Peter Nadas

Parallelgeschichten

Roman
Cover: Parallelgeschichten
Rowohlt Verlag, Reinbek 2012
ISBN 9783498046958
Gebunden, 1728 Seiten, 39,95 EUR

Klappentext

Aus dem Ungarischen von Christina Viragh. 1989, im Jahr des Mauerfalls, findet der Student Döhring beim Jogging im Berliner Tiergarten eine Leiche. Mit dieser kriminalistischen Szene beginnt der Roman, eröffnet zugleich aber auch die weitgespannte Suche nach einer düsteren Familiengeschichte, ihrer Schuld und Mitschuld. Ein zweiter Hauptstrang ist die Geschichte der Budapester Familie Lippay-Lehr und ihrer Freunde, deren persönliche Schicksale mit der ungarischen und deutschen Geschichte verknüpft werden. Die historischen Markierungen sind die ungarische Revolution 1956, die nachrevolutionäre Zeit, der ungarische Nationalfeiertag 15. März 1961 und, rückblickend, die Deportation der ungarischen Juden 1944/45 bis zur Vorkriegszeit der dreißiger Jahre in Berlin.
Der Roman entwirft ein Panorama europäischer Geschichte, in einer überwältigenden Fülle von Geschichten, die keine realistische Konstruktion zu einer Geschichte vereinen könnte. Die eine große Metaerzählung des Romans ist die Geschichte des Körpers, der für Nadas zum Schauplatz der Ereignisse wird. Der männliche und weibliche Körper und seine Sexualität prägen die Realität der Personen, sie sind das "glühende Magma, das in der Tiefe ihrer Seele und ihres Geistes ruhende Zündmaterial", das die Parallelgeschichten zur Explosion bringen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.03.2012

Ebenso episch wie hymnisch bespricht Rezensent Andreas Breitenstein Peter Nadas' neuen Roman "Parallelgeschichten", an dem der ungarische Autor achtzehn Jahre lang arbeitete und der nun dank der "meisterlichen" Übersetzung von Christina Viragh auch auf Deutsch vorliegt. Berauscht, geradezu hypnotisiert folgt der Kritiker der elegant-feinsinnigen, präzisen und immer wieder an Robert Musil erinnernden Erzählerstimme, die ihn mit "philosophischem Tiefgang" und leiser Spannung durch die Zeit vom Ersten Weltkrieg bis ins Jahr 1989 führt, dabei nicht nur zwischen den Perspektiven hin- und herspringt, sondern auch die Logik von Zeit und Raum immer weiter und verwirrender auflöst, um die Zusammenhänge schließlich wieder "virtuos" zu offenbaren und damit, so Breitenstein, die Regeln des bürgerlichen Erzählens bricht, um das 21. Jahrhundert literarisch einzuläuten. Der Rezensent dringt hier nicht nur tief in die Geschichte Ungarns, etwa die Kollaborationen des Horthy-Regimes mit Nazi-Deutschland oder den Volksaufstand von 1956 ein, sondern lässt sich von Nadas insbesondere in das verschlungene Gefüge von Körper und Seele führen, erlebt die "Depressionen und Aggressionen", "Wünsche und Wahnvorstellungen" des Figurenensembles, das ungarische Adlige, Kommunisten, Juden, Homosexuelle, Faschisten, Intellektuelle und Politiker literarisch vereint. Breitenstein erlebt hier nicht nur eine faszinierende Reise in die menschliche Seelenlandschaft, sondern liest auch zahlreiche, sich teilweise über achtzig Seiten erstreckende Sexszenen, die ihm das Gefühl vermitteln, an einem "Hochamt der Erektion und Penetration" teilzunehmen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.03.2012

Für die totalitären Erfahrungen des vergangenen Jahrhunderts findet Peter Nadas in seinem über den gigantischen Zeitraum von 18 Jahren entstandenen Roman eine literarische Form, findet Sandra Kegel. Dass sie der völlig disparate Text nicht ebenso vollkommen abschreckt, liegt zum einen an der feinsinnigen wie leichten Übersetzung durch Christina Viragh. Zum anderen an der Faszination, die das durch die Übermenge an Figuren, Schauplätzen, Themen und Motiven abgebildete Chaos immerhin entwickelt. Sollte es hinter all dem ein Muster geben, Kegel kennt es nicht. Zwar tauchen aus dem schier endlosen Erzählstrom immer wieder fesselnde psychologisch plausible Mikrostrukturen vor Kegels Augen auf, insgesamt jedoch wird die Leseerwartung der Rezensentin gehörig enttäuscht. Dass ebendies dem Buch trotzdem zur Größe gereicht, liegt womöglich an den Detailaufnahmen, die laut Kegel zwar mitunter jegliches Maß überschreiten (u.a. enthält das Buch den wohl längsten Geschlechtsakt der Literaturgeschichte, 4 Tage, 140 Seiten), die aber den Ereignissen durchaus nahe kommen, wie sie erklärt. Ein Personenregister wäre aber auch schön gewesen, schreibt sie.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 25.02.2012

