Heute in den Feuilletons

An die Stelle des Kaisers trat die Partei

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.07.2012. Die FR liest Jonathan Littells große Reportage aus Syrien, die zuerst als Ebook herausgegeben wird. Wertvoll an der Beschneidung ist, dass sie auch künftige Atheisten zu Juden macht, findet Doron Rabinovici in der SZ. Der rumänische Präsident Traian Basescu wurde gekippt, weil er eine unabhängige Justiz wollte und die Regierung nicht, erklärt der in Bukarest lebende Autor Jan Koneffke in der taz. In der NZZ aber spricht Adolf Muschg: "In der Minderheit  verbirgt sich die Seele der Demokratie."

TAZ, 11.07.2012

Der Schriftsteller Jan Koneffke schildert die Hintergründe für die putschartige Absetzung des rumänischen Präsidenten Traian Basescu: "Eines Verfassungsbruchs hat sich der Präsident nicht schuldig gemacht, und nur der würde seine Amtsenthebung rechtfertigen. Basescus eigentliche Schuld besteht in seiner Unterstützung jener Kräfte, die, wie etwa die ehemalige Justizministerin Monica Macovei, den Aufbau einer unabhängigen Justiz vorantrieben. Deshalb ist er über alle Parteigrenzen hinweg bei der korrupten politischen Klasse verhasst, ja bis in die Reihen seiner eigenen, Liberal-Demokratischen Partei (PDL), selbst wenn sie ihn öffentlich unterstützt. Denn viele Mandatsträger der PDL haben nicht vergessen, dass die Behörden in den vergangenen anderthalb Jahren auch gegen sie ermittelten, Prozesse anstrengten, Urteile verhängten."

Weiteres: Christian Broecking berichtet über das Copenhagen Jazz Festival. Besprochen wird das Debütalbum des Rappers Cro.

Und Tom.

Weitere Medien, 11.07.2012

Der Papst verhilft der Titanic zu unverhofftem Ruhm. Titanic hat das umstrittene Titelbild aber inzwischen geschwärzt, meldet turi2.

Wie wird man heute Chef eines Landesverfassungsschutzes? Nur besoffen. Laut Katharina König, die für die Linke im Untersuchungsausschuss zu den Zwickauer Nazimorden saß, schilderte Helmut Roewer seine Ernennung zum Chef des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz so: "Wie ich Verfassungsschutz-Präsident wurde? Es war an einem Tag nachts um 23 Uhr, da brachte eine mir unbekannte Person eine Ernennungs-Urkunde vorbei, in einem gelben Umschlag. Es war dunkel, ich konnte sie nicht erkennen. Ich war außerdem betrunken. Am Morgen fand ich den Umschlag jedenfalls noch in meiner Jacke."

Auch sonst wusste niemand was, berichtet Julia Jüttner auf Spiegel online. Michael Lippert, von 1990 bis 1994 Staatssekretär im Thüringer Innenministerium und mit zuständig für den Aufbau des Landesamts für Verfassungsschutz (LfV) erklärte: "Er wisse nicht, wie diese Personalie zustande gekommen sei. Das Kabinett habe die Entscheidung getroffen, und er sei als Staatssekretär kein Kabinettsmitglied gewesen." Und Franz Schuster (CDU), der damalige Innenminister von Thüringen, wusste nicht mal mehr, "ob er bei dem Entschluss im Kabinett gewesen sei, ... einen "fachlichen Zugang" habe er zu Roewer sowieso nie gehabt. "Mit dem, was er getan hat, hatte ich nichts zu tun.""

Und auch beim Meldegesetz will es keiner gewesen sein, berichtet Philipp Wittrock. "Die fragliche Änderung von der Einwilligungsregel zur Widerspruchsregel, die nun so viele empört, ging allen Ausschussmitgliedern fast zwei Wochen vor der Abstimmung im Bundestag zu. Im Ausschuss soll darüber auch kurz beraten worden sein, die Opposition meldete Bedenken an. Nur: Alarm geschlagen hat sie nicht. ... Die Vertreter des schwarz-gelben Lagers blamieren sich derweil so gut sie können, indem sie sich von jenem Werk distanzieren, das mit den eigenen Stimmen beschlossen wurde."

