Heute in den Feuilletons

Pullover trag ich nur im Winter

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.07.2012. Jezebel lernt 99 Lektionen aus Jay-Z' Song "99 Problems" (naja, oder zumindest eine). Außerdem informiert das Blog: Facebook ist out. Letters of Note veröffentlicht den letzten Brief Marie-Antoinettes. Im Standard erklärt Boualem Sansal, warum der Nahostkonflikt kein Kolonialkrieg ist. In der taz erzählt Ingrid Caven, wie sie sich aus dem Banne RWFs befreite. In der FAZ verzichtet Kathrin Schmid auf ihr posthumes Urheberrecht. Die Zeit erklärt auf einer Seite sämtliche fünfzig Schattierungen von Grau zu Müll und wendet sich dem literarischen Kanon der vierziger Jahre zu.

Aus den Blogs, 12.07.2012

(via Jezebel) Angehende Juraprofessoren, aufgepasst! Caleb Mason von der Saint Louis University School of Law zeigt an einem erstklassigen Beispiel, wie man anschaulich die Problematik polizeilicher Durchsuchungen behandelt: "99 Problems is a song by Jay-Z. It's a good song. It was a big hit in 2004. I'm writing about it now because it's time we added it to the canon of criminal procedure pedagogy. In one compact, teachable verse (Verse 2), the song forces us to think about traffic stops, vehicle searches, drug smuggling, probable cause, and racial profiling, and it beautifully tees up my favorite pedagogical heuristic: life lessons for cops and robbers."

Facebook ist nur noch für die Alten, informiert uns Jezebels Doug Barry. Die Jungen benutzen mehr und mehr Twitter, weil sie dort nicht auf peinliche Freundschaftsanträge von Eltern, Großeltern, Lehrern oder Arbeitgebern gefasst sein müssen. Warum Profis Twitter lieben, kann man in diesem kurzen Diskussionsstrang lernen.

(Via Matthias Rascher). Das Blog Letters of Note veröffentlicht auf Französisch und Englisch den letzten Brief Marie-Antoinettes, geschrieben einige Stunden vor ihrer Guillotinierung:

"An diesem 16. Oktober, um halb vier Uhr morgens,

Ihnen, meine Schwester, schreibe ich zum letzten Mal. Ich bin nicht zu einem Tode verurteilt, der schändlich ist - denn schändlich wäre er nur für Verbrecher, sondern dazu, mich Ihrem Bruder anzuschließen. Unschuldig wie er es war, hoffe ich, dieselbe Festigkeit wie er in seinen letzten Momenten an den Tag zu legen..."

FR/Berliner, 12.07.2012

Alexander Kluge spricht im Interview über seine Filme mit Heiner Müller, Joseph Vogel und Helge Schneider, mit dem er den Humor teilt: "Ich komme aus Halberstadt ... Ein Halberstädter kann gar nicht reden, ohne das zu machen, was die Engländer 'pun' nennen. Kleine Verzerrungen der Sprache, kleine Umwege. Ein Beispiel: Wir sprechen über die Sieben Todsünden. Ich frage ihn: 'Was verstehst du unter Wollust?' Er antwortet: 'Pullover trag' ich nur im Winter.' Er spricht also von 'Wolle'. Diese Art, etwas wörtlich zu nehmen, gehört zum lustvollen Sprechen. Da ist kein dummer Witz drin, diese Verzerrung, die gehört zum menschlichen Gehirn - in Kleinstädten, in Mülheim und Halberstadt."

Hans-Joachim Schleger macht Entdeckungen beim Filmfestival Karlovy Vary, "etwa 'Der Laden am Ende der Welt', das Debüt des Japaners Tatsuya Yamamoto, der mit eindringlich meditativen Bildern einen abgelegenen Ort beschreibt, an dem sich Hoffnungslose von einem hohen Felsen aus dem Leben stürzen."

