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10.07.2012. In der NZZ schlägt Mircea Cartarescu Alarm: In Rumänien schafft die Regierung gerade die Demokratie ab. In der FAZ erklärt der Sammler Heiner Pietzsch, warum in Berlin alles fließen soll: auch die Moderne in die Gemäldegalerie. Statt über Urheberrechtsfragen sollte die Gesellschaft über die exorbitanten Kosten wissenschaftlicher Zeitschriften diskutieren, meint der Medienrechtler Thomas Hoeren in Brandeins. Margaret Atwood erklärt im Guardian, wie sie ihre Angst vor Werwölfen überwand.

NZZ, 10.07.2012

"Seit diesen Julitagen ist die rumänische Nation die Geisel der USL", schlägt Mircea Cartarescu Alarm und berichtet von den staatsstreichartigen Vorgängen in Rumänien, in deren Zuge das sozialdemokratisch-nationalliberale Regierungsbündnis den Präsidenten abgesetzt und das Verfassungsgericht ausgeschaltet hat: "Wie verdorben, korrupt und antidemokratisch sie auch waren, die bisherigen politischen Leitfiguren Rumäniens haben nicht gewagt, die Quintessenz der rumänischen Demokratie anzutasten - den Rechtsstaat mit seinen Institutionen. Es gab zwar Aktionen 'am Rande der Verfassung', es gab Regelwidrigkeiten und Korruption. Doch ein solch kontinuierlicher, am helllichten Tag ausgetragener Angriff gegen die rumänische Nation, wie er zurzeit stattfindet, ist in unserer neuen Geschichte seit 1989 noch nie da gewesen."

Auf der Medienseite berichtet Thomas Schuler, dass die New York Times neben ihrer legendären Obituaries jetzt auch Video-Nachrufe anbietet, in denen sich die Menschen selbst verabschieden köönen. Die Nachteile verschweigt Schuler nicht: "Sie lassen sich nicht so leicht umschreiben und aktualisieren, wie es manchmal erforderlich ist."

Weiteres: Andreas Breitenstein berichtet vom Literaturfestival Leukerbad, dem sich eine sehr illustre Schriftstellerschar vor prächtiger Alpenkulisse versammelte. Norbert Hummelt gratuliert dem Schriftsteller Jürgen Becker zum Achtzigsten.

Besprochen werden Auftritte von Van Morrison und Bob Dylan beim Jazzfestival in Montreux, ein Katalog zum Kunstsalon Cassirer, Gaute Heivolls Roman "Bevor ich verbrenne" und Tonino Guerras Erzählungen "Scheuer Vogel Traum" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Weitere Medien, 10.07.2012

Die Urheberrechtsdebatte führt oft am Kern der Probleme vorbei, meint der Medienrechtler Thomas Hören im Gespräch mit Oliver Link von  brandeins - Zum Beispiel in der Wissenschaft: "Verlagshäuser wie etwa Elsevier aus den Niederlanden sind für die wissenschaftliche Arbeit ein echtes Ärgernis. Elsevier bringt verschiedene, oft sehr dünne Fachzeitschriften heraus, die 20.000 Euro im Jahr kosten. Und wer in diesen Publikationen veröffentlichen will, muss dafür Geld bezahlen. Das ist eine Sauerei und unerträglich für die Wissenschaftler, die auf diese Zeitschriften angewiesen sind. Eine Wissenschafts-Flatrate wäre hier sehr sinnvoll. Genau das sind die Dinge, über die in der Öffentlichkeit diskutiert werden sollte. Doch das passiert nicht."

Margaret Atwood ist auf Wattpad. Was ist Wattpad? Im Guardian stellt sich die kanadische Autorin die Frage selbst: "You're a literary icon at the height of your powers; it says so on your book covers. Why are you sneaking out with an online story-sharing site heavy on romance, vampires and werewolves?" Und antwortet auch gleich: "Maybe my dates with Wattpad are a bit undignified. But at my age you can afford to be undignified. You're free to explore, and to guinea-pig yourself, and to stretch the boundaries."

Auf Spiegel Online möchte die Soziologin Eva Illouz nach der Lektüre von "50 Shades of Grey" (Leseprobe bei Bild) so weit gehen, "den Sadomaso-Vertrag als höchst plausible Alternative zur komplizierten und stets ergebnisoffenen Beziehungsarbeit zu bezeichnen".