Welt, 11.07.2012

Der ägyptische Autor Khaled al-Khamissi ("Im Taxi") zeigt sich im Interview über die Lage in Ägypten so pessimistisch wie optimistisch: "Stellen Sie sich eine Pyramide vor: Da gibt es an der Spitze die Muslimbrüder und die Armee. Sie scheinen die Gewinner zu sein. Aber eine Revolution berührt den Bodensatz der Gesellschaft. Und hier wird es interessant: Es gibt etliche neue Jugendgruppen, Organisationen, Koalitionen. Der Wandel beginnt im Kleinen, in der Arbeitswelt etwa. Unter Mubarak gab es vielleicht zwei Gewerkschaften, heute rund 220, jeden Tag gibt es Streiks. Das ist ein enormer Umbruch."

Weitere Artikel: Jan Küveler stellt eine Neuausgabe von Hemingways Roman "A Farewell to Arms" mit 47 alternativen Schlussfassungen vor. Alan Posener stellt im Streit über die Beschneidung folgende Frage: "Hätte ich zum Beispiel - wenn ich eine Religion gründen sollte, deren Götter das verlangen - das Recht, mein Kind über und über mit dem Spruch 'Dies ist das Zeichen Unseres ewigen Bundes mit Alan und seinen Nachfahren' tätowieren zu lassen? Und wenn nein, warum nicht?" Hartmut Regitz schreibt zum achtzigsten Geburtstag des holländischen Choreografen Hans van Manen.

Auf der Forumsseite gratuliert Richard Herzinger den Libyern zu den ersten freien Wahlen in ihrem Land und freut sich über einen sich abzeichnenden Erfolg der säkular-liberalen Kräfte.

Besprochen wird eine Ausstellung über das Trickfilmstudio Pixar in der Bundeskunsthalle Bonn ("einfallsreich und elegant, kunterbunt und unkritisch markenverliebt inszeniert", meint Peter Dittmar).
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Aus den Blogs, 11.07.2012

Failblog kennt wenigstens einen guten Grund, sich nicht beim Playgirl Magazine als Model zu bewerben.

Zwei denkwürdige Zitate hat Alexander Wendt für achgut.de aus der aktuellsten Presse herausgefischt. Jürgen Todenhöfer sagt der Bild-Zeitung über den syrischen Massenmörder Assad, mit dem er gerade für die ARD ein Haupt- und Staatsgespräch führte: "Der syrische Präsident ist anders als all die Diktatoren, die ich in meinem politischen Leben kennenlernen musste. Er ist ein stiller, nachdenklicher Mann. Im Interview spricht er so leise, dass ich Mühe habe, ihn zu verstehen."

Und die Koreanistin Helga Picht spricht mit der taz über Kim Il Sung: "Ich sehe seine Klugheit vor allem darin, dass er an der Spitze einer Entwicklungsdiktatur den Nordkoreanern für etwa 25 Jahre bescheidenen, aber ständig wachsenden Wohlstand gesichert hat. Ansonsten rede ich nur über Dinge, die ich selbst gesehen oder erlebt habe."

(Via Markus Trapp) Der Autor und Kolumnist Paul Carr, der sein vorletztes Buch als kostenloses Ebook veröffentlichte, antwortet im Gespräch mit dem Blog findings über seine Lesegewohnheiten auf die Frage, ob er Anstreichungen und Notizen zu seinen Lektüren mache: "Sometimes. I tend to get animated - and annotated - when something upsets me. I once set fire to a copy of Daniel Domscheit-Berg's wikileaks book out of pure rage... does that count as highlighting?"

Auch in Ungarn kann man sich erhöhte Ausblicke verschaffen, wie ein in Designboom präsentiertes Sommerhaus beweist.

