Heute in den Feuilletons

Abgedämpfter denn je

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.09.2011. Al Qaida hat verloren - und zwar in Tripolis, meint Bernard-Henri Levy in La regle du jeu. Urheberrechte werden in Brüssel weiter verschärft, Schutzfristen auf Musik sollen auf siebzig Jahre ausgedehnt werden, und niemand merkt's, außer irights.info. Wo bleibt die Trennung von Staat und Kirche in der Madonnenausstellung von Dresden?, fragt die FR.  Egal, seufzt die FAZ im Farbenrausch. im Tagesspiegel spricht Tahar Ben Jelloun über den arabischen Frühling.

FR/Berliner, 07.09.2011

Arno Widmann ist gar nicht einverstanden mit der Dresdner Madonnen-Ausstellung "Himmlischer Glanz", die reinste Glaubenspropaganda betreibe: "Bisher konnte man denken, Museen machten aus religiösen Kultbildern Gemälde eines profanen Schönheitskultes. Man konnte darin sogar die genuine Aufgabe eines Museums sehen. Zum Beiprogramm dieser Ausstellung dagegen gehören Gottesdienste und Predigten oder zum Beispiel eine 'marianisch akzentuierte Führung durch die katholische Hofkirche mit festlicher Orgelmusik'. Hier wird die Trennung von Staat und Kirche mal eben bei Seite geschoben."

Weiteres: Für den "Glücksfall eines Agentenfilms" hält Anke Westphal Tomas Alfredsons in Venedig gezