Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
15.02.2005. In Le Monde diplomatique denkt Aharon Appelfeld darüber nach, warum sich damalige Kinder ganz anders an den Holocaust erinnern als Erwachsene. Outlook India feiert einen Mainstreamfilm über ein körperbehindertes Liebespaar. Im Espresso sagt Amartya Senn Italien die Verarmung voraus, wenn es nicht mehr Einwanderer aufnimmt. In Le Point erklärt Michel Onfray, warum Religionen Lebensvernichter sind. Im Nouvel Obs verteidigt Fouad Laroui die multikulturelle Gesellschaft der Niederlande gegen den französischen Zentralismus. Im ägyptischen Al-Ahram klärt uns der Orientalist Henri Laurens über la chose franco-arabe auf. Die New York Times Book Review rühmt Christopher de Bellaigues differenzierte Betrachtungen des Iran.

Monde diplomatique (Deutschland / Frankreich), 11.02.2005

Der Schriftsteller Aharon Appelfeld beschreibt in einem eindrücklichen Text, warum sich damalige Kinder ganz anders an den Holocaust erinnern als Erwachsene. Und warum sie ganz anders darüber schreiben: "Als die Menschen, die den Krieg als Erwachsene erlebt haben, ihre Geschichte erzählten, legten sie großen Wert auf die äußeren Fakten: Daten, Orte, Namen. Ihre Empfindungen und Gefühle fassten sie in allgemeine, eher unpersönliche Begriffe. Für diejenigen, die als Kinder überlebt hatten, war der Krieg ihr ganzes - bisheriges -Leben. Sie konnten über den Holocaust nicht in historischen, theologischen oder moralischen Begriffen reden; sie konnten nur von Angst und Hunger berichten, von Farben, von Kellern und von Menschen, die sie gut oder schlecht behandelt hatten. Die Kraft ihrer Zeugnisse liegt gerade in diesem begrenzten Horizont ... heutzutage, angesichts der wachsenden Tendenz, den Holocaust zu leugnen, hört man häufig: Haltet die Holocaust-Zeugnisse frei von euren subjektiven Fantasien ... Die schriftlichen und mündlichen Zeugnisse der einstigen Kinder sind eher literarischer Natur. Ihre Erinnerungen sind oft äußerst partikular, und wenn sie sich in Erinnerung rufen, was ihnen während des Krieges widerfahren ist, mobilisieren sie ihre Fantasie. Anhand von Empfindungen und Gefühlen gelingt es ihnen, ihre Vergangenheit wachzurufen. Solche Erinnerungen sollte man nicht als Tatsachenzeugnisse, sondern als Rekonstruktionen ansehen."

Außerdem gibt es einen wunderbaren Text von John Steinbeck, der 1947 Robert Capa in die UdSSR begleitete. Der chinesische Historiker und Publizist Wang Hui beschreibt in einem Essay das Asienbild deutscher Philosophen, und Vicken Cheterian berichtet über die Lage der Medien im Kaukasus.

Outlook India (Indien), 21.02.2005

Namrata Joshi feiert - in Übereinstimmung mit dem indischen Publikum - den Film, der in Bollywood in Sachen Filmkunst ein neues Kapitel aufschlägt: Sanjay Leela Bhansalis "Black" mit Rani Mukherjee und Amitabh "Big B" Bachchan in den Hauptrollen: "Es ist ein einzigartiger Mainstream-Film über zwei körperlich behinderte Menschen. Ihre Beziehung entgeht den vorgeprägten Kategorien, die erfahrenen Schauspieler werden zu seltener emotionaler Tiefe animiert, und das Drama entfaltet sich vor einem komplexen Zusammenspiel atemberaubender Bilder - und nicht vor Schweizer Bilderbuch-Landschaften."

Weitere Artikel: "Nepal ist in Aufruhr. Bangladesch versinkt in blutigen politischen Fehden. Pakistan schottet sich ab" - in der Titelgeschichte sieht V. Sudarshan Indien in gefährlicher Nachbarschaft und fürchtet, dass die politische Instabilität auf Indien selbst übergreifen könnte, wenn das Land nicht eine aktivere Rolle in der Region übernehme. Saumya Roy war in den Slums von Bombay unterwegs, die eigentlich nicht für ihren guten Geruch bekannt sind, und berichtet von öffentlichen Toiletten, die sich einen Namen als Touristenattraktion gemacht haben. Und Jaswant Singh empfiehlt in einem langen Essay Stephen Philip Cohens Buch "The Idea of Pakistan".

