Heute in den Feuilletons

Nur Spiel, nur Stil, nur Attitüde

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.02.2012. In der FR spricht Peter Nadas über seine "Parallelgeschichten" und über die aktuelle Lage in Ungarn. In der NZZ fürchtet der schottische Autor John Burnside die schottische Unabhängigkeit - aus Angst vor dem Feudalismus. Techdirt zählt mal zusammen, wie oft in den USA in den letzten Jahren Copyright-Verschärfungen beschlossen wurden: genau fünfzehnmal in dreißig Jahren. Die SZ stellt den griechischen Aphoristiker Nikos Dimou, der geistvoll an seiner Heimat litt. In der FAZ vermisst Pierre Nora die kulturelle Gärung in den deutsch-französischen Kulturbeziehungen.

NZZ, 17.02.2012

Nicht die Engländer sind das Problem der Schotten, sondern ihr eigener Feudalismus, meint der Schriftsteller John Burnside, der auch in einem unabhängigen Schottland dessen Fortführung fürchtet: "Ein System, das auf 'Wachstum' statt auf Stabilität setzt; auf Subventionen und Steuergeschenke für die Begüterten, auf Privilegien für die Gesalbten statt auf Gleichberechtigung; auf diskrete Deals zwischen Politikern in Edinburg und finanzkräftigen Persönlichkeiten und Konzernen. Einen Vorgeschmack davon verschaffte uns der Streit um Menie Estate, wo Holyrood gegen den Willen der Ortsansässigen dem Multimilliardär Donald Trump freie Hand für den Bau einer Luxus-Golfanlage in einer schutzwürdigen Landschaft gab (mehr hier). Wenn nicht alles trügt, würden die Schotten mit der Unabhängigkeit eine Regierung bekommen, die punkto Korruption derjenigen in Westminster nicht unähnlich, aber vielleicht noch etwas billiger zu kaufen ist."

Weiteres: Roman Bucheli findet durchaus bedenklich, was Spiegel-Autor Georg Diez in seinem Artikel über Christian Kracht aus dessen Mailwechsel mit dem Amerikaner David Woodard zitiert. Carlo Caduff denkt über magische Praktiken in der Medizin nach. Besprochen werden die Ausstellung "Vor dem Gesetz" im Kölner Museum Ludwig und Bastien Vives' Comic über eine junge Tänzerin "Polina" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FR/Berliner, 17.02.2012

In einem tollen Interview mit Arno Widmann spricht Peter Nadas über seine "Parallelgeschichten", über den Körper und das Inidividuum. Und natürlich die aktuelle Lage, in die Ungarn nicht nur aufgrund der Rechten gekommen sei, sondern auch "durch Dummheit, Verbrechen und Versagen von Sozialisten und Liberalen. Ohne den Staat auszurauben Kapital zu schaffen und dabei sich auf dem globalen Markt zu behaupten – das ging nicht. Der ungarische Staat lebt heute vor allem von ausländischen Firmen. Sie sind die größten Steuerzahler in Ungarn. Der Staat verteilt das Geld an die Parteiklientelen. Je nachdem, welche Partei an die Macht kommt. Eine klassische Klientelwirtschaft. ... Zu dieser Entwicklung hat die westliche Welt sehr viel beigetragen."

"Was für ein Film!", jubelt Anke Westphal über Bence Fliegaufs Wettbewerbsfilm, der von den Morden an Roma in Ungarn erzählt: "Mit 'Csak a szél' weckt Fliegauf nun höchste Bewunderung für seine Kunst – ebenso wie Abscheu vor dem Rassismus gegen die Roma, dem in Ungarn in wenig mehr als einem Jahr acht Menschen zum Opfer fielen. Erschossen, verbrannt in ihren Häusern. Wie könnte man sich vor der Angst, der Not dieser Menschen verschließen? 'Csak a szél' sollte den Goldenen Bären zugesprochen bekommen. Alles andere wäre nicht richtig."

Außerdem besprochen werden Matthias Glasners Wettbewerbsfilm "Gnade", die ägyptischen Filme der Berlinale und eine Ausstellung zu Pierre Bonnard in der Fondation Beyeler in Riehen.

