Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
26.08.2002. Der New Yorker porträtiert Gershom Sholem. Das Times Literary Supplement stellt einen Band über "Stalin's Secret Pogrom" gegen die Mitglieder des "Jüdischen Antifaschisten Komitees" vor. Aufregend wie einen film noir findet die NYT Book Review "Blood of Victory", Alan Fursts Buch über einen Spion im besetzten Frankreich. Der Economist meldet mehr Nachwuchs in den USA als in Europa. Die LRB bespricht ein Buch über Stan & Olli. Le Monde des livres stöhnt über Romandebüts. Und George Soros beschimpft in The New Republic die Markfundamentalisten.

Times Literary Supplement (UK), 25.08.2002

Schwerpunkt der neuen Ausgabe ist offenbar der Stalinismus, die beiden dazu ins Netz gestellten Texte sind allerdings nur in Auszügen zu lesen. Leider, denn über den Band "Stalin"s Secret Pogrom" von Joshua Rubenstein und Vladimir P. Naumov, der die Geheimprozesse gegen eine Reihe prominenter Juden in der Sowjetunion behandelt, meint Geoffrey Wheatcroft immerhin: "No more important book on Communism has been or will be published for years". Die beiden Autoren haben erstmals Zugang zu den Akten dieser Verfahren erhalten, in denen sämtliche Mitglieder des "Jüdischen Antifaschisten Kommitees" wegen angeblichen Landesverrats verurteilt wurden - dabei hatten sie im kapitalistischen Ausland für die Sache der Sowjetunion geworben. Wheatcroft notiert dazu: "Until now far less celebrated than the pre-war Moscow Trials, or the post-war show trials which echoed them in Eastern Europe, this case tells us almost more than any other about the true character of that dream which for so long beguiled so many."

Zinovy Zinik stellt Martin Amis" (mehr hier) Buch über Stalin "Koba The Dread" vor, in dem Amis zwar nichts Neues präsentiere, meint Zinik, dies aber umso nachhaltiger. Amis geht in dem Band nicht nur mit Stalin ins Gericht, sondern auch mit den britischen Linken, unter denen es - wie Amis zumindest meint - als geschmacklos galt, auf die eine oder andere Million Opfer des Stalinismus hinzuweisen. (Explizit genannt wird von Amis übrigens "sein Freund" Christopher Hitchens, der bereits für Atlantic Monthly niedergeschrieben hat, was er von dem Buch hält.)

In ganzer Länge ist Russell Davies zu lesen, der Robert Gordons Biografie des Blues-Musiker Muddy Waters (homepage) empfiehlt: "Muddy was an undoubted star, but he stayed close to the people, having nowhere else to go. He saw his reflection not in gilt mirrors but in the faces of his black contemporaries. His achievement is the triumph of the dirt farmer. His music brought respect to a culture dismissed as offal. His music spawned the triumphant voice of angry people demanding change. This dirt has meaning."

Schließlich bedankt sich Noel Malcolm für Michael Hunters "großartige" Edition der Briefe des Philosophen Robert Boyle aus den Jahren 1636 bis 1691 mit einer Lobeshymne ("magnificient", "monumental", "suberbly olf-fashioned"). Und H.R. Woudhuysen zollt dem Sonett- und Gedichtband des "Oxford Shakespeare" den gebührenden Respekt.

New Yorker (USA), 26.08.2002

Lesenswert ist Cynthia Ozick Porträt des Kabbalisten Gershom Sholem, über dessen Leben und Werk sie ausführlichst und unter anderem folgendes schreibt: "He formulated Kabbalah as myth - he was, after all, a modern. And, as a modern transfixed by the unorthodox and the symbolic, he cast a seductive influence over realms far from his own demanding skills. Over the years, the tincture of his mind colored the work of Harold Bloom, Jacques Derrida, Umberto Eco, Jorge Luis Borges, Patrick White. These vagrant literary spores bemused him - 'It's a free country', he once remarked - but he knew them to be distant from his powers and his mission. The uses of Kabbalah were not the enchantments of art or the ingenuities of criticism. For Scholem, Kabbalah was a fierce necessity, 'the vengeance of myth against its conquerors'."

John Seabrook erklärt in seinem gründlich recherchierten Report "The Slow Lane", warum alles, was den Autoverkehr verbessern soll, das Problem nur verschlimmert. Und nachdem er im Hubschrauber über New Yorks Straßen gekreist ist, weiß er jetzt ziemlich sicher: "This is the way the world ends: not with a bang but a traffic jam."

