Heute in den Feuilletons

Etwas wie Wald, Wiese, Heide, Bach und Moor

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.03.2012. Ai Weiwei sieht China in der Welt auf dem Weg zur Demokratie - dank Internet. Die NZZ  berichtet: Fox News mäßigt sich. In der Funkkorrespondenz wendet sich der Verleger Jakob Augstein gegen Leistungsschutzrechte. Der Guardian meldet, dass er erstmals mehr Klicks von Facebook als von Google bekommen hat, aber trauen will er beiden nicht. In der SZ bekennt sich der Dirigent Valery Gergiev zum Putinismus.

Welt, 27.03.2012

Der chinesische Künstler Ai Weiwei erzählt in einem langen Text, wie es ihm in der Haft ging und warum ihn die Haftstrafe aller Ängste zum Trotz darin bestärkt hat, dass das chinesische Volk (nicht unbedingt die Regierung!) auf dem Weg zu einer Demokratie ist. Das Internet hat daran entscheidenden Anteil: "China befindet sich in der Vorphase zu einer gigantischen Veränderung. Die Innovation des Internet verschaffte mir die Gelegenheit, neue Ausdrucks- und Kommunikationsformen zu finden. Ich halte daran fest, dass der Wandel von Wissenschaft und Technik der Hauptgrund ist, dass sich der einzelne Mensch zum heutigen Zustand hin entwickeln konnte. Ebenfalls ist die technische Revolution der wichtigste Grund, dass es in China zum Wandel kommen wird und dass er kommen muss."

Michael Pilz porträtiert die Hamburger Band Deichkind als irgendwie marxistische Partyeinheizer: "Ihr Stück 'Egolution' wirkt in der Inszenierung beispielhaft für Deichkind heute. Eine Sonnenbank mit einem Sänger wird hineingetragen, eine Sänfte, zu euphorischem Gepolter. Allerdings sind die UV-Strahler ersetzt worden durch bunte Neonröhren. Es geht nicht ums Bräunen und ums Schönerwerden für den Wettbewerb; es geht um Spaß. Der Sänger steigt vom Rost, strahlt in den Saal hinein und wird dafür gekrönt und dekoriert mit Reichsapfel und Zepter. Für ein Lied darf er der Kaiser sein, das Oberhaupt der gut Gelaunten, der Genießer und Genügsamen. Der Rest von Deichkind lässt die Wampen wippen."

Weitere Artikel: Der Komponist Osvaldo Golijov droht in Plagiatsvorwürfen zu ersticken, meldet Manuel Brug in der Leitglosse. Steffen Richter schreibt zum Tod des italienischen Autors Antonio Tabucchi. Lucas Wiegelmann und Stephan Hoffmann fragen sich nach dem Ende der Maerz-Musikwochen, "was überhaupt bleibt" von den großen Komponisten des 20. Jahrhunderts"? Ihre Antwort: Wolfgang Rihm.

Besprochen wird die Lucian-Freud-Ausstellung in der National Portrait Gallery.

NZZ, 27.03.2012

Auf der Medienseite berichtet Andreas Mink, dass Fox News sich politisch weiter in die Mitte orientieren will. Der Direktor, Roger Ailes, habe einen moderat-konservativen Kurs angeordnet und bereits mehrere Linksliberale in den Sender geholt. Dem Linksruck sind allerdings Grenzen gesetzt: "Das Sturmgeschütz der Tea Party ist freilich nicht gänzlich verstummt. Vor leuchtenden Fox-News-Kulissen in patriotischem Rot, Weiß und Blau halten der Moderator Sean Hannity und Kommentatoren wie Bill Kristol oder Charles Krauthammer ihren Dauerbeschuss auf die Regierung Obama aufrecht. Aber Glenn Beck und seine paranoiden Verschwörungstheorien sind ebenso aus dem Programm verschwunden wie Agitatoren, die Obama für einen Muslim halten."

