten die Ghettos und die verschiedenen Formen der Ausgrenzung in Europa und in Ungarn jemals des Multikulturalismus bedurft. Es hat schon immer auch ohne ihn funktioniert. Auch heute. Ich wünsche allen ein friedliches Fest."
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Archiv: Nepszabadsag

New Republic (USA), 13.12.2010

Europa? So 19. Jahrhundert, winkt John McWhorter ab. Warum also noch Deutsch, Englisch, Französisch oder Italienisch lernen? Man muss ja auch kein Altgriechisch mehr können. Russen, Chinesen und Araber dagegen spielen in der heutigen Welt eine immer wichtiger Rolle. Warum also nicht ihre Sprachen lernen? Sie sind zwar kompliziert, aber gerade deshalb interessanter, meint McWhorter. "Abgesehen davon: Studieren Sie Chinesisch und Sie finden in großen Teilen der Vereinigten Staaten Menschen, mit denen Sie üben, Schilder, die Sie entziffern und Radio- und Fernsehstationen, die Sie hören können. Wieviele Deutsche haben Sie denn schon getroffen? Viele, damals, als Deutsch die zweithäufigste Sprache in Amerika war, so wie es das Spanische heute ist. Aber die Zeiten haben sich geändert. Chinesisch ist heute die dritthäufigste Sprache nach Spanisch."

Mark Lilla stellt fest, dass junge Chinesen sich weniger für den Liberalismus und mehr für Leo Strauss und Carl Schmitt interessieren: "Schmitts Schlussfolgerung, dass wir alle besser fahren würden mit einem System von geografischen Einflusssphären, die von einigen wenigen Großmächten dominiert werden, gefällt vielen jungen Chinesen, die ich getroffen habe, besonders gut."

Weitere Artikel: In welche Richtung Modernismus - und Postmodernismus - in der Architektur auch hätten gehen können, zeigt eine Ausstellung des Archivs von James Stirling im Yale Center for British Art, schreibt Sarah Goldhagen. Gerade weil Stirling so unbeständig war: Er hat scheußliche Gebäude (wie das Wissenschaftszentrum in Berlin) und überragende (wie die Neue Staatsgalerie in Stuttgart) gebaut. Und Ruth Franklin berichtet von zwiespältigen Erfahrungen beim Filmfestival in Marrakesch.
Archiv: New Republic

HVG (Ungarn), 11.12.2010

Als sein wichtigstes Ziel nennt das umstrittene neue Mediengesetz in Ungarn die "Wahrung der Interessen der Öffentlichkeit". Die Medienrechtlerin Krisztina Rozgonyi (frühere Chefin der ungarischen Regulierungsbehörde für Telekommunikation NHH, die von der Regierung zur mächtigen Medienaufsichtsbehörde umgebaut wurde) findet jedoch, dass das neue Regelwerk vor allem die Werte seiner Schöpfer widerspiegelt: Demokratie soll nicht die Freiheit des Einzelnen sichern, sondern dem Interesse der Mehrheit dienen. Zudem geht aus dem Gesetz hervor, dass die Massenmedien in erster Linie als gefährliche Betriebe betrachtet werden, vor deren schädlichem Einfluss die Gemeinschaft bewahrt werden muss: "Die Werte der ungarischen Sprache und Gesellschaft wird man nicht allein mit Quoten und Subventionen am Leben halten können. Zukünftige Generationen werden sich nicht mit dem ungarischen Kulturerbe identifizieren, nur weil jetzt ein jeder dazu verpflichtet wird. Im Gegenteil, all dies wird nur dann zur Wirklichkeit, wenn wir ein Umfeld schaffen, in der jede mögliche und lebensfähige Idee Wurzeln treiben kann. In der jene, die darin gar Geld investieren würden, unterstützt und nicht abgeschreckt werden. In der wir die Tore weit öffnen, natürlich bei Einhaltung der grundlegenden Spielregeln."
Archiv: HVG
Stichwörter: Geld, Kulturerbe