Weitere Artikel: Ellis Weiner sinniert über die Hinfälligkeit von Lebenszielen. Anthony Lane kann sich nur mäßig für Jean-Luc Godards Film "Eloge de l'amour" begeistern: zu viel Antiamerikanismus, zu wenig Liebe. (Sollen wir das glauben? Die IMDB fand ihn toll. Aber wir können das nicht beurteilen, Godard-Filme werden ja im Kulturland Deutschland nicht mehr gezeigt.)

Weitere Besprechungen widmen sich zwei Ausstellungen der Malerin Jane Freilicher und dem neuen Broadway-Musical "Haispray". Und schließlich gibt es noch die Kurzgeschichte "Shylock on the Neva" von Gary Shteyngarts.

Archiv: New Yorker

New York Times (USA), 25.08.2002

Und wenn es das tausendste Buch über einen Spion im besetzten Frankreich des Zweiten Weltkriegs ist, und das siebte von Alan Furst, das zu dieser Zeit spielt: selten war eines so gut wie "Blood of Victory", jubelt Neil Gordon in der Review. Furst gelinge es in beeindruckender Weise, den Leser unmittelbar in die Lage des Helden zu versetzen, wobei ihm auch seine Sprache helfe, eine "nearly telegraphic prose that relies heavily on sentence fragments and rapid-fire sequences of images to capture the extraordinary complexity of his characters' political and personal reality. His writing is eloquent in its factual, fatigued simplicity." Das Buch zu lesen, sei wie Kino - natürlich schwarz-weiß -, "a cinematic noir vision of handsome men and women wearing trench coats, smoking Balkan Sobranie cigarettes, listening to Stephane Grapelli and Django Reinhardt (mehr hier) and inhabiting nighttime streets in cities from Istanbul to occupied Paris." Der Spion war übrigens Ilia Serebin. Hier gibt es das erste Kapitel als Leseprobe und hier eine Lesung des Autors.

Marco Polo kann einpacken. Fasziniert folgt Geoffrey Moorhouse Tim Mackintosh-Smith's ''Travels with a Tangerine'', der Geschichte des größten Reisenden aller Zeiten Ibn Battutah (1304-1368) (mehr zu Batthuta hier), der mit 21 Jahren Tanger verließ und erst nach 30 Jahren und 75 000 Meilen wieder zurückkehrte. Was das Buch empfehlenswert mache, sei aber nicht nur spannende Reisebericht, sondern vor allem die Darstellung eines toleranten Islams. Das mache das Buch zu einer "very genial tale, told by a sensitive man whose chief interest is a culture motivated by a faith to which he does not himself subscribe."

Die Begeisterung, mit der Timothy Ferry in "Seeing in the Dark" die Schönheit des Alls im Allgemeinen und die Menschen im Besonderen beschreibt, die dieser Schönheit verfallen sind, hat auch den Rezensenten angesteckt: "Universe-watching, like golf and aging, promotes humility. Ferris is a retired professor, but of journalism, not astronomy, and his tone is that of the amateurs he celebrates and interviews. That adolescent enthusiasm, well tended since sputnik, reinforces his formidable literary gifts - for metaphor, for narrative and everything between. This is a beautiful book."

Ansonsten widmet sich die Review unter anderem "Eleanor and Harry", einer Sammlung von 254 Briefen Eleanor Roosevelts an Harry Truman. Der Nachfolger Roosevelts wusste genau, dass er ohne Eleanor nicht regieren konnte. "And she, in turn, was determined to do all she could to see to it that what she believed to be her husband's unfinished agenda would be carried out by his successor." (Erstes Kapitel hier). Besprochen wird auch die "Geschichte eines Deutschen" von Sebastian Haffner, die als "Defying Hitler" auf den amerikanischen Markt kommt.
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Outlook India (Indien), 02.09.2002

Nach zwei Jahren an der Macht ist die BJP endgültig zur Selbstzerfleischung übergegangen, spottet die Titelstory. "As scam after scam comes tumbling out of its closet, as a senior minister gets linked to a sleazy murder case, as the party locks itself into an unseemly stand off with the Election Commission, partymen concede that the so-called claim to being a party with a difference is ringing hollow today." Vorbei die Zeiten, als gemeinsame Überzeugungen die Partei zusammenhielten. Heute zählen Stimmen, sonst nichts. "Hence, the so-called BJP ideology no longer involves even a vague commitment to a notional Hindu rashtra. In practical terms, it simply means raising issues if and when there are electoral gains in it." Klingt irgendwie vertraut. Gut dazu passt ein Artikel, der zeigt, dass die von der Partei regierte einstige Vorzeige- und derzeitige Pogrom-Provinz Gujarat wirtschaftlich schon lange ruiniert war. Nicht zuletzt wohl deswegen, weil die BJP sich durch "no idea of governance and zero vision" ausgezeichnet habe.

