Heute in den Feuilletons

Von Strömungen geformt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.10.2013. In der taz erzählt die Atomforscherin Inge Schmitz-Feuerhake der Reporterin Gabriele Goettle, wie sie die Atomkraft hassen lernte. turi2 meldet, dass die Zeitungsverleger im Kampf gegen den Mindestlohn zur Not das Bundesverfassungsgericht einschalten wollen. In der FAZ fordert Christian Lindner eine deutliche Antwort auf die Abhöraffäre und stellt sogar das Freihandelsabkommen mit den USA zur Disposition. Und einige Links zu Lou Reed.

Weitere Medien, 28.10.2013

Gestern starb Lou Reed. "I'll be your Mirror", gesungen von Nico, war der Song, den er von all seinen Songs am liebsten mochte, schreibt Sahsa Frere-Jones im New Yorker.



Das NYMag bringt eine Slideshow mit Lou-Reed-Fotos aus den wilden Siebzigern.
Stichwörter: Lou Reed

TAZ, 28.10.2013

Die Physikerin Inge Schmitz-Feuerhake erzählt Gabriele Goettle, wie sie sich von einer euphorischen Kernforscherin zur Atomkraftgegnerin wandelte und für ihre wissenschaftliche Untersuchung von Störfällen, etwa im Atomkraftwerk Krümmel und der Kernforschungsanlage Geesthacht, von behördlicher Seite systematisch bekämpft wurde: "Für die wissenschaftlichen Kritiker ist es sehr schwierig - selbst ihren Sympathisanten gegenüber -, das Ausmaß der Kumpanei zwischen Behörden und Betreibern glaubhaft zu machen... Meine wissenschaftliche Arbeit wurde angezweifelt und geschmäht. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft wollte Sanktionsmaßnahmen ergreifen. Der Rektor hat sich öffentlich kritisch über mich geäußert und meine Fakultät hat sich ohne Rücksprache für mich entschuldigt."

Weiteres: Anlässlich der Zeitumstellung plädiert Stephanie Grimm dafür, früher ins Bett zu gehen. Marlene Halser lässt sich von der Erleuchteten Sudhamani Mata Amritanandamayi umarmen. Und Josef Winkler geißelt die Sprachregelung der Bundesregierung, Ausspähen unter Freunden gehe "gar nicht" als "peinlichen Jugendsprech".

Und Tom.
Stichwörter: Gabriele Goettle

Aus den Blogs, 28.10.2013

Eine peinliche Meldung für alle Marxisten in den deutschen Feuilletons. Die Zeitungen (genauer der Verlegerverband BDZV) wehren sich mit Händen und Füßen gegen den Mindestlohn, meldet turi2. Dabei haben sie aber nicht die ebenfalls miserabel entlohnten freien Journalisten im Auge, sondern die Zeitungszusteller, die "bisher meist auf 430-Euro-Basis arbeiten und eine Mischung aus Stücklohn und Wegegeld erhalten. Die Verleger hoffen im Streitfall auf das Bundesverfassungsgericht, das bereits vor Jahren auf den besonderen Schutz der Presse vor der Einmischung des Staates hingewiesen habe."

Es sind eigentlich nicht persönliche Informationen, die den Staat interessieren, wenn er Daten über uns sammelt, meint Ralf Wienken bei Netzwertig: "Man kann mit dem Big-Data-Haufen nämlich noch etwas ganz anderes machen: man kann ihn als Grundlage zur politischen Steuerung nehmen. Die Daten sind ja vorhanden; warum also dieses Instrument nur zur Gefahrenabwehr nutzen, und nicht auch, um gesellschaftliche Prozesse zu gestalten?"
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NZZ, 28.10.2013

Ronald D. Gerste sorgt sich über sezessionistische Tendenzen in der Tea-Party: "In der Feindseligkeit gegenüber der Bundesregierung in Washington und in der völligen, sich um keinerlei Opfer scherenden Gleichgültigkeit gegenüber den Folgen des politischen Wirkens ihrer Repräsentanten - einst der Bürgerkrieg, heute der für die USA rufschädigende und verlustreiche Shutdown - ähneln sich die Tea-Party und der 'alte Süden' durchaus."