Weitere Artikel: Maike Albath bedauert den Tod des Schriftstellers Antonio Tabucchi und erinnert an einige seiner Romane. Joachim Güntner sieht im Erfolg der Piraten im Saarland ein schlechtes Zeichen für das Urheberrecht und empfiehlt ein Interview mit Sven Regener beim Bayerischen Rundfunk. Uwe Justus Wenzel fragt sich, welche Absichten die philosophischen Realisten wohl hegen, die sich derzeit in Bonn versammeln. Marc Zitzmann hat das Centre d'interprétation Alesia im französischen Alice-Sainte-Reine besucht, das sich Mythen und Tatsachen über Vercingetorix und die Gallier widmet.

Besprochen werden das Theaterprojekt "Utopia - vom besten Zustand" in Basel, ein sehr konzentriertes Mozart-Konzert unter der Leitung von Claudio Abbado auf dem Lucerne Festival und Bücher, darunter Miklos Banffys Roman "Die Schrift in Flammen" und die Traumtrilogie "es" des ehemaligen RAF-Aktivsten Christof Wacknagel (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 27.03.2012

Martin Weigert konstatiert in einem gut verlinkten Artikel auf Netzwertig, dass "immer mehr Journalisten, Analysten und Blogger ihre rosarote Brille abnehmen, wenn sie die Geschehnisse in Mountain View thematisieren (und damit meine ich nicht chronische Google-Kritiker einschlägiger deutscher Holzmedien)."
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Weitere Medien, 27.03.2012

Über eine Revolution in den Statistiken des Guardian online berichtet Frédéric Filloux: "Last month, we felt a seismic shift in our referral traffic. For the first time in our history, Facebook drove more traffic to guardian.co.uk than Google for a number of days... This is a dramatic result from a standing start five months ago." Ganz wohl ist ihm dennoch nicht: "Media should be very careful with their level of reliance on other content distributors such as Facebook, Google, Apple or Amazon. This can be summed up to a simple question: can we trust them?"

(Via Philipp Otto) Jakob Augstein wendet sich in einem längeren Essay in der Funkkorrespondenz gegen die Position der Zeitungsverleger im Streit mit den Öffentlich-Rechtlichen und gegen das Projekt des Leistungsschutzrechts: "Wer auch nur kleinste Textbausteine, sogenannte 'Snippets', verwenden will, müsste dafür eine Lizenz erwerben. Ähnlich wie es im GEMA-System bereits üblich ist, wollen die Verlage Abgaben für internetfähige Geräte einführen. All das sind irrsinnige Ideen, die das gesamte Netz lahmlegen würden, sie würden jede vernünftige journalistische Arbeit unmöglich machen und für die allermeisten Blogger das Ende bedeuten. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat sich im vergangenen Jahr in dieser Sache unmissverständlich gegen die Verlage gestellt. Und zwar mit einem Argument, das gerade dem Springer-Konzern zu denken geben sollte: 'Das neue Gebührenmodell würde das Markt- und Leistungsprinzip im Internet aus den Angeln heben.'"

FR/Berliner, 27.03.2012

Im Interview mit Michael Hesse verteidigt der Staatsrechtler Udo di Fabio die konservativen Werte gegen rückwärtsgewandtes Denken und den Glauben an das Neue: "Es kommt darauf an, eine stimmige Idee von der Welt zu entwickeln und sie unter wechselnden Umständen in ihrem Kern durchzuhalten. Es gab vor nicht langer Zeit ein Fieber sozialtechnischer Allmachtsfantasien: Unbegrenzte Wachstums- und Renditeaussichten verführten dazu, bestimmte Gegengewichte des ehrbaren Kaufmanns und der bürgerlichen Alltagsvernunft über Bord zu werfen. Wenn man auf die Finanzmarkt- und Staatsschuldenkrise blickt, dann weiß man, was damit gemeint ist. Wer glaubt, ohne bürgerliche Werte die Zukunft gewinnen zu können, wird ein Debakel erleben."

Weiteres: Peter Michalzik schreibt den Nachruf auf den "Melancholiker" Antonio Tabucchi. Besprochen werden Jaromir Weinbergers "Schwanda, der Dudelsackpfeifer" an der Semperoper Dresden, die Ausstellung des Fotografen Saul Leiter in den Hamburger Deichtorhallen und Achim Freyers Mannheimer Version der "Walküre".

