Heute in den Feuilletons

Magischer Totalitarismus

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.12.2011. In der FAZ äußert sich die Hanser Berlin-Verlegerin Elisabeth Ruge optimistisch über die Digitalisierung der Buchbranche. zeit.de meldet, dass Amazon auch in Deutschland verlegerisch tätig werden will. Die Basler Zeitung staunt über die rabiate Öko-Ideologie des europäischen Hochadels. Für die taz berichtet Gabriele Goettle über die unendlichen Folgen von Tschernobyl. Laut SZ ist Jazz noch nicht ganz tot.

TAZ, 27.12.2011

Gabriele Goettle lässt sich von der Ärztin Dörte Siedentopf berichten, wie schwer die Katastrophe von Tschernobyl auf die Menschen in Weißrussland und der Ukraine nachwirkt: "Fast eine Million 'Aufräumarbeiter' - meist junge Männer - wurden in Tschernobyl und Umgebung eingesetzt. Ein großer Teil von ihnen kam aus Weißrussland. Heute sind die meisten Liquidatoren invalide, haben Lungen- und Schilddrüsenkrebs, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Erkrankungen der Nieren, des Magen-Darm-Bereichs, Leukämie und auch psychische Erkrankungen. Etwa 100.000 sind bislang gestorben, im Alter zwischen 40 und 50 Jahren. Viele begingen Selbstmord. Und da wurde einfach gesagt, Tschernobyl ist vorbei."

Weiteres: Daniel Kretschmar berichtet, dass ausgerechnet die niederländische Verwertungsgesellschaft Buma/Stemra, berüchtigt für ihr Vorgehen gegen Downloader, einen Komponisten um seine Musikeinnahmen geprellt hat, der ein Stück für die Kampagne gegen Internet-Piraterie geschrieben hatte. Viel lustiger als Fitzgeralds "Großen Gatsby" findet Klaus Bittermann Joseph Moncure Marchs Skandalgedicht "Die wilde Party", das nun von Art Spiegelmann illustriert wurde. Isolde Charim glaubt, wie sie anlässlich des Tods von Kim Jong Il und Vaclav Havel schreibt, dass der Typus des Dissidenten ebenso der Vergangenheit angehört wie Nordkoreas "magischer Totalitarismus".

Und Tom.

NZZ, 27.12.2011

Markus Bauer berichtet, dass das Münchner Oberlandesgericht verboten hat, einen früheren Redakteur der rumäniendeutschen Zeitschrift Neue Literatur als Securitate-Spitzel zu bezeichnen, obwohl die rumänische Aktenlage eindeutig ist: "Sollte diese Rechtsmeinung sich durchsetzen, wären nach Ansicht des Soziologieprofessors und früheren Gründungsmitglieds der Temeswarer 'Aktionsgruppe Banat', Anton Sterbling, 'die Freiheit der Wissenschaft und das Recht auf Wahrheit' bedroht." (mehr zu den Verwicklungen hier)

Weiteres: Tobias Rupprecht erinnert an die untergegangene Welt der bucharischen Juden an der Seidenstraße. Der Autor Alain Claude Sulzer fragt sich in der Randspalte, was ein Schriftsteller davon hat, für einen Literaturpreis nominiert zu werden.

Besprochen werden eine Schau von Alfred Sisleys Landschaftsbildern im Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal, Julian Barnes' Booker-preisgekrönter Roman "Vom Ende einer Geschichte", Emma Donoghues Missbrauchsgeschichte "Raum" und Benedict Wells' Roman "Fast genial" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 27.12.2011

Der europäische Hochadel neigt zu einem Ökologismus, der manchmal auch etwas rabiat werden kann, schreibt Dirk Maxeiner in einem Essay für die Basler Zeitung (online auf Achgut). Besonders schlimm treiben es die britischen Prinzen Philip und Charles: "Philip äußerte sich zum Thema der wachsenden Weltbevölkerung schon mal mit der steilen These: 'Ich muss gestehen, um eine Reinkarnation als ein besonders tödlicher Virus zu bitten'. Der Sohnemann möchte das Problem hingegen noch im Diesseits lösen: Mit Biolandbau - sprich Nahrungsmittel-Verknappung. Nichts anderes bedeutet nämlich seine Forderung nach einer flächendeckenden Rückkehr zu einer kleinbäuerlichen Alternativ-Landwirtschaft. Drei von sieben Milliarden Menschen müssten wegen der geringeren Erträge verhungern, rechneten ihm empörte Welternährungs-Experten vor."
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Stichwörter: Dirk Maxeiner

Tagesspiegel, 27.12.2011

Sollen Gemeinden, die kaum einer kennt, Kulturkapitalen sein, fragt sich Frederik Hansen mit Blick auf die neuen europäischen Kulturhauptstädte 2012 Guimaraes und Maribor. Doch, sollen sie, findet er. Immerhin haben die Einwohner etwas davon haben: "In Nordrhein-Westfalen beispielsweise gehen die Kulturmacher jetzt aufrechter durchs Land als vor 'Ruhr 2010'. Man mag über Aktionen lächeln, bei denen Millionen Menschen auf der Autobahn picknickten. Doch so wurde das alte Kirchturmdenken in der Region aufgebrochen, viele riskierten endlich auch einen Blick in die Nachbarstadt - und waren erstaunt über die Vielfalt der kulturellen Angebote. Durch den EU-Titel wurde hier ein hoffentlich nachhaltiger Prozess angestoßen, der womöglich gar in der Realisierung einer 'Metropole Ruhr' mündet."

