Magazinrundschau

Schöpferische Zerstörung

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
14.12.2010. The Nation erinnert daran, dass nur die Whistleblower gehasst werden, die richtig liegen. El Espectador wundert sich, dass Gringo-Diplomaten sympathischer sind als Alvaro Uribe. Salon.com bespricht eine Geschichte der Informationsindustrien. In der LRB erklärt John Lanchester den Zeitungen, was und wie er im Internet lesen möchte. Europa wird mestizisch, verkündet der französische Philosoph Sami Nair in der Lettre. In Open Democracy erklärt der Schriftsteller Uladzimier Arlou, wovor die Weißrussen Angst haben. Und in Salon.eu.sk erwartet Andrei Dynko Lukaschenko 4.0.

The Nation (USA), 27.12.2010

Ed Vulliamy erinnert an den Fall der Wachovia Bank, ihren Kontrolleur Martin Woods und daran, dass Whistleblower meist dann als unverantwortlich diskreditiert werden, wenn sie richtig liegen: "2005 kam Woods zur Wachovia Bank. Er war zuständig für das Melden von Geldwäsche. Woods schlug erstmals während des Libanonkriegs 2006 offiziell Alarm, nach Berichten, dass Wachovia-Konten von der Hisbollah benutzt wurden. Zu seiner Überraschung wurde er für seine Versuche, die verdächtigen Konten einzufrieren, gemaßregelt. Im Laufe des Jahres stieß er auf 'mehrere verdächtige Transaktionen' in Verbindung mit mexikanischen Wechselstuben. Eingezahlt wurden Reisechecks mit fortlaufenden Nummern über hohe Summen - höher, als eine unschuldige Person bräuchte - und ohne oder ohne hinreichende Identifizierung, dafür mit mit verdächtigen Unterschriften." Woods reichte einen Bericht ein und die Bank reagiert prompt: "Woods wurde, wie er sagt, 'von der Bank unter Druck gesetzt, sich zu verändern, ein besseres Verständnis von Mexiko zu entwickeln'. Er solle aufhören, Fragen zu stellen und suspekte Transaktionen zu stoppen."

Im November 2009 berichtete Jeremy Scahill in The Nation detailliert über geheime Kampfeinsätze amerikanischer Spezialkommandos in Jemen und Pakistan. Die Wikileaks liest er jetzt mit einer gewissen Genugtuung: "Damals nannte der Pentagon-Sprecher Geoff Morrell die Geschichte reine Verschwörungstheorie und bestritt, dass amerikanische Kommandos irgendetwas anderes in Pakistan täten als auszubilden." Aber Scahill bleibt fair, er zitiert eine weitere Depesche: "'Diese Einsätze sind politisch hochsensibel... Sollten diese Entwicklungen in pakistanischen oder amerikanischen Medien Erwähnung finden, würde das pakistanische Militär wahrscheinlich solche Hilfe nicht mehr erbeten.' Solche Äußerungen erklären, warum der Gesandte Richard Holbrooke log, als er im Juli rundheraus sagte: 'Die Leute denken, dass die USA Truppen in Pakistan haben. Haben sie nicht.'"
Archiv: The Nation

Guardian (UK), 13.12.2010

Kein einzelnes Thema sei hier ausnahmsweise mal vorgestellt. Wir wollen einfach nur auf die Berichterstattung des Guardian zu den Diplomatendepeschen von Wikileaks hinweisen. Alle Links zu Artikeln im Guardian, Hintergrundinformationen, Meinungsartikeln in anderen Zeitungen und Blogs etc. findet man in den phantastischen Liveblogs (vom 6.12., 7.12., 8.12., 9.12., 10.12., 13.12., 14.12.). Außerdem gibt's eine interaktive Karte, die man sogar nach Stichworten durchsuchen kann. Und hier eine Liste mit allen Berichten des Guardian über die Depeschen. Chapeau!
Archiv: Guardian