Nur im Netz: Tariq Ali erklärt in einem Kommentar die Wahlen im Irak zu einem imperialen Täuschungsmanöver, das mehr darauf angelegt gewesen sei, den Westen zu einigen als den Irak voranzubringen. "Nach Bushs Wiederwahl brauchten Frankreich und Deutschland eine Brücke zurück nach Washington. Werden ihre Bürger diese Propaganda schlucken?"

Espresso (Italien), 17.02.2005

Der indische Nobelpreisträger Amartya Sen, der vom Espresso als "Wirtschaftsphilosoph" vorgestellt wird, fordert im Interview mit Gigi Riva ein Verbot des internationalen Waffenhandels und erklärt, wie Europa mit der neuen Armut und den Einwanderern umzugehen sollte: "Ich glaube ganz einfach, dass man hier Leute braucht, die diejenigen Arbeiten übernehmen, die Italiener nicht mehr machen wollen. Italien kann wählen, ob es viele oder wenige Einwohner haben will; um das Bruttoinlandsprodukt auf dem gleichen Stand zu halten, braucht es fast ebenso viele wie heute. Das hängt ganz von der Politik ab."

"Welchen Sinn hat es, Karneval zu feiern in einer Welt, in der an dreihundertfünfundsechzig Tagen im Jahr Karneval stattfindet?" Umberto Eco rechnet mit dem bunten Treiben ab, das mittlerweile zum sinnentleerten Spektakel verkommen sei. "Wenn man sich im Karneval wirklich gegen die Mächtigen auflehnen würde, wenn man dann die Machtverhältnisse umstürzen und jeder zu seiner eigenen Revanche kommen würde. Aber nein, jeder geht einfach auf die Straßen, die vom feuchten Konfetti schon ganz rutschig sind, und kauft Süßigkeiten an Ständen, die man unter dem Jahr auch in Supermärkten finden kann, und das garantiert hygienischer."

Weiteres: Alessandro Gilioli berichtet von den ungleichen Nachbarn Thailand und Burma (das die Generäle jetzt in Myanmar umgetauft haben): Das Seebeben hat die politischen wie wirtschaftlichen Gräben zwischen der Touristenhochburg und dem "mittelalterlichen" Dschungelstaat noch vertieft. Riccardo Talenti freut sich über die Einweihung der neuen Autostraße, die das afghanische Herat mit Dogharun im Iran verbindet, eine Route, die schon Marco Polo beschrieben hat. Und Cesare Balbo kündigt die Berlinale an, in der sich mit Stefano Mordinis "Provincia meccanica" nur ein italienischer Beitrag findet.
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Archiv: Espresso

Point (Frankreich), 14.02.2005

In seinem neuen Buch "Traite d'atheologie" (Grasset, erstes Kapitel) setzt sich Michel Onfray mit den monotheistischen Religionen auseinander. In einem Interview erläutert der als "Verteidiger von Materialismus und Hedonismus" apostrophierte Philosoph seine Auffassung, wonach Religionen "Lebensvernichter" seien. Man könne die theoretischen Probleme, die im Zusammenhang mit der Sterblichkeit des Menschen stünden, nicht mit "magischem Denken" lösen, Glaube sei "Bequemlichkeit". "Der Irrtum der Gläubigen besteht darin, dass sie nach Heiligkeit streben. Ich dagegen strebe nach immanenter und irdischer Weisheit. Es ist besser, ein zumindest teilweise erfolgreicher Gelehrter zu sein als ein offensichtlich gescheiterter Heiliger."

