Heute in den Feuilletons

Die wildesten Anekdoten

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.10.2012. Die Jungle World geißelt die humorlosen Feuilletonreaktionen auf Rainald Goetz' Roman "Johann Holtrop". In der NZZ sieht der Harvard-Kunsthistoriker Jeffrey F. Hamburger mit dem geplanten Umzug der Berliner Gemäldegalerie auf die Museumsinsel imperiale Ansprüche aufleuchten. Und alle denken darüber nach, was der Literaturnobelpreis für Mo Yan bedeutet. Kritik kommt von Ai Weiwei, wie die Welt berichtet. Die deutschen Rezensenten sehen Mo Yan dagegen eher als gewitzten Literaten, der die Zensur mit Gewalt, Komik und Obszönität unterläuft.

Weitere Medien, 12.10.2012

Bernhard Bartsch beschreibt in der FR die unterschiedlichen Reaktionen in China auf den Nobelpreis für Mo Yan. Die Staatsmedien sind erfreut, Verleger Lu ist verhalten ("Auf meiner Liste habe ich noch mindestens sieben Autoren, die ich besser finde, nur ist von denen fast nichts übersetzt"), Regimekritiker wie Dai Qing sind entsetzt. "Mo Yan tut man mit einer derartigen Diskussion womöglich unrecht", meint Bartsch über den Schriftsteller, der 1955 in einem Bauerndorf geboren wurde. "Zwar hat er sich nie auf die Seite der Dissidenten gestellt, doch mit Propaganda hat seine Literatur nichts zu tun. ... Wegen der Kulturrevolution brach Mo nach der fünften Klasse die Schule ab und arbeitete in einer örtlichen Fabrik. Abends hörte er den Geschichten der Bauern von Gaomi zu. 'In unserer Gegend gab es großartige Erzähler, die die wildesten Anekdoten zum Besten geben konnten', so Mo Yan. 'Das war schon früh mein Traum: wie diese Bauern endlos Geschichten erzählen zu können.'"

Das scheint er tatsächlich zu können, liest man, was Sabine Vogel über die Bücher Mo Yans zu sagen hat: "Mo Yan ist keiner der hierzulande so beliebten Regimegegner, aber ein Opportunist ist er auch nicht gerade. Dazu sind seine Werke viel zu deutlich auf der Seite der Geknechteten und Entrechteten. Sie sind Chinesen, arme Bauern und Landarbeiter zumeist, aber ihr Leid ist so universell wie die Tyrannei der Mächtigen. Es sind Menschen, die schuldhaft sind, gemein, niederträchtig, geil, versoffen, grobschlächtig, ungebildet, närrisch, und in ihrem Überlebenswillen unschlagbar komisch über ihren Tod durch Ersäuft- oder Abgestochenwerden hinaus."

Welt, 12.10.2012

Johnny Erling resümiert die Reaktion in China auf den Literaturnobelpreis für Mo Yan: Die Regierung, die den Nobelpreis für Gao Xingjian und Liu Xiaobo nie akzeptiert hat, scheint erfreut. Der Künstler Ai Weiwei reagierte kritisch: Er sagte der Welt: 'Ich akzeptiere das politische Verhalten von Mo Yan in der Realität nicht. Er ist möglicherweise ein guter Schriftsteller. Aber er ist kein Intellektueller, der die heutige chinesische Zeit vertreten kann. Moderne Intellektuelle haben eine tiefgehende Beziehung zur aktuellen Realität unseres Landes. Einen Nobelpreis an jemanden zu geben, der von der Realität abgehoben lebt, ist eine rückständige und unsensible Verfahrensweise. Dennoch gratuliere ich ihm dazu.'"

Weitere Artikel: In den Buchmessensplittern sind erste Reaktionen von Verlegern und Autoren ("Entsetzt ist im ersten Moment Herta Müller") auf die Nobelpreisvergabe gesammelt. Henryk Broder mokiert sich über Schriftsteller, die ihre Friedensbotschaften gern in den friedlichsten Orten der Welt an den Mann zu bringen suchen. Thomas Abeltshauser stellt Tosh Gitongas Film "Nairobi Half Life" vor, der im Rahmen von Tom Tykwers Projekt "One Fine Day" entstanden ist, das afrikanische Filmemacher unterstützt. Der Bassist Larry Graham erzählt im Interview von Woodstock, Prince und den Zeugen Jehovas, denen beide angehören.

Besprochen werden eine Ausstellung über die "Hitlerbauten" des Architekten Roderich Fick in Linz, Nele Neuhaus' Krimi "Böser Wolf" und Damiano Michielettos Inszenierung der Puccini-Oper "Il Trittico" mit dem "Sopransuperstar" Patricia Racette in Wien.