Espectador (Kolumbien), 11.12.2010

"Wikileaks paradox." Hector Abad kommentiert die bekannt gewordenen Depeschen der US-Botschaft in Bogota: "Was Kolumbien angeht, steht die Gringo-Diplomatie erstaunlich gut da: Liest man die veröffentlichten Diplomatenkabel, setzen sich die US-Beamten offensichtlich für ehrenwertere und demokratischere Dinge ein als ihre offiziellen kolumbianischen Gesprächspartner. Interessanterweise üben die Nordamerikaner in Fragen wie der Beachtung der Menschenrechte, der Problematik von Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren, Versuchen, Abgeordnete einzuschüchtern, unangemessenem Verhalten der Streitkräfte, Kompromissen im Kampf gegen Drogenhändler und Guerrilleros tatsächlich Druck aus! Wer dagegen schlecht wegkommt, sind die kolumbianischen Beamten auf der Gegenseite, ganz besonders Ex-Präsident Uribe und dessen Untergebene. Selbst mit Blick auf Hugo Chavez erweisen sich die Gringos als vernünftiger. Während Uribe Chavez - ähnlich großmäulig wie Chavez selbst - mit Hitler vergleicht, beschreiben die Amis ihn als 'aufgeweckten Politiker und geschickten Strategen'. Man ist geradezu versucht, dem iranischen Präsidenten Recht zu geben, wenn er sagt, die Weltmacht USA habe selbst für das Bekanntwerden der Dokumente gesorgt, um vor den Augen der Welt ein gutes Bild abzugeben."
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Archiv: Espectador

London Review of Books (UK), 16.12.2010

Den Zeitungen und Zeitschriften in USA und Großbritannien geht es schlecht. John Lanchester, der schon der Musikindustrie etwas iTunes-Ähnliches anempfahl, bevor es iTunes gab, resümiert noch einmal die trotz leichter Erholungstendenzen deprimierenden Zahlen. Der Versuch Rupert Murdochs, um die Times eine Paywall zu errichten, funktioniert offenkundig nicht. Ist das Ende der Zeitungen damit absehbar? Ja, meint Lanchester, nämlich das Ende der Zeitungen in ihrer gedruckten Version. Ganz anders sieht für ihn die Zukunft von Online-Only-Modellen aus. Da weiß er unter der Überschrift "Let us pay" ziemlich genau, wie die aussehen müsste, um funktionieren zu können: "Was die Printmedien brauchen, und zwar dringender als alles andere, ist ein neuer Bezahlmechanismus für die Online-Lektüre, der einen alles lesen lässt, was man lesen will, wo immer es publiziert wird - und dann werden die aggregierten Kosten abgebucht, monatlich, jährlich, wie auch immer. Für viele wäre das einfach eine in den RSS-Feed integrierte Funktion und liefe auf eine individualisierte Zeitung hinaus. Ich zum Beispiel wäre völlig glücklich, könnte ich lesen, was Anthony Lane im New Yorker über Filme schreibt, Patricia Wells in der Herald Tribune über Restaurants und Larry Elliott über Wirtschaft im Guardian, David Pogue über Technologie in der New York Times. Außerdem hätte ich gerne die Möglichkeit, alles zu lesen, worauf ich stoße, und zwar ohne Hindernis. Ich möchte nur nicht jedesmal ans Bezahlen denken müssen, wenn ich einen Artikel anklicke. Ich möchte eine Monats- oder Jahresgebühr, die von meiner Kreditkarte abgebucht wird, ohne dass ich beim Lesen etwas davon mitbekomme."

Weitere Artikel: Michael Wood liest, unter anderem mit Lewis Carroll und Jacques Derrida, die neue, an rund 9000 Stellen verbesserte Ausgabe von James Joyces Überbuch "Finnegans Wake". Was man aus Wikileaks und den Reaktionen darauf über Frankreich lernen kann, fasst in den "Short Cuts" Jeremy Harding zusammen. Das nunmehr erschienene erste Buch über die Bildung der konservativ-liberaldemokratischen Koalition nimmt sich David Runciman vor. Über eine James-Turrell-Ausstellung in der Gagosian Gallery schreibt Peter Campbell.