In seinen bloc-notes verteidigt Bernard-Henri Levy die Grundsätze von Geheimhaltung und Schweigepflicht, Werte, die zunehmend in Gefahr gerieten.
Archiv: Point

London Review of Books (UK), 17.02.2005

Die amerikanische Gerichtsbarkeit steht an einem Scheideweg, verkündet Bruce Ackerman angesicht der zunehmenden Vergreisung des Obersten US-Gerichtshofs. Zahlreiche Ernennungen stehen an, um die Richterstühle der auf Lebenszeit ernannten Richter nach deren Ableben neu zu besetzen. Ackerman fürchtet besonders die Neo-Konservativen, denn es sei ihr Anliegen, die "Exilverfassung" wiederherzustellen, wie sie vor den von Roosevelt durchgeführten radikalen Reformen existierte: "Die religiöse Agenda der Neo-Konservativen ist schlichtweg revolutionär. Der moderne Oberste Gerichtshof hat den Staat durchweg daran gehindert, sich in religiöse Angelegenheiten einzumischen, und er hat das Recht eines jeden Amerikaners geschützt, intime Entscheidungen über Sexualität, Kinderkriegen und Kindeserziehung zu treffen. Die Neo-Konservativen würden diese Prioritäten umkehren: Sie würden das in der Verfassung begründete Recht auf Privatsphäre abschaffen und die Politiker dazu ermächtigen, sich in endlosen theologischen Disputen zu ergehen."

Weitere Artikel: Die ultimative Robert-Louis-Stevenson-Biografie lässt zwar noch auf sich warten, findet Andrew O'Hagan, doch Claire Harmans Stärke liegt "in der Leichtigkeit, mit der sie seinen Hang zum abschiednehmenden Denken aufzeigt". Nicht recht überzeugt zeigt sich John Mullan von Francisco Goldmans historisch-biografisch-fiktionalem Roman "The Divine Husband" über die in Abenteuer und Exil verwickelte guatemaltekische Nonne Maria de Las Nieves. In den Short Cuts zeigt Thomas Jones am Beispiel der mysteriösen Vorfälle an Bord der Mary Celeste im Jahre 1872, wie Literatur die Wirklichkeit verdrängen - und damit erst zur Geltung bringen kann. Und für Peter Campbell weist die Ausstellung "The Triumph of Painting" den Kunstguru Saatchi als "Kenner der Transgression" aus.

Figaro (Frankreich), 11.02.2005

Der Lacan-Herausgeber Jacques Alain Miller ist in den vergangenen Wochen unter Beschuss geraten. In einem Streit zwischen ihm und Vertretern der l'Association des amis de Lacan, einem Zusammenschluss ehemaliger Schüler, geht es um den Vorwurf einer "Verschleppung" der Herausgabe der "seminaires" von Lacan. Von diesen kursieren unzählige Mitschriften, doch Miller besteht darauf, allein er besitze autorisierte Exemplare. Jetzt zieht die l?association gegen Miller vor Gericht, um ihn zu einer schnelleren Herausgabe zu zwingen. Le Figaro litteraire dokumentierte den Streit vergangene Woche in einem erläuternden Artikel und einem Interview mit Nathanael Majster, dem Generalsekretär der Vereinigung, der die "seminaires" für einen "Bestandteil des nationalen Erbes" hält. In der aktuellen Ausgabe hat Miller nun Gelegenheit, seinen Standpunkt zu erläutern: alles, was "wertvoll" sei, sei eben auch "schwierig und rar". Die Association des amis de Lacan hat unterdes eine neue Internetseite geschaffen, um selber Werke des Rätselmeisters zu publizieren: PublierLacan.org.
Archiv: Figaro

Economist (UK), 11.02.2005

Wie die ukrainische Revolution in Orange unlängst gezeigt hat, schwindet die russische Autorität über die ehemaligen Sowjetrepubliken. Dass dies andernorts jedoch eher für Instabilität als für Autonomie sorgt, erläutert der Economist am Beispiel des nördlichen Kaukasus, wo man vergeblich nach Anzeichen eines Neubeginns suche: "Einheimische Führer mit zu viel Macht der unschönen Art und zu wenig Macht der besseren Art sorgen für zerbrechliche Regierungen, die unfähig sind, mit Erschütterungen umzugehen. Wie in Beslan. Fünf Monate nach der Belagerung ist die Schule weder abgerissen noch erhalten worden. Schnee fällt durch die Dachsparren und bedeckt die zerstreuten Schulutensilien, die Spiezeuge und die von den Angehörigen der ermordeten Kindern hinterlassenen Wasserflaschen (weil sie den Geiseln versagt wurden)."

