Magazinrundschau

Erfinden, erfinden, erfinden

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
06.05.2008. Im TLS schreibt der Tenor Ian Bostridge über Musik im Totalitarismus. Der New Yorker stellt die Gruppe "Intellectual Ventures" vor. Caffe Europa beschreibt den Versuch Aldo Moros, Kommunisten und Katholiken zu versöhnen. Nepszabadsag und Elet es Irodalom analysieren den in Ungarn manchmal falsch verstandenen Begriff "Wettbewerb". Die London Review of Books erklärt, warum Südafrikas Thabo Mbeki die verbrecherische Regierung Robert Mugabes unterstützt. In der Weltwoche zeigt die Geigerin Julia Fischer, dass sie auch mauern kann.

London Review of Books (UK), 08.05.2008

R.W. Johnson liefert einen bestens informierten und schneidenden Bericht über die unzähligen Manipulationen, die in Zimbabwe Robert Mugabes Wahlniederlage gegen seinen Opponenten Morgan Tsvangirai verhindern sollten und dann doch nicht konnten. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Machenschaften des südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki, der Mugabes paranoide Weltsicht teilt: "In Mbekis und Mugabes Vorstellung hat der Westen nichts anderes im Sinn, als die Nationalen Befreigungsbewegungen zu beseitigen und, wenn möglich, die Vorgänger-Regime wiedereinzusetzen - Apartheid, Kolonialherrschaft oder die weißen Siedler. Dafür bedient sich der Westen verschiedener lokaler Parteien als Büttel: die Inkatha und die Democratic Alliance in Südafrike, Renamo in Mosambique, Unita in Angola - und Tsvangirais MDC in Simbabwe. Simbabwe ist dabei das schwächste Glied, weshalb die anderen Befreiungsbewegungen Mugabes Zanu-PF bedingungslos unterstützen müssen, denn wenn 'Simbabwe' fällt, ist Südafrika als nächstes dran."

Weitere Artikel: Donald McKenzie staunt über die enorme Preissteigerung für die Versicherung gegen "das Ende der Welt" - d.i. den Zusammenbruch der Weltmärkte - und sieht darin ein Indiz für die Ernsthaftigkeit der aktuellen, in seinem Artikel dann genau analysierten Kreditkrise. Vom Prozess gegen die gescheiterten islamistischen Attentäter, denen wir das Flüssigkeitsverbot im Flugzeug-Handgepäck verdanken, berichtet Daniel Soar. Stephen Holmes attestiert Naomi Kleins Analysen in "Die Schock-Strategie" Scharfsinn in der Kritik an der Ideologie des freien Marktes und Naivität in der Affirmation eines demokratischen Populismus. Michael Wood bespricht Kimberley Peirces Film über den Irak-Krieg und seine Folgen, "Stop-Loss", den er ganz exzellent findet.

Caffe Europa (Italien), 04.05.2008

Am 9. Mai 1978 wurde der christdemokratische Politiker Aldo Moro von Mitgliedern der "Brigate Rosse" ermordet. Antonio Padellaro, Chefredakteur der L'Unita und Chronist der Bleiernen Jahre in Italien, erklärt Alessandro Lanni, wie glücklich sich Italien mit seinen Politikern der Sechziger und Siebziger schätzen durfte, von de Gasperi bis Togliatti. Moro hätte ebenfalls noch Großes schaffen können, meint Padellaro. "Moro arbeitete an einem großen Projekt, an einem strategischen Coup: die Begegnung der katholischen und der kommunistischen Welt. Das wäre der erste wahre Schritt zur Versöhnung dieses Landes gewesen. Die PD (Demokratische Partei von Walter Veltroni) ist eine wenn auch abgeschwächte Konsequenz dieses Denkens. Ein sehr schwieriger Prozess, der von der Kirchenführung außerordentlich hartnäckig bekämpft wurde, der aktuelle Kurs der Kirche zu ethischen Themen ist nichts dagegen. Es gab Aggressionen und Drohungen, Amintore Fanfani wurde wegen der Blockade der Kirche nicht zum Präsidenten gewählt. Moro wurde erschossen, und wir sollten nicht vergessen, dass er auch deshalb entführt wurde, weil einige Parteien nicht wollten, dass Kirche und Kommunisten aufeinander zugehen, Aldo Moro, wie auch immer man ihn sieht, hat etwas gemacht, was Lichtjahre entfernt ist vom heutigen Kleinklein der Politik, an das wir uns schon so gewöhnt haben. Er vertrat eine Vision. Eine Vision, die unserer heutigen Politik so furchtbar fehlt."
Archiv: Caffe Europa