Weiteres: Der 2006 geschlossene New Yorker Club CBGB sucht eine neue Bleibe, berichtet Sebastian Moll. Besprochen werden die belgische Komödie "Hasta la vista!", der ebenfalls belgische Film "Das Haus auf Korsika", Tina von Trabens Mädchenfilm "Pommes essen" und Bücher, darunter Friederike Kretzens Roman "Natascha, Véronique und Paul" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 12.07.2012

Erik K. Franzen unterhält sich mit der Schauspielerin und Sängerin Ingrid Caven, die beim Münchner Filmfest drei Filme von Rainer Werner Fassbinder präsentierte; im Gespräch bekennt sie, dass sie "glücklicherweise gleich gespürt habe, dass ich aufpassen musste, nicht nur eine Fassbinder-Figur zu werden. Und deshalb habe ich immer meinen Gesang weiterentwickelt. Es gibt dann die seltsame Uniform der Bilder aus Filmen und Fotografien. Es entsteht die Gefahr, dass ich dann selbst immer nur rumlaufe als Frau Caven der Bilderwelten und nicht als jemand, der lebendig ist."

Weiteres: Shirin Sojitrawalla resümiert einen Vortrag des amerikanischen Filmtheoretikers und -historikers David Bordwell über das Erzählen ohne Schnitt in der Frühzeit des Kinos an der Frankfurter Uni. Besprochen werden das sozialrealistische Drama "Perific" des rumänischen Regisseurs Bogdan George Apetri, dem der Rezensent genaue Beobachtungsgabe und Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse bescheinigt, die Komödie "Fast verheiratet" von Nicholas Stoller aus dem Hause Judd Apatow sowie das von Andreas Willisch herausgegebene Buch "Wittenberge ist überall. Überleben in schrumpfenden Regionen" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.
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Weitere Medien, 12.07.2012

Reiner Wandler interviewt im Standard Boualem Sansal zu dessen Reise nach Israel. Sansal erklärt, warum er den Nahostkonflikt nicht als Kolonialkrieg sieht: "Frankreich kam mit einer Armee und hat Algerien 130 Jahre lang besetzt. Deshalb war der Algerienkrieg ein echter antikolonialer Befreiungskrieg. In Palästina ist das ganz anders. Dort leben zwei Völker, die das gleiche Land beanspruchen. Dabei wird vergessen, dass Israel per internationales Gesetz 1948 von der Uno gegründet wurde. Es ist kein Kolonialproblem, sondern ein Problem des Eigentums. Wem gehört das Haus? Die Israelis sind 1948 nicht mit einer Armee eingerückt." Wandler fragt: "Was ist die Lösung? Eine Wohngemeinschaft im gleichen Haus? Zwei Häuser?" Und Sansals Antwort: "Ich glaube die einzige Lösung sind zwei Häuser, in einem Haus zusammenzuleben ist nicht mehr möglich."

Der Regisseur Walter Hill will "What Ever Happened to Baby Jane?" neu verfilmen, meldet der Hollywoodreporter. Bei Gawker überschlagen sich die Leser mit Vorschläge für die Hauptrollen: Meryl Streep und Glenn Close, Tilda Swinton und Cate Blanchett, Faye Dunaway und Debra Winger, Piper Laurie und Pattie Lupone. Alles schön und gut, aber reichen sie an die beiden heran?


NZZ, 12.07.2012

Ueli Bernays erinnert anlässlich des fünfzigjährigen Jubiläums ihres ersten Konzerts an die Anfänge der Rolling Stones. Susanne Janssen referiert die Beziehungen zwischen Hollywood und der Politik. Die Geburtskirche von Bethlehem wird Weltkulturerbe, berichtet Thomas Veser. Das renommierte Istituto Italiano di Studi Germanici in Rom droht Mario Montis Sparmaßnahmen zum Opfer zu fallen, bedauert Franz Haas. Besprochen wird Patrick Roths Josephsroman "Sunrise" (mehr in unserer Bücherschau heute um 14 Uhr).

Welt, 12.07.2012

Jacques Schuster will keine Tragödie darin erkennen, dass das Uwe-Johnson-Archiv nun doch nicht nach Marbach, sondern an die Universität Rostock geht. Tilman Krause freut sich über das renovierte Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar. Johannes Wetzel annonciert das letzte Avignoner Festival unter der Leitung Vincent Baudrillers und Hortense Achambaults. Elmar Krekeler porträtiert die aus Stieg-Larsson-Filmen bekannte Schauspielerin Naomi Rapace. Hanns-Georg Rodek freut sich auf eine Verfilmung des Lebens Lady Dianas mit Naomi Watts. Besprochen wird der indonesische Action-Film "The Raid" (mehr hier).