Magyar Narancs (Ungarn), 02.12.2010

Aus Protest gegen die Änderung des Mediengesetzes erschien die vorletzte Ausgabe mit leerer Titelseite (ebenso wie Elet es Irodalom, wir berichteten letzte Woche). Das umstrittene Gesetz der rechtskonservativen Regierung von Premier Viktor Orban soll am 20. Dezember im ungarischen Parlament verabschiedet werden und bereits am 1. Januar in Kraft treten. Magyar Narancs befürchtet, dass es mehr als die Pressefreiheit gefährden wird: "Dieses Gesetz würde nicht nur die Medien ihrer Freiheit berauben, sondern alle, die in diesem Land leben - auch wenn dies jetzt viele noch nicht begreifen können oder wollen. Und diese Freiheit wird ihnen nicht versehentlich, dilettantisch oder aus einem Missverständnis heraus genommen, sondern vorsätzlich und bösartig. Und ganz offen. Alle, die durch dieses Gesetz zermürbt und abgeknallt werden können - und noch einmal: nicht nur Redaktionen, Journalisten, Blogger, ausländische und ungarische Medienbesitzer, sondern jede autonome Zelle der ungarischen Gesellschaft - sie können noch bis zum 20. Dezember ihre Empörung und ihren Protest zum Ausdruck bringen. Und ihre Solidarität - auch dann, wenn all diese Zellen einander ansonsten nicht ausstehen können. Schlimmstenfalls, um sich für den Freiheitskampf aufzuwärmen."

Salon.com (USA), 12.12.2010

In seinem Buch "The Master Switch: The Rise and Fall of Information Empires" (Leseprobe) erzählt der Juraprofessor Tim Wu (Homepage) die Geschichte der Informationsindustrie - Telefon, Radio, Filme, Fernsehen - als eine Geschichte, die jedesmal von freien Systemen zu Monopolen führte, erklärt eine von dem Buch sichtlich angeregte Laura Miller. Und dem Internet, fürchtet Wu, wird es nicht viel anders gehen: "Obwohl Wu versucht, ausgewogen zu sein und anerkennt, dass Monopole nahtlos Service, Effizienz, Qualitätsinhalt und manchmal sogar niedrige Preise bieten können, schlägt sein Herz doch eindeutig für die wilde und wirre Natur des weit offenen Modells, wie es derzeit online ist. ... Kommunikationsmonopole mögen stabil sein, führt Wu aus, und sie ermutigen die Entwicklung neuer Ideen, die in ihr bestehendes Geschäftsmodell passen wie beispielsweise die firmengesponserte Brutstätte Bell Labs. Aber sie schalten auch reflexhaft alles aus, was die 'schöpferische Zerstörung' umwälzender Erfindungen einzuleiten droht. Eine Art irrationale 'Paranoia' (Wus Bezeichnung) hat Bell dazu getrieben, die Erfindung der Magnettonbänder durch einen seiner Ingenieure in den 1930ern zu unterdrücken - sie dachten irgendwie, dies könnte 'die Öffentlichkeit dazu verleiten, nicht mehr zu telefonieren'."
Archiv: Salon.com
Stichwörter: Monopole, Tim Wu

Polityka (Polen), 10.12.2010

Adam Krzeminski erklärt (hier auf Deutsch), warum Willy Brandts Kniefall vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos in Polen keine ähnlich große Bedeutung genießt wie in der Bundesrepublik. "In Deutschland löste Brandts Geste zunächst Bestürzung und Empörung aus: Ein deutscher Kanzler kniet vor niemandem und schon gar nicht in Warschau. Mit der Zeit wurde sie jedoch zu einer der moralischen Grundlagen der Bundesrepublik. Anders in Polen. Auf die Anwesenden machte sie zwar enormen Eindruck, aber es gab nur relativ wenige Augenzeugen, und die volkspolnische Presse veröffentlichte die Aufnahme des knienden Kanzlers nur sehr sparsam. Auf der einen Seite fürchtete man einen unbequemen Ausbruch von Sympathie für Brandt und die Deutschen, und auf der anderen moserten die Journalisten der Moczar-Presse, Brandt habe vor dem falschen Denkmal gekniet. Warum nicht vor der Warschauer Nike?!" Es halft Brandts Ansehen in Polen auch nicht, dass er bei seinem zweiten Besuch in Warschau, 1985, nicht darauf bestand, Lech Walesa zu sehen.
Archiv: Polityka

