Heute in den Feuilletons

Entwürfe für gutes Wetter

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.04.2013. Mehr Mut zu einem klaren Programm wünscht sich der Architekt Vittorio Magnago Lampugnani in der NZZ von Stadtplanern - am Ende kommt es sowieso anders als gedacht. Die moderne Stadt ist auf Temperaturen über 20 Grad ausgelegt, weiß die FAZ und freut sich, dass es endlich wieder soweit ist. Antje Ravic Strubel denkt in der Welt über Tabus nach. Susie Linfield zeigt sich in der taz beeindruckt von der Chuzpe der deutschen Studentenbewegung im Umgang mit dem Holocaust. Und die FR vollzieht in der Frankfurter Ausstellung "Juden. Geld. Eine Vorstellung" das Stationendrama des Antisemitismus nach. Auf Freude stößt der Fiilmpreis für Jan-Ole Gersters "Oh Boy".

NZZ, 27.04.2013

Der Architekt Vittorio Magnago Lampugnani äußert in Literatur und Kunst "kritische Gedanken zur zeitgenössischen Stadtplanung" und wünscht sich mehr Mut zu einem klaren Programm - am Ende kommt es sowieso anders als geplant: "Noch die schönsten Städte sind anders erdacht worden, als sie sich uns gegenwärtig darstellen. Barcelona ist heute eine Stadt mit hoher Dichte und überwiegend vollständig überbauten Blöcken. Cerdà hatte sie als urbane Gartenstadt erdacht, mit nur zweiseitiger Bebauung und grünen Innenhöfen, die mindestens die Hälfte der Blockfläche einnehmen sollten. Es kam also ganz anders, als er dachte und wünschte, aber sein Plan ist gleichzeitig stark und offen genug, dass er die Spekulation, die über ihn hinwegrollte, einigermaßen gelassen hinzunehmen vermochte."

Weiteres: Im Gespräch mit Carsten Krohn beklagt der Architekturhistoriker William J. R. Curtis das Starsystem in der heutigen Baukultur: "Wenn gewisse Kritiker und Architekturliebhaber zum Beispiel Peter Zumthor als eine Art leidenden Jesus verehren, der ganz alleine in den Bergen die wahre Architektur predigt, finde ich das lächerlich." Uwe Justus Wenzel berichtet von einer Ausstellung mit Zettelkästen als "Maschinen der Phantasie" im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Der Historiker Caspar Hirschi referiert den Streit um die Pariser Akademie der Wissenschaften vor und während der französischen Revolution.

Im Feuilleton berichtet Martin Meyer von einer Londoner Ausstellung mit Werken des amerikanischen Malers George Bellows: "Was immer aus der Wunderkammer europäischer Meisterwerke zu entdecken war, transponiert sich ins Abbild des American way of life." Alain Claude Sulzer führt in der Reihe Schlaflos ein Selbstgespräch. Besprochen werden Stéphane Braunschweigs Inszenierung von "Don Giovanni" in Paris (bei der sich für Peter Hagmann "Erschrecken und Amüsement glücklich die Waage" halten) und Bücher, darunter Jörg Uwe Albigs Roman "Ueberdog" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 27.04.2013

Anke Westphal freut sich online sehr über den Filmpreis für Jan-Ole Gersters Debüt "Oh Boy", der etliche Großproduktionen hinter sich gelassen habe: "Aber andere Lücken sind damit nicht geschlossen - warum etwa war Philip Scheffners 'Revision' nicht einmal nominiert als Bester Dokumentarfilm? Natürlich ist es wunderbar, dass Werner Herzog den Deutschen Filmpreis für sein Lebenswerk bekam. Aber steckt da gerade in ästhetischer Hinsicht nicht doch ein wenig Pflichterfüllung in der Würdigung dieses großen Exzentrikers? Herzog ist auch ein Alibi für das repräsentative Kino-Handwerk á la 'Cloud Atlas', das von der Akademie gern mit Geld bedacht wird."

Außerdem in der FR: Auf ein besonders infames Artefakt aus der antisemitischen Alltagskultur vor dem "Dritten Reich" ist Christian Thomas in der Frankfurter Ausstellung "Juden. Geld. Eine Vorstellung" gestoßen. Die Deutsche Reichsbank "muss bei ihrem Judenhass auf einen bereits vorurteilsgesättigten Absatzmarkt spekuliert haben, als sie 1922 eine Reichsbanknote mit der Parole in Umlauf brachte: 'Das Gold, das Silber und den Speck / nahm uns der Jud / und ließ uns diesen Dreck!' Damit bedruckte die Reichsbank ihre Tausendmark-Banknote, obendrein höhnte sie: 'Fahrkarte IV. Klasse nach Jerusalem hin - und nicht mehr zurück.'"