FR/Berliner, 10.07.2012

Frank Nordhausen schildert die brutale Gentrifizierung im Istanbuler Szeneviertel Beyoglu. Judith von Sternburg unterhält sich mit der Bachmann-Siegerin Olga Martynova. Und Götz Aly berichtet in seiner Kolumne aus seinem Urlaub am Ammersee, wo die Welt noch sowas von in Ordnung ist.
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Perlentaucher, 10.07.2012

In seinem Virtualienmarkt staunt Rüdiger Wischenbart doch noch mal über die Ursprünge des softpornografischen Bestsellers "50 Shades of Grey": "Das Buch stammt aus den - in branchenüblicher Betrachtung - absoluten Niederungen des schreibenden Gewerbes, mit Wurzeln in der Fanfiction zum Vampir-Quäler 'Twilight', ist zuerst als eBook und Print-on-Demand Ausgabe erschienen, und wird nun als Trittbrett-Aktion ausgerechnet vom Verlagsriesen Bertelsmann/Random House nach Deutschland gebracht."
Stichwörter: Deutschland, Ebooks, Vampir

Welt, 10.07.2012

Hannes Stein wünscht sich, Carlin Romano hätte in seinem Buch über "America the Philosophical" (mehr hier) neben Susan Sontag und Cornel West auch Robert M. Pirsig zu den amerikanischen Philosophen in der Tradition des Isokrates gezählt: "Dabei hat Pirsig wahrscheinlich den großartigsten philosophischen Roman des 20. Jahrhunderts geschrieben: 'Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten' aus dem Jahr 1974. Mit seinen Diskussionen auf den Highways zwischen Minnesota und Kalifornien, in den es darum geht, was den Begriff der Qualität ausmacht, hat Pirsig eine ganz eigene und sehr amerikanische Metaphysik entwickelt."

Weitere Artikel: Lucas Wiegelmann stellt eine Studie des Historikers Hannes Heer über die antisemitische Besetzungspolitik in Bayreuth vor der Nazizeit vor. In der Glosse prüft Jan Küveler Bushidos Bewerbung fürs Kanzleramt. Hanns-Georg Rodek schreibt den Nachruf auf den Schauspieler Ernest Borgnine, der auch ganz wunderbar Taxi fahren konnte:


Aus den Blogs, 10.07.2012

Eine erstaunte Anmerkung macht Marcel Weiß auf Neunetz zur Urheberrechtsdebatte: "Das Bemerkenswerteste an der Urheberrechtsdebatte ist, dass diejenigen beschimpft werden, die für eine Einschränkung der Monopolrechte argumentieren, während diejenigen, die eine Maximalisierung der Monopole fordern, nie darlegen müssen womit sie das begründen."

Eine Bilderstrecke im Architekturblog Dezeen: Reiulf Ramstad Architects (Website) haben an der Geiranger-Trollstigen tourist route in Norwegen eine Aussichtsplattform in Schwindel erregender Höhe errichtet.
Stichwörter: Monopole, Norwegen

TAZ, 10.07.2012

Lydia Haustein erklärt in einem sehr informativen Text die verwickelte und furchtbare Lage in Mali und beschreibt, was die islamistische Milizen in Timbuktu gerade zerstören: "Seit dem 14. Jahrhundert war die berühmte Oasenstadt 'am Rande der Welt' einer der wichtigsten Umschlagplätze für Waren und Ideen. Timbuktu als Sehnsuchtsort in der Wüste Sahara erlebte im Verlauf seiner Geschichte immer wieder neue Blüten unter sich verändernden kulturellen Vorzeichen. Neben architektonischen Kostbarkeiten zeugen davon einzigartige Sammlungen von unschätzbar wertvollen Manuskripten, deren sorgfältige Restaurierung gerade in den letzten Jahren am Ahmed-Baba-Institut begonnen wurde."

In seiner Kolumne denkt Aram Lintzel darüber nach, ob es auch eine linke Narzissmus-Kritik geben kann. Robert Zwarg berichtet von Wiederbelebungsversuchen des CBGB in New York. Besprochen werden die Ausstellung "Polaroid Collection" im NRW-Forum Düsseldorf, Robert B. Weides filmische Huldigung "Woody Allen".

