Heute in den Feuilletons

Walser? Ein Psychopath!

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.10.2012. Die Welt erlebte, wie sich der neue Literaturnobelpreisträger Mo Yan bei seinem ersten Auftritt in China mit dem inhaftierten Liu Xiaobo solidarisierte. Außerdem lernt sie in Hans Werner Richters Tagebüchern, warum die Bundesrepublik vielleicht ein politisch-wirtschaftliches, aber kein literarisch-ästhetisches Erfolgsmodell wurde. In der NZZ huldigt Laszlo Földenyi dem Heiligen Sebastian und Peter Nadas. Die SZ taucht in die vertonte Comicwelt von Kiss. Und die FAZ gönnt den Griechen nicht einmal das Preisgeld für den Nobelpreis.

Welt, 13.10.2012

Ganz "elementare humane Taubheit" hat Tilman Krause in Hans Werner Richters Tagebüchern "Mittendrin" erlebt, aber endlich auch eine Antwort auf die Frage, warum Deutschland politisch und wirtschaftlich so erfolgreich, litararisch und ästhetisch aber so mickrig dasteht. "Was zählt, ist Gesinnung, ist Politik." Stil, Sprache, ästhetische Programme spielen heute so wenig eine Rolle wie bei der Gruppe 47, erkennt Krause in der Literarischen Welt, staunt aber doch, wie viel Verachtung Richter seinen Autorenfreunden entgegenbringt: "Noch heute gilt ja der Grundsatz bei den Verteidigern der Gruppe: Na ja, literarisch war es nicht so doll, aber politisch hat sie die Deutschen überhaupt erst zu Demokraten gemacht. Das liest sich bei Richter anders. Böll? 'Ein Deutscher mit dem verquasten Denken eines Deutschen, bramarbasierende Moral statt politischer Intelligenz, kein Demokrat, sondern ein Mitläufer der Gewalttätigen'. Enzensberger? 'Zugereister Harlekin am Hof der Schein-Revolutionäre'. Walser? Ein 'Psychopath' an der Grenze zur 'Geisteskrankheit', dem die 'schwüle Pubertät eines frühzeitig gealterten Mannes' wichtiger ist als politische Vernunft. Grass? Ein Gernegroß, noch immer im Bann des 'Führerwahns', auch wenn er jetzt als 'Mietling der SPD' herumzieht."

Außerdem setzt der französische Autor Laurent Binet weiter seine Hoffnungen auf Francois Hollande ("Er ist ein wahrer Kämpfer, ein Boxer"). Besprochen werden unter anderem Liao Yiwus neues Großwerk über das Massaker vom Tienanmen-Platz "Die Kugel und das Opium", John Grays Gedanken zur Unsterblichkeit "Wir werden sein wie Gott" und Anna Kims Grönland-Roman "Anatomie einer Nacht".

Ganz so systemtreu wie befürchtet ist Chinas neuer Literaturnobelpreisträger Mo Yan offenbar nicht, kann Johnny Erling in der Kultur berichten: "In einem bravourösen Auftritt auf einer Pressekonferenz in seinem Heimatort Gaomi brach er völlig unerwartet eine Lanze für den zu elf Jahren Haft verurteilten und inhaftierten Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo. Er sprach damit ein Thema an, das in Chinas Öffentlichkeit absolutes Tabu ist. Er kenne Liu von früher, als sich der damalige Literaturdozent noch nicht mit Politik befasste. 'Ich weiß nicht, was Liu Xiaobo später alles gemacht hat. Aber ich wünsche mir jetzt, dass er so früh wie möglich seine Freiheit zurückgewinnt. 'Liu habe jedes Recht, Politik und Sozialsysteme zu erforschen.'"

Weiteres: Mara Delius begegnet auf der Buchmesse amerikanischen Autoren auf der Flucht vor Autogrammjägern. Ulrich Groll trifft sich zum Essen mit dem Schauspieler Norbert Castell, der deutschen Stimme von Homer Simpson. Außerdem wird das Vorwort des Papstes aus dem Osservatore Romane zum Jubiläum des Vatikanischen Konzils nachgedruckt.

NZZ, 13.10.2012

In einem Essay anlässlich des 70. Geburtstags von Péter Nádas vergleicht der ungarische Literaturwissenschafter László F. Földényi in Literatur und Kunst den Monumentalroman "Parallelgeschichten", den er für "eines der bedeutendsten Kunstwerke der europäischen Literatur in den vergangenen hundert Jahren" hält, mit mittelalterlicher Epik, den Romanen Balzacs und Antonello da Messinas Gemälde des "Heiligen Sebastian": "Er ist unverkennbar die Hauptfigur - obwohl ihn die vielen Personen auf dem Bild gar nicht zur Kenntnis nehmen. Jeder von ihnen hat seine eigenen Sorgen - jeder ist die Hauptfigur seines eigenen Lebens. Nur gehen die einzelnen Leben eben nicht zusammen. Jedenfalls nicht so, dass man sie auf die Kette einer gemeinsamen Geschichte auffädeln könnte."

