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Heute in den Feuilletons

Sono una stacanovista

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.10.2013. Der Guardian bringt neue Papiere, die belegen, dass der GCHQ nicht aus Sicherheitssgründen gegen die Geheimdienst-Debatte kämpft, sondern weil er illegal gehandelt hat. Außerdem haben die Telekomkonzerne offenbar weit intensiver kooperiert, als sie zugeben. Die Welt steht weiter fest zum Überwachungsstaat. Die taz freut sich über das möglicherweise bevorstehende Ende des Suhrkamp-Dramas. Sämtliche Zeitungen hatten das exklusive Privileg, Robert Harris zu seinem Dreyfus-Roman "Intrige" interviewen zu dürfen - in der FAZ erklärt er, warum er gegen Regulierung der Presse ist. Und die Washington Post fragt: Wird es neuen Streit um die Verlängerung von Copyrights geben?

Welt, 26.10.2013

"Wir sind nicht im Kalten Krieg", hatte Angela Merkel im Juli mit gekünstelter Empörung auf die Enthüllungen Edward Snowdens reagiert. Doch sie irrt, schreibt Ulrich Clauss in seinem Leitartikel und sucht nach neuen Argumenten Argumenten für den Überwachungsstaat: "Ein kalter Krieg ist in vollem Gange, ein neuer kalter Krieg. Er tobt weltweit und wird Cyberwar genannt. Und er ist so kalt, dass der Normalbürger ihn gar nicht bemerkt. Das Kürzel WWW steht längst auch für World Wide War." Wichtig sei es, so Clauss weiter, in diesem Krieg die Frontlinien zu kennen, und die verlaufen nicht etwa zwischen Deutschland und den USA, sondern zwischen dem Westen auf der einen und Russland und China auf der anderen Seite: "Die jetzt bekannt gewordene US-Freundschaftsspionage ist in diesem Zusammenhang nicht viel mehr als eine Art Kollateralschaden, eine Art 'friendly fire'."

Weiteres: Bei ihrer Albumvorstellung im Berliner Berghain entzauberte sich Lady Gaga offenbar derart gründlich selbst, dass Michael Pilz im Feuilleton einen Nachruf auf sie schreibt. Thomas Kielinger besucht Robert Harris aus Anlass seines heute erscheinenden Romans "Intrige". Die Bauarbeiten am Berliner Humboldt-Forum liegen im Zeit- und Kostenplan, doch nun torpediert der Architekt Stephan Braunfels das Projekt mit unsinnigen Vorschlägen, meldet Rainer Haubrich. Matthias Kammann empfiehlt die Berliner Ausstellung zur Geschichte des evangelischen Pfarrhauses. Berthold Seewald informiert über eine Potsdamer Diskussion, in der sich Christopher Clark "mit Charme und rhetorischem Florett" gegen die Einsprüche seiner Historikerkollegen durchsetzt. "Temporeich fallen Leichen und Verletzte an", fasst Holger Kreitling Dominik Grafs morgigen "Tatort" zusammen. Paul Jandl berichtet von einem Erinnerungsabend, bei dem Zeitzeugen im Wiener Burgtheater vom "Anschluss" erzählen.

Die Literarische Welt steht im Zeichen von Marcel Prousts Opus Magnum "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", dessen erster Band vor einhundert Jahren erschien. Christian Berkel schreibt einen Essay über seine Lektüre des Romans; Jan Küveler unterhält sich mit dem Schriftsteller Alain de Botton über Proust; Fritz J. Raddatz träumt sich in die Proustsche Belle Époque hinein; Rainer Moritz befasst sich mit Proust-Übersetzern und -Forschern; prominente Schriftsteller, darunter Clemens J. Setz, Sibylle Lewitscharoff und Marion Poschmann, tragen bei, welche Wirkung Proust auf sie hat; und Jan Küveler stellt ein Kompendium der wichtigsten Requisiten des Romans zusammen.

Guardian, 26.10.2013

Der Guardian bringt neue Snowden-Papiere. Es handelt sich um interne Argumentationshilfen der Geheimdienste. Daraus geht unter anderem hervor, dass der britische Geheimdienst GCHQ nicht aus Sicherheitsbedenken gegen eine Diskussion über sein Verhalten kämpft, sondern weil er weiß, dass er Illegales tut. Außerdem stellt sich Peinliches über die Telekoms heraus: "GCHQ lobbied furiously to keep secret the fact that telecoms firms had gone 'well beyond' what they were legally required to do to help intelligence agencies' mass interception of communications, both in the UK and overseas." Und weiter zitiert der Guardian: "Telecoms companies 'feared damage to their brands internationally, if the extent of their co-operation with HMG [Her Majesty's government] became apparent', the GCHQ document warned."

Außerdem publiziert der Guardian das letzte Gedicht des im August gestorbenen Nobelpreisträgers Seamus Heaney. Es handelt vom Ersten Weltkrieg:

"And there I was in the middle of a field,
The furrows once called "scores' still with their gloss,
The tractor with its hoisted plough just gone
Snarling at an unexpected speed
Out on the road. (...)"