TAZ, 17.02.2012

Doch eher um Narzissmus als um Nazis gehe es in der Debatte um Christian Krachts "Imperium" und die polemische Kritik von Georg Diez im Spiegel, findet Jörg Magenau. Diez habe nicht nur Krachts "frei flottierende Ironie nicht begriffen, sondern noch nicht einmal seinen eigenen Text. So sprechen Platzanweiser, die über die Grenzen des demokratischen Diskurses offenbar ganz genau Bescheid wissen und dort ihren schweren Job als Hüter der öffentlichen Ordnung versehen... Krachts 'Imperium' ist nicht deshalb fragwürdig, weil es darin um Vernichtung und Erlösung geht, sondern weil auch das für Kracht, wie alles, was er schreibt, nur Spiel, nur Stil, nur Attitüde ist. Seine ironischen Distanzierungsübungen laufen ins Leere."

Weiteres: Tablet-PCs sollen das Lernen revolutionieren: Anna Lehmann berichtet von der Bildungsmesse Didacta in Hannover über die Hoffnungen und Erwartungen der Lehrer. Für gründlich misslungen hält Christian Füller dagegen schon mal der Start der Plattform für E-Books, den die Schulbuchverlage vorstellten, die verständlicherweise ihr Monopol behalten wollten: "ein ins Netz kopierter Abklatsch gedruckter Lehrwerke: eBook 1.0 sozusagen".

Auf den Berlinaleseiten schreibt Cristina Nord über Matthias Glasners Wettbewerbsfilm "Gnade", Andreas Fanizadeh hat sich die Filme zum arabischen Frühling angesehen.

Besprochen werden das Album "Definitiv: Nein" der Mönchengladbacher Punkband EA80 und das Album "The Lion's Roar" des schwedischen Schwestern-Duos First Aid Kit.

Und Tom.
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Welt, 17.02.2012

Frank Castorf spricht mit Volker Blech und Stefan Kirschner über seine kommende "Marquise von O."-Dramatisierung an der Volksbühne und über den Jubiläumsring, den er nächstes Jahr in Bayreuth inszenieren soll: "Wenn schon Oper, dann in Bayreuth. Und wenn schon, dann den 'Ring', dieses Gesamtkunstwerk. Wäre das Angebot aus Wien oder woandersher gekommen, ich hätte es nicht gemacht. Oder nur, wenn ich in die Partitur, ins Libretto hätte eingreifen dürfen. In Bayreuth geht das aus verständlichen Gründen nicht."

Weitere Artikel: Christina Hoffmann porträtiert die junge und düstere österreichische Pop-Performerin Anja Plaschg alias Soap&Skin. Hier ein Stück von ihrem neuen Album:



Wieland Freund kommentiert den möglichen Verkauf der Thalia-Buchkette, die der Konkurrenz von Amazon nicht mehr standhält. Jan Küveler porträtiert den Regisseur Christoph Mehler. Eckhard Fuhr gratuliert dem Regisseur Heinrich Breloer zum Siebzigsten. Und der Philosoph Sandor Danoti berichtet, das der Kulturabbau in Ungarn weitergeht: Nun wird die Lukacs-Gedenkstätte in Budapest geschlossen.

Auf der Berlinale-Seite geht's um den dänischen Wettbewerbsfilm "Eine königliche Affäre" (hier), um den ungarischen Beitrag "Nur der Wind" (hier) und um Matthias Glasners Film "Gnade" (hier).