NZZ, 11.07.2012

In grundsätzlichen Gedanken zur Demokratie kommt Adolf Muschg zu dem Schluss, dass diese ihr Bestes immer bei der Minderheit vermuten sollte: "Der Mehrheit gehöre - leihweise, bis zum nächsten Mal - die Macht, in der Minderheit aber verbirgt sich die Seele der Demokratie. Wenn das zu blumig geredet ist: Sie repräsentiert, gegenüber dem erfolgreichen Quantum und der erreichten Quote, die zu kurz gekommene Qualität der Demokratie. Darum entscheidet der Umgang mit Minderheiten darüber, ob in einer Gesellschaft heute gut zu leben ist - und ob sie darum auch morgen noch zusammenhält."

Weiteres: Alfred Zimmerlin schwärmt vom Festival d'Aix-en-Provence , das mit George Benjamins uraufgeführter Oper "Written on Skin" einen tollen Auftakt hatte. Brigitte Kramer berichtet, wie die spanische Kultur mit Kürzungen von 15 Prozent klarzukommen versucht.

Besprochen werden unter anderem Cornelia Travniceks Roman "Chucks", Tomás Sedlácek Buch über die "Ökonomie von Gut und Böse" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Weitere Medien, 11.07.2012

Die Zeit hat jetzt das Interview mit Paulo Coelho über Bestseller, Ebooks und Twitter aus der vorletzten Ausgabe online gestellt. Auf den Einwurf der Interviewer, deutsche Schriftsteller würden oft klagen, sie hätten keine Zeit, mit ihren Lesern in Blogs, auf Facebook oder Twitter zu kommunizieren, antwortet der brasilianische Autor: "Das finde ich seltsam. Ich habe immer Zeit dafür: Ich habe Zeit, um meine Bücher zu schreiben, ich habe Zeit zu arbeiten, ich habe Zeit, ein bisschen Sport zu machen. Deshalb denke ich: Einer der wichtigsten Teile im Leben eines Autors ist es, direkt mit seinen Lesern in Kontakt zu treten. Dadurch versteht man sich selbst besser. Es hilft mir als Mensch, nicht nur als Schriftsteller."

An den Erfolg von "Fifty Shades of Grey" anknüpfend hat der Guardian fünf Autoren - Alastair Campbell, Jenny Colgan, AL Kennedy, Will Self und Jeanette Winterson - je eine bestsellertaugliche erotische Szene schreiben lassen. Der Leser darf raten, wer was geschrieben hat (Auflösung am Ende).

FR/Berliner, 11.07.2012

Der Hanser Berlin Verlag bringt Jonathan Littells große Reportage aus Syrien vor seinem eigentlichen Erscheinen als E-Book heraus, Arno Widmann hat die "Notizen aus Homs" verschlungen: "Jonathan Littell zeigt nur die Seite der Aufständischen. Aber die zeigt er, soweit er kann, ganz. Einfach, indem er die Leute sprechen lässt, auch ihrem Hass auf Alawiten zum Beispiel Raum gibt. Er beschreibt die Aktualität der Blutrache oder die Ballerlust der jungen Männer unter den Aufständischen. Littell zeichnet auf. Er hat keine Lösung. Er glaubt nur zu wissen: 'Ich denke, das Regime ist dem Untergang geweiht. Doch auf dem Weg dorthin wird es noch viele Menschen töten.'"

Weiteres: Sylvia Staude schreibt zum Achtzigsten des Choreografen Hans van Manen. Joachim Lange feiert George Benjamins in Aix-en-Provence uraufgeführte Oper "Written on Skin". Anke Westphal bespricht den Seniorenfilm "Bis zum Horizont, dann links!" mit Angelica Domröse und Otto Sander.

