Heute in den Feuilletons

Atmosphärisches Make-up

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.04.2013. Die Welt fragt sich, warum ausgerechnet das autoritär regierte Vietnam als erstes asiatisches Land die Schwulenehe einführen will. Die NZZ besucht Gabriel García Márquez' Geburtsort Aracataca. Die taz rümpft die Nase über die in Kunst, Fernsehen und Literatur grassierende New Sincerity, wenn sie dabei Lena Dunhams Titten sehen muss. In der FAZ betätigt Frank Schirrmacher nach Lektüre eines Buchs von Eric Schmidt die Alarmsirene. Aber auch die wird künftig hinter die Paywall gesteckt, verkündet FAZ-Geschäftsführer Tobias Trevisan im Interview mit der SZ.

TAZ, 26.04.2013

Der Schriftsteller Tao Lin, die Künstlerin Mirandy July und Lena Dunham, die Erfinderin der TV-Serie "Girls", suchen in ihren Werken nach einer postironischen Aufrichtigkeit. Johannes Thumfart schreibt über diesen Trend zur New Sincerity: "An Dunhams unförmigen Titten zeigt sich das Individuum in seiner existenziellen Tragik zwischen dem Sein und dem Nichts. Am knochigen Hintern Julys das Unbehagen in der Kultur." Aber natürlich "ist die New Sincerity auch alles andere als ehrlich, insofern sie Ehrlichkeit zur Ware macht".

Weitere Artikel: Jens Uthoff informiert über den Protest der Initiative "Don't Fuck With Music" gegen einen Gesetzesentwurf, der per Deckelung des Streitwerts den "Abmahnwahn" durch unseriöse Anwälte nach Verletzung des Urheberrechts eindämmen soll. Jan Scheper meint dazu in einem staatstragenden Kommentar: "Das fraglos insbesondere unter digitalen Maßstäben reformbedürftige Urheberrecht bewahrt die Rechte der Künstler auf eine angemessene Vergütung ihrer Arbeit." Cristina Nord bedauert, dass sich beim deutschen Filmpreis "das Mittelmaß noch immer gegen die Exzentrik durchsetzt".

Besprochen werden die Ausstellung "The Whole Earth. Kalifornien und das Verschwinden des Außen" im Berliner Haus der Kulturen der Welt, das neue Album "Shaking The Habitual" des Geschwisterduos The Knife und der autobiografische Roman "Warum glücklich statt einfach nur normal?" der feministischen britischen Schriftstellerin Jeanette Winterson (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.

Aus den Blogs, 26.04.2013

Stefan Niggemeier greift noch einmal das berüchtigte Zeit-Dossier zu Schwarzkopien im Kino auf und schreibt nach einer juristischen Einigung, die die Zeit mit der von ihr angegriffenen Jea­nette Hof­mann geschlossen hatte, und einer recht schrägen Darstellung dieser Einigung durch die Zeit: "Wir fas­sen zusam­men: Die Zeit ver­öf­fent­licht ein Pamphlet über Film­pi­ra­te­rie, das eine Wis­sen­schaft­le­rin dif­fa­miert, gibt vor Gericht eine Unter­las­sungs­er­klä­rung ab und behaup­tet dann in einer Pressemitteilung das Gegen­teil. Wenn man nicht wüsste, dass es sich um eine der beson­ders seriö­sen Adres­sen des deut­schen Jour­na­lis­mus han­delt, man käme nicht drauf."

Vor dem deutschen Filmpreis ist das Wehklagen über den Zustand des deutschen Films groß. Thilo Röscheisen hält auf out-takes.de dagegen: "Wir wünschen uns alle mehr bessere Filme. Aber einfach immer nur über den deutschen Film zu schimpfen und damit zu suggerieren, dass alle anderen es besser machen, wird der Sache nicht gerecht. Alle Länder außer den USA haben mehr oder weniger mit denselben Problemen zu kämpfen - die inhaltlichen und ästhetischen Beschränkungen nationaler Filme sind letztlich allesamt das Resultat national ausgerichteter Produktions-, Verwertungs- und Förderstrukturen."

NZZ, 26.04.2013

Unter dem Namen "Macondo" hat Gabriel García Márquez seinem Geburtsort Aracataca im Roman "Hundert Jahre Einsamkeit" ein Denkmal gesetzt. In touristischer Hinsicht schlägt das kolumbianische Städtchen daraus bislang kein Kapital, stellt Hilmar Poganatz fest: "Bis heute tun seine Bewohner nicht viel für Márquez' Erbe. Als der letzte Bürgermeister den Ort offiziell in 'Macondo' umbenennen wollte, scheiterte sein Volksbegehren wegen zu geringer Wahlbeteiligung... Die ehemalige Schule des Nobelpreisträgers hat beim kolumbianischen Pisa-Test versagt, ein Buchgeschäft sucht man vergeblich, und seine Bücher liest hier kaum noch jemand."