Am morgigen Sonntag wird Liao Yiwu der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Mathias Bölinger porträtiert im Feuilleton den Schriftsteller, der den Verfolgten und Unterdrückten des Systems eine Stimme gibt und seit vergangenem Jahr im deutschen Exil lebt: "Als er sein Gefängnisbuch in Deutschland veröffentlichen wollte, drohte ihm der Staat unverhohlen mit Gefängnis. 'Ich bin über fünfzig', sagt er. 'Wenn ich noch einmal ins Lager hätte gehen müssen, weiß ich nicht, was passiert wäre.'"

Der Nobelpreis für Mo Yan zwingt die chinesischen Autoritäten, eine Auszeichnung ernst zu nehmen, die aufgrund der bisherigen Preisträger - Gao Xingjian, Liu Xiaobo und des Dalai Lama - bislang als westliche Propaganda abgetan wurde, meint Markus Ackeret. Mario Schärli berichtet von einem Vortrag Heinrich Meiers über Jean-Jacques Rousseau in Zürich. Uwe Justus Wenzel umreißt die Soziologie der Intellektuellen des deutschen Soziologen Helmut Schelsky, der dieser Tage hundert würde. Der Politikwissenschafter Hans Maier referiert zum 50. Jahrestag die unvorhergesehenen und folgenreichen Beschlüsse des 2. Vatikanischen Konzils, die längst noch nicht in ihrer ganzen Breite realisiert worden seien.

Besprochen werden eine Inszenierung von Donizettis "Elisir d'amore", mit der die Opéra de Lausanne wiedereröffnet wurde, und Bücher, darunter Arthur Koestlers "Spanisches Testament" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 13.10.2012

Christiane Müller-Lobeck unterhält sich mit Thomas Frank über den Aufwind des amerikanischen Konservatismus, den er in seinem Buch "Arme Milliardäre" genauer analysiert hat. Jenni Zylka entdeckt auf der Buchmesse die neuseeländische Schriftstellerin Katherine Mansfield neu. Cigdem Akyol und Gaby Sohl sprechen mit Gudrun Fertig und Manuela Kay, den beiden Geschäftsführerinnen des schwul-lesbischen Jackwerth Verlags. Andreas Busches Bild von Madlib wird beim Berliner Konzert des Hiphop-Produzenten immer unschärfer. Andreas Fanizadeh schlendert über die Buchmesse. Anselm Weidner berichtet von den umstrittenen Plänen, in Potsdam die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Garnisonskirche wiederzuerichten, in der der "Tag von Potsdam" stattfand.

Besprochen werden Bücher, darunter der in Deutschland erstmals vorliegende Westernroman "Zebulon", der Jim Jarmusch bereits 1995 als Vorlage für seinen Film "Dead Man" diente (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Und Tom.
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SZ, 13.10.2012

Mit schwarzweißer Schminke hält Joachim Hentschel Rock'n'Roll-Andacht vor dem Altar der Hardrock-Gruppe Kiss, die gerade ihr neues Album "Monster" veröffentlicht haben. Warum die Band bis heute funktioniert, eröffnet sich ihm beim erneuten Anhören des '76er Albums "Destroyer", das sich "in der Tat wie ein vertontes Comic-Heft" anhört: "Genug Zosch und Peng, aber auch die Spannung und das Melodram, ohne die keine Superheldengeschichte komplett wäre." Zum Frühstück der von Fans verehrte Song "Detroit Rock City":



Weiteres: Andrian Kreye erklärt sich Mitt Romneys Aufwind in den USA mit der Kultur des Calvinismus. Auf der Buchmesse schnappt Christopher Schmidt auf, dass man in der Branche "bereits vom p-book, p wie paper", spreche, und hält wenig später mit Anton Kirchmairs "Drei Silben" auch tatsächlich ein rundum liebevoll erstelltes (und streng limitiertes) Papierbuch in Händen. Jeffrey Deitch erweist sich gegenüber Peter Richter als ziemlich ratlos, was die massive Kritik an ihn als Direktor des Museum of Contemporary Art von Los Angeles betrifft (mehr dazu etwa hier und hier). Achim Landwehr gratuliert dem Historiker Winfried Schulze zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden der Film "Nairobi Half Life", die Operette "Im weißen Rössl" am Münchner Gärtnerplatztheater, die dem Fotografen Peter Nadas zum 70. Geburtstag gewidmete Ausstellung im Kunsthaus Zug in der Schweiz, Lutz Hübners "Was tun" am Schauspiel Dresden und Bücher, darunter Jakob Arjounis Krimi "Bruder Kemal" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

In der SZ am Wochenende preist Miriam Stein die neue, demnächst auch in Deutschland ausgestrahlte HBO-Serie "Girls" als "das kulturell einflussreichste und meistdiskutierte Format seit dem 60er-Jahre-Werber-Drama 'Mad Men'". Willi Winkler zeichnet den Siegeszug des Regionalen gegenüber dem Nationalen nach, den er in einem "neuen Lokalpatriotismus" vollzogen sieht. Außerdem spricht Hans-Jürgen Jakobs mit Max Mosley, der seinen Kampf gegen die Online-Veröffentlichung unliebsamer Partyfotos für keine Einschränkung der Pressefreiheit hält.