Economist (UK), 11.12.2010

Die Kassen in Großbritannien sind leer, auch die Ausgaben für Kultur werden massiv gekürzt. Der neue Kulturminister Jeremy Hunt blickt, wie der Economist berichtet, jetzt hilfesuchend in Richtung Amerika und will den Wohlhabenden auf dem Umweg übers kulturelle Gewissen in philantropischer Manier ans Portemonnaie: "Amerikaner spenden im Schnitt 37 Pfund im Monat an kulturelle Institutionen; in Großbritannien sind das 6 Pfund... Und die Reichen sind in Großbritannien weit engherziger als die Armen. Drei Fünftel der größten Spender im Land - jene, die mehr als 100 Pfund im Monat geben - haben Einkommen unter 26 000 Pfund im Jahr. In den USA geben die, die mehr als 150 000 Pfund verdienen, mehr als acht Mal so viel wie die entsprechende Gruppe in Großbritannien. Wie aber macht man die Briten großzügiger? Philanthropen sollen öffentlich belobigt werden, warum nicht mit Auszeichnungen durch die Königin, meinte Hunt; als er im Mai sein Amt übernahm, bestand eine seiner ersten Handlungen darin, persönliche Brief an 200 Spender zu schreiben, in denen er für das Geld dankte und um Unterstützung und Rat bat... Er erklärte, dass gegen größeren Gruppendruck als Ermunterung auch nichts einzuwenden sei. Und er fügte, damit es auch jeder verstehe, mit Winston Churchill hinzu: 'Unseren Lebensunterhalt verdienen wir mit dem, was wir bekommen. Ein Leben wird daraus aber erst mit dem, was wir geben.'"

Außerdem gibt's ein kleines Dossier zu Wikileaks, dem der Economist mit großer Gelassenheit und Nüchternheit begegnet hier, hier, hier, hier, hier und hier.
Archiv: Economist
Stichwörter: Winston Churchill, Geld

Lettre International (Deutschland), 01.12.2010

"Europa wird mestizisch", verkündet der französische Philosoph Sami Nair in einem ziemlich akademischen, aber trotzdem sehr lesenswerten Essay. Nair lehnt den Begriff der kulturellen Identität nicht ab, aber er wendet sich auch gegen einen rein positiven Begriff von Diversität, der das Mestizentum, also die Vermischung, gar nicht mehr zulässt: "Die wahre Herausforderung stellt die Selbstüberschreitung dar, die Öffnung zur gemeinsamen conditio humana - jenseits der Apologien des Rechts auf Differenz, das sich, wie man allzugut weiß, leicht in die Pflicht zur Separation und Rechtetrennung verwandelt. Das Beispiel des religiösen Totalitarismus, der mit gewaltsamem Fanatismus einem morbiden Separationskult durch Glauben, Habitus, Nahrung und Abgrenzung im Raum frönt, ist hier emblematisch. Der religiöse Fundamentalismus ist in diesem Sinne ein Faschismus der Seele." Einen Auszug kann man hier lesen."

Außerdem auszugsweise zu lesen: Liao Yiwus "Fragen an den Himmel", Benjamin Korns Essay über Frankreichs labile Demokratie zwischen Republik und Präsidialsystem, Nicholas Shakespeares Porträt des nahezu unbekannten Malers Ian Fairweather und einiges mehr. Inhaltsverzeichnis hier.

Open Democracy (UK), 09.12.2010

Ingo Petz führt ein sehr instruktives Gespräch mit dem weißrussischen Schriftsteller Uladzimier Arlou, der über die immer stärkere Russifizierung seines Landes und das schwierige Nationbuilding in einer Diktatur spricht. Dazu gehören auch die Schikanen, denen er als Autor ausgesetzt ist. Am 19. Dezember sind wieder Wahlen. Der Autokrat Alexander Lukaschenko wird wieder gewinnen, und eventuell gibt es wieder Proteste wie im Jahr 2006. "Aber vergessen Sie nicht, dass die Leute wirklich Angst haben. Angst, dass sie ihren Job verlieren, wenn sie an den Protesten teilnehmen - immerhin werden Löhne und Renten regelmäßig bezahlt, auch wenn sie weit unter dem europäischen Schnitt liegen. Angst, dass sie aus der Uni rausgeschmissen werden, denn genau das ist Hunderten der Portesierenden im Jahr 29096 geschehen. Angst, hinter Gittern zu enden..."

Der Journalist Oleg Kashin wurde vor einigen Wochen schwer zusammengeschlagen. Gerade wurde er operiert, um sein Gesicht wiederherzustellen. Auch die Finger sind ihm gebrochen worden. Er schreibt auch auf dem Krankenhausbett weiter. In Open Democracy wundert er sich, das eine Demonstration nationalistischer Fußballfans im Lande einer kommenden Fußball-WM von den russischen Behörden sehr sanft behandelt wurde. Zwei Künstlern erging es ganz anders: "Leonod Nikolajew und Oleg Worotnikow von der Gruppe 'Voina' [mehr in der FAS und bei rebelart] wurden wegen Hooliganismus aus Hass auf eine andere Bevölkerungsgruppe festgenommen, worauf sieben Jahre Gefängnis stehen. Als sie in die Untersuchungshaft in Sankt Petersburg gefahren wurden, hat man ihnen Säcke über die Köpfe gestülpt."