Weiteres: Ronald D. Gerste berichtet von der Eröffnung der George W. Bush Library in Dallas, die seiner Ansicht nach "vor allem eine Wallfahrtsstätte für Anhänger der Republikaner sein wird". Claudia Schwartz gratuliert dem Architekten Peter Zumthor zum 70. Geburtstag. Besprochen werden neue Alben der amerikanischen Folksängerin Valerie June (das Jonathan Fischer "so erfrischend wie eine Prise Meeresluft ins Gesicht" weht) und der Roma-Kapelle Mahala Raï Banda sowie das Tanzstück "Hexenhatz" in Bern.
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Welt, 26.04.2013

Ausgerechnet das autoritär regierte Vietnam will als erstes asiatisches Land die Schwulenehe einführen. Marko Martin fragt auf der Forumsseite, was das Regime damit bezwecken mag: "Was, wenn dies dem gleichen Kalkül gehorchen würde wie etwa Pekings Duldung einer innerchinesischen Zeitungs- und Internetdiskussion über Frauenrechte, Kindererziehung, Umwelt- und Tierschutz, während andere Themen dafür umso härter tabuisiert werden? Seien wir nicht naiv, genau das ist der Zweck der Übung: atmosphärisches Make-up."

Im Feuilleton wendet sich Hanns-Georg Rodek vor der Verleihung der "Lolas" gegen einen deutschen Filmpreis, der internationale Produktionen wie "Cloud Atlas" zulässt. Hannes Stein betrachtet die in New York ausgestellte, selten zu sehende Version des "Schreis" von Edvard Munch und fragt, was diesen in tiefster Friedenszeit (1885) zu solchem Entsetzen trieb. Marko Martin führt ein kurzes Gespräch mit dem syrischen Schriftsteller Fawwaz Haddad, der inzwischen im Exil lebt. Dankwart Guratzsch glaubt nicht an die Wiederbelebung des Berliner "Stadtforums" zur Entwicklung urbanistischer Ideen für die Stadt. Und Hannes Stein liest bisher unbekannte Briefe Jerome D. Salingers.

Weitere Medien, 26.04.2013

(Via Richard Gutjahr) Kleinen Firmen geht's in Sachen "Demokratie-Abgabe" an den Kragen. Und Bertelsmann verdient mit, denn ARD und ZDF arbeiten mit einer Bertelsmann-Firma zusammen, um die Daten deutscher Unternehmen zu bekommen, meldet Hans-Peter Siebenhaar im Handelsblatt: "Vertragspartner von ARD, ZDF und Deutschlandradio ist die Arvato-Tochter Be Direct, an der auch Creditreform beteiligt ist. Im Mittelpunkt des Datenleasings für die Gebührenzentrale stehen nach Auskunft eines Arvato-Sprechers kleine und mittlere Unternehmen. Die Datenbank von BE Direct enthalte über drei Millionen Firmenadressen." Den Anstalten geht es dabei laut einer Sprecherin um hohe Anliegen: "Der Beitragsservice von ARD, ZDF und Deutschlandradio mietet Adressen von Unternehmen an, um auch im nichtprivaten Bereich eine möglichst weitgehende Beitragsgerechtigkeit herzustellen."

Ein einziger Deutscher steht auf der von Prospect erstellten Liste mit den 65 angeblichen Top-Intellektuellen der Welt, der in Stanford lehrende Computerwissenschaftler Sebastian Thrun. Top of the Tops ist Richard Dawkins. Slavoj Zizek steht an sechster Stelle. Die erste Frau unter den "World Thinkers" ist Arundhati Roy auf Platz 15. George Soros (spendet er dem Prospect?) wird als "Philanthropist" geführt.

SZ, 26.04.2013

Auf der Medienseite versteht Tobias Trevisan, Geschäftsführer der FAZ, im Interview mit Claudia Fromme und Claudia Tieschky den Vorwurf nicht, dass die FAZ mit dem Zukauf der FR quasi ein Monopol im Frankfurter Raum hat: "Sie verwenden das Wort 'Monopol' in einem negativen Kontext." Und dass die FR mit Artikeln von journalistischen Leiharbeitern ohne Tarifvertrag gefüllt wird, "ist doch jetzt nicht das Thema". Konkreter wird er dann nur, wenn's an das Portemonnaie der anderen geht. So will die FAZ in absehbarer Zeit auch um ihr Online-Angebot eine Paywall errichten: "Sobald wir können. ... Wenn sich die Zeitung und das digitale Angebot inhaltlich angleichen, müssen Sie auch das Geschäftsmodell konvergent gestalten. Im Idealfall verdienen wir dann mit Werbung und Bezahlinhalten. Wir müssen lernen, die Kannibalisierung zu lieben." Der bisherige ePaper-Umsatz muss dann ja wohl immens sein.