Außerdem im Feuilleton: Der Architekt Ulf Meyer würdigt seinen japanischen Kollegen und Pritzkerpreisträger Toyo Ito (links: Die Mediathek von Sendai, 2001): "Sein 'Konzept der zwei Körper' machte Ito zur Schlüsselfigur der Medienarchitektur der 1990er Jahre: 'Ebenso wie der materielle Körper des Menschen Teil des Wasserkreislaufes ist, formt den elektronischen Körper ein zweiter, weltumspannender Strom der Medien, der Daten und der Kommunikation. Alles fließt. Auch Gebäude sind Körper im Fluss und werden von Strömungen geformt', lautet Itos Credo."

Besprochen werden eine Ausstellung über den Gulag-Autor Warlam Schalamow im Literaturhaus Berlin und ein Konzert des Budapest Festival Orchestra in Zürich.

FR/Berliner, 28.10.2013

"Man kann sich ja keinen weniger nahbaren, weniger freundlichen, weniger väterlichen Menschen vorstellen als ihn", schreibt Jens Balzer in seinem Nachruf auf Lou Reed: "dieses wächserne, undurchdringliche Gesicht; diese grimmigen Texte; diese ungeheure, scheinbar durch nichts zu überwindende Gekränktheit; dieses rüde Verhalten, mit dem er seine Mitmusiker auf der Bühne und auch sonst jeden zu traktieren pflegte, der ihm irgendwo in die Quere kam. Und dennoch kann man jetzt kaum anders als so wehmütig und zärtlich an ihn zu denken wie an jemanden, der einen gelehrt und erzogen hat."
Stichwörter: Jens Balzer, Lou Reed

Welt, 28.10.2013

Die meisten Welt-Kommentatoren stehen weiter fest zum wuchernden Überwachungsstaat. Aber Claus Christian Malzahn ruft ihnen in der Welt am Sonntag zu: "Wer den nach Moskau geflüchteten Whistleblower Edward Snowden einzig als Verräter brandmarkt, sollte sich vor Augen führen, dass sich ein amerikanischer Staatsfeind innerhalb weniger Jahrzehnte durchaus in einen amerikanischen Helden verwandeln kann."

Im Kulturteil widerspricht Thomas Schmid dem Historiker Krisztián Ungváry, der kürzlich im Interview mit der Welt erklärt hatte, der Antisemitismus in Ungarn sei gewissermaßen antikapitalistisch und damit "rational" im Sinne von "nachvollziehbar" gewesen. Eckhard Fuhr hörte eine "merkwürdigen Dankesrede, der die Verlegenheit durch die Ritzen der rhetorischen Fassade quoll", von Sibylle Lewitscharoff bei der Verleihung des Büchnerpreises. Matthias Heine begutachtet erste Premieren am Stuttgarter Schauspielhaus unter dem neuen Intendanten Armin Petras.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Meisterwerken aus 1200 Jahren chinesischer Malerei im Londoner Victoria and Albert Museum und Sascha Waltz' Choreografie zu Strawinskys "Sacre" an der Staatsoper im Schiller-Theater.

Aus den Blogs, 28.10.2013

Saudische Frauen demonstrierten am Wochenende gegen das Fahrverbot für Frauen. Jetzt pfeift man dort dieses Lied:



FAZ, 28.10.2013

FDP-Hoffnung Christian Lindner macht sich ein paar deutliche Gedanken zur Abhöraffäre: "Nehmen wir es auch als überzeugte Transatlantiker zur Kenntnis: Amerika verfolgt eine unsentimentale, strikt an seinen Interessen orientierte Außenpolitik. Unsere Reaktion sollte ebenfalls auf Sentimentalitäten verzichten." Lindner schlägt vor, die Abkommmen zur Abgabe europäischer Daten zu kündigen und winkt dann nochmal mit dem Zaunpfahl: "Die Schaffung von Arbeitsplätzen steht und fällt ... nicht allein mit der Frage einer Freihandelszone."

Weitere Artikel: Edo Reents schreibt (bisher nur online) zum Tod Lou Reeds. Launig liest sich die Büchner-Preisrede von Sibylle Lewitscharoff, die unter anderem auf den Architekturzeichner Achilles Rizzoli (Bilder im an sich so grässlichen Internet) aufmerksam macht und die Auswüchse der Gender-Korrektheit im universitären Sprachgebrauch geißelt: "An der Stelle sei es erlaubt, noch eine Grußadresse an unseren Präsidenten auszubringen: Professorin Heinrich Detering, willkommen in der weichen Welt des neuen deutschen Frauentums!" Jan Wiele protokolliert weitere Preisvergaben der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Patrick Bahners war dabei, als Fritz Stern in New York einen Preis für deutsch-amerikanische Verständigung erhielt und die Abhöraffäre geißelte. Uwe Ebbinghaus verfolgt die Frankfurter Römerberggespräche, die sich dem europäisch-amerikanischen Verhältnissen widmeten. Auf der Geburtstageseite diese Hommage auf Cornelia Froboess durch Gerhard Stadelmaier. Und Andreas Platthaus schreibt aus unklaren Gründen noch einen Seite 1-Leitartikel zum neuen "Asterix"-Band.