TAZ, 12.10.2012

Der Mann der Mitte und der Dissident, sie gehören zusammen, so kommentiert Dirk Knipphals die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den Dissidenten Liao Yiwu und die Zuerkennung des Literaturnobelpreises an den chinesischen Schriftsteller Mo Yan, der seine "Sujets jenseits der direkten politischen Auseinandersetzungen wählt". Letzteres künde "vor allem davon, dass die Akademie an einen Raum über oder jenseits aller kultureller oder politischer Grenzen glaubt, in dem die Autoren in ihren Büchern frei über die Lebenserfahrungen der Menschen in ihren jeweiligen Zeiten und Gesellschaften schreiben können".

Auf den vorderen Seiten porträtiert Susanne Messmer den Preisträger und seine "realistischen, manchmal magischen und märchenhaften Dorfromane", die "deftig und derb" sind. Im Gespräch bezeichnet die deutsche Sinologin und Literaturwissenschaftlerin Eva Müller Mo Yan als den "seit den achtziger Jahren bedeutendsten Erzähler Chinas". Felix Lee hat die unterschiedlichen Reaktionen im Internet gesichtet, wo Blogger unter anderem kritisieren, dass niemand den Nobelpreis erhalten solle, "der Mao Tse-Tung lobt".

Weitere Artikel: Rene Martens unterhält sich mit dem Juristen Martin Kretschmer über dessen empirischen Studien zur Situation von Künstlern, die ergeben haben: deren Einkommen hängt "von den Verträgen mit den Verwertern ab - und nicht vom Urheberrecht". Tania Martini berichtet von der Frankfurter Buchmesse über die Selbstvergessenheit stiftenden Segnungen des Alkohols, aufmerksame Österreicher und erbauliche Gespräche mit dem Zeit-Literaturkritiker Ijoma Mangold. "Eine nichtsnutzige Anbiederung an den Heiterkeitswahn" ist die Zuerkennung des Joachim-Friedrichs-Preis für Fernsehjournalismus an die satirische Nachrichtensendung "heute-show", findet David Denk. Hans-Christoph Zimmermann informiert über die Bonner Piraten-Partei, die ein Bürgerbegehren eingereicht hat, das die Subventionierung der Oper zugunsten von "Schuldenabbau, Sportstätten und anderen Kultureinrichtungen" infrage stellt.

Besprochen wird das Albumg "Searching for Sugar Man" des amerikanischen Singer-Songwriters Sixto Diaz Rodriguez.

Und Tom.
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Aus den Blogs, 12.10.2012

Bei Mubi erfahren wir, dass der Kameramann Harris Savides, der unter anderem für Gus van Sant und David Fincher gearbeitet hat, gestorben ist. Im Youtube-Channel des renommierten US-DVD-Labels Criterion empfiehlt er Klassiker aus dessen Backkatalog:

Jungle World, 12.10.2012

Der Musiker Jens Friebe kann es schier nicht fassen: Da hat Rainald Goetz mit "Johann Holtrop" (wie Friebe mit zahlreichen Beispielen belegt) einen "großartigen" Roman geschrieben, und die Literaturkritik mit ihren verhaltenen Rezensionen scheint unfähig oder nicht willens, dies zu erkennen: "Der erzähltechnische Tabubruch und die Sprachgewaltbereitschaft des Buchs haben die ganze Härte des Pressestaats auf den Plan gerufen. 'Überflüssig' war die netteste aller humorlosen Feuilletonreaktionen auf die krawallige Kommentarspur, mit der Goetz die sichtbare Weltschutthalde auf das unsichtbare Kapital bezieht. ... [Man möchte] all diese Meinungsmacher schon mal ganz unrhetorisch, aber um so inständiger fragen: Wissen Sie eigentlich, wen Sie vor sich haben?"

Außerdem sprechen Niklas Dommaschl und Lasse Koch ausführlich mit Simon Reynolds über dessen nun auch auf Deutsch vorliegendes Buch "Retromania" (hier ein Auszug).

NZZ, 12.10.2012

Der geplante Umzug der Berliner Gemäldegalerie auf die Museumsinsel ist nicht alternativlos und schon gar keine "Jahrhundertaufgabe", widerspricht der Harvard-Kunsthistoriker Jeffrey F. Hamburger dem Plädoyer von Thomas W. Gaehtgens. Hamburger, der bereits im Juli eine Protestpetition gegen das Projekt initiierte, meint, in der Rhetorik der Befürworter Verachtung für das Kunstpublikum zu erkennen und erinnert an den geschichtlichen Hintergrund der Museumsinsel als Ausdruck preußischen Geltungsanspruchs gegenüber London und Paris: "Imperiale Ansprüche wiederaufleben zu lassen, scheint kaum der Königsweg zu sein, um ein Projekt zu stützen, das sowohl in die Zukunft als auch in die Vergangenheit blickt. Denn wegen der Tragödien und Triumphe just dieser Vergangenheit konnte die Gemäldegalerie auf dem Kulturforum erst vor vierzehn Jahren eröffnet werden."