Außerdem: Thomas Avenarius ist entsetzt über die Zerstörung des Minaretts in Aleppo: "Eines der an Kulturgütern reichsten Länder im Nahen Osten wird gerade völlig zerstört." Catrin Lorch wundert sich über die konzeptionelle Ausrichtung des Münchner Festivals "Kino der Kunst": "Während sich überall der alte Gattungsbegriff auflöst, (...) zwängt man in München nun wieder die Kunst in eine Schublade." Hans-Martin Lohmann liest in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Luzifer-Amor eine bislang unveröffentlichte, erste Fassung von Sigmund Freuds Klassiker "Jenseits des Lustprinzips", bei der man dem Autor beim Verfertigen seiner Gedanken über die Schulter schauen könne. Christine Dössel porträtiert den seinerzeit von Heiner Müller hochgelobten, bulgarischen Theaterregisseur Dimiter Gotscheff. Laura Weissmüller gratuliert dem Architekt Peter Zumthor zum 70. Geburtstag.

Die Seite 2 der SZ befasst sich mit der Telekom. Weil Internetkonzerne wie Google und Co sich nicht am Ausbau des Netzes beteiligen, obwohl sie die größten Profiteure sind, möchte die Telekom ab Mai von ihren Kunden abkassieren und diese nach Datenverbrauch bezahlen lassen, berichtet Varinia Bernau. Johannes Boie erklärt, warum damit die Netzneutralität abgeschafft wird und das wirklich jeden angeht: "Der Konzern ist nämlich nicht nur ein technischer Dienstleister, sondern bietet auch selbst Inhalte an, zum Beispiel Filme und Sprachtelefonie. Die Telekom befördert also zum Teil eigene Daten zu ihren Kunden nach Hause. Und genau diese Daten sollen künftig besser behandelt werden als alle anderen." Helmut Martin Jung schließlich berichtet, dass der zahlende Kunde von der Telekom bisher auch schon kräftig übers Ohr gehauen wurde: "Nur 15,7 Prozent aller DSL-Kunden erhalten nach einer Mitte April veröffentlichten Studie im Auftrag der Bundesnetzagentur die volle Bandbreite zur Verfügung gestellt. Bei den Anschlüssen von mehr als 30 Prozent deutscher DSL-Kunden kommt sogar weniger als die Hälfte der versprochenen Leistung aus der Leitung."

Besprochen werden die Ausstellung "Juden. Geld. Eine Vorstellung" im Jüdischen Museum in Frankfurt (deren Vorsicht sie "zu einer nicht nur sehens-, sondern bedenkenswerten Veranstaltung macht", schreibt Thomas Steinfeld), die Ausstellung "Uruk - 5000 Jahre Megacity" im Pergamon-Museum in Berlin und Bücher, darunter Carsten Strouds Roman "Niceville" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 26.04.2013

Mit dem Monopol der FAZ im Frankfurter Raum hat Frank Schirrmacher kein Problem. Bei den "Informationsmonopolisten" von Google und Co packt ihn dagegen das kalte Grausen. Nach der Durchsicht von Eric Schmidts und Jared Cohens neuem Buch "The New Digital Age" sieht er sich darin bestätigt, dass unser digitales Ich das körperliche Ich demnächst ersetzen wird. Und schon sieht er von der "Informationsökonomie, die im Begriff ist, sich zu einer Planwirtschaft weniger Spieler zu verwandeln," die politische Souveränität schlechthin bedroht: "Der Glaube daran kostet an der Wall Street vielleicht nur Geld und Pensionen; im Bereich der Informationsökonomie, die im Begriff ist, sich zu einer Planwirtschaft weniger Spieler zu verwandeln, kostet sie buchstäblich die Autonomie des Einzelnen. Schon stellt Paul Krugman die Frage, ob digitale Suche nicht vergesellschaftet werden müsste."

Außerdem: Dirk Schümer hält den SPD-Politiker Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments, im Porträt für einen "veritablen linken Gegenspieler" der Kanzlerin. Jürgen Dollase lässt sich's im Berliner Restaurant Reinstoff prächtig gehen. Andreas Platthaus meldet, dass "Derrick" Horst Tappert jüngsten historischen Recherchen zufolge bei der Waffen-SS war. "Es fiepst, es schliert, es geistert und gespenstert", schreibt Eric Pfeil über das neue Album der Flaming Lips. Dessen Titelstück "The Terror" spielen sie hier live ein:



Besprochen werden neue Klassikveröffentlichungen, die Ausstellung "Wieder im Licht" in der Inselgalerie Berlin, Patrick Wangenroths Bühnenadaption von Klaus Theweleits "Männerphantasien" am Badischen Staatstheater Karlsruhe, Felix van Groeningens Film "The Broken Circle", Johan Kresniks "Villa Verdi" an der Berliner Volksbühne und Bücher, darunter Jesús Carrascos Roman "Die Flucht" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).