New Yorker (USA), 12.05.2008

Der New Yorker hat in dieser Woche einen Schwerpunkt zum Thema Erfindung und Innovation. Der Sachbuch-Bestsellerautor Malcom Gladwell stellt in einem Essay die Gruppe "Intellectual Ventures" vor, die der Multi-Millionär Nathan Myhrvold aus Wissenschaftlern, Tüftlern und originellen Geistern zusammengestellt hat und finanziell großzügig unterstützt. Das Ziel von I.V.: Erfinden, erfinden, erfinden. Und klappt es? Weit jenseits des Erwartbaren. Im Moment meldet I.V. rund fünfhundert Patente im Jahr an, Gladwell nennt nur einige Fakten zu dieser Erfolgsgeschichte: "Intellectual Ventures hat gerade ein Patent angemeldet für automatische, batteriebetriebene Brillen mit einer winzigen eingebauten Videokamera, die Aufnahmen von der Retina macht, auf die die flüssigkeitsgefüllten Gläser mit einer Geschwindigkeit von bis zu zehnmal pro Sekunde reagieren. Gerade hat I.V. Lizenzen für ein Bündel Patente für achtzig Millionen Dollar verkauft... Bill Gates, einer der wichtigsten I.V.-Investoren, stellt fest: 'Ich kann Ihnen fünfzig Beispiele geben für Ideen, die sie hatten, von denen jede einzelne zur Gründung eines Startup-Unternehmens taugt.'"

Weitere Artikel: Elizabeth Kolbert staunt über die Ausdauer von Hillary Clinton. Anthony Lane bespricht das jüngste Werk der Wachowski-Brüder "Speed Racer" (er versteht wenig und findet den Film bei genauerer Betrachtung pop-faschistisch) und Chris Eigemans Debüt "Turn the River".
Anzeige
Archiv: New Yorker

Nepszabadsag (Ungarn), 03.05.2008

Die Ungarn sehen sich oft zum Wettbewerb gezwungen, begeistern sich aber nicht dafür, stellt die Psychologin Marta Fülöp im Interview mit Laszlo Rab fest. Die Gründe für den harten Konkurrenzkampf seien im engen Raum und in der fehlenden gesellschaftlichen Sozialisation zu suchen: "Der große Wettbewerb benötigt viele verschiedene Begabungen und Ausbildungen, aber Ungarn braucht eben keine Seeleute, ein Ozeanologe hat es hier schwer. Grundsätzlich ist es in Ungarn für eine spezielle Begabung viel schwerer als in anderen Wettbewerbskulturen - etwa in Amerika oder Japan. In Ungarn muss auch das Wenige hart erkämpft werden, deshalb ist der Konkurrenzkampf hierzulande so schonungslos. Hier ist der Konkurrent nicht ein ehrenwerter Gegner - wie zum Beispiel in Japan -, der zur größeren Anstrengung motiviert, sondern er erscheint oft als Feind, den man ganz und gar nicht respektiert, vielmehr symbolisch auszulöschen versucht. In dieser feindlichen Atmosphäre werden dann aggressive Mittel benutzt und die Regeln weniger eingehalten."
Archiv: Nepszabadsag

Elet es Irodalom (Ungarn), 30.04.2008

Auch in der ungarischen Politik hat man den Begriff "Wettbewerb" noch nicht richtig verstanden, stellt Anna Szilagyi fest, die den Sprachgebrauch der rechtspopulistischen Opposition in Ungarn analysiert: "Der Sprachgebrauch der Rechten und der Linken unterscheidet sich hier am deutlichsten voneinander: Während die Linken gegen einen Konkurrenten kämpfen, bekämpfen die Rechten ihre Feinde. [...] Die Stigmatisierung als 'Bösewicht', als 'Krimineller' oder 'Geisteskranker' bedeutet vor allem eins: der so Bezeichnete ist unverbesserlich. Daraus ergibt sich auch die Behandlungsweise des derart identifizierten Feindes: Er muss durch Isolation oder auf andere Art aus der Nation entfernt werden, damit diese 'gereinigt' oder 'geheilt' werden kann. Dieser Sprachgebrauch erweist sich deshalb als sehr wirkungsvoll und einnehmend, weil der scheinwissenschaftliche Jargon die politische Absicht verbirgt, die auf die Eliminierung des politischen Gegners abzielt, indem er eigentlich objektiv-neutrale Termini aus den Bereichen der Diagnostik oder der Rechtslehre machtpolitisch und gänzlich autoritär verwendet."