La regle du jeu (Frankreich), 09.12.2010

Auch Frankreich hat seine Buchverbotsstreits: Der Schriftsteller Regis Jauffret hat im März den Roman "Severe" (auf Deutsch: "Streng") veröffentlicht, in dem er Motive des spektakulären Mords an dem französischen, 2005 von seiner Geliebten erschossenen Bankier Edouard Stern [mehr hier] verarbeitet. Jetzt klagt dessen Familie auf ein Verbot des Buchs, was wiederum SchriftstellerkollegInnen - darunter Frederic Beigbeder, Michel Houellebecq und Jonathan Littell - zu einem Verteidigungsaufruf veranlasste. Darin heißt es unter anderem: "Seit dem Mord sind viele vorgeblich dokumentarische, für das Opfer häufig beleidigende Artikel und Bücher erschienen, die nie eine Klage nach sich zogen. Das zweifelhafte Privileg eines solchen Angriffs und des Rufs nach einem Verbot blieb seltsamerweise einem fiktiven Werk vorbehalten ... Mit dieser Verbotsforderung macht man das Verbrechen nicht ungeschehen, sondern begeht ein weiteres - am Geist."

Die Kritik reagierte zwiespältig auf den Roman. Aber Minh Tran Huy erinnerte im Magazine litteraire schon im März daran, dass Jauffret große Vorbilder hat: "'Severe' stellt sich viel weniger in die von dem fait divers um Stern vorgegebene Linie als in eine Tradtion von Schriftstellern, die alle von tatsächlichen Mordgeschichten ausgegangen sind - von Flaubert und Stendhal bis hin zu Truman Capote und Emmanuel Carrere."

New Yorker (USA), 27.12.2010

Nick Paumgarten porträtiert Shigeru Miyamoto, Erfinder, Designer, Produzent oder Ideengeber für viele der weltweit verbreiteten Nintendo-Spiele wie Donkey Kong, Super Mario Bros., dem meistverkauften Videospiel aller Zeiten, und zuletzt Wii, das Leute dazu bringt, im eigenen Wohnzimmer rumzuzappeln. Paumgartens Artikel vermittelt einen Einblick, in die ganz eigenen Welt der Spiele-Designer und zeigt, dass Miyamoto - getreu seinem Motto: "Was mir Spaß macht, kann auch anderen Spaß machen" - viele eigene Kindheitserfahrungen in seine Spiele einbaute. "Unterhaltung kann ganz schön vornehm tun; sie könnte sich mit der Zeit in etwas anderes verwandeln, wie Kunst und Literatur, die früher einmal als ähnlich banal abgetan wurden, wie heute Videospiele. 'Videospiele sind schlecht für dich?', sagte Miyamoto einmal. 'Dasselbe hat man auch über Rock'n'Roll gesagt!' Natürlich haben Videospiele ihre intellektuellen Prediger und kritischen Verfechter, die sie gern als kulturelle Artefakte, codierte Texte, mythopoetische Fiktionen oder politische Paradigma ansehen. Insofern dürften sie mehr mit Oper als mit Herumhopsen oder Cribbage gemeinsam haben."

Zu lesen sind außerdem die Erzählung "Escape from Spiderhead" von George Saunders und Besprechungen von drei Büchern über die Entstehung des amerikanischen Patriotismus: "As If an Enemy?s Country", "American Insurgents, American Patriots" und "Defiance of the Patriots" sowie von drei neuen Publikationen über Mao und den Maoismus.Leider nur im Print: Ein Brief aus Kamerun von Michael Specter.
Archiv: New Yorker

