Heute in den Feuilletons

Tonlos, orgelnd und anti-emotional

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.07.2012. Das NYR Blog stellt ein Buch des Architekturhistorikers Jean-Louis Cohen vor, das zeigt, wie wohl sich Architekten der Moderne in totalitären Regimes fühlen konnten. Die SZ gibt einen Überblick über die afghanische Kunst- und Rockszene. Der Perlentaucher hat ein altes ZDF-Video gefunden, das Jean-Luc Godards hässlichsten Moment zeigt. Es wird weiter über Beschneidung diskutiert. Die FAZ veröffentlicht ein Manifest von 140 Ärzten, das die Politik auffordert, nicht vorschnell zu agieren. Der ehemalige FAZ-Feuilletonchef Patrick Bahners wittert in der Debatte einen "religionsfeindlichen Zeitgeist". Ähnlich sieht es die Achse des Guten.

Aus den Blogs, 23.07.2012

Wolfgang Michal wundert sich auf Carta über die Grünen, die so umstandlos für die Beschneidung von Jungen eintreten, aber auch über Heribert Prantls Pro-Beschneidungs-Argumentation in der SZ: "Er setzt sein bayrisch-hegelianisches Toleranzedikt mit den zivilisatorischen Errungenschaften der Aufklärung gleich. Ja, er versteigt sich zu der absurden Aussage, es sei letztlich die Aufklärung, die ein Ja zur Beschneidung 'verlange'. Denn nur, wenn man die Beschneidung erlaube, könne man sie aufklärerisch tolerieren. Das liest sich, als habe Prantl an Karl Valentins verquerer Logik Gefallen gefunden."

Kinder haben keineswegs ein Recht auf körperliche Unversehrtheit, meint Hannes Stein auf der Achse des Guten: "Operationen (auch schwere) und Impfungen (auch schmerzhafte) werden an Kindern vorgenommen, ohne dass man sie um Einwilligung fragen müsste; die Einwilligung geben vielmehr die Eltern. Ihr sagt, hier handle es sich aber immer um medizinisch notwendige Operationen. Von wegen! Kindern, deren Eltern es sich leisten können, werden in Amerika routinemäßig 'die Zähne gerichtet', damit ihre Beißer weiß strahlen und in Reih´und Glied ausgerichtet sind - dies vergrößert später ihre Chancen bei der Jobsuche. Außerdem sieht es gut aus. Ich habe eine Frau mit besonders schönen Zähnen danach gefragt: Jawohl, es tut aasig weh. Ihr wurde praktisch der Kiefer gebrochen. Sie fand es im Rückblick übrigens richtig."

Auch Henryk Broder ärgert sich auf achgut über die Beschneidungsdebatte: "Ging es bis jetzt darum, die Welt vor den Missetaten der Juden zu schützen, geht es nunmehr darum, jüdische Kinder vor dem Missbrauch durch ihre Eltern zu schützen."

Während die deutschen Feuilletons Christopher Nolans neuen Batman-Film "The Dark Knight Rises" besrpechen, findet in den USA bereits eine Debatte statt über das Massaker von Aurora. David Hudson hat im Blog der Online-Videothek Fandor die wichtigsten Stimmen zusammengestellt und kommentiert.

Welt, 23.07.2012

Lucas Wiegelmann findet es traurig, aber unvermeidlich, dass Evgeny Nikitin wegen seiner Tattoos nun doch nicht in Bayreuth singen wird: "Es mag sein, dass Nikitin wirklich nicht (oder nicht mehr) mit rechtem Gedankengut sympathisiert. Das Traurige ist: Darauf kam es nicht mehr an. Vor dem Hintergrund der historischen Altlasten Bayreuths als Hochaltar Hitlers und frühere Bastion des Antisemitismus hätten Nikitins Runen-Fotos eine unkontrollierbare Eigendynamik bekommen. Der Grüne Hügel hatte keine andere Wahl, als zu handeln - und in Kauf zu nehmen, eine hinreißende neue Stimme zu verlieren."

Besprochen werden der letzte Film in Christopher Nolans "Batman"-Trilogie, über die Holger Kreitling schreibt: "In diesen drei Filmen stecken die Ängste und Wünsche der letzten Jahre, die Begierden und dunklen Ahnungen, die großen Entwicklungen vom Terrorismus über die Finanzkrise bis zu Occupy und der globalen Wirtschaftsschwäche. Der Mann mit Maske und Umhang ist überfordert." Weiter besprochen werden Austellung und Choreografie zur "Diana im Bade" in London und ein Bildband mit Walker Evans' "American Photographs".