Aus den Blogs, 17.02.2012

(Via Netzwertig) Mike Masnick zählt in Techdirt mal zusammen, wieviele Urheberrechtsverschärfungen und Antipiraterie-Gesetze in den USA seit 1976 erlassen worden sind: "Since the Copyright Act of 1976 went into effect (in 1978), we've expanded copyright law 15 times on issues related to 'stopping piracy' (and many, many more if you look at all copyright law expansions -- beyond just anti-piracy efforts -- such as expanding coverage to semiconductor chip designs, boat hulls and other things). It really started in 1982, meaning that we've had 15 new anti-piracy laws in just 30 years. If SOPA/PIPA had passed, it would have been 16 -- or more than once every two years.""
Stichwörter: Copyright, USA

SZ, 17.02.2012

Christiane Schlötzer stellt den griechischen Klassiker und Satiriker Nikos Dimou vor, dessen kleines Sudelbuch "Über das Unglück, ein Grieche zu sein" gerade bei Kunstmann erscheint: "Das Grundübel aber ist das antike Erbe, das die Ansprüche an die modernen Griechen zur kaum erträglichen Last werden lässt. Auch damit macht der Spötter Dimou aber Späße: 'Je mehr wir mit den Vorfahren angeben (ohne sie zu kennen), desto beunruhigter sind wir über uns.'"

Weitere Artikel: Jürgen Berger spricht mit dem Theatermacher David Marton, der an der Berliner Schaubühne ein Spektakel auf der Grundlage von Bachs "Wohltemperiertem Klavier" vorstellt. Beeindruckt ist Fritz Göttler in seiner Berlinale-Kolumne von Bence Fliegaufs Wettbewerbsfilm "Csak a szél/Nur der Wind" über das Leben einer Roma-Familie im heutigen Ungarn mit seinen schwadronierenden Banden von Rechtsextremen: "Jedes Bild zeigt eine Gesellschaft in Auflösung, jedes Bild ist Angst." Außerdem schreibt er über Doris Dörries Film "Glück", der gar nicht schlecht weg kommt, und über die Retro.

Besprochen werden eine große Thomas-Ruff-Retro im Münchner Haus der Kunst, Martin Wuttkes Dramatisierung von Bunuels "Würgeengel" in Wien, ein Album der Band Kettcar, eine Ausstellung mit tunesischen Künstlern zum arabischen Frühling im Pariser Institut du monde arabe und weitere Bücher, darunter Jennifer Egans Roman "Der größere Teil der Welt" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 17.02.2012

Ein sehr pessimistisches Bild zeichnet im Interview mit Olivier Guez der französische Historiker Pierre Nora von der deutsch-französischen Beziehung, die auch ein bisschen für Europa steht: Man lernt die Sprache des anderen nicht mehr, die Mittel für den intellektuellen Austausch werden gestrichen. "Aber wichtiger noch ist die Tatsache, dass der kulturelle Austausch auf der Stelle tritt, weil es nicht mehr sonderlich viel auszutauschen gibt. Was könnte das heutige Frankreich denn auf intellektuellem Gebiet exportieren außer einem gewissen Houellebecqschen Unbehagen? Die Zeiten großer kultureller Gärung in Frankreich sind längst Vergangenheit ... Selbst die fruchtbare Zeit der 'French Theory' und die der Annales-Schule Fernand Braudels ist vorbei. Letztlich ist das ganz einfach: Wenn Sie nichts zu exportieren haben, gibt es auch nichts auszutauschen." Das, so Nora, gilt allerdings auch für die gesamte westliche Welt.

Weitere Artikel: Wenig Mitleid hat Felicitas von Lovenberg mit der Buchhandelskette Thalia, der das Aus droht. Constanze Kurz ruft angesichts der veränderten Datenschutzbestimmungen von Google und Facebook: "'Don't be evil' ist definitiv vorbei." Astrid Kaminski berichtet über die 2002 gegründete, sehr erfolgreiche Schreib- und Hausaufgabenwerkstatt "826 Valencia" des amerikanischen Autors Dave Eggers, an der sich "in kürzester Zeit über 1700 ehrenamtliche Mitarbeiter – darunter auffallend viele Uniprofessoren und Juristen, aber auch Autoren wie Khaled Hosseini und Isabel Allende" beteiligt haben (mehr dazu im San Francisco Chronicle).

Besprochen werden u.a. die Ausstellung "Revolution vs. Revolution" im Beirut Art Center (die laut Friedrich von Borries keinerlei Optimismus ausstrahlt) und Bücher, darunter Jens Sparschuhs Roman "Im Kasten" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).