Weiteres: Caroline Fetscher beklagt die Konjunktur des "Bösen" in der öffentlichen Debatte. Besprochen wird eine Ausstellung mit Malerei der Neuen Sachlichkeit im Dresdener Lipsiusbau.

Welt, 27.12.2011

Die frühere ARD-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz findet im Interview unsere Erinnerung an den Untergang der Sowjetunion vor 20 Jahren dürftig und unser Russlandbild klischeehaft. Mara Delius denkt in der Leitglosse über Vorbilder nach. Hans-Jörg Schmidt erinnert daran, was die Familie Havel in Tschechien geleistet hat: Etwa den Kulturpalast Lucerna gegründet und die Barrandov-Filmstudios. In der Playlist widmet sich Michael Pilz Adele und ganz allgemein Musikern in der Krise.

Besprochen werden die Ausstellung "Vor dem Gesetz" im Kölner Museum Ludwig, der Ballettabend "Steps & Times" in München und Jennifer Ratner-Rosenhagens Buch "American Nietzsche".

Weitere Medien, 27.12.2011

Amazon will auch in Deutschland verlegerisch tätig werden, berichtet Astrid Herbold auf zeit.de: "Einige deutsche Literaturagenturen wurden bereits kontaktiert. Und es sind auch Headhunter unterwegs, um für Amazon in Deutschland ein Verlegerteam zusammenzustellen."
Stichwörter: Amazon, Deutschland

SZ, 27.12.2011

Ganz tot ist Jazz noch nicht, schreibt Karl Lippegaus, aber richtig gut geht's ihm wirklich nicht: "Dass die Verkäufe von Jazzplatten seit Jahren im freien Fall sind, weiß jeder. Aber so schlimm wie in diesem Jahr hat es die Firmen nie erwischt. In den Clubs kann man großartige Musiker erleben - neben zehn, fünfzehn Gleichgesinnten. Das Jazzpublikum in Deutschland ist älter als sonstwo auf der Welt."

Helmut Mauro unterhält sich mit dem Musikwissenschaftler Hartmut Schick, Projektleiter einer kritischen Ausgabe der Werke von Richard Strauss, der sich, Schick zufolge, "als letzten großen Geist in der Reihe der Kulturgeschichtsträger [sah], zu denen er Shakespeare und Goethe zählt und vielleicht sogar Thomas Mann, der sich wohl in einer ähnlichen Rolle wie Strauss gesehen hat."

Weitere Artikel: Rudolf Neumaier blickt auf die Geschichte der Berliner Hasenheide, die der Turnvater Jahn vor 200 Jahren "zum Übungsgelände für seine Turnerjugend" ausrief. Alexander Menden befasst sich näher mit den Audioguides, die "in vielen europäischen Museen zur festen Größe geworden" sind. Michael Moorstedt stellt die neue Chronik-Funktion von Facebook als "Biografie-Optimierung" vor.

Besprochen werden Stephane Braunschweigs im Rahmen des Festivals "spielzeit'europa" in Berlin aufgeführtes Stück "Tage unter", ein Schostakowitsch-Konzert in München und Bücher, darunter eine neue philosophische Studie über Descartes und Platon von Arbogast Schmitt (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 27.12.2011

Felicitas von Lovenberg führt ein Gespräch mit Michael Krüger vom Hanser Verlag und Elisabeth Ruge, einst Berlin Verlag, jetzt Hanser Berlin Verlag, die sich durchaus aufgeschlossen zur Digitalisierung der Branche äußert: "Das Netz bietet natürlich eine riesige Möglichkeit. Es können dadurch einfach sehr viel mehr Menschen partizipieren, schneller mit Texten auf Ereignisse reagieren, und das persönlicher und dialogischer. Zugegeben: Auf vieles davon könnte die Welt auch verzichten. Aber wenn einige Beschränkungen der physischen Herstellung und Distribution wegfallen, kann gerade das auch Raum schaffen für großartige Texte."

Weitere Artikel: Christian Geyer lobt Ian Buruma in einem Artikel zum sechzigsten Geburtstag dafür, dass er den von Mohammed Bouyeri auf so unnachahmliche Art geprägten Begriff des "Fundamentalismus der Aufklärung" aufgriff und zusammen mit "Timothy Garden Ash" trotz einer erregten Debatte, deren Ort in der FAZ nicht genannt wird, gesellschaftsfähig machte. Dieter Bartetzko schreibt einen großen Nachruf auf Johannes Heesters.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Theaterfotografien Sibylle Bergemanns im Willy-Brandt-Haus und Friederike Mayröckers neues Buch "Vom Umhalsen der Sperlingswand", eine lyrische Auseinandersetzung mit Robert Schumann.