Im Forum weist der zutiefst beleidigte Unternehmensberater Reinhard Sprenger die Frauenquote für die Wirtschaft zurück: Männerdiskriminierung und Tugendterror wirft er den Politikern vor. Manuel Brug bereitet auf die Festspiele in Bayreuth und Salzburg vor.

Perlentaucher, 23.07.2012

Thierry Chervel hat bei Youtube ein altes Interview mit Jean-Luc Godard gefunden, in dem sich Godard vom ZDF einen Scheck ausstellen lässt, um Waffen gegen Israel zu kaufen. Nebebei hält er ein sechszackiges Hakenkreuz hoch und verkündet den Tod des Autors, umgeben von seiner ergeben schweigenen Dziga-Vertov-Gruppe: "Godard agiert dabei als Guru, als Vorbild der Selbstmortifikation: 'Godard war ein Autor', sagt er. Er geht voran in der Abtötung des Ichs und jeglichen zivilen Impulses in sich, spricht bewusst tonlos, orgelnd und anti-emotional. Er kann strafen, er kann Großmut erweisen. Er lächelt nicht. Seine größte Freude ist die Umstandslosigkeit, mit der sich die anderen dem von ihm geschaffenen Dispositiv unterwerfen und sich selbst verleugnen. "
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FR/Berliner, 23.07.2012

Der Kunstpastor und Theologe Friedhelm Mennekes wendet sich in säuselnder Jesuitenprosa gegen Martin Mosebachs Blasphemiezensur-Forderungen: "Der Sinn für Gesetz und Strafe will in die Einsicht vermittelt sein, sonst verhärten sich die Gegensätze, bauen sich unnötige Fronten auf."

Besprochen werden der neue "Batman"-Film und Frédéric Begbeiders Film "Das verflixte 3. Jahr".

NZZ, 23.07.2012

Susanne Ostwald besucht interessiert die Ausstellung zu den Pixar-Studios in der Bundeskunsthalle, deren abtretender Intendant Robert Fleck die Schau nicht als Fortsetzung der Filmpromotion verstanden wissen möchte. Marc Zitzmann schwärmt vom erweiterten Palais de Tokyo. Uwe Justus Wenzel resümiert die Münchner Diskussion zwischen Jürgen Habermas und Friedrich Wilhelm Graf. Außerdem besprochen wird eine Schau zu britischem Design im Victoria und Albert Museum.

Aus den Blogs, 23.07.2012

Dies ist das ideale Verkehrsmittel für alle, die es nicht so eilig haben: Man steigt auf die Wolke und lässt sich davontragen. Das Dezeen Magazine stellt das Projekt des Architekten Tiago Barros vor.



Martin Filler liest für das NYR Blog ein Buch des franzöischen Architekturhistorikers Jean-Louis Cohen, "Architecture in Uniform: Designing and Building for the Second World War", in dem sich zeigt, dass der Traum des Architekten im 20. Jahrhundert vielleicht doch nicht die Diskussion mit dem demokratischen Auftraggegeber, sondern der Totalitarismus war. In gewisse Hinsicht lässt sich selbst das Lager von Auschwitz als Bauhaus-Projekt darstellen: "As Cohen notes, one of the principal designers of the Auschwitz death factory, Fritz Ertl, was trained at the Bauhaus, the German design school we now associate with the most enlightened aspects of the new architecture. Ertl's partner in crime at Auschwitz was the all-too-aptly named architect August Schlachter (slaughterer). Their thoroughly depraved SS boss, Hans Kammler, was an architect who had worked under the socially aware Berlin housing architect Paul Mebes during the Weimar period."

TAZ, 23.07.2012

Ralf Leonhard spricht mit dem Wiener Kommunikationswissenschaftler Maximilian Gottschlich über den Antisemitismus in Österreich und erinnert auch an die Fehde zwischen Bruno Kreisky und Simon Wiesenthal: "Beide haben Familienangehörige verloren. Dieses Engagement, das Wiesenthal gezeigt hat, das hätte Kreisky auch wahrnehmen können. Das mag der Grund sein, dass er ihn mit Verachtung und Hass verfolgt hat. Auf einer zweiten, politischen Ebene war Kreisky ein Machtpolitiker, der aus pragmatischen Gründen die FPÖ und den ehemaligen Waffen-SS-Offizier Friedrich Peter als Steigbügelhalter gebraucht hat. Dieser Machtpragmatismus geht über Moral. Kaschiert war das Ganze mit einem sehr breiten Begriff von Versöhnungspolitik."