SZ, 12.07.2012

Für "fahrlässig" und eine "schlimme Polemik und Unsinn" hält der Urologe Albrecht Schilling in einer knappen Replik Wolfgang Schmidbauers vergangene Woche in der SZ aufgestellte Thesen zu den Gefahren der Beschneidung. Joseph Hanimann berichtet vom Theaterfestival in Avignon, wo "immerfort [mögliche Dramen] knistern, doch es bleibt im Knistern". Historiker bemängeln eine defizitäre Aktenführung der Verwaltung, die immer mehr Rahmendaten, aber immer weniger konkrete Inhalte dokumentiere, informiert Rudolf Neumaier. Alle quasseln das Internet mit Privatem voll, aber wenn das Meldeamt Daten weiterverkauft, empören sie sich, wundert sich Detlef Esslinger. Doris Kuhn blättert sich durch horrifizierte Mash-Up-Literatur wie "Abraham Lincoln, Vampirjäger" (gerade verfilmt) oder "Stolz und Vorurteil und Zombies". Volker Breidecker erlebt beim Keith Jarrett Trio in Baden-Baden eine "Sternstunde" im Jazz.

Besprochen werden eine Ausstellung über den Architekt und Designer Marcel Breuer im Bauhaus Dessau, der indonesische Kampffilm "The Raid", in dessen Herzen Fritz Göttler eine "unglaubliche Hingabe" glühen sieht, der Currywurstfilm "Pommes essen", die "erfrischend andere" Beziehungskomödie "Fast verheiratet", die "mit trockenem Humor inszenierte" Ausstellung "Claes Oldenburg: The Sixties" im Museum Ludwig in Köln und Bücher, darunter Ekkehart Krippendorffs Memoiren (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 12.07.2012

Die Schriftstellerin Kathrin Schmidt sieht in den Urheberrechtsplädoyers ihrer Kollegen einen Hang zur Besitzstandswahrung und glaubt, dass manche von ihnen ganz gut mit den Piraten leben könnten, wenn sie es nur zuließen: "Die Folie alten Arbeits- und Sozialrechts über der neoliberalen Arbeitswelt ist hoffnungslos zerlöchert. Das Internet bildet eine der neuen Folien. Deren Textur scheint mir so beschaffen, dass diese Folie sich eines Tages einfach lösen könnte aus den Händen der globalen Monopolisten jener Arbeitswelt, die sie heute noch fest im Griff zu haben glauben."

Die Finanzkrise ist auch eine Folge der Abkehr von rechtlich gesicherten Bahnen, findet der Bundesverfassungsrichter a.D. Paul Kirchhof: "Das Freiheitsprinzip setzt voraus, dass jeder bei Gewinn und Verlust auf eigene Rechnung handelt, ihm also der Erfolg seiner Anlage gutgeschrieben wird, er aber auch den Misserfolg persönlich trägt. Nun beginnt der Gedanke zu dominieren, dass privatwirtschaftliche Verluste aus dem Staatshaushalt finanziert werden könnten. Diese Vorstellung bedroht Privateigentum und Wirtschaftsfreiheit in ihren Grundsätzen."

Weitere Artikel: Olivier Guez liest Diana Pintos gerade in Frankreich erschienenes neues Buch zur Krise des Zionismus. Bei einer Diskussion über Autorschaft im 21. Jahrhundert in Berlin gaben sich die beiden wenig kulturpessimistischen Diskutanten John Burnside und Daniel Kehlmann als Kenner der Netz- und Digitalkultur zu erkennen, notiert Daniel Haas. Eleonore Büning berichtet vom Kammermusikfestival von Lockenhaus. Verena Lueken gratuliert dem Underdog-Regisseur Monte Hellman zum 80. Geburtstag.

Im Leitartikel auf Seite 1 besteht Edo Reents mit Blick auf die seit fünfzig Jahren aktiven Rolling Stones darauf, dass Rockmusik im hohen Alter gesund ist und die Abwehrkräfte stärkt.