Aktualisierung vom 29.April: Ein Leser hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass die antisemtischen Aufdrucke auf den Geldscheinen nicht von der Reichsbank stammen, sondern nachträglich zu Propagandazwecken aplliziert wurden.

Mathias Schnitzler empfiehlt unbedingt die Lektüre der Bücher von Pierre Michon, des "wohl aufregendsten Autors der französischen Gegenwartsliteratur", dessen "wuchtige, sinnliche Bilder" einen Houellebecq auf seinen Platz verweisen.

Welt, 27.04.2013

Die Autorin Antje Ravic Strubel denkt in einem Essay in der Literarischen Welt über Tabus nach, diese Bruchlinie, an der Gesellschaft vernäht sind. Und sie fragt sich, warum ausgerechnet der Frauenhandel im angeblich so tabulosen Europa das große Tabu bleibt: "Sie schaffen es nicht, weil es nicht geschafft werden soll. Jemand kauft sich diese Sklaven, nach denen eine enorme Nachfrage zu bestehen scheint. Jemand hat sich daran gewöhnt, regelmäßig ein paar Euroscheine hinzulegen für Frauen, die nach einer 'Zwischenlagerung' in einer Moskauer Wohnung, wo ihnen die Münder aufgerissen werden, um die Zähne zu kontrollieren und die Pobacken aufgerissen werden, um die Straffheit des Fleisches zu testen, von einem Händler weiterverkauft werden in die Länder der EU, nach Hannover, München, Köln, Hamburg, Berlin, Potsdam."

Weiteres: Wolfgang Sofsky schreibt über Fernand Braudels "Geschichte als Schlüssel zur Welt", es sind Vorlesungen, die Braudel 1941 in deutscher Kriegsgefangenschaft gehalten hat. Besprochen werden unter anderem auch Pierre Bosts wiederaufgelegter Roman "Ein Sonntag auf dem Lande" und Martin Bleifs Buch über "Krebs".

In der Kultur liegt Jenny Hoch der allseits gefeierten Autorin Taiye Selasi zu Füßen, die offenbar nicht nur schön, begabt und klug ist, sondern auch eine erfolgreiche Hedgefondmanagerin. Holger Kreitling feiert Derf Backderfs Comic "Mein Freund Dahmer" über einen Highschool-Mörder. Berthold Seewald berichtet, dass Derrick-Schauspieler Horst Tappert nach Recherchen des Soziologen Jörg Becker nicht wie immer behauptet als Sanitäter bei der Wehrmacht war: "Im März 1943 führte ihn demnach die Waffen-SS-Division 'Totenkopf', die an der Rückeroberung Charkows beteiligt war, in ihrer Personalliste." Und der SPD-Politiker Wolfgang Thierse plädiert für eine Auflösung der Stasi-Unterlagenbehörde nach 2019 und eine dezentralere Gestaltung der Erforschung und Aufarbeitung des DDR-Unrechts. 
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TAZ, 27.04.2013

Seit sie in Berlin lebt, ist die amerikanische Journalistin Susie Linfield "beeindruckt, irritiert und abgestoßen" von den Arten des heutigen deutschen Umgangs mit der Shoah. Nach der Debatte um Wolfgang Kraushaars jüngstes Buch und der Lektüre von Hans Kundnanis Buch "Utopia or Auschwitz" leuchtet ihr die maßgebliche Rolle der deutschen Linken seit den 60ern darin unmittelbar ein. Max Horkheimers Ausspruch "Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, soll auch vom Faschismus schweigen" erlaubte es der frühen Studentenbewegung "den entscheidenden Unterschied zum Nationalsozialismus, den Völkermord, in ihrer Analyse zu umgehen und den deutschen Faschismus zu einer bloßen Variante des Kapitalismus zu erklären. ...Die Beschäftigung mit Israel hatte, wie es der Historiker Dan Diner nennt, eine Entlastungsfunktion: Sie war ein Versuch, die Einzigartigkeit der NS-Verbrechen bestreiten zu können, indem man die Politik der Nazis auf ihre früheren Opfer projizierte. Gleichzeitig bestanden studentische Aktivisten auf einer anderen wirren Projektion. Sie seien die 'neuen Juden'. Ich bin mir nicht sicher, ob es dafür ein Wort im Deutschen gibt, aber im Jiddischen würde dies Chuzpe genannt werden."