FAZ, 11.07.2012

Mark Siemons stellt den für ein reformistisches Parteiblatt arbeitenden Historiker Wu Si vor, der China in einem Buch über die Ming- und Qing-Dynastien als ein Land mit offiziellen und inoffiziellen Regeln darstellt. Die inoffizielle Regel war, dass man per Korruption den Beamtenapparat des Kaisers zu stützen hatte. Daran hat sich bis heute nichts geändert, findet Wu Si im Gspräch: "Das Ziel der Partei war, eine Gesellschaft aufzubauen, in der das Proletariat die Macht hat. An die Stelle des Kaisers trat die Partei."

Weitere Artikel: Anita Albus gibt in einem sehr kurzen Text ihre abweichende Meinung zu Martin Mosebachs Blasphemie- und Zensurfantasien bekannt ("diabolische Rabulistik" wirft die sich ebenfalls als Katholikin bekennende Malerin Mosebach vor). In der Leitglosse sieht Dirk Schümer das Bel Paese kulturell, personell, finanziell und demografisch vor dem Verfall. Gerhard Rohde stimmt ein auf Ereignisse beim Opernfestival von Aix. Katharina Teutsch berichtet vom Literaturfestival von Leukerbad. Dieter Bartetzko begutachtet den siegreichen Entwurf der Architekten Heike Hanada und Benedict Tonon für ein Bauhausmuseum in Weimar. Der Stadtplaner Johannes Fiedler schildert die urbanistischen Herausforderungen für die Stadt Tripolis auf dem Weg zur Hauptstadt einer Demokratie. Marta Kijowska erinnert an Juna Szelinska, die "Muse" Bruno Schulz', über die bald ein Buch der Warschauer Reporterin Agata Tuszynska erscheint.

Auf der Medienseite porträtiert Kerstin Holm den russischen Satiriker Dmitri Bykow, der sich trotz seiner Witze über die Abgründe des Putinismus auch eine wohltuende Sanftheit bewahrt habe. Und Gina Thomas meldet, dass die Auslandsdienste der BBC das berühmte Bush House verlassen und in die Zentralredaktion eingegliedert werden, nicht immer zur Freude ihrer Redakteure.

Besprochen werden Bücher, darunter Neuerscheinungen zur Geschichte der Schweiz (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uihr).

SZ, 11.07.2012

Der Autor Doron Rabinovici verteidigt die religiös-rituelle Knabenbeschneidung als einen Bestandteil jüdischer Kulturgeschichte, der nicht einfach unter dem Verweis, das Kind könne sich später aus freien Stücken für die Beschneidung entscheiden, aus der Welt zu schaffen sei: "Das Ritual fügt selbst atheistische Juden in die Überlieferung ein, stärkt ihr Gefühl, Teil zu haben an einem Ganzen, das weit in die Vergangenheit zurückreicht, aber ebenso auf eine Zukunft des Volkes Israel hoffen lässt. Die Prozedur wird am achten Tag nach der Geburt vollzogen, weil es eben nicht um eine erwachsene Entscheidung, um ein Bekenntnis oder um eine Mutprobe geht."

Weitere Artikel: Catrin Lorch verfolgt den Auftritt von Occupy-Aktivisten bei der Documenta. Peter Burghardt begibt sich nach der Meldung, dass Gabriel Garcia Márquez an Demenz leide, auf biografische Spurensuche in Cartagena. Die Kündigung von Chefkurator Paul Schimmel am MoCA in Los Angeles zeigt, dass das "Museum von einer bedeutenden Institution für zeitgenössische Kunst (...) zum Event-Space, den man mieten kann", verkommen ist, seufzt Jörg Häntzschel. Ira Mazzoni berichtet ausführlich über die Hintergründe der Rückgabe eines Gemäldes von Jan Breughel aus den Beständen der Bayerischen Staatsgemäldesamlungen an die Erben von Julius Klein. Eva-Elisabeth Fischer gratuliert Hans van Manen zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden eine James-Bond-Ausstellung im Barbican in London, der Saisonabschluss am Theater Erlangen, ein Konzert von Bon Iver und Bücher, darunter Friedrich Kießlings ideengeschichtliche Archäologie der alten Bundesrepublik (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).