Spectator (UK), 03.05.2008

Die feministische Fawcett Society fordert, dass die Finanzwelt der Londoner City sich mit ihren Klienten nicht mehr in Strip Clubs treffen soll. Finanzen und Testosteron vertrügen sich nicht. Die Exbrokerin Venetia Thompson hält das für Unsinn. "Als ich in der City arbeitete, waren Strip Clubs außerordentlich praktisch. Nutzt man sie richtig, können sie die Trumpfkarte des City-Mädchens sein, denn sie sorgen für belästigungsfeie Unterhaltung nach dem Abendessen. Für mich waren sie immer eine Art After-Hour-Krippe, in der ich mich zurücklehnen und entspannen konnte, während ein nerviger Kunde herumhüpfte wie ein Cocker-Spaniel, mit seinem Kopf sicher zwischen zwei Brüsten verstaut. Der überwältigende Geruch nach Talkumpuder und seltsamen Feuchtigkeitscremes - wegen des Rauchverbots nun noch deutlicher - ist wirklich der einzige Nachteil."

Archiv: Spectator
Stichwörter: Geruch, Rauchverbot

Weltwoche (Schweiz), 01.05.2008

Andre Müller interviewt die Geigerin Julia Fischer, die sich nach Kräften bemüht, nicht Auskunft zu geben. Ein Auszug:

"Wollen Sie Kinder haben?
Ja, selbstverständlich. Wozu ist man denn sonst auf der Welt?
Für die Kunst!
Das lässt sich doch gut vereinen, wenn ich es will. Nun werden Sie fragen, ob ich schon den geeigneten Mann dafür habe.
Nein.
Das ist eine von diesen doofen Journalistenfragen. Darauf antworte ich nicht."

Weiteres: Im Aufmacher würdigt Beatrice Schlag Madonna. Und Sacha Verna porträtiert den Romancier Nathan Englander, der nach seinem gefeierten Erzählband vor zehn Jahren jetzt seinen ersten Roman "Das Ministerium für besondere Fälle" veröffentlicht hat.
Archiv: Weltwoche

Das Magazin (Schweiz), 02.05.2008

Klimaveränderungen haben schon immer eine wichtige Rolle in der Geschichte der Menschheit gespielt, meint der Naturforscher Josef H. Reichholf im Gespräch mit Matthias Meili: "Zur Zeit des Hochmittelalters herrschte ein äußerst mildes Klima. Es war in Mitteleuropa eher noch wärmer als heute. Die Bevölkerung wuchs von 17 auf über 70 Millionen Einwohner an... Während des mittelalterlichen Bevölkerungswachstums gab es eine große Zahl von Stadtgründungen, und gerade in dieser Zeit der Bevölkerungszunahme wurden auch viele Nonnenklöster gegründet... Zu Nonnen wurden junge Frauen im gebärfähigen Alter. Frauen sind aber entscheidend für die Bevölkerungsentwicklung einer Gesellschaft. Die Nonnenklöster bildeten einen Teil der Geburtenkontrolle der damaligen Gesellschaft."
Archiv: Das Magazin

Times Literary Supplement (UK), 02.05.2008

Ian Bostridge, seines Zeichens weltberühmter Tenor bespricht "The Rest is Noise", (erstes Kapitel) eine Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, geschrieben vom New Yorker-Kritiker Alex Ross (Blog). Unter anderem geht's in dem monumentalen Band um die politische Rolle der Musik in totalitären Regimes. Und "Deutschland" ist laut Bostridge die Quelle aller Probleme: "Für Ross ist die Affenliebe der Nazis zur Musik die Krux seiner Gschichte. Wenn deutsche Politik und Philosophie der klassischen Musik im 19. Jahrhundert eine nie gesehene Macht gab, dann raubte ihr ihre ihre Verquickung in die Vernichtung der europäischen Zivilisation vor sechzig Jahren ihre moralische Autorität, ein Kollaps, mit dem die klassische Musik bis heute zu leben hat. Ross zeigt es an einem trivialen Beispiel: 'Wenn irgendein gepflegter Superschurke in Hollywood ansetzt, die Menschheit zu versklaven, dann legt er sich eine Platte mit klassischer Musik auf, um sich in Stimmung zu bringen."