Besprochen werden das neue Album von Joe Jackson, der Film "Das Haus auf Korsika", der brasilianische Film "Os Residentes" und Bücher, darunter Richard Calders Science-Fiction-Roman "Tote Mädchen" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Zeit, 12.07.2012

Moritz von Uslar berichtet von einer Reise mit dem Schriftsteller und Unternehmer Ernst-Wilhelm Händler ins griechische Herz der Eurokrise. Kurz wird auch die Kapitalismuskritik (bei Graeber und Dath) angesprochen: "Händler, der als liberaler Anhänger des freien Marktes und als Kritiker der hippen Occupy-Kinder glit, soll nun erklären, wie ein kluger 19-Jähriger in Athen den Kapitalismus kritisieren kann: 'Wahre Kritik am Kapitalismus ist eine Maßnahme, die den Kapitalismus verbessert.' Ach, es tut schlicht gut, einen beinharten Denker vom Schlag Ernst-Wilhelm Händlers gegen den Konsens des linksliberalen Vokabulars anreden zu hören!"

Im Aufmacher meint Nina Pauer, dem überwältigenden Erfolg von E. L. James' Softporno-Trilogie "Shades of Grey" auf die Schliche gekommen zu sein: Es ist die altbekannte "Utopie vom Sex an sich: der Selbstvergessenheit im Körper. Dem Spüren des Moments. Der Pause vom Denken, vom Kontrollieren, Funktionieren, Organisieren, Optimieren… Dass von dieser Utopie auch im Sommer 2012 gern gelesen wird, stellt am Ende weder eine Überraschung noch ein Politikum oder gar einen Skandal dar. Skandalös ist allein, dass sie dieses Mal in der Form von literarischem Müll vor uns treten musste."

Weitere Artikel: Christine Lemke-Matwey beleuchtet die "Bilderbuchposse" um die Erweiterung des Richard-Wagner-Museums. André Schmitz, Berliner Staatssekretär für Kultur, antwortet auf Hanno Rauterbergs Kritik an den Plänen, die Gemäldegalerie ins Bode-Museum zu überführen. Und der emeritierte Strafrechtler Rolf Dietrich Herzberg antwortet auf Robert Spaemanns Kritik am Kölner Beschneidungsurteil. Angelika Köckritz stellt den chinesischen Architekten Wang Shu vor, der gerade mit dem pritzker-Preis ausgezeichnet wurde. Navid Kermani staunt beim Betrachten von El Grecos "Christi Abschied von seiner Mutter", das gerade in der Düsseldorfer Stiftung Kunstpalast zu sehen ist, über so viel Sinnlichkeit zwischen Mutter und Sohn.

In einer neuen Serie erstellt die Zeit einen Kanon der europäischen Nachkriegsliteratur. Teil eins widmet sich den zehn bedeutendsten Romanen der vierziger Jahre - von Andric bis Malaparte. Der französische Schriftsteller Michel Butor spricht dazu im Interview über den Nouveau Roman, die literarische Verarbeitung des Holocaust und die Gegenwart des europäischen Romans: "Wir leben nicht nur in einer Wirtschaftskrise, wir leben in einer literarischen Krise. Die europäische Literatur ist bedroht. Was wir in Europa gerade erleben, ist eine Krise des Geistes. Das immerhin haben die europäischen Nationen gemeinsam."

Außerdem werden natürlich auch neue Bücher besprochen, darunter eine umstrittene Trotzki-Biografie von Robert Service (mehr in unserer Bücherschau heute um 14 Uhr).

Im Dossier erzählt Wolfgang Bauer von der Liebe zweier junger Afghanen über Stammesgrenzen hinweg. Rainer Erices und Jan Schönfelder berichten vom Tod Peter Fechters, der vor fünfzig Jahren bei der Flucht aus der DDR von Grenzposten erschossen wurde. Jörg Schweigard porträtiert Adam von Itzstein, den Organisator der Vormärz-Revolution. Und im Politikteil stellen Khue Pham und Dagmar Rosenfeld Berliner Netzaktivisten vor: Markus Beckedahl, Christian Heller, Daniel Dietrich, Constanze Kurz.