La regle du jeu (Frankreich), 10.12.2010

Wikileaks ist nicht demokratisch, sondern diktatorisch, behauptet der Schriftsteller Yann Moix. Demokratie habe nicht das Geringste mit Transparenz zu tun. Vielmehr sei "Transparenz eine totalitäre Obsession. Sie ist das Paradies, der Horizont von faschistischen Regimes und Diktaturen ... Wikileaks bricht den Gesellschaftsvertrag Rousseaus und der Aufklärung. Es ist antidemokratisch, weil plötzlich ein Mensch, eine Organisation, eine Menschen-Organisation beschließt, nicht mehr mitzuspielen, aus der Formation auszuscheren. Ohne die Ermächtigung (oder die Legitimität) derjenigen zu besitzen, die uns regieren, im Wesentlichen aber repräsentieren, stellt es sich mit ihnen auf eine Ebene und auf gleiche Höhe. Damit beleidigt Wikileaks nicht die Staaten, sondern die Menschen, die diese Staaten repräsentieren. Wir sind es, die beleidigt werden - in unserer Demokratie, in unserer Freiheit, in unserer Einwilligung."
Stichwörter: Gesellschaftsvertrag

Guardian (UK), 18.12.2010

Jonathan Safran Foer hat das Skalpell genommen und eines seiner Lieblingsbücher, Bruno Schulzes "The Street of Crocodiles" (Straße der Krokodile) zu "Tree of Codes" zusammengeschnitten. Michael Faber, ein Liebhaber des Originals, mochte Foers brüchige Version lieber als er erst fürchtete und gratuliert dem Autor zum Karriereschritt: "Foer braucht ja keinen Bestseller mehr, willkommen ist dagegen eine Aufwertung bei den Kritikern. 'Tree of Codes' kommt Akademikern auf der ganzen Welt wie gerufen. Welchem Doktorand läuft bei Begriffen wie 'Metatextualität', 'Intertextualität' und 'Hypertextualität' nicht das Wasser im Munde zusammen? Form und Inhalt treten hier in innige Beziehung. Dieses vor allem aus Leerstellen bestehende Kunstobjekt ist ein Muss!"

Bücher öffnen sich durch die Digitalisierung und werden zu kooperativen Formen. Und dieses Weihnachtsfest markiert für Alex Butterworth einen entscheidende Station in der Geschichte der Entstehung von Text - vom Kodex zur interaktiven Datei. Sein Hauptbeispiel für einen kooperativ erstellten Text ist das Galaxy Zoo-Projekt, bei dem Forscher Laien aufriefen, ihnen bei der Klassifizierung Hunderttausender per Satellitenteleskop fotografierter Galaxien zu helfen. "Die Forscher haben es durch ihr Crowd Sourcing vermocht, eine Welle des Altruismus auszulösen. 300.000 enthusiastische Amateure haben durch Betrachtung und Einordnung körniger Fotografien innerhalb von Monaten eine Arbeit vollbracht, für die ein Team von Wissenschaftlern Jahrzehnte gebraucht hätte. Ihre einzige Belohnung war das Gefühl, an einem großartigen Projekt beteiligt gewesen zu sein."
Archiv: Guardian

Telerama (Frankreich), 18.12.2010

Vincent Remy unterhält sich mit dem Soziologen und Chefredakteur von Esprit Olivier Mongin über dessen Lieblingsthema: die Stadt und Urbanität. Die Stadt existiere nicht mehr, ist die These seines jüngsten Buchs "La Condition urbaine". Zu Umfrageergebnissen, wonach viele Franzosen Angst vor großen Städten haben, meint er: Wer nach der Kleinstadt verlangt, verlangt nach Geborgenheit. Aber die Stadt bedeutet nicht Geborgenheit, sondern Öffentlichkeit ! Wenn man nur auf Schutz aus ist, tötet man den öffentlichen Raum und man tötet die Demokratie... Wir müssen uns nicht vor unbewohnbaren Städten fürchten, Frankreich ist nicht Brasilien, hier wird es kein Sao Paulo geben. Aber man sollte wissen, was man will: die Museums-Stadt - siehe Prag, Venedig oder Paris - oder lieber die Metropole, die aus einem bestimmten europäischen Maßstab Nutzen zieht, der hier immer noch gilt?"
Archiv: Telerama