Außerdem: "Würde die Telekom nicht zu einem erheblichen Teil dem Staat, sondern deutschen Presseverlagen gehören, könnte man fast meinen, das sei der Auftakt zu einer teuflischen Print-first-Strategie", ätzt Meike Laaf nach den Ankündigungen der Telekom, die Nutzer wieder an das Onlinefeeling der 90er Jahre zu gewöhnen. Katrin Bettina Müller spricht mit Juror Franz Wille über das Berliner Theatertreffen, das er für ein gutes Gegenmittel zum Produktionsüberdruck hält: "Die Theater haben die Schlagzahl massiv erhöht und diese Abnutzungserscheinungen und Ermüdungen sind bedrohlich." "Als Essayist ist er eine Niete", schimpft Andreas Fanizadeh über Mario Vargas Llosas blasierte Nörgeleien über angeblichen kulturellen Verfall. Stephanie de la Barra trifft sich mit Timur Vermes in einem Münchner Café, wo der Autor erstmal zackig Hitler imitiert und auch ansonsten für Irritationen sorgt. Margarete Stokowski empfiehlt Aboud Saeeds bei Mikrotext (mehr) veröffentlichtes E-Book mit dessen gesammelten "persönlichen, lyrischen, witzigen" Facebook-Statusmeldungen aus dem Bürgerkrieg in Syrien. Dirk Knipphals berichtet von einer Berliner Autorin, die, des Prenzlauer Bergs überdrüssig, nach Charlottenburg ausgewandert ist, wo die Junkies sogar noch "fertiger als am Kotti" seien. Detlef Diederichsen gratuliert dem Countrysänger Willie Nelson zum 80. Geburtstag.

In der Nord-Ausgabe stellt ein völlig begeisterter Andreas Schnell das Blog "Awesome Tapes from Africa" vor, auf dem der Musikethnologie Brian Shimkovitz Trouvaillen afrikanischer Populärmusik zugänglich macht. In der Berliner Ausgabe beleuchtet Ronald Berg, wie Banken und private Sammler gegenüber dem staatlichen Museumsbetrieb auf dem Kunstmarkt auftrumpfen. Und Ingo Arend begutachtet unter anderem die Risse in der Wand der Berliner Kunst-Werke, die dieses Wochenende wiedereröffnet werden.

Besprochen werden Roman Coppolas neuer Film "Charlies Welt" und Bücher, darunter "Europa und die Nationalstaaten", laut Micha Brumlik eine Warnung György Konráds vor einem Rückfall Ungarns "nicht nur in Nationalismus, sondern in Rassismus und Faschismus" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Und Tom.

SZ, 27.04.2013

Nach langen Debatten (etwa hier) erhält Berlin-Kreuzberg nun einen "Moses-und-Fromet-Mendelssohn-Platz", meldet Jens Bisky und stöhnt über diesen monströsen Kompromiss: "Dem Juden Mendelssohn wird eine Ausnahme verweigert, die man linken Symbolfiguren wie Rudi Dutschke und Silvio Meier zugestand. Fromet wird auf ihre Gattinnenrolle reduziert. Sie dient als Feigenblatt, um ihrem Mann unter den Bedingungen eines kleingeistigen Quotendogmatismus einen Platz im Berliner Straßenbild zu sichern."

Das Sterben rückt wieder näher ins Zentrum der Gegenwartsliteratur, stellt Burkhard Müller bei der Lektüre aktueller Romane fest. Für Müller Anlass zum gesamtgesellschaftlichen Befund: Die Einsicht in die unvermeidbare Tatsache des Sterbenmüssens setze sich fest. "Als ein gutes Zeichen wird man das nicht buchen wollen. Es setzt voraus, dass Stagnation und Isolation zu zentralen Erfahrungen geworden sind: Stagnation herrscht, weil kaum einer mehr ernsthaft damit rechnet, es würde für ihn besser werden ... Und in Isolation wird es erlebt, weil die einstigen starken Solidarverbände sich auflösen, Kirchen, Klassen, Milieus, selbst die Familie, insofern sie als Ressource fragloser gegenseitiger Unterstützung galt. Da steht kein Trost mehr in der Sichtachse, echter oder falscher, der Blick aufs Ende wird beängstigend frei."