Rezensent Lothar Müller freut sich, dass Peter Nadas' neuer Roman "Parallelgeschichten", an dem der ungarische Autor und Fotograf achtzehn Jahre lang arbeitete, nun endlich in der "makellosen" Übersetzung von Christina Viragh auf Deutsch erschienen ist. Erneut verfolge der Autor das literarische Muster der "Parallelaktion" und so lässt der Kritiker sich von den zahlreichen Verknüpfungen und Überlagerungen leiten, die Nadas während des Erzählens bildet: ausgehend von einem ungarischen Kommissar, der im Jahre 1989 einen Mord im Berliner Tiergarten aufklären soll, blickt der Rezensent immer tiefer in dessen Lebensgeschichte, die ihn vom ungarischen Nationalfeiertag am 15. März 1961 über die Deportation und Vernichtung ungarischer Juden im Jahre 1944 immer weiter in die Geschichte Ungarns führt. Zugleich liest der Rezensent in den dicht verwobenen Erzählungen detailreiche geografische und soziologische Schilderungen über Berlin und Budapest, die hier einander gegenübergestellt werden. Der Kritiker würdigt diesen Roman aber nicht nur als "Medium historischer Erkenntnis", sondern insbesondere als anthropologischen Roman, der über das Denken der Figuren hinaus mit "physiologischer Genauigkeit" auch ihre Körperempfindungen immer wieder in den Blick nehme.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 25.02.2012

Für Rezensent Jörg Magenau ist Peter Nadas' neuer Roman "Parallelgeschichten", das nun in hervorragender Übersetzung von Christina Viragh auf Deutsch vorliegt, schlichtweg ein "gigantisches" Werk. Das 1724 Seiten starke Buch, an dem der ungarische Autor achtzehn Jahre lang arbeitete, eröffnet dem Kritiker den Blick in einen erzählerischen Kosmos, der Kriminalgeschichte, historischen Roman und Holocaustgeschichte ebenso wie Familienroman, Liebesroman und pornografischen Roman miteinander vereint. Die Lektüre führt Magenau ausgehend von einem Kriminalfall in Berlin im Jahre 1989 weit in die Geschichte Ungarns, die Zeit des Zweiten Weltkrieges und die Beziehungen zwischen Berlin und Budapest. Darüber hinaus taucht der Rezensent nicht nur tief in die Seelen und Lebensgeschichten von Nadas' gewaltigem Figurenensemble, sondern folgt insbesondere deren sinnlicher Wahrnehmung, die der Autor in einer hundert Seiten langen Sexszene zum Höhepunkt bringt, wie Magenau berichtet. Der Kritiker erfährt in diesem herausragenden Roman in jedem Augenblick die "Einheit von Körper, Seele und Universum" und versichert, dass man mit diesem Werk auch nach der Lektüre nicht fertig ist.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.02.2012

In einer ersten Sichtung von Peter Nadas' 2005 im Original erschienen, monumentalem Erinnerungsroman "Parallelgeschichten" legt Wilhelm Droste sein Augenmerk zunächst auf die Reaktionen in Ungarn und auf die Übersetzung ins Deutsche. Überwiegend begeistert ob der Flut an Sinneseindrücken, der extrem intimen Nähe zu seinen Figuren und der emphatischen Darstellungsweise haben die ungarischen Leser auf das Buch, das in Berlin und Budapest spielt und zwischen den 1930er Jahren bis ins Jahr 1989 ohne chronologische Ordnung hin und her springt, reagiert, weiß der Rezensent. Es ist Nadas' faszinierender Versuch "Gesellschaft und Geschichte" "systematisch zu individualisieren" und den Körpern seiner Figuren einzuschreiben. Die heute erscheinende Übertragung ins Deutsche, für die die Schriftstellerin Christina Viragh sechs Jahre investiert hat, würdigt der Rezensent als übersetzerische Großtat. Dabei glaubt Droste, dass wegen der sprachlichen und inhaltlichen Bezüge zu Thomas Mann und Rilke die deutschsprachige Fassung die "eigentlichen Geburt" dieses großartigen Romans sein wird, weil der deutschsprachige Leser die "Allmacht des Erzählers" in Mann'scher Manier und die " Allmacht des lyrisch-tiefen Fühlens und Verstehens" wie bei Rilke am ehesten aufzunehmen imstande seien.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.02.2012

Ein Ereignis. Achtzehn Jahre hat Peter Nadas an seinen gewaltigen "Parallelgeschichten" geschrieben, jetzt erscheint der Roman in deutscher Übersetzung von Christina Viragh. Und deren Eleganz ist nicht das mindeste, was Iris Radisch in einem großen Text preist, für den sie Nadas in seinem ungarischen Rückzugsort besucht hat. Wo anfangen? Nach diesem Roman, verspricht Radisch, ist der Leser nicht mehr derselbe, aber auch die Literatur ist es nicht. Die "Parallelgeschichten" beweisen, dass der bürgerliche Roman mit seinem bürgerlichen Ich nur ein "Sandkastenspiel" war, mit "dressierten Geschichten über dressierte Gefühle", mit denen sich das Kulturbürgertum bei Laune hält, während andere die Waffen verkaufen, wie Nadas im Gespräch mit Radisch ätzt und womit sie vollkommen d'accord zu gehen scheint. Überwältigt berichtet sie von einer wochenlange Lektüre, die ihr in insgesamt 39 Kapiteln Geschichten von Kommunisten, Juden und Intellektuellen im Ungarn der sechziger Jahre mit Abstechern nach Berlin erzählen, NS-Hinterlassenschaften spielen eine große Rolle, aber mehr noch die Erotik. Die findet Radisch vielleicht etwas zu überbordend, doch dem Rang dieses Werks tut dies keinen Abbruch, das sie als "grausam schön, unübersichtlich, überraschend, anmutig, lüstern, albtraumhaft und vollkommen labyrinthisch" feiert.