Ein Bericht aus Pakistan beschäftigt sich mit der prekären Lage der dortigen Christen, die immer mehr zur Zielscheibe des Terrors werden. Brutale Gegengewalt sei aber keine Lösung, warnt Tariq Rahman von der Qaid-e-Azam Universität: "While all western and Christian interests should be guarded more competently, the state should not merely arrest thousands of people and subject them to awful treatment. Repression will not work in Pakistan. What will is the creation of jobs for the unemployed and justice for the people." Pakistan soll nämlich kein zweites Algerien werden.

Die Vergewaltigung eines Mädchens in einem Zugabteil vor den Augen sieben untätiger Mitreisender ist der Anlass zu einem Beitrag über die Sicherheit der Frauen in Indien. Der Staat hat schon reagiert. "In Mumbai, a little after midnight, the Churchgate railway station almost looks like a police chowki. Cops march up and down the platforms, outnumbering the handful tired commuters waiting for their ride back home?But as commissioner of railway police, Rakesh Maria, observes: 'There are limits to what the police can do to prevent something like this. More policing is not the solution. If seven people did nothing to stop a child's rape in their compartment, it is then a societal problem we need to address'."

Zum Abschluss noch eine beruhigende Nachricht für die nationale Küche: Berichte, dass die indischen Restaurants in England an Boden verlieren, sind nach einem Gegenbericht der britischen Restaurant Association so nicht richtig. Vielmehr schließen nur die falschen Inder, die richtigen sind auf dem Vormarsch. "Of the previously estimated 8,000-odd Indian restaurants, about 85 per cent were Bangladeshi-owned. They call the food Indian, but Indians don't, and now more and more Brits don't either." Vielleicht hilft ja ein Original-Indisch-Gütesiegel.

Economist (UK), 23.08.2002

Die USA haben alles, was Europa nicht hat: steigende Nachwuchsraten und anhaltende hohe Zuwanderungsquoten, konstatiert der Economist in seinem Special Report. 2050 gibt es demnach schon 550 Millionen Amerikaner, während Europa schrumpft und schrumpft. Unterschiede gab es zwar schon immer: "The contrast between youthful, exuberant, multi-coloured America and ageing, decrepit, inward-looking Europe goes back almost to the foundation of the United States." Aber der Riss, der sich jetzt auftut, hat eine neue, für Europa unerfreuliche Qualität. "Over time, America's ties of family and culture will multiply and strengthen with the main sources of its immigration - Latin America chiefly, but also East and South Asia. As this happens, it is probable that it will also pull American attention further away from Europe."

Die Jahrhundertflut mal aus Inselperspektive: Die deutsche Wirtschaft wird vielleicht sogar gestärkt aus der Katastrophe herausgehen, lesen wir im Hochwasserresümee. "Rebuilding work and the replacement of ruined goods may even give a bit of a boost to GDP." Politisch dagegen sei noch unklar, wer Oberwasser hat. "Much depends on whether Mr Schröder has genuinely impressed Germans with his handling of the crisis or merely done what they expect of those in charge. For a few days, the dire state of the German economy, hitherto the dominant theme of the election, has scarcely been discussed. Mr Stoiber will be trying to ensure that the respite does not last."

Weitere Artikel: In einem Nachruf auf den Terroristen Abu Nidal heißt es, dass nicht einmal die Palästinenser um ihn trauern. Ein anderer Artikel stellt Singapore als das künftige Paradies der Clone vor.
Archiv: Economist

Spiegel (Deutschland), 26.08.2002

Im Titeldossier lotet Jürgen Leinemann die Mentalitätsunterschiede des Kanzlers und seines Kandidaten aus.

