Heute in den Feuilletons

Wie eine Wiedergeburt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.12.2011. In Liberation macht Andre Glucksmann klar, dass Europa auch heute Dissidenten braucht. In der taz ruft Khawla Dunia zur Unterstützung der syrischen Revolution auf. In der FR meint Peter Temple, Krimis können alles, vor allem, wenn sie nicht von Zwölfjährigen geschrieben werden. Die SZ freut sich über die Wiederentdeckung Georg Seidels im deutschen Theater.

Weitere Medien, 28.12.2011

In Liberation verabschiedet Andre Glucksmann seinen Freund Vaclav Havel und macht sehr klar, dass Europa nach wir vor die Dissidenten braucht, die an die "Macht der Ohnmächtigen" glauben: "Nach dem Fall der Berliner Mauer, strahlte der Optimismus von den Palästen bis zu den Hütten, man feierte das Ende der Geschichte, der blutigen Kriege und der großen Krisen, alles bestens Madame la Marquise. Totale Umkehrung heute: Die Unaufhaltbarkeit einer Apokalypse (einer ökologischen, finanziellen oder moralischen) paralysiert den Bürger, er zieht sich in sein Schneckenhaus zurück. In beiden Fällen, der Euphorie und der Depression, verbannt ihn das für unabwendbar gehaltene Schicksal zu Ohnmacht und Gleichgültigkeit. Havel und der Dissident dagegen verkörperten ein Europa, das fähig ist, sich den tragischsten Situationen zu stellen und sie zu überwinden."

TAZ, 28.12.2011

Auf den vorderen Seiten steht ein emphatischer Aufruf der Oppositionellen Khawla Dunia, die syrische Revolution zu unterstützen: "Es ist tatsächlich wie eine Wiedergeburt, die sich gerade für Syrien vollzieht, für seine Menschen und für alle Teile der Gesellschaft: Es ist inzwischen nicht mehr ungewöhnlich, wenn eine säkulare und eine religiöse Frau gemeinsam demonstrieren gehen, wenn ein religiöser Prediger mit einem Linken komplexe gesellschaftliche Themen diskutiert oder wenn sich Menschen aus städtischen und ländlichen Gebieten in einem Privathaus treffen, außerhalb der Sicht- und Reichweite der Sicherheitsdienste, um sich über Demokratie und einen zivilen Staat zu unterhalten."

In der Kultur denkt Esther Slevogt darüber nach, wie sich "das Theater als Kunstform" retten lässt, "dessen grundsätzliche Gestalt längst ebenso porös und unwahr wirkt wie die vorgetäuschten Werte, mit denen der Kapitalismus seine ruinösen Luftgeschäfte macht."

Außerdem liest Philipp Goll die Kunstzeitschrift Springerin, die sich mit Identität im Internet beschäftigt. Andre Poloczek bespricht Katharina Greves Comic "Patchwork".

Und Tom.
Stichwörter: Internet, Syrien

FR/Berliner, 28.12.2011

Der australische Krimi-Autor Peter Temple erklärt im Interview, was das Gute an der Kriminalliteratur ist: "Dieses Genre kann alles. Außerdem müssen Kriminalromane ja nicht von Menschen geschrieben werden, die das Vokabular eines Zwölfjährigen haben."

Weiteres: Karl Grobe berichtet über die mutwillige Beschädigung eines bedeutenden Felsreliefs bei Bischapur im Iran. Besprochen werden Özgür Yildirims HipHop-Film "Blutzbrüdaz" mit Sido und B-Tight und Jürgen Trimborns Breker-Biografie (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr)
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NZZ, 28.12.2011

Aldo Keel erzählt, wie der Schriftsteller Karl Ove Knausgard die Stimmung in Norwegen vergiftete, als er das vielbeschworene Wir-Gefühl nach dem Massaker von Utöya mit dem der Nazis verglich. Paul Andreas resümiert ein Symposium zu Ludwig Mies van der Rohe. Urs Hafner weifelt am Wert edler Faksimile-Ausgaben, die der Vatikan gern von Bibelausgaben für private Sammler und Liebhaber anfertigt. Marc Zitzmann berichtet von den prekären Finanzen des Pariser Odeon-Theatre de l'Europe.