Bei Andrew Roberts' gewaltiger Schilderung der Schlacht von Waterloo ("Waterloo: Napoleon's Last Gamble") fühlt sich der Economist wahlweise an die wandgroßen Schlachtgemälde europäischer Museen und die Hollywood-Epen der fünfziger Jahre erinnert. Doch im Laufe der sehr unterhaltsamen Lektüre niste sich der "lästige Eindruck" ein, "dass der Zielleser ein in den englischen Shires lebender Brigadier im Ruhestand ist, der verzückt die Pfeffermühle und einige Teelöffeln in Position bringt, um den Moment nachzuspielen, in dem die Engländer und ihre Verbündeten Napoleon zur Strecke brachten."

In weiteren Artikeln ist zu lesen, was Tony Blair von seinem Idol Magaret Thatcher in puncto Timing lernen kann, dass das politische Bewusstsein der Amerikaner unter Schizophrenie leidet (obwohl sie sich zunehmend konservativ fühlen, hat sich ihre Meinung, gerade was die "kulturellen Kriege" der Abtreibung und der gleichgeschlechtlichen Ehe angeht, deutlich liberalisiert), dass ganz Spanien Kopf steht angesichts des von der baskischen Regierung geplanten Unabhängigkeits-Referendums, warum die Hochzeit von Prinz Charles mit Camilla Parker-Bowles letztendlich wenig Aufsehen erregt (weil die Royals festgelegt haben, dass sie nicht Königin werden wird), und dass es nun endlich wissenschaftlich erwiesen ist, dass Hunde und ihre Herrchen sich ähnlich sehen. Und schließlich würdigt der Economist den kürzlich verstorbenen Biologen Ernst Mayr, als Pionier der Evolutionsbiologie, dem eine Erklärung der Artenvielfalt zu verdanken ist.

Leider nur im Print zu lesen ist der Aufmacher, den der Economist einer möglichen "Rückkehr ins gelobte Land", sprich: der sich neu eröffnenden Chance eines Friedens im Nahen Osten widmet.
Archiv: Economist

Nouvel Observateur (Frankreich), 10.02.2005

Im Debattenteil ist ein Essay von Fouad Laroui zu lesen. Der marokkanische Wirtschaftswissenschaftler und frankophone Schriftsteller ("Tu n'as rien compris a Hassan II", Julliard) lebt derzeit in Amsterdam und sorgt sich über den "Integratismus" in einem Land, das bisher als "europäisches Paradies der Integration" galt. "Wenn Franzosen mich nach dem 'niederländischen Drama' fragten, habe ich gelegentlich den Anflug einer ironischen Befriedigung, einer gallikanischen Schadenfreude (dt. i. Original) gespürt: als ob der Zusammenbruch des multikulturellen Modells die Überlegenheit des französischen Zentralismus beweise! Kikeriki, die Niederlande brennen! Jetzt werden sie bestraft, diese Haschischraucher, die fast alles toleriert haben, diese Naivlinge, die radikalen Imamen Tür und Tor geöffnet haben! Aber die Niederlande brennen nicht. Wir haben vielleicht den Schlüssel zum Paradies verloren, aber dieses Paradies hatte immerhin den Vorteil, dass es existiert hat."

Weiteres: Das Titeldossier beschäftigt sich angesichts der neuen politischen Entwicklungen in Nahost mit den wechselvollen französischen Beziehungen zu Israel und den Palästinensern. In zwei Artikeln werden die Geschichte der "Entliebung" mit Israel (hier) und die "arabische Politik" Frankreichs (hier) beschrieben. Zu lesen ist außerdem ein Interview mit Schimon Peres.Im Buchteil wird eine zweibändige Kulturgeschichte des Körpers von Alain Corbin (mehr) und Georges Vigarello vorgestellt ("Histoire du corps", Band I: "De la Renaissance aux Lumieres", herausgegeben von Georges Vigarello; Band II: "De la Revolution a la Grande Guerre", herausgegeben von Alain Corbin, Seuil). Und in einem Interview erzählt Jazzlegende Archie Shepp von der Erfüllung eines Lebenstraums: Er hat im Alter von 66 Jahren jetzt sein eigenes Label, ArchieBall, gegründet.