Thema Flut. Im Interview erklärt der Ökonom Thomas Straubhaar (homepage), warum das Wasser rein wirtschaftlich gesehen trotz staatlicher Sub- und Investitionen ("Kobe-Effekt") kein Segen ist ("wir sind nach ersten Schätzungen wohl mehr als 20 Milliarden Euro ärmer geworden. Die Wirtschaft wird zwar wachsen, aber von einem niedrigeren Niveau aus") und schlägt vor, der Staat sollte jetzt am besten eine Anleihe zu Gunsten der Flutopfer zu marktgängigen Zinssätzen ausgeben, anstatt die Steuerreform zu verschieben. Und Julia Friedrich hat sich beim Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden über spektakuläre Kunstschatz-Rettungen erkundigt und ist dabei auf ein neues Ausstellungskonzept gestoßen: das wilde Sammelsurium.

Vom Ende der Gutmenschen in Hollywood handelt ein anderer Beitrag. Ob Harrison Ford oder Tom Hanks - zurzeit, heißt es darin, seien die größten Stars ganz versessen darauf, das Böse zu verkörpern: "Das Schlechte im Menschen, so scheinen sie zu glauben, bringt das Beste in den Schauspielern zum Vorschein." Ob's stimmt? Für den Zuschauer jedenfalls hat es so oder so Konsequenzen: "Brutalität wirkt auf der Leinwand noch eindringlicher, wenn sie von einem Menschen ausgeht, den der Zuschauer mag. Wenn Hanks jetzt (im demnächst anlaufenden "Road to Perdition") mit dräuender, regloser Miene erscheint, nimmt der Betrachter dahinter wie in einer Doppelbelichtung auch die früheren Gesichter des Schauspielers wahr - und glaubt auf einmal, Forrest Gump stehe mit einer MP vor ihm."

Desweiteren warnt Rudolf Augstein in einem Essay vor einem Präventivschlag gegen den Irak und eine fortgesetzte "uneingeschränkte Solidarität" mit den Bush-Kriegern; dazu passt ein Interview mit dem Uno-Waffeninspektor Hans Blix, der sich angesichts von Saddams möglichem Waffenarsenal durchaus besorgt zeigt, die Verhinderung eines Krieges durch neue Inspektionen im Irak aber für möglich hält. Gerhard Spörl schließlich berichtet vom wachsenden Widerstand gegen die Todesstrafe in den USA. Nicht online lesen dürfen wir einen Debattenbeitrag von Peter Schneider zum deutsch-amerikanischen Autorenstreit über den "gerechten Krieg".
Archiv: Spiegel

Monde des livres (Frankreich), 23.08.2002

Den Kult der Debüts beklagt die wöchentliche Buchbeilage des führenden Pariser Instituts. 93 Erstlingsromane erscheinen in dieser Saison. Und Le Monde des livres bespricht gleich 37 davon. Alain Salles erklärt im Aufmacher: "Die Banalisierung der Debütromane erklärt sich auch aus der Tatsache, dass sich die Autoren heute im Räderwerk der Verlage auskennen. Sie schicken ihre Romane an alle Häuser, und manche spielen mit der Angst der Verleger, den Text zu verpassen, der sich verkaufen wird. Zwar erreicht man hier noch nicht die angelsächsischen Gipfel - aber die Vorschüsse für die Debüts können auch hierzulande beträchtliche Höhen erreichen, auch wenn sie im Durchschnitt unter 6.000 Euro liegen."

Nebenbei sei darauf hingewiesen, dass der Nouvel Obs von letzter Woche wiederum einige Bücher vorstellt, die gegen Le Monde des livres polemisieren. Es handelt sich um das Pamphlet "Qui a peur de la litterature?" von Jean-Philippe Domecq und das Sammelwerk "Le cadavre bouge encore", die beide gegen die Chefredakteurin von Le Monde des livres, Josyane Savigneau, und den Schriftsteller Philippe Sollers polemisieren, der in Le Monde häufig mit Gefälligkeitskritiken Literaturpolitik macht.