Außerdem im TLS: Der Historiker Mark Mazower liest Bernard Wassersteins "Barbarism and Civilisation - A history of Europe in our time" (mehr hier). Jon Garvie denkt mit Cass R. Sunsteins " Republic.com 2.0" (mehr hier) über den Struktuwandel der Öffentlichkeit durch das Internet nach, möchte aber Sunsteins von Habermas geprägte linkskonservative Skepsis gegenüber der Digitalisierung nicht teilen.

Al Ahram Weekly (Ägypten), 01.05.2008

Magdy El-Shafie hat mit "The Metro" den ersten ägyptischen Comic-Roman geschrieben - der nun, Monate nach seiner Veröffentlichung, wegen angeblicher Obszönität und Verleumdung verboten wurde. Rhania Kallaf stellt den Comic, in dem es um einen Banküberfall geht, sowie den Autor und seine Einflüsse vor: "El-Shafie erkärt, dass auch die Blogger seinen Stil mitgeprägt haben. 'Blogger sind in Ägypten erstmals 2004 während der Demonstrationen für mehr demokratische Freiheiten in Erscheinung getreten. Sie schrieben ungeschliffen und ehrlich und ohne ideologische Festlegung. Das hat mich sehr berührt.' Der in Schwarz-Weiß gehaltene Roman spielt im Kairoer Viertel Maadi, das in zwei scharf voneinander geschiedene Teile getrennt scheint: den, in dem die obere Mittelschicht lebt und den, in dem die Armen leben. Er konzentriert sich auf das Leben der Armen und zeigt, wie Wanas, eine der Figuren des Romans, zum Bettler wird, nachdem die Regierung den Kiosk abgerissen hat, in dem er als Schuster seinen Unterhalt verdiente." (Hier ein längerer Auszug aus "The Metro" in englischer Übersetzung.)

Weitere Artikel: Anlässlich der Londoner Buchmesse im letzten Monat fragte der Independent, ob nach dem Erfolg von Khaled Hosseinis Roman "Der Drachenläufer" vielleicht ein Boom arabischer Literatur im Westen bevorsteht. Mona Anis ist da skeptisch: allzu klischeegeprägt sind die westlichen Vorstellungen, zu selbstherrlich halte man sich im Westen für allein 'universalistisch' und zu wenig verbreitet seien - anders als umgekehrt - Grundkenntnisse der Klassiker arabischer Literatur. Khali El-Alani sieht dringenden Reformbedarf bei der ägyptischen Gründungssektion der inzwischen weltweit verbreiteten Muslimbruderschaft.

New York Times (USA), 04.05.2008

In Deutschland ist die Popliteratur ja tot, aber in China geht's erst richtig los. Aventurina King porträtiert einige ihrer Protagonisten, an erster Stelle den für seine androgynen Kleidungssitten berühmten 24-Jährigen Guo Jingming, dessen Romane von traurigen Teenies handeln: "Guo ist keinesfalls überall beliebt. Im letzten Jahr wurde er von den Nutzern des Internetportals Tianya zum dritten Mal hintereinander zur meist gehassten männlichen Celebrity gewählt. Aber drei seiner vier Romane haben mehr als eine Millionen Exemplare verkauft, und im letzten Jahr erzielte er das höchste Einkommen eines chinesischen Autors: 1,4 Millionen Dollar."

China ist das große Thema in der Buchbeilage. Jonathan Spence bespricht Mo Yans neuen Roman "Life and Death Are Wearing Me Out". Besprochen werden außerdem Jiang Rongs Super-Bestseller "Wolf Totem" (hier), Wang Anyis "The Song of Everlasting Sorrow" (hier) und Yan Liankes "Serve the People" (hier). Und im Sunday Magazine porträtiert Ian Buruma den Komponisten Tan Dun.

Außerdem im Sunday Magazine porträtiert den Epidemiologen Gary Slutkin, der mit seiner Organisation "CeaseFire" die Gewalt in den amerikanischen Städten nach dem Modell einer Epidemie bekämpfen.
Stichwörter: Ian Buruma, Popliteratur