Und Tom.

SZ, 10.07.2012

Hat man sich als Leser erstmal an den E-Book-Reader gewöhnt, tritt rasch Alltäglichkeit an die Stelle des Ruchs von Revolution, findet Johan Schloemann. Revolutionär stellt sich die Sachlage viel eher auf Seiten der Verlage dar: Die müssen den Bedürfnissen der Leser "- bei gleichzeitig riesigem Gratis-Angebot - mit Bezahlangeboten in diversen Darreichungsformen begegnen. Sie müssen nicht mehr nur den Geschmack treffen, sondern auch den richtigen Kanal. Die einen suchen ihre Nische in bibliophilen Editionen nach dem Manufactum-Prinzip, die anderen glauben noch ans Taschenbuch, die dritten vertreiben Trash-Schmonzetten im unlektorierten Selbstverlag."

Weiteres: Bernd Greiner liest sich durch einen Regalmeter Sachliteratur zur jüngeren US-Geschichte - doch zu keinem Ende: "Je mehr man über den Zustand des Landes liest, desto weniger begreift man." Volker Breidecker ist gespannt auf die am Literarischen Colloquium Berlin jüngst begründete Initiative "Das weiße Meer - Literaturen rund ums Mittelmeer", die mit verschiedenen Autoren "in den kommenden Jahren die Perlen jener Schnur der Mittelmeerstädte nach und nach abtasten [will] - nicht linear, sondern nach der hüpfenden Gangart der Poesie". Junge Architekten hoffen auf kooperative Open-Source-Konzepte für die Zukunft ihres Berufs, erfährt Petra Steinberger bei einer Stuttgarter Tagung. Michael Stallknecht hat beim Klavier-Festival Ruhr einen Meisterkurs des Pianisten Alfred Brendel besucht. Catrin Lorch resümiert eine Münchner Tagung über Marcel Duchamps ästhetische Strategien. Franziska Augstein informierte sich bei einer Tagung in Jena über die politische Instrumentalisierung der Menschenrechte. Tobias Kniebe würdigt den Stauffenberg-Mitverschwörer Ewald-Heinrich von Kleist zu dessen 90. Geburtstag. Helmut Böttiger gratuliert Jürgen Becker zum 80. Geburtstag. Fritz Göttler schreibt den Nachruf auf Ernest Borgnine (mehr).

Besprochen werden Claude Lévi-Strauss' erstmals auf Deutsch vorliegende Schriften über Japan (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 10.07.2012

Andreas Kilb besucht das Sammlerpaar Ulla und Heiner Pietzsch in ihrer Villa im Grunewald. Die Schenkung ihrer Sammlung mit Surrealisten und Modernen droht die alten Meister bis auf weiteres aus der Gemäldegalerie zu verdrängen. Damit muss man leben, findet Pietzsch: "Die Gegner des Projekts, sagt er, 'hätten das alte griechische Prinzip nicht verstanden: Alles fließt.' Um Berlin endgültig zur Kulturmetropole Deutschlands zu machen, müsse man eben Druck auf die Politik ausüben. 'Wenn eine Zeitung schreibt, die Schenkung sei eine Erpressung, um das Museum des 20. Jahrhunderts aufzubauen - damit kann ich leben.'"

Weitere Artikel: Verena Lueken schreibt zum Tod Ernest Borgnines. Der Unternehmer Marco Herack wendet sich gegen die von der Piratenpartei vorgebrachte Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. Arnold Bartetzky besucht das weitgehend krigszerstörte Küstritz, heute an der deutsch-polnischen Grenze gelegen, dessen in Ruinen liegende Altstadt wiederaufgebaut oder zu einer Gedenkstätte umgewidmet werden soll.

Besprochen wird die Oper "Ainadamar" des Argentiniers Osvaldo Golijov, die vom Schicksal Garcia Lorcas handelt (und deshalb von der postfranquistischen Fraktion des Madrider Publikums trotz Inszenierung durch Peter Sellars reserviert aufgenommen wurde), Johann Christian Bachs Oper "Temistocle" in Mannheim, eine Ausstellung mit grafischen Arbeiten von Gert und Uwe Tobias in Dresden und zwei neue Bücher von Jürgen Becker (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).