NZZ, 26.10.2013

Roman Bucheli porträtiert die Georg-Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff und beschwört ihren im schwäbischen Dialekt sich artikulierenden Esprit: "Ein wenig beginnt man darum zwischen München und Hamburg, zwischen Stuttgart und Berlin zu zittern, wenn sie zu flüstern oder in den unheimlichsten Diminutiven zu reden beginnt."

Marion Löhndorf schreibt den Nachruf auf den britischen Bildhauer Anthony Caro.

In Literatur und Kunst porträtiert Christine Wolter die italienische Autorin Dacia Maraini: "Eine unermüdliche Arbeiterin. 'Sono una stacanovista', sagt sie lächelnd." Franziska Meier schreibt zum 700. Geburtstag Giovanni Boccaccios. Marion Löhndorf trifft in London die Architekturfotografin Hélène Binet. Und Andrea Gnam bietet einen Überblick über Positionen der zeitgenössischen Architekturfotografie.
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TAZ, 26.10.2013

Dirk Knipphals ist ganz bestrickt von der kreativen Eleganz, mit der die Causa Suhrkamp nun vor Gericht sehr wahrscheinlich zum Guten gewendet wurde, und findet es geradezu ironisch, "dass gerade eine ganze Reihe von Suhrkamp-Autoren in ihren Büchern Wirtschaft gern als einen geistfernen Bereich darstellt. Dabei zeigt der Fall Suhrkamp jetzt doch vor allem, wie viel Kreativität im Umgang mit Situationen und Gesetzen nötig ist, um hier zu bestehen. Mit dieser Lösung als Schlusspunkt hat die Wirklichkeit bei Suhrkamp insgesamt jedenfalls einen Roman- oder auch TV-Serienplot hingelegt, den man sich als Autor nie ausdenken könnte, wenn man Juristen und Unternehmensberater als ausschließlich auf Rendite fixiert darstellt."

Außerdem: Seit dem Skandal um die Arbeitsbedingungen in den chinesischen Apple-Fabriken vor wenigen Jahren hat sich dort kaum etwas für die Arbeiter verbessert, stellt Hannes Koch in einer großen Reportage fest. Ronald Berg spricht mit dem Kunsthistoriker Wolf-Dieter Dube über die Berliner Museenlandschaft. Lovis Schmitz plädiert für mehr Scheinehen mit Flüchtlingen, um deren Aufenthalt durchzusetzen. Sabine Weier empfiehlt eine Berliner Tagung über Künstler im Nationalsozialimus. Ilka Kreutzträger wirft einen Blick auf das Programm des kommenden Hamburger Krimifestivals. Pascal Beucker besucht den Politologen und 68er Jürgen-Bernd Runge. Anne Häming plaudert mit Hartmut Becker, Techniker in der Berliner Philharmonie.

Auf der Medienseite stattet Carina Braun dem Sadomaso-Magazin Schlagzeilen, das gerade 25jähriges Bestehen feiert, einen Besuch ab.

Besprochen werden die 35 Scheiben umfassende Box mit Bob Dylans gesammelten Alben und Bücher, darunter Geneviève Castrées Comic "Ausgeliefert" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Und Tom.

Aus den Blogs, 26.10.2013

Lousypennies druckt einen Auszug aus Nicolas Clasens Buch "Der digitale Tsunami - Das Innovators Dilemma der traditionellen Medienunternehmen", in dem sich auch ein interessantes Detail zu den Digitaleinnahmen des Springer Verlags findet: "Der Axel Springer Verlag fasst unter den digitalen Vermarktungserlösen beispielsweise auch die Umsätze der TV-Produktionsfirma Schwartzkopff TV, der Preissuchmaschine Idealo und seiner Radiobeteiligungen zusammen. Doch eines wird trotz dieser Verschleierungstaktik aus dem Geschäftsbericht 2012 der Axel Springer AG klar: im digitalen Bereich macht das Unternehmen sein Geld größtenteils mit Online-Kleinanzeigen und nicht mit dem Geschäftsmodell, für das der Konzern eigentlich steht: der Bündelung und Vermarktung von journalistischen Inhalten."

Weitere Medien, 26.10.2013

Deutschland und Brasilien planen eine gemeinsame UN-Resolution gegen Überwachung, meldet die Zeit online mit Bezug auf dpa. Außerdem zitiert zeit.de aus einem nicht online stehenden Interview der Neuen Passauer Presse mit Noch-Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger, die eine Aussetzung des SWIFT-Abkommens mit den USA fordert.

Wird es eine neue Schlacht um die Verlängerung von Copyrights geben? Noch haben Firmen wie Disney einen 75-jährigen Zugriff auf "Micky Maus" und andere Werke, schreibt Timothy B. Lee in einem sehr auführlichen Hintergrundbericht in der Washington Post, aber "the copyright extension Clinton signed will expire in five years. Copyright holders like the Disney Corp. and the Gershwin estate have a strong incentive to try to extend copyright extension yet further into the future. But with the emergence of the Internet as a political organizing tool, opponents of copyright extension will be much better prepared."