Tagesspiegel, 27.03.2012

Die Gegner des "BMW Guggenheim Labs", das sich mit der Zukunft der Städte befassen will und aus Kreuzberg mit Gewaltdrohungen verjagt wurde, wollen die Veranstaltung weiter verhindern, auch wenn sie nicht in Kreuzberg stattfindet, melden Lars von Törne und Tanja Buntrock: "Dabei halten sie auch Sachbeschädigung wie Farbbeutelwürfe für legitim: 'Ein Großkonzern wie BMW kann froh sein, wenn es nur dabei bleibt', sagte David Kaufmann, der mit seinem Namen als Ansprechpartner der Initiative 'BMW Lab Verhindern' steht und nach eigenen Angaben schon viele Jahre in Kreuzberg lebt. Farbbeutelwürfe seien 'noch ein sehr mildes Mittel'."

Die Berliner Piratenpartei will die Zuschüsse für die Deutsche Oper streichen (was de facto Schließung bedeutet) und das eingesparte Geld an kleine Projekte vergeben. Klar brauchen die Freien mehr Geld, meint dazu Rüdiger Schaper: "Mit ein paar Millionen Euro - warum nicht aus einer Tourismussteuer? - kann man sehr viel bewegen. Es kostet nicht die Welt, eine auskömmliche Balance herzustellen zwischen den großen Institutionen und den Freien, die aufeinander angewiesen sind. Neue Staatstheaterapparate sollen dabei sicher nicht entstehen. Es kostet jedenfalls kein Opernhaus."
Stichwörter: Euro, Geld, Oper, Piratenpartei, Zukunft

TAZ, 27.03.2012

Ingo Arend durfte zur Art Dubai fliegen, wo er beobachtete, dass sich um den "Nobelkunstmarkt" auch eine kritische Öffentlichkeit bildet, die allerdings hin und wieder einen Rückschlag verkraften muss: "Der Berliner Galerist (Matthias Arndt) musste ein Bild seines Künstlers Khosrow Hassanzadeh abhängen, das dem Imam Ali aufrief. Die Messeleitung wollte Dubais Herrscher, Scheich Mohammed bin Raschid al-Maktoum, wie die Mehrheit der Emiratis Sunnit, beim Eröffnungsrundgang den Anblick des schiitischen Märtyrers ersparen. Ähnlich erging es den Künstlerinnen Zakaria Ramhani und Shadi Zaqzouq, Marokkanerin die eine, Palästinenserin die andere. Beide hatten bis auf die Unterwäsche entkleidete Frauen auf ihren Bildern dargestellt."

Weiteres: Andreas Fanizadeh war dabei, als Samar Yazbek in der Berliner Volksbühne ihr Tagebuch der syrischen Revolution "Schrei nach Freiheit" vorstellte. Isolde Charim stellt sich in ihrer Kolumne einer "Phalanx aus ökonomischen und politischen Akteuren" entgegen, die nicht nur die Märkte, sondern auch die Individuen zu deregulieren trachtet. Micha Brumlik berichtet von einer lebhaften Habermas-Konferenz in Wuppertal. Diedrich Diederichsen hat sich den Konzertzyklus "Dream House" von La Monte Young und Marian Zazeela in der Berliner Villa Elisabeth angehört. Dirk Knipphals schreibt den Nachruf auf Antonio Tabucchi.

Auf der Meinungsseite findet Bernd Wagner, Leiter des Instituts für Kulturpolitik, die Thesen der "Kulturinfarkt"-Autoren zwar nicht richtig, die Diskussion über sie aber notwenidg.

SZ, 27.03.2012

Die ganze erste Seite des Feuilletons ist dem Dirigenten Valery Gergiev gewidmet, der mit dem Marinskij Orchester alle Symphonien von Schostakowitsch in der Münchner Philharmonie aufführen will. Reinhard Brembeck bedankt sich für einen schönen Konzertabend: "Große Gesten sind ihm fremd. Zu Beginn der Sätze erzeugen seine Hände einen starken energetischen Impuls, Lyrisches wird fordernd geformt. Die großen Ausbrüche aber schlägt Gergiev mit knappen Gesten, immer gibt er sich unverspannt, tänzerisch."

