Magazinrundschau

Die dem Käse innewohnende Schlechtigkeit

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
11.03.2008. Vanity Fair enthüllt eine skandalöse Geheimoperation der Bush-Regierung. Tygodnik Powszechny vermisst die französische Poesie eher nicht. In der NYRB findet Nicholson Baker sogar den Vandalismus in Wikipedia hinreißend. Edwy Plenel kündigt die neue Online-Zeitung Mediapart an. L'Espresso denkt über die Bösartigkeit von Käse nach. Expert Sibir untersucht den Kunstmarkt in Sibirien. Dem indischen Tiger macht ein fauler Zahn zu schaffen, weiß der Economist.

New York Review of Books (USA), 20.03.2008

Der Schriftsteller Nicholson Baker ist so begeistert von Wikipedia, dass er in seinen Lobgesang auch die vermeintlichen Vandalen einschließen kann. "Es ist ein Spiel. Wikipedianer halten Vandalismus für ein Problem, und das kann er auch sein, aber als Beobachter im Geiste Diogenes' muss man zugeben, dass Wikipedia ohne seine bösen Geister niemals so erfolgreich geworden wäre. Es ist ein Nachschlagewerk, das sich ziemlich plötzlich und bösartig gegen einen wenden kann. Wenn man den einstigen kriegerischen Harvard-Präsidenten James Bryant Conant sucht, weiß man nie, ob man einen ausgewogenen Artikel findet oder nur einen einzigen Satz (wie für siebzehn Minuten am 26. April 2006): 'Er ist ein riesiger dummer Kopf.' James Conant war schließlich in wichtiger Hinsicht ein großer Dummkopf. Er war ein Antisemit, glaubte an Wunderwaffen und tüftelte gern neue Möglichkeiten aus, Menschen umzubringen, während er eine große Universität leitete. Ohne die Spinner, Verleumder und Schmierer wäre Wikipedia einfach nur die nützlichste Enzyklopädie aller Zeiten. So ist es eine hektische Version von Paintball."

Weiteres: Die drei hochrangigen US-Diplomaten William Luers, Thomas R. Pickering und Jim Walsh plädieren dafür, Irans Atomprogramm zu internationalisieren. Michael Tomasky analysiert den bisherigen Vorwahlkampf der Demokraten unter besonderer Berücksichtigung der Super-Delegierten, die Barack Obama wohl noch ein Super-Problem bescheren können. Martin Filler widmet sich Renzo Pianos Bau des Los Angeles County Museum of Art (Lacma). Besprochen werden Alan Greenspans Erinnerungen "The Age of Turbulence" und Peter Careys Roman "His Illegal Self" (den Cathleen Schine nur in dem Sinne klein nennen möchte, wie auch Bienen oder Uranmengen klein sind).

Mediapart (Frankreich), 10.03.2008

Am 16. März ist es soweit: An diesem Tag startet in Frankreich die neue Online-Tageszeitung Mediapart. Unter der Ägide des ehemaligen Chefredakteurs von Le Monde, Edwy Plenel, entstand ein Projekt, das über eine Art Netzabo allein von seinen Lesern finanziert werden soll. Es wird sich zeigen müssen, ob diese Rechnung aufgeht. Auf der derzeitigen Projektseite gibt Plenel jedenfalls einen kurzen Überblick über Entstehungsgeschichte, Personal und Pläne und erklärt, warum man sich für diese Finanzierungsform entschieden hat. "Im Klartext: Mediapart ist eine Journalistenzeitung, deren Kapital von ihrem Gründungsstab, der selbst überwiegend aus Journalisten besteht, kontrolliert wird. Ohne wem auch immer eine Strafpredigt halten zu wollen, erlauben wir uns einfach zu betonen, dass in der aktuellen Tageszeitungslandschaft eine solche strukturelle wirtschaftliche Unabhängigkeit nicht gerade häufig ist."
Archiv: Mediapart

Tygodnik Powszechny (Polen), 09.03.2008

"Seien wir mal ehrlich: die französische Poesie weckt nicht mehr dieselbe Begeisterung wie vor einem halben Jahrhundert. Die Leser wissen kaum etwas über sie, Kritiker rümpfen die Nase, und polnische Dichter, jung und alt, gehen auf Distanz", schreibt Jacek Gutrow aus Anlass des Erscheinens einer Anthologie französischer Lyrik in Polen. "Es scheint, als ob in Paris niemand mehr Gedichte schreiben würde. Und hier scheint niemand darüber zu trauern oder eine Erklärung finden zu wollen. Dem Phänomen wird in Polen mit einer erstaunlichen Indifferenz begegnet."
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Vanity Fair (USA), 01.04.2008