Salon.eu.sk (Slowakei), 09.12.2010

Der weißrussische Essayist Andrei Dynko bereitet uns auf eine neue Wandlung des Autokraten in Minsk vor, auf Lukaschenko 4.0. Zuerst wollte er den russischen Thron erobern, dann verhinderte er jegliche Demokratisierung und schließlich wurde er wirtschaftsfreundlich. Dass er jetzt weitere Reformen in Aussicht stellt, lässt Dynko kalt: "Lukaschenko, ein geborener Populist, wusste immer der öffentliche Meinung zu folgen. 1995 waren 70 Prozent der Bevölkerung für eine Wiederbelebung der UdSSR, heute liegt die Zahl bei kaum 10 Prozent: dreimal weniger als in der Ukraine. Lukaschenko ist weder ein Vater der Nation noch ein Stalin. Er ist der Vater einer unabhängigen Nation. Lukaschenko verlangt nur eine Sache im Austausch für ökonomische Freiheiten: Rührt meine Autorität nicht an."
Archiv: Salon.eu.sk
Stichwörter: Minsk, Stalin

New Statesman (UK), 10.12.2010

Anthony Barnett, Mitbegründer von OpenDemocracy, vergleicht die jetzigen Studentenproteste in Britannien mit den Studentenprotesten in den Sechzigern und fragt sich, ob auch sie von der Rechten bezwungen werden. "Im Oktober 1968 hielt eine damals noch unbekannte Margaret Thatcher eine Rede bei einem Nebentreffen während des Parteitags der Konservativen. Sie begriff den antistaatlichen Zeitgeist. Es war dann die politische Rechte, die irgendwann das Erbe des Antiautoritarismus der Sechziger übernahm. [...] Im Gegensatz zu den späten Sechzigern, als Studentenproteste lächerlich gemacht und angeprangert wurden, können sie heute glaubhaft für sich in Anspruch nehmen, den Ärger und die Besorgnis einer breiteren Öffentlichkeit zu artikulieren."

New York Times (USA), 12.12.2010

Dass auch Magazine im Internet finanziell überleben können, beweist der Erfolg von The Atlantic, einem 153 Jahre alten Magazin, dass einen exzellenten Ruf, aber auch jahrelang Verlust eingefahren hat. Dieses Jahr ist alles anders. Atlantic macht seit mindestens zehn Jahren erstmals wieder Profit: 1,8 Millionen Dollar. Gar nicht schlecht für ein kleines Magazin, meint Jeremy W. Peters. Und wie kommt das? "Im wesentlichen haben wir uns die Frage gestellt, was wir tun würden, wenn wir uns agressiv selbst kannibalisieren wollten", zitiert Peters den Präsidenten der Atlantic Media Company, Justin B. Smith. Als Ergebnis dieser Überlegung "wurde die Trennung zwischen Internet- und Printredaktion aufgehoben, die Bezahlmauer der Webseite geschleift und ein Trupp junger Autoren angeheuert. Den Anzeigenakquisiteuren wurde mitgeteilt, dass es keine Rolle spiele, zu welchem Prozentsatz sie Print- oder Onlineanzeigen akquirieren; sie mussten nur ein Verkaufsziel erreichen." Und deshalb macht Atlantic "macht in diesem Jahr 32,2 Millionen Dollar Einnahmen. Etwa die Hälfte davon kommt von Anzeigen. Aber die Onlineanzeigen - die in diesem Jahr 6,1 Millionen Dollar einbringen sollen - werden fast 40 Prozent des gesamten Anzeigenaufkommens von Atlantic ausmachen. Im Magazingeschäft, dass sich gegen die digitale Zukunft gewehrt hat, ist das eine Rate, von der man noch nie gehört hat."

Nachdem erst Amazon Wikileaks von seinen Servern verbannt hat und dann auch noch PayPal, Mastercard und Visa ihre Zusammenarbeit mit Wikileaks aufgekündigt haben, warnte Rebecca MacKinnon auf CNN kürzlich davor, dass die Infrastruktur des Netzes von privaten Firmen beherrscht wird, die am Ende über unsere Meinungsfreiheit bestimmen. Diese Frage betrifft natürlich auch Facebook, wie Miguel Helft erklärt. Facebook hatte eine Seite gelöscht, auf der Wikileaks-Unterstützer die Hacker-Angriffe auf PayPal, Mastercard etc. koordinierten. Schwerer Protest war die Folge. "Facebook stellt selten jeden zufrieden", stellt Helft fest. "Jeder Inhalt - eine Fotografie, ein Video oder eine Botschaft zwischen zwei Personen - kann jemanden beleidigen. Entscheidungen der Firma, etwa Material von Holocaust-Leugnern, Kritikern des Islam oder anderer Religionen nicht zu löschen, hat Interessengruppen verärgert und dafür gesorgt, dass einige ausländische Regierungen die Webseite zeitweise ganz sperrten."