SZ, 26.10.2013

Für die gegenwärtigen Schlachten ums Digitale und Virtuelle finden sich schlechterdings und naturgemäß keine adäquaten Bilder, sorgt sich Tobias Kniebe, der auch die im Film "Inside WikiLeaks" zum Einsatz kommenden Metaphern eher dürftig findet. Allein Interfaces treten uns gegenüber, schreibt er, doch was dahinter zugange ist, ist entzogen. "All die Enthüllungen der jüngsten Zeit, die das Horrorszenario einer restlos überwachten Welt bestätigen, bleiben letztlich abstrakt. So abstrakt wie das Gefühl, dass man eigentlich Widerstand leisten müsste. Nur wie, und gegen wen konkret? Braucht nicht jeder Widerstand ein Symbol, ein Fanal, ein visuelles Grundmotiv? Jetzt haben wir Merkels Handy - na prima."

Weiteres: Alexander Menden befragt Autor Robert Harris nach dessen neuen Thriller, in dem es um die Dreyfuss-Affäre geht. Italien kümmert sich zu wenig um die Kommentierung seiner Restbestände faschistischer Architektur, meint Ira Mazzoni. Peter Richter gratuliert der New York Review of Books (hier) zum 50jährigen Bestehen.

Im Wirtschaftsteil spricht Andreas Zielcke mit Sibylle Lewitscharoff über Männlichkeit und Geld. Die Schriftstellerin plaudert dabei munter aus dem Nähkästchen: "Persönlich habe ich nur erlebt, wie eng bei Männern Finanzerfolg und erotisches Vermögen verknüpft sein können. Offenbar hängen Geld und Manneskraft zusammen."

Besprochen werden die große Dürer-Schau im Frankfurter Städel, neue Kafka-Inszenierungen in Zürich und Essen, das neue Album von Arcade Fire, die beiden Familienfilme "Meine kleine Familie" und "Draußen ist Sommer", eine Münchner Aufführung von Händels "Semele" und die Wolfgang-Hildesheimer-Ausstellung in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.

Für die SZ am Wochenende schaut sich Gerhard Matzig in den Designerwohnungen von sich einigelnden Homies um. Andreas Glas erkundigt sich bei deutschen Ex-Pornostars über die Schwierigkeiten des Branchenwechsels innerhalb des Medienbetriebs. Harald Eggebrecht erinnert an den Teufelsgeiger Niccolò Paganini, den er als einen Prototyp heutiger Stars kennzeichnet. Hilmar Klute plauscht mit dem Autor Ian McEwan.

FAZ, 26.10.2013

Gina Thomas trifft Robert Harris, der in seinem Roman "Intrige" die Dreyfus-Affäre verarbeitet und sich über ein neues britisches Pressegesetz beklagt, das die Aufdeckung einer solchen Affäre unmöglich machen würde: "Harris bekennt, vor 'Intrige' mit Vorbehalten eine milde Form der Presseregulierung befürwortet zu haben. Das Buch aber hat nicht nur sein Misstrauen gegen den Amtsapparat und große Organisationen gestärkt, 'die ungeniert lügen und sich damit rechtfertigen, dass sie dem übergeordneten Wohl dienen', sondern auch seine Einstellung zur Presseregulierung verändert." Hier ein Artikel Harris' gegen die Regulierung der Presse in der Daily Mail.

Weitere Artikel: Regina Mönch bekennt ihr Unverständnis für die "grobianische Art" des magdeburgischen Kultusministers Stephan Dorgerloh, der die Stelle des verdienstvollen Chefs der Bauhaus-Stiftung, Philipp Oswalt, ohne Rücksprache neu ausschreibt, obwohl diesem eine Verlängerung zugesagt war. Felix Johannes Enzian war dabei, als Lady Gaga in Berlin ihr neues Album vorstellte. Manfred Lindinger informiert über Quantenkryptographie, eine Verschlüsselungstechnik, die angeblich nicht mehr zu knacken wäre. Stefan Niggemeier geht noch einmal der Frage nach, warum die ARD keinen "Brennpunkt" zum Handy der Kanzlerin brachte. Auf der letzten Seite spricht Paul Auster mit Thomas David über seine letzten Bücher: "Es geht beim Schreiben ausschließlich darum, die Wahrheit zu sagen."

Besprochen werden ein Abend mit Liedern Jörg Widmanns für Christian Gerhaher in Wien, eine Diskussionsabend mit Antonio Negri und Byung-Chul Han in Berlin und Bücher, darunter David Vogels Roman "Eine Wiener Romanze" (mehr in unseer Bücherschau ab 14 Uhr).

Die Frankfurter Anthologie bringt einen Text Marcel Reich-Ranickis über Kurt Tucholskys Gedicht "Danach -

Es wird nach einem happy end
im Film jewöhnlich abjeblendt.
Man sieht bloß noch in ihre Lippen
den Helden seinen Schnurrbart stippen
(…)"