David Rose beschreibt in einem gründlich recherchierten Report, wie sich die amerikanische Regierung in einen Waffenhandel mit Fatah-nahen Brigaden in Gaza verstrickte und damit in eine "skandalöse und desaströse Geheimoperation im Nahen Osten: halb Iran-Contra, halb Schweinebucht": "Vanity Fair liegen vertrauliche Dokumente vor, die von amerikanischen und palästinensischen Quellen bestätigt wurden. Sie belegen eine geheime Initiative, die von George Bush genehmigt und von Außenministerin Condoleezza Rice und dem stellvertretenden Sicherheitsberater Elliott Abrams durchgeführt wurde und einen palästinensischen Bürgerkrieg entfachen sollte. Der Plan war für die von Mohammed Dahlan geführten Truppen, die auf Geheiß Amerikas mit neuen Waffenlieferungen ausgestattet wurden, um der Fatah die nötige Muskelkraft zu geben, die es brauchte, um die demokratisch gewählte, von der Hamas geführte Regierung abzusetzen (das Außenministerium will dies nicht kommentieren)."

Alessandra Stanley hält Christopher Hitchens These natürlich für blödsinnig, dass Frauen nicht witzig sein könnten, gibt aber zu, dass er mit seiner seltsamen Ansicht nicht allein dasteht: "Der Humor von Frauen ist ein heikles Thema seit die erste einen Witz machte: Sarah, Genesis, weit über ihr Alter hinaus schwanger, kündigt an, ihren Sohn Isaak zu nennen. Das ist Hebräisch für Gelächter."
Archiv: Vanity Fair

Caffe Europa (Italien), 09.03.2008

Von 1909 bis 1926 erschien das monatliche Magazin Lucciola ("Glühwürmchen" oder "Straßenmädchen"), ein schillerndes Projekt früher Feministinnen in dem damals noch stark ländlich und katholisch geprägten Italien, wie Francesco Roat berichtet. "Jede einzelne Ausgabe in schöner Schrift gedruckt, zum größten Teil von Frauen zusammengestellt (es gab aber auch männliche Beiträger), die ihre Beiträge mit einem Pseudonym unterzeichneten, war ein etwa 300 Seiten starkes Heft, das mit Zeichnungen, Fotografien, Drucken, Skizzen, Karten und schließlich Stickereien angefüllt war. Lucciola hatte aber auch einen umfangreichen Literatur- und Kulturteil zu bieten. Und es gab Reportagen und Rubriken wie etwa 'Referendum' - in der Debatten über Mode, sozial-kulturelle Werte und auch Politik angestoßen wurden - oder jene mit dem Titel 'Buchempfehlungen von Straßenmädchen', in der natürlich nicht nur Liebesromane behandelt wurden."
Archiv: Caffe Europa

Spectator (UK), 08.03.2008

Was sind das für Zeiten! Früher waren Helden wie Beowulf mit Schwertern gegen Monster unterwegs. Die Heroen, die heutzutage besungen und bewundert werden, tragen Nadelstreifenanzüge und kämpfen in den Wirtschaftskriegen dieser Welt. Margareta Pagano jedenfalls versucht übermütigen Managern ganz ernsthaft mit Hilfe der Beowulf-Saga Demut einzubläuen. Beowulfs "großer Fehler war sein Glaube, sie alle bezwingen zu können, auch die Mutter des Monsters, das er getötet hatte. Sie rächt sich, in dem sie Beowulf einen Drachen als Sohn gibt. Indem er den Drachen tötet und selbst stirbt, beweist Beowulf sein wahres Heldentum. Zur Legende wird er, weil er sich nach den Erfordernissen der Lage richtet und nicht nach seinem eigenen Ego. In dieser blutigen Schlacht gegen das Ungeheuer namens Suprime-Kreditverknappung, wie viele Bankmanager können von sich sagen, das getan zu haben?"