Weitere Artikel: Bernd Graff meldet, dass der Bundestag die Schutzfristen für Tonaufnahmen von 50 auf 70 Jahre nach dem Tod des letzten Rechteinhabers festgesetzt hat (mehr), und erklärt auch, wer daraus am meisten Vorteil ziehen dürfte: "Weniger die Künstler als vielmehr die großen Musiklabels". Der im Netz kursierende Rundbrief, der die bevorzugte Prämierung deutscher Veröffentlichungen bei der Vergabe des Deutschen Jugendliteraturpreises einfordert, hantiert "mit einer unseriösen Mischung von emotional gefärbten Behauptungen und falschen Zahlen", erklärt Roswitha Budeus-Budde. Staunend liest der Islamwissenschaftler Stefan Weidner eine Wehrmachtsbroschüre zum Islam, die viel Verständnis für die Religion aufbringt und sich dem rechten Flügel der heutigen Islamkritik damit kaum als Bezugspunkt anbietet. Andrian Kreye unterhält sich mit dem chinesischen Jugendforscher Kevin Lee. Till Briegleb besucht die Internationale Gartenschau in Hamburg. Beim Blick auf das Berliner Gallery Weekend bemerken Catrin Lorch und Jörg Häntzschel, dass Berlin-Mitte zugunsten der Gegend um den Savignyplatz zusehends "verwaist". Christine Dössel gratuliert dem Schauspieler Walter Schmidinger zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Felix van Groeningens Film "The Broken Circle", Patrick Wengenroths Bühnenadaption von Klaus Theweleits "Männerphantasien" am Staatstheater Karlsruhe und César Airas Roman "Der Literaturkongress" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

In der Wochenendbeilage sorgt sich Michael Winter vor dem Heraufdämmern einer neuen Moralkultur: "Wenn man Utopie mit der Herrschaft des Guten gleichsetzt, bedeutet das, dass diese Herrschaft in der Realität immer in eine Herrschaft des Überwachungswahnsinns umschlagen kann." Johann Osel hält nichts vom Kulturpessimismus, dass es mit der Jugend bergab gehe. Außerdem spricht Miriam Stein mit der einstigen Abba-Sängerin Agnetha Fältskog, die die Musik ihrer früheren Band auf Jahre nicht mehr hören konnte.

FAZ, 27.04.2013

Zur Feier des unlängst ausgebrochenen Frühlings widmet sich die FAZ auf zehn Sonderseiten dem Aufenthalt im Freien. Darin geht es unter anderem um den Frankfurter Sommerhoffpark, den Chinesischen Garten in Berlin-Marzahn, um Theater im New Yorker Central Park, das Strandkino Cinéma de la Plage in Cannes und Strawinskys "Le Sacre du Printemps". Uwe Ebbinghaus unterhält sich mit deutschen Dichtern wie Hans Magnus Enzensberger und Silke Scheuermann über den Lenz. Und Niklas Maak informiert über das Vorhaben, den Berliner Kupfergraben um die Museumsinsel ins größte Freibad der Welt zu verwandeln: "Aus der Stadtmitte, die zu einem ganz anderen Biotop für Touristenbusse, Luxuswohnanlagenbewohner und Politiker zu verkommen drohte, wird ein Ort für alle - vorausgesetzt, die Temperaturen liegen deutlich über zwanzig Grad. Womit wir bei einem Thema angekommen wären, das aus den Diskussionen um die Zukunft der Städte immer gern ausgeblendet wird: Die moderne Stadt, die Moderne überhaupt, die allermeisten großen Entwürfe der vergangenen hundert Jahre sind Entwürfe für gutes Wetter."

Weiteres: Bei ihrer Musikrevue "Berlin - Baku" in Heidelberg gibt Christiane Rösinger "die entspannteste Bühnenfigur seit Helge Schneider" ab, berichtet Jan Wiele. Von der Wiedereröffnung des Frankfurter Museums für Angewandte Kunst konstatiert Julia Voss: "Man sieht vorwiegend Stühle, auf denen man nicht sitzen darf." Sabine Frommel berichtet von den Plänen für einen neuen Riesen-Campus in Paris. Die Ausstellung "Expedition Grimm" in der Documenta-Halle in Kassel, die heute eröffnet wird, spricht ein "ein gewichtiges Wort zum Jubiläum", meint Tilman Spreckelsen. Kerstin Holm berichtet vom Moskauer Festival "Klang Stream". Wiebke Hüster unterhält sich mit Harald Schmidt über das Tanzen. Besprochen werden Bücher, darunter "Direkte Aktion" von Occupy-Ikone David Graeber (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

In der Frankfurter Anthologie stellt Thomas Anz das Gedicht "Trennung" von Erich Fried vor:

"Der erste Tag war leicht
der zweite Tag war schwerer
Der dritte Tag war schwerer als der zweite
Von Tag zu Tag schwerer..."