Besprochen werden Konzerte des 44. Deutschen Jazzfestivals in Frankfurt, Webers "Freischütz" in Mannheim und Bücher, darunter Aldo Schiavones bisher nur auf englisch erschienene Spartakus-Biografie (mehr hier und ab 14 Uhr in unserer Bücherschau).

SZ, 28.10.2013

Für die Seite 3 unterhält sich Sonia Zekri mit ägyptischen Intellektuellen und Journalisten, die ihren Glauben an die Revolution verlieren: "Reem Maged wohnt in einer Trabantenstadt nebenan, und hätte gerade genug Zeit zum Einkaufen, denn ihre Karriere hat sie erst mal beendet. Anfang Juli, als Armeechef Sisi die Macht ergriff, verließ sie ihr Büro als Star-Moderatorin des Privatsenders ON TV und kehrte nicht zurück: 'Ich dachte, unser Sender ist anders. Aber er war wie alle anderen.' Gerade die Privatsender hatten sich während der Islamistenherrschaft in tollkühnen Programmen überboten, sich geschmückt mit Anfeindungen eines, so sahen sie das, heraufziehenden Gottesstaates. 'Ich dachte, meine Kollegen und ich hätten dasselbe Ziel. Heute weiß ich: Ich kämpfe gegen die Diktatur. Die anderen nur gegen die Muslimbrüder', sagt sie."

Im Feuilleton warnt Ralph Hammerthaler, dass die Landesregierung von Sachsen-Anhalt gerade dabei ist, die Theater in Dessau, Halle und Eisleben zu zerschlagen: "Nach der Räuberei bliebe dem Fünfspartenhaus in Dessau nur noch das Musiktheater. In Halle spielt der in Bedrängnis gebrachte Oberbürgermeister Bernd Wiegand mit Trick 17 der Insolvenz. Indem sie die Bühnen GmbH pleite gehen ließen, könnten sie bestehende Verträge aushebeln, um kurz darauf, extrem verschlankt, eine neue GmbH zu gründen. Noch dazu würde Künstlern und Mitarbeitern ein Gehaltsverzicht von 25 Prozent zugemutet. Dieses Vorgehen ist um so verwerflicher, als die GmbH ja der Stadt gehört, die zum Glück nicht bankrott ist."

In der Fernausgabe des Feuilletons fehlt der Nachruf auf Lou Reed und der Text von Hammerthaler. Dafür unterhält sich Andrian Kreye auf einer ganzen Seite mit dem Journalisten Jeremy Scahill, der sehr enttäuscht ist von Barack Obama.

Weitere Artikel: Kathleen Hildebrand berichtet von den Römerberggesprächen in Frankfurt, die um das Verhältnis Europas zu den USA kreisten. Der Schriftsteller Navid Kermani würdigt in einer Laudatio die Islamwissenschaftlerin Angelika Neuwirth, deren Arbeiten er insbesondere auch "den Rechtgläubigen", die den Koran in Fußgängerzonen verschenken, zur Lektüre empfiehlt. Lothar Müller berichtet in einem Aufwasch über die Herbsttagung der Darmstädter Akademie, Sibylle Lewitscharoffs Büchnerpreisrede und Thomas Assheuers Laudatio auf Wolfram Schütte, der den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay erhielt. Anja Perkuhn gratuliert der Schauspielerin Cornelia Froboess zum 70. Geburtstag. Andrian Kreye schreibt den Nachruf auf Lou Reed.

Auf der Medienseite ärgert sich Frank-Michael Fischer sehr, dass die ARD-Radiosender Aufführungen klassischer Musik auch auf digitalem Weg ganz ohne Not in verminderter UKW-Qualität ausstrahlen.

Besprochen werden ein "Falstaff" in Stuttgart, eine Picasso-Ausstellung im Berliner Kupferstichkabinett und Bücher, darunter Morriseys Autobiografie (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).