Al Ahram Weekly (Ägypten), 10.02.2005

Injy El-Kashef hat sich vom französischen Post-"Orientalismus"-Orientalisten Henry Laurens über la chose franco-arabe aufklären lassen: "'Die Araber sind einfach ein Teil von uns', meint Laurens, und fügt hinzu, dass gleichzeitig die französische beziehungsweise europäische Zivilisation einen wichtigen Teil der kulturellen Identität wenigstens einiger arabischen Länder darstellt. 'Anstatt das Exogene, das nicht Authentische, das was von Außen kommt - im Arabischen das min al-wafed - zu kritisieren, glaube ich, dass unsere heutige Authentizität darin besteht, alle sich in uns befindenden 'Teile' anzuerkennen und davon zu profitieren, egal, woher sie kommen. Unsere Gemeinsamkeiten zu attackieren, wäre gleichbedeutend mit einer Selbstverstümmelung."

Am Rande der Kairoer Buchmesse: Lina Mahmoud senkt ihren Daumen über ein Seminar mit Nadine Gordimer und einigen ägyptischen Autoren: banal und langweilig, besonders die Fragen an die Nobelpreisträgerin. Und Rania Khallag stellt den jordanischen Autor, Übersetzer und Verleger Elias Farkouh vor und spricht mit ihm über die Kunst des Romans und den arabischen Literaturbetrieb: "'Die Hauptprobleme für jeden arabischen Verleger liegen im Vertrieb und im Marketing', sagt er und betont den dringenden Bedarf nach einem Grossisten, der 'in der Lage ist, arabische Bücher in der gesamten Region zu vertreiben und den Zugang der Leser zu den Bücher zu sichern' - unabhängig von jährlichen Buchmessen."

Nach den jüngsten israelisch-palästinensischen Verhandlungen herrschen geteilte Meinungen: Dina Ezzat reagiert mit zögerlichem Optimismus ("Die verschiedenen Parteien nehmen das bahnbrechende Treffen wahrscheinlich als einen ersten Schritt wahr, doch es ist alles andere als klar, ob sie dabei dieselbe Straße im Sinn haben."), Ibrahim Nafie mit einigem Enthusiasmus ("In Sharm El-Sheikh wurde zweifellos ein neuer Friedens-Shuttle erfolgreich gestartet, und das Bodenpersonal hat allen Grund, sich zu beglückwünschen.") und Hassan Nafaa, Politologe in Kairo, mit Zweckpessimismus ("Etwas in mir hat mich vor Wunschdenken bewahrt und mich dazu gebracht, auf alles gefasst zu sein - auch auf die Möglichkeit, dass hinter dem derzeitigen Drängen auf Ruhe Pläne für die Entfachung neuer Stürme stecken.")

Filmkultura (Ungarn), 10.02.2005

"Dallas Pashamende - Dallas unter uns", der zur Zeit im Panorama der Berlinale läuft, spielt inmitten einer Müllkippe, in einer ausschließlich von Roma bewohnten Barackensiedlung am Rande der Stadt Cluj in Rumänien. Der Regisseur Robert Adrian Pejo erzählt im Gespräch mit Filmkultura, der Zeitschrift des Ungarischen Filmarchivs, wie sein Weg zu einer der größten Minderheiten Europas gleichzeitig in die Peripherie der Peripherien führte: Die Roma "können nicht in eine Schublade gesteckt werden, sie bleiben immer Außenstehende, sie folgen nicht den Regeln der modernen Zivilisation. Das rührt zum Teil aus ihren kulturellen Traditionen her, auf die sie sehr stolz sind, die jedoch oft nur noch in Spuren weiterleben. Mein Schlüsselerlebnis unter den Roma war die Wurzellosigkeit, der Identitätsverlust, was nicht nur ein Problem der Roma darstellt - von Cluj bis die Philippinen viele Menschen erleben dasselbe."
Archiv: Filmkultura