Abgedruckt ist ein Auszug aus Martin Rowsons Buch "The Dog Allusion", dem der Spectator die schöne Überschrift "Wenn Gott seine Existenz bewiese, würde ich immer noch nicht an ihn glauben" verpasst hat.
Archiv: Spectator
Stichwörter: Mons, Mutter

Gazeta Wyborcza (Polen), 08.03.2008

Letztes Wochenende sprach man in Polen nur vom 40. Jahrestag der Warschauer Studentenproteste und ihrer Niederschlagung durch die kommunistischen Machthaber, die in der Folge eine brutale, antisemitische und Antiintellektuellenkampagne begannen. Adam Michnik, Chefredakteur der Gazeta Wyborcza und damals einer der Initiatoren der Demonstrationen, erzählt Jacek Zakowski im Interview, wie ihn diese "Märzerfahrung" geprägt hat. "Ich wollte nie Politiker werden, aber die historische Konstellation hat mich dazu gezwungen. Und alles nur, weil ich in einem freien, demokratischen Polen leben, unter aufrichtigen Menschen, Freunden, leben wollte, und zusammen für Werte kämpfen, die ich schätze. Im März 1968 hat sich gezeigt, dass das ohne Politik nicht geht. Also machte ich, was ich tun musste, so gut wie ich konnte. Nicht mehr. Dieser März hat die nächsten 40 Jahre meines Lebens geprägt."
Stichwörter: Adam Michnik

Economist (UK), 08.03.2008

Der Titel fragt: "Was bremst Indien?" und der Economist gibt in der Titelgeschichte und einem weiteren Artikel die Antwort: vor allem sein Verwaltungsmoloch. "Ja, Indiens Verwaltung ist ausnahmslos ineffizient. Den Schätzungen der von der Kongress-Partei geführten Regierung zufolge erreichen nur geringe Teile der Gelder für Entwicklungsmaßnahmen ihre Empfänger. Der Rest wird von einer riesigen, tumorartigen Bürokratie aufgesaugt oder umgelenkt. Indien ist bemüht um umfassende Gesundheitsversorgung, um Wasser und Erziehung für alle; die Verwaltung sorgt aber dafür, dass nur fünf Länder auf der Welt einen geringeren Anteil an Ausgaben für Gesundheit im öffentlichen Sektor haben; dass mehr als die Hälfte der in Städten aufwachsenden Kinder privat unterrichtet werden; und dass fast die gesamten Investitionen in Bewässerungsanlagen privat sind."

Weitere Artikel: In einer Technologie-Beilage geht es unter anderem um die Frage, ob die Wikipedia nach möglichst großer Vollständigkeit oder möglichst großer Seriosität streben sollte. Vorgestellt werden Forschungen, die herausfanden, dass man auf Websites besser neue Artikel als beliebte Artikel ganz nach oben stellt. Besprochen werden unter anderem die Ausstellung mit Gemälden des späten Tizian in Venedig, Michael Burleighs "enttäuschendes" Buch "Blut und Empörung: Eine Kulturgeschichte des Terrorismus" und Michio Kakus populärwissenschaftliche Studie über die "Physik des Unmöglichen" - in dem man erfährt, dass außer dem Perpetuum Mobile und Hellsehen eigentlich gar nichts physikalisch undenkbar scheint.
Archiv: Economist

Espresso (Italien), 07.03.2008

Umberto Eco erinnert sich an den Kulturhistoriker Piero Camporesi, ein Kollege an der Universität in Bologna, der vor zehn Jahren starb. Camporesi beschäftigte sich mit Sinnlichkeit und Nahrung im Mittelalter. Eco zitiert aus einem schönen Text über den Käse, der im Mittelalter offenbar noch keinen guten Leumund hatte. "Über mehrere Jahrhunderte herrschte die Meinung vor, dass die dem Käse innewohnende Schlechtigkeit, seine 'Bösartigkeit', sich schon in seinem Geruch manifestierte und ankündigte, ein Geruch, den nicht wenige als ekelerregend und abscheulich empfanden. Er bestand ja aus sterbender Materie, befand sich in einem Zustand des Verfalls, verwelkt und verdorben, eine verwesende Substanz, schädlich für die Gesundheit und die Körpersäfte. Gewonnen aus einem abgeschiedenen Teil der Milch, aus schädlichen Schlacken, geronnen aus dem schlechtesten Teil derselben, dem schlammigen und erdigen Teil der weißen Flüssigkeit. Die Vereinigung der niedersten Substanzen, im Gegensatz zur Butter, die aus dem besseren, reineren Teil der Milch besteht."
Archiv: Espresso