Weiteres: Ludger Lütkehaus bietet einen Abriss über das Werk des frischgebackenen Literaturnobelpreisträgers Mo Yan, das er als "vielschichtig und nicht nur im politischen Sinn schwierig zu verorten" beschreibt. Monika Bolliger berichtet von dem Theaterprojekt der 27jährigen Syrerin Afraa Batous in Amman, bei dem Zuschauer die Rolle syrischer Häftlinge einnehmen. Bjørn Schaeffner stellt das DJ-Projekt Daphni des kanadischen Elektro-Produzenten Dan Snaith vor.

SZ, 12.10.2012

Eine politische Entscheidung kann Tim Neshitov im Literaturnobelpreis für Mo Yan nicht erkennen: Vielmehr zeigt sich ihm in der Auszeichnung eines chinesischen Autors, der vom Regime offen durch Übersetzungsförderungen gestützt wird, dass die schwedischen Jurymitglieder der Ansicht sind, "dass Weltliteratur auch in einer vor sich hin mutierenden Autokratie entstehen kann." Zudem weiß Neshitov: "Epische Beschreibungen des chinesischen Volksleidens stellen eine literarische Aufarbeitung von Chinas jüngster Geschichte dar, die ja politisch kaum aufgearbeitet wird. Deswegen erfüllen Mo Yans Werke, unabhängig von ihrer literarischen Qualität, eine gesellschaftliche Funktion."

Kai Strittmatter berichtet unterdessen vom Jubel, den die Auszeichnung auch im offiziellen China ausgelöst hat: "Mo Yan ist nicht nur ein herausragender Schriftsteller; er macht es Staat und Partei auch leicht, ihn zu mögen. Er hat seinen Frieden gemacht mit der Zensur, er duckt sich, wenn der Gegenwind zu stark wird."

Ansonsten: Ach, wäre die Berliner Akademie für Alte Musik (Website) doch nur in München ansässig, seufzt Reinhard J. Brembeck nach einem beglückenden Mozart-Konzert. Gemeldet wird, dass der schwule Verlag Bruno Gmündner die Betreiber hinter dem rechtsradikalen Blog kreuz.net ausfindig machen will. Auf der Frankfurter Buchmesse fühlt sich Jens-Christian Rabe umringt von Blurbs. Anne Philippi stellt den Berliner Musiker Malakoff Kowalski vor, der seine fiktive Filmmusik gerne über Ausschnitte aus Klaus Lemkes Filmen legt:



Online wird außerdem gemeldet, dass der Hamburger Indiesänger Nils Koppruch überraschend gestorben ist. Die jetzt.de-Redakteure der SZ bringen aus diesem Anlass ihre fünf Lieblingslieder des Musikers.

Besprochen werden der Dokumentarfilm "Mama, Illegal", der Film "Für Elise", die "Weltersteinspielung" von Leonardo Vincis "Artasere" mit fünf Countertenören, eine Ausstellung über Impressionismus und Mode im Musée d'Orsay in Paris und Bücher, darunter Liao Yiwus "Die Kugel und das Opium" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 12.10.2012

Mark Siemons fragt sich, was von der Vergabe des Literaturnobelpreis an Mo Yan zu halten ist, der sich den Grenzsetzungen des chinesischen Regimes als Schriftsteller immerhin offen beugt. Dennoch sei es aber "verfehlt, ihn für einen Staatsschriftsteller zu halten. Vielmehr hat er eine kaleidoskopische Art des Schreibens erfunden, an deren Vielstimmigkeit, Komik, Archaik, oft auch Obszönität jede Zensur irrewerden muss. Mo Yans Literatur ist kein harmloser Kompromiss mit Funktionärsvorstellungen, sondern ein äußerst kraftvoller Zugriff auf eine elementare Geschichte unterhalb des auf Ideen und Dogmen ausgerichteten Radars der Staatsorthodoxie."

Weitere Artikel: Constanze Kurz warnt vor den Risiken einer immer höheren Abhängigkeit von Mobilfunknetzen durch die Implementierung in immer mehr Alltagsgegenstände. Beim Berliner Konzert der New-Burlesque-Sängerin Schmidt findet sich ein zutiefst erschaudernder Felix Johannes Enzian unversehens in der "Retro-Hölle" wieder. Jan Wiele schreibt den Nachruf auf den überraschend verstorbenen Hamburger Indiemusiker Nils Koppruch, dessen aktuelles Video wir auf Youtube finden:



Besprochen werden eine Ausstellung über chinesische Architektur im Reiss-Engelhorn-Museum in Mannheim, der Film "Sparkle", in dem Whitney Houston ihren letzten Auftritt hat, die am Theater an der Wien aufgeführte Puccini-Oper "Il Trittico", der es laut Christian Wildhagen am "rechten Charme" fehlt, und Bücher, darunter Roger Willemsens "Momentum" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).