New York Times (USA), 13.02.2005

"Von innen heraus kompliziert Christopher de Bellaigue eine Welt, die zu viele von uns nur mit turbanbewehrten Ayatollahs und Slogans wie 'Tod den Amerikanern' identifizieren." Der Reiseschriftsteller Pico Iyer preist Bellaigues differenzierte Betrachtungen des Iran als Buch zur rechten Zeit. "Die Methode von 'In the Rose Garden of the Martyrs' (erstes Kapitel) ist es, auf eine Handvoll von Personen zu zoomen, deren Einzelfälle eine volksnähere Variante (und eine Fortsetzung) von Ryszard Kapuscinskis klassischem Porträt eines prärevolutionären Iran 'Shah of Shahs' bilden. Wir sehen Loyalisten, die für die Revolution gekämpft haben und nun meist dagegen kämpfen; Witwen in der heiligen Stadt von Qom, die sich an Mullahs heranmachen und sagen 'Entschuldigen Sie, mein Herr, wären Sie an einer guten Tat interessiert?' (wohlwissend, dass die religiösen Führer mehr als gewillt sind, für die gute Tat zu bezahlen); die Ledernacken, Schläger vom Basar, deren Namen Bellaigue als 'Kakerlake Asghar', 'Großspuriger Muhammad' oder 'Schädelkocher Mehdi' überträgt. Die Resultate sind, wie es sich für diese legendär geschmeidige und hochentwickelte Kultur gehört, selten das, was wir erwarten." Bellaigue hat übrigens schon vorige Woche im Konkurrenzblatt ein paar seiner Beobachtungen im Iran vorgestellt.

"Genauso mag ich meine Historiker", gluckst Rezensent Teller, selbst Magier, zu Peter Lamonts humorvoller Betrachtung (erstes Kapitel) des indischen Fakirtricks vom schwebenden Seil, der auf einer journalistischen Fälschung basiert. Joe Klein feiert Thomas Kellys historischen Roman "Empire Rising", der um den Bau des Empire State Buildings in den 30er Jahren angesiedelt ist, als eine Ode an das illegale "Schmiermittel", ohne das eine Stadt wie New York nicht funktionieren würde (erstes Kapitel). A. J. Jacobs erklärt außerdem in dringlichem, aber amüsanten Ton, dass er die schlechteste Besprechung in der 154-jährigen Geschichte der New York Times Book Review nicht verdient hat.

Nach ihrer Begegnung mit dem syrischen Schriftsteller, Vermittler und Liberalen Ammar Abdulhamid, der nach seiner Rückkehr zwar verhört, aber nicht verhaftet wurde, sieht Lee Smith im New York Times Magazine zarte Andeutungen eines Tauwetters in der arabischen Welt. Die Amerikaner wollen aber nicht zu viele Hoffnungen auf diese moderaten Stimmen setzen. "'Wir schätzen die Liberalen als authentische Rufe nach einem Wandel im Mittleren Osten', meint Jon Alterman vom Washingtoner Zentrum für Strategische und Internationale Studien. 'Was wir aber nicht hören ist der Akzent, den diese Leute auch im Arabischen haben.' Anders gesagt sind die Liberalen zu westlich, um einen Einfluss auf die arabischen Massen zu haben."

Weitere Artikel: John Hodgman besucht David Lindsay-Abaire, einen jungen Dramatiker, der sich gerade an nicht weniger als vier großen Musicals versucht, darunter so große Nummern wie Shrek und Betty Boop. "Obwohl seine Stücke den wuseligen Vorwärtsdrang und die ausgeklügelte Struktur der Screwball Comedy besitzen, sind sie ebenso begeistert vom Grotesken: eine unflätige Puppe; ein mysteriöses, lispelndes Brandopfer; ein Mann, der glaubt, er werde von den Figuren auf seiner Tapete besessen; ein anderer, der auf Köpfe von Barbiepuppen fixiert ist." Außerdem gibt es eine Auswahl der Bilder von Jochen und Harf Zimmermann, die Dresden aus den gleichen Perspektiven fotografiert haben, kurz nach dem Bombenangriff vom 13. Februar 1945 und knapp sechzig Jahre später.