Nouvel Observateur (Frankreich), 06.03.2008

In ihrem gleichnamigen Buch, das durchaus zu einem Bestseller werden könnte, sagt Genevieve Ferone, Leiterin des international agierenden Umweltdienstleisters Veolia Environnement, für 2030 den ökologischen Zusammenbruch voraus ("2030, le krach ecologique", Grasset). In einem Interview, in dem sie viele konkrete Zahlen und Beispiele nennt, erläutert sie ihre Thesen. So sei die exakte Terminierung keineswegs der Versuch einer Neuauflage von Orwells "1984". "Mit Orwell hat das nichts zu tun, denn hier handelt es sich nicht um ein Fantasiedatum, sondern um einen strikten, durch die Entwicklung der Schätzungskurven untermauerten Termin. Ich hätte eher 2029 vorgezogen, doch mein Verleger hat sich für die rundere Jahreszahl 2030 entschieden. Jedenfalls wird der traurige Termin in wenigen Monaten unausweichlich." Zeit bleibe jedenfalls keine mehr, sofern sich der nächste G8-Gipfel nicht ernsthaft der globalen Interessen des Planeten annehme. Eine Frage sei doch: "Gibt es tatsächlich irgendeine Notwendigkeit, Orangensaft herzustellen, indem man einen zuvor durch einen energieaufwendige Verdampfungsprozess gewonnenen Extrakt wieder verdünnt?"

Expert Sibir (Russland), 03.03.2008

"Anfang der 90er Jahre war der sibirische Kunstmarkt einer der lebendigsten in Russland. Doch nach dem Crash im Jahr 1998 hat sich vieles verändert", schreibt die Journalistin Sofia Goldberg. Mit dem Crash spielt sie auf die Rubelkrise von 1998 an. In ihrem umfassenden Artikel "Die unverkäufliche Kunst" spricht Goldberg mit mehreren sibirischen Galeristen über den Status quo des Kunstmarktes in einer der reichsten Regionen Russlands. Trotz des großen Wirtschaftspotentials ist die Kunstszene hier, mehrere tausend Kilometer von Moskau entfernt, sehr wenig entwickelt. "Um das Überleben ihrer Galerien zu sichern, sind die Galeristen entweder auf Mäzene angewiesen oder auf Einnahmen aus einer Nebentätigkeit, die mit Kunst wenig zu tun hat, wie zum Beispiel die als Kleinunternehmer. Bei ihrer Arbeit gehen die Galerien nach dem traditionellen Salonprinzip vor." Die Gründe für die Kunstmarktflaute in Sibirien sind aber laut Goldberg "nicht nur auf den Mangel an Kapital oder Interesse für zeitgenössische Kunst" zurückzuführen. "Den Galeristen, die in erster Linie ihre Mission als Kulturträger im Blick haben, fehlt es unter anderem auch an dem Bewusstsein dafür, dass Kunstwerke gewinnbringend sein könnten", meint Goldberg.
Archiv: Expert Sibir
Stichwörter: 90er, Mäzen, Sibiren

New York Times (USA), 09.03.2008

Das New York Times-Magazine hat ein interessantes Dossier über die neue Wohltätigkeit zusammengestellt. James Traubs Aufmacherartikel widmet sich den karitativen Aktivitäten der größeren und kleineren amerikanischen Stars, um die sich inzwischen eine ganze Industrie entwickelt hat. Stars suchen nach "guten Sachen". Unternehmen suchen nach Stars, die nach guten Sachen suchen, die zum eigenen guten Bild passen: "So wie Stars 'philanthropic managers' haben, die gute Sachen für sie aufstöbern, haben Unternehmen, die sich engagieren wollen, 'celebrity recruiters', die ihnen den richtigen Star besorgen. Rita Tateel bsorgt und koordiniert nach ihrer ihrer eigenen Berufsbeschreibung Promis für 'Marketing und Public Relation-Aktivitäten, die mit guten Anliegen' in Zusammenhang stehen. Sie tat vor kurzem das Unternehmen Purina auf, das 'Hilfsorganisationen für kleine Haustiere' unterstützen wollte und brachte es mit Emily Procter zusammen, einer Hauptdarstellerin der Serie 'CSI Miami', die 'Tierschutz lebt und atmet'."

Für einen anderen Artikel des Dossiers porträtiert Joe Nocera das Milliardärsehepaar Herb und Marion Sandler, die den Washington-Post-Journalisten Paul Steiger mit der Gründung von ProPublica beauftragten das ist ein journalistisches Experiment, das noch von sich reden machen wird: ProPublica wird zwanzig Reporter anstellen, um als Non-Profit-Organisation investigativen Journalismus zu betreiben. Die Sandlers sind untypische Mäzene, so Nocera; "Sie wählten einen Weg - investigativen Journalismus - den wenige andere Philanthropen beschritten haben. Statt das Geld jemandem zu geben, der sich bei ihnen gemeldet hat, haben sie den ersten Schritt getan... 30 Millionen Dollar für die ersten drei Jahre mit der Perspektive, dieses Engagement zu verlängern oder gar auszuweiten. Es ist eben hart für Philanthropen aufzufallen, wenn man nicht bereit ist, eine Menge Geld in die Hand zu nehmen, sagen die Sandlers."