Espresso (Italien), 29.08.2002

August in Italien. Pilgerzeit. Giorgio Bocca sinniert über die wie auf Kommando sich bildenden Autoschlangen und die regelmäßige, schlagartige Verwaisung der Städte. Ein Atavismus, meint Bocca, der an den "kollektiven Ritus der großen Prozessionen" erinnert. Nicht zuletzt insofern als sich eine enorme Leidensfähigkeit unter den "Pilgern ohne Gott" (dafür mit Auto) feststellen lässt: Die Geduld, die Unbilden der Straße gemeinsam zu ertragen - etwas, so Bocca, das im alltäglichen Straßenverkehr nun wirklich rar ist -, Hilfsbereitschaft, etwas Festliches, Kinder, die zwischen den sich stauenden Wagenkolonnen Fußball spielen... Und den gebenedeiten Ort als Ziel aller Mühen gibt es selbstverständlich auch. Nicht ganz so heilig wie zu Zeiten der Wallfahrer, nicht so exquisit wie bei der "grand tour" europäischer Adliger. Doch trotz überfüllter Hotels, Strände und Straßen, trotz der elterlichen Wohnung, in die man fährt (und die eigentlich viel weniger bequem ist als die eigene) - am Ende haben wir unser Mekka erreicht: "Wir sind noch immer gesund und lebendig, Teil derer, die sich bewegen."

Apropos noch am Leben. Federico Ferrazza und Emanuele Perugini befassen sich mit der Hochwasserkatastrophe in Mitteleuropa und setzen alle Hoffnung auf eine fußtrockene Zukunft des Menschen (die für die Beweglichkeit ja nicht unerheblich ist) in internationale Anstrengungen wie Kyoto und Johannesburg.
Archiv: Espresso

London Review of Books (UK), 22.08.2002

Die Silvia-Plath-Exegetin Jacqueline Rose berichtet von ihren Auseinandersetzungen mit Ted Hughes über ihren biografischen Interpretationsansatz für das Werk seiner Ex-Frau und gelangt zu dieser bemerkenswerten grundlegenden Aussage über Schriftsteller-Biografien: "Biographies of writers have to move obstinately in the opposite direction from their subject, going back over the ground, filling in the space - the one pulled open on the page - between writing and its source. They have to wrestle with the fact that for the writer, the lived life was the point of departure rather than, as it is for the biographer, the place at which there is a desperate need to arrive."

Andrew O'Hagan stellt ein Buch über Stan & Olli vor und erklärt die Wirkungsweise dieses Komikerpaars: "In the world of Laurel and Hardy, mistakes are made in order to be repeated, and humiliation endured so that it can be endured again. No other cinema couple - not Abbott and Costello, not Bob Hope and Bing Crosby, or Tom and Jerry - is as satisfyingly co-dependent, and no other couple gives such a vivid sense of the fun to be had in failure, or, indeed, such hilarious insight into the way a human friendship can be elevated rather than consumed by its own faults."

James Hamilton-Paterson schließlich ist bei der Lektüre von Oliver Mortons Buch über den Menschheitstraum Mars ("Mapping Mars: Science, Imagination and the Birth of a World") richtig neidisch geworden auf die Amerikaner, die den fernen Planeten quasi schon gepachtet haben: "By the end I was left feeling a strange, even European twinge of envy. I marvelled at the imaginative energy of the Martian enterprise, at its visionary and dogged inventiveness. I wondered what project we might have on this side of the Atlantic that could generate a similar enthusiasm. The EU?"
Stichwörter: Bing Crosby, Ted Hughes, Mars

New Republic (USA), 02.09.2002

Der berühmte Spekulant und Mäzen George Soros wettert in einem langen, teilweise etwas technisch zu lesenden Artikel gegen die Theorie des laisser-faire, die sich seit Thatcher und Reagan in der Wirtschaft durchgesetzt habe. Fundamentalismus sei das: "Der Marktfundamentalismus ist eine falsche und gefährliche Ideologie. Falsch ist sie zumindest unter zwei Gesichtspunkten. Zunächst missversteht sie, wie der Markt funktioniert. Sie behauptet, dass der Markt zum Gleichgewicht tendiert und dass dieses Gleichgewicht die beste Verteilung der Ressourcen gewährt. Universitäre Wirtschaftswissenschaftler haben diese These längst hinter sich gelassen - vielfältige Gleichgewichte sind jetzt der letzte Schrei - aber die Marktfundamentalisten glauben weiterhin, dass sie den Segen der Wissenschaft haben, und zwar nicht nur der Ökonomie, sondern auch der darwinistischen Theorie vom Überleben der Stärksten. Der zweite Irrtum liegt in der Gleichsetzung von öffentlichem und Privatinteresse - hier verleiht der Marktfundamentalismus dem Eigeninteresse moralische Qualitäten."

Archiv: New Republic