Besprochen werden neue Trotzki-Biografien und Kamo no Chomeis Aufzeichnungen "Aus meiner Hütte" aus dem 13. Jahrhundert (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 28.12.2011

Cem Özdemir schreibt eine Hommage an Laurel und Hardy, deren Filme gerade auf Arte laufen. Tilman Krause verabschiedet Johannes Heesters. Alan Posener wirft dem Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, Jürgen Stark, nach einem Interview über die Eurokrise Vernebelung vor. Tim Ackermann schreibt zum Tod der Künstlerin Helen Frankenthaler. Im Forum meint Naomi Wolf, die Amerikaner sehnten sich angesichts ihrer Schulden zurück nach dem einfachen Leben.

Besprochen werden die deutsche Erstaufführung von Alexei Ratmanskys "Anna Karenina" im Baden-Badener Festspielhaus und eine Ausstellung in der Deutschen Kinemathek in Berlin über die goldene Zeit der Filmstudios in Babelsberg, Paris und Hollywood.

SZ, 28.12.2011

Peter Laudenbach freut sich über die Möglichkeit zur Wiederentdeckung des "halb vergessenen" Georg Seidel am Deutschen Theater Berlin, wo dessen Stück "Jochen Schanotta" wiederaufgeführt wird: "Es ist die Wiederbegegnung mit dem Werk eines Außenseiters, der in der DDR kaum Chancen hatte, gespielt zu werden, auch weil er genauer und illusionsloser als die utopiegestählten, die triste Wirklichkeit mit geschichtsphilosophischem Pathos aufladenden Dramatiker Heiner Müller und Volker Braun das Lebensgefühl der DDR im Endstadium seziert hat."

Weitere Artikel: Henning Klüver berichtet von Diskussionen in Italien über das kulturelle Vakuum im Land seit dem Tod klassischer Intellektueller wie Italo Calvino oder Pier Paolo Pasolini und was die Aufgaben heutiger Intellektueller sein könnten. Ira Mazzoni streift durch das neue "Universalmuseum Joanneum" in Graz.

Besprochen werden neue Pop-CDs, darunter das neue Album der Beastie Boys, dessen erste Zeile der Rezensent regelrecht anschmachtet, das Lateinamerika-Politdrama "Und dann der Regen", das Rainer Gansera ausnehmend gut gefällt, eine 142 CDs umfassende Gesamtausgabe von Aufnahmen des Pianisten Arthur Rubinstein, eine Ausstellung mit flämischen Zeichnungen aus dem 16. Jahrhundert im Dresdner Kupferstichkabinett, Franz Schrekers "Der ferne Klang" in der Bonner Oper, Marc Beckers "Im Namen der Sicherheit" am Staatstheater Braunschweig und Bücher, darunter eine Biografie (Leseprobe bei "Vorgeblättert") von Mozarts Textdichter Lorenzo Da Ponte (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).


FAZ, 28.12.2011

Melanie Mühl freut sich, dass Frank Elstner jetzt twittert, weil er so freundlich, unpeinlich und seriös ist. Ziemlich nationalistisch findet Mark Siemons den neuen Film von Zhang Yimou, "The Flowers of War", mit Christian Bale in der Hauptrolle. Wenn Soldaten töten dürfen, brauchen sie dafür eine gesetzliche Grundlage, meint der Strafrechtler Albin Eser. Weil sich die türkische Regierung so schön über Frankreich geärgert hat, diskutiert jetzt auch das israelische Parlament über den Völkermord an den Armeniern, meint Joseph Croitoru. Jürg Altwegg wirft einen Blick in Schweizer Zeitungen.

Besprochen werden der Ballettabend "Steps & Times" mit dem Bayerischen Staatsballett, die Ausstellung "Thomas Rentmeister. Objects. Food. Rooms" im Kunstmuseum Bonn und Bücher, darunter Martin Caparros' Roman (Leseprobe bei "Vorgeblättert") "Wir haben uns geirrt" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).