Im Gespräch mit Tim Neshitov gibt sich Gergiev als Putin-Unterstützer zu erkennen: "Ohne Putin würde Russland auseinanderfliegen. Er macht sich Gedanken über Russland. Putin ist nicht dümmer als Sie oder ich oder die Chefredakteure von Zeitungen.'"

Auf der Medienseite berichtet Mercedes Bunz über das "Guardian Open Weekend", bei dem sich die britische Zeitung ihren Lesern stellte und Chefredakteur Alan Rusbridger sein Credo verkündete: "Alan Rusbridger glaubt, dass die neuen publizistischen Möglichkeiten den Journalismus massiv verändern: 'Welches Businessmodell eine Zeitung verfolgt, leitet sich direkt davon ab, wie man seine Leser versteht. Wenn sich die Journalisten als die wahren Experten sehen, ist die Bezahlschranke das richtige Modell. Glaubt man, der Wahrheit im gemeinsamen Wirken mit dem Leser näher zu sein, setzt man mehr auf Mitgliedschaft.'"

Weitere Artikel: Michael Stallknecht wundert sich beim Besuch einer Habermas-Tagung an der Bergischen Universität, warum so viele Referenten Habermas von Marx abgrenzen zu müssen glaubten. "Wie in einem Albtraum" muss sich Hasko Weber, der Intendant des Stuttgarter Schauspielhauses, wohl fühlen, mutmaßt Jürgen Berger, der darüber informiert, dass das erst im Februar nach langer Bauphase wiedereröffnete Theater wegen gravierender Baumängel nun einer weiteren Schließung entgegen sieht (mehr dazu etwa hier). Volker Breidecker schreibt den Nachruf auf den Autor Antonio Tabucchi. Auf Seite 3 begibt sich Franziska Augstein auf Deutschlandreise, um nach Gründen für die Krise der Liberalen zu suchen.

Besprochen werden die Ausstellung "Am Rande der Vernunft" im Berliner Kupferstichkabinett, Staffan Valdemar Holms Inszenierung von "Richard III." am Schauspielhaus Düsseldorf und Bücher, darunter eine Guttenberg-Satire von Norbert Hoppe (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 27.03.2012

Exklusiv kommt Volker Weidermann mit seinem Artikel zum fünfzigsten Todestag Hermann Hesses schon einige Monate, bevor es so weit ist (nämlich am 9. August). Er beschwört den Rausch, den seine Werke bis heute auslösen können. Aktuell findet er unter anderem Hesses Aufruf "endlich die Fabriken anzuzünden und die geschändete Erde ein wenig auszuräumen und zu entvölkern, damit wieder Gras wachsen, wieder aus der verstaubten Zementwelt etwas wie Wald, Wiese, Heide, Bach und Moor werden könne".

Weitere Artikel: Der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Erwin Teufel, und Frank Baasner vom Deutsch-Französischen Institut in Ludwigsburg, wenden sich gegen Pierre Noras im Interview vorgebrachte Klage über den Niedergang der gegenseitigen Anziehungskraft. Frank Peter Jäger berichtet über die aufwendige Renovation und Umwidmung alter Industriebauten in Polen. Wiebke Porombka verfolgte ein Kolloquium zur Frage, wie politisch heutige Literaten seien, unter anderem mit Leif Randt.

Auf der Medienseite analysiert Detlef Borchers die neue Strategie von Google, das seine Nutzer immer weniger auf fremde Seiten leitet und die Fragen aus den eigenen Angeboten beantworten will. Unter anderem sei das eine Reaktion auf die Debatte um das Leistungsschutzrecht: "Google ist dabei, sich von Angeboten, für die der Konzern im Zweifel zahlen sollte, vollkommen unabhängig zu machen." Michael Hanfeld meldet zudem, dass das ZDF das "Philosophische Quartett" zugunsten einer Sendung mit Richard David Precht kippt.

Besprochen werden eine "Walküre" in der Regie Achim Freyers in Mannheim, eine Ausstellung der Fotografin Francesca Woodman im New Yorker Guggenheim-Museum, Heinz Spoerlis Abschiedschoreografie in Zürich (die Ballette in Glucks Oper "Don Juan") und Bücher, darunter Klaus Peter Denckers monumentaler Band über "Optische Poesie", besprochen vom Lyriker Michael Lentz (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).