Weiteres: Carla Baum berichtet erfreut vom Hamburger Spektrum-Festival, hätte sich aber bei all der neuen HipHop-Vielfalt auch ein paar Frauen gewünscht. Immerhin war Tracy Doudu dabei:





Besprochen werden Michal Hvoreckys Roman "Tod auf der Donau" un die die Autobiografie "Iron Man" des Black-Sabbath-Gitarristen Tony Iommi.

Und Tom.

SZ, 23.07.2012

Tim Neshitov startet mit einem Überblicksartikel eine Reihe von Texten über Künstler in Afghanistan. Dafür verschlägt es ihn auch ins erblühende Rockermilieu des Landes, wo man derzeit offenbar die westliche Kommunismusfolklore für sich entdeckt: "Als die Alternativrock-Band aus Herat auftritt - sie singt gegen Militarismus und Kapitalismus an und heißt Ameisen -, tragen mindestens die Hälfte der Zuhörer Che-Guevara-Mützen. Der Frontman hat seine Gitarre mit Guevara-Porträts vollgeklebt. Am Gartenzaun hängt ein Guevara-Graffito mit drei Nasenlöchern und buschigen Augenbrauen".

Weitere Artikel: Olaf Pzybilla erläutert die Hintergründe des Rauswurfs von Sänger Evgeny Nikitin aus dem Bayreuther Ensemble des "Fliegenden Holländers" kurz vor der Premiere, nachdem in diesem TV-Beitrag die teils dubiosen Oberkörpertätowierungen des einstigen Metalmusikers zu sehen waren. Aufflammende Ressentiments gegen eine Gruppe von etwa 100 Roma stellen die nach dem Breivik-Massaker in Norwegen ausgelobte Losung von mehr Liebe und Toleranz auf eine harte Bewährungsprobe, beobachtet die Schriftstellerin Asne Seierstad. Christiane Schlötzer berichtet von einer Münchner Tagung zum deutsch-griechischen Gedächtnis. Reinhard Brembeck erlebt beim Auftakt der Salzburger Festspiele viel "heiteren Ernst". Johannes Willms schreibt den Nachruf auf die langjährige SZ-Redakteurin Dorothee Müller.

Auf Seite 3 berichtet Tomas Avenarius von der betrüblichen Situation in der ägyptischen Provinz, in der vom Geist von Tahrir nichts mehr zu spüren ist.

Besprochen werden neue DVDs, eine neue CD von Max Goldt, die Bühnenadaption von Ingmar Bergmans "Persona" im Marstall in München und Bücher, darunter Boris Johnsons Selbstmordattentäter-Satire "Zweiundsiebzig Jungfrauen" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 23.07.2012

Besprochen werden der neue "Batman"-Film, ein Auftritt der neuen Popikone Santigold in Berlin, eine Dramatisierung von Bergmans "Persona" im Münchner Residenztheater, ein "Ur-Boris" von Modest Mussorgski unter Valery Gergiev in Baden-Baden (dem allerdings laut Jürgen Kesting der "russische Schwarzbass" fehlte), geistliche Musik bei den beginnenden Salzburger Festspielen und eine Werkschau des Küsntlers Tal R in der Düsseldorfer Kunsthalle.

In der Leitglosse beklagt Jodan Mejias die Voraussehbarkeit der Waffendebatte in den USA nach dem Massaker von Colorado. Auf der montäglichen Gratulierseite finden sich Artikel zum Siebzigsten Hannelore Elstners und des Autors Felix Philipp Ingold.

In der FAZ am Sonntag wurde noch einmal heftig über Beschneidung diskutiert. 140 Ärzte, angeführt vom Männerforscher Matthias Franz veröffentlichen einen Aufruf an die Kanzlerin, nicht vorschnell zu agieren: "Es herrscht eine bemerkenswerte Verleugnungshaltung und Empathieverweigerung gegenüber den kleinen Jungen, denen durch die genitale Beschneidung erhebliches Leid zugefügt wird. Dieses Leid ist mittlerweile in empirischen Studien ausreichend belegt. Mit religiösen Traditionen oder dem Recht auf Religionsausübung lässt sich dies nicht widerspruchsfrei begründen." Auch der politischer Redakteur Volker Zastrow argumentiert gegen Bescheneidung, während sich für de ehemalige Feuilletonchef Patrick Bahners in der Debatte ein "rabiat religionsfeindlicher Zeitgeist" manifestiert.