Aus den Blogs, 13.10.2012

Ob das mit dem Friedensnobelpreis für die EU so eine gute Idee war? Der Postillon meldet jedenfalls: Kurz nach der Bekanntgabe "ist zwischen den 27 EU-Ländern ein heftiger Streit darüber entbrannt, wer den mit 930.000 Euro dotierten Friedensnobelpreis (...) entgegennehmen darf. Zahlreiche Regierungschefs drohen bereits mit Krieg, Streitkräfte werden mobilisiert."

Außerdem hat Blogger Swen fürs Wochenende wieder zahlreiche Musiklinks gesammelt, darunter den zu einem australischen Radiofeature über Krautrock.

FAZ, 13.10.2012

Dirk Schümer macht sich Gedanken, ob der Friedensnobelspreis für die Europäische Union als Ermutigung oder Ermahnung zu verstehen sei, wer ihn überreicht bekommt und was aus dem Preisgeld wird: "Vielleicht wäre, solange der Euro bröckelt, ein Sperrkonto in norwegischen Kronen sogar die ökonomischste Idee. Endlich einmal sparen für Europa. Denn eines sollte man im Freudentaumel auch nicht vergessen: Norwegen, das an Öl- und Guthaben reichste Land Europas, denkt gar nicht daran, der EU beizutreten. Das wäre für die klugen Skandinavier dann doch ein etwas zu hoher Preis für den Frieden."

Weiteres: Christian Geyer porträtiert Martin Schulz, den Präsidenten des Europaparlaments, als "Bauch- und Büchermensch", "Diplomat und Berserker". Im Graubündner "Schauenstein" vermittelt Andreas Caminada, der einzige Drei-Sterne-Koch der Schweiz, Jürgen Dollase die "Feinheit der Deklination von Erbse". Der Anglist und Schriftsteller Elmar Schenkel erzählt von seiner Zeit als Dorfschreiber in Siebenbürgen.

"In ihrer Abkehr von der Welt ist diese Kunst ganz bei sich", bilanziert Magdalena Kröner eine Ausstellung mit Werken Hans Op de Beecks im Kunstverein Hannover. Eine Ausstellung im Arp Museum in Remagen-Rolandseck feiert den Architekten Richard Meier, der zahlreiche deutsche Museen entworfen hat, darunter jenes, das ihn nun ausstellt, berichtet Andreas Rossmann. Besprochen werden Bücher, darunter "Die Kugel und das Opium" von Friedenspreisträger Liao Yiwu (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

In Bilder und Zeiten spricht Hansgeorg Hermann mit Georges Bensoussan von der Pariser Gedenkstätte Mémorial de la Shoah über Adolf Hitlers "Mein Kampf". Dessen Verbot in Deutschland sei "idiotisch", so Bensoussan, weil das Buch dort ohnehin keine Sprengkraft mehr besäße - im Gegensatz etwa zur arabischen Welt: "Es formuliert - für einen Teil der arabischen Welt - sozusagen die Grundrechte einer starken Nation, als die Deutschland dort immer noch gesehen wird. Eine Nation, die nach dem ersten Weltkrieg wiederauferstanden ist. Die Bedeutung, die 'Land' und 'heiliger Boden' in der arabischen Welt haben, ist der nationalsozialistischen Lehre von 'Blut und Boden' eng verwandt."

Hubert Spiegel unterhält sich mit dem österreichischen Schriftsteller Christoph Ransmayer über sein neues Buch "Atlas eines ängstlichen Mannes", aus dem eine von siebzig Episoden vorabgedruckt ist. Wegen der frappierenden Parallelen zur eigenen Biografie war der TV-Film "Der Turm" für sie ein intensiver "Erinnerungstrip", erzählt Anke Domscheit-Berg. Besprochen werden CDs, darunter eine neue Aufnahme von Bachs "Wohltemperiertem Clavier" von András Schiff. In der Frankfurter Anthologie stellt Silke Scheuermann ein Gedicht von Uwe Kolbe vor - "Sternsucher:

Der, hör ich, nachts aus dem Haus geht
und, seh ich, hoch in den Himmel schaut (...)"