Open Democracy (UK), 16.12.2010

Clementine Cecil fürchtet um eine Ikone des Konstruktivismus, das 1930 von Moisei Ginzburg gebaute Narkomfin-Haus in Moskau. Zur Hälfte gehört es dem Baukonzern Kopernik, der die heruntergekommenen Wohnungen an Künstler vermietet: "Auch wenn Narkomfin zu den Architekturdenkmälern gehört, wurde es nie restauriert. Seine Verwahrlosung wird bedrohlich: Wenn es zu mehr als 70 Prozent für baufällig erachtet wird, besteht die Gefahr, dass es abgerissen und neu aufgebaut wird anstatt restauriert. Die Stadtregierung, der die zweite Hälft gehört, zeigt sich unkooperativ und hat Kopernik keine Erlaubnis zur Sanierung gegeben, als sie 2006 ihren Anteil erwarben. Im neuen Generalplan für Moskau, wird Narkomfin als Entwicklungsgebiet bezeichnet, was seine Angreifbarkeit noch unterstreicht. Es belegt Grundbesitz im Zentrum von Moskau, zwischen der amerikanischen Botschaft und einem neuen prächtigen Einkaufszentrum."

Der Politikwissenschaftler Kirill Rogov analysiert die Sackgasse, in der sich Russland befindet, anhand zweier weit verbreiteter Überzeugungen: "Die erste ist die in der Gesellschaft weithin geteilte Auffassung, Staat und Wirtschaft seien auf allen Ebenen korrupt und gleichzeitig extrem unzulänglich. Die zweite Überzeugung ist ebenso weit verbreitet: Danach steht aus verschiedenen Gründen jede Änderung der bestehenden Ordnung außer Frage."

Salon.com (USA), 16.12.2010

Auch das Gestern war einmal ein Morgen, weiß Paul Di Fillippo und untersucht zum Ende Jahres 2010 eine Reihe neuer Science-Fiction-Romane. Macht das Alter dem 1926 geborenen Genre zu schaffen? Durchaus, stellt er fest. Aber Totgesagte länger leben. Charles Yus "How to live Safely in a Science Fictional Universe" zum Beispiel sei ein literarisches Spiel mit dem Genre. "Yus beißend-komisches Buch folgt der unterhaltsam eintönigen und verkorksten Existenz eines Zeitmaschinen-Mechanikers mit dem Namen - Charles Yu. In Yus metafiktionaler, düster-anomischer Existenz gibt es einige chronale Paradoxe und bürokratische Scherereien, ansonsten ist sie von der planlosen Suche nach seinem vermissten Vater und der wechselhaften Beziehung zu seiner Mutter geprägt (Mama lebt in einem selbstgewählten 630-stündigen Polchinski Time Loop wie in 'Und täglich grüßt das Murmeltier'). Als Geschöpf repräsentiert Yu alle verfehlten Ambitionen und gescheiterten Hoffnungen, seine Misere symbolisiert die Lage einer Generation (Yu wurde 34 in diesem Jahr). Yu hat sich offensichtlich die gesamte klassischen Zeitreise-Literatur einverleibt und eine konsistente Theorie und Praxis der Zeitreise formuliert, in einem aufgedrehten Jargon, den er eher benutzt, um existenzielle Themen zu formulieren als actionreiche Abenteuer zu produzieren. Auf allen Seiten finden sich Spuren von Robert Sheckley, Kurt Vonnegut, Douglas Adams, Barry Malzberg und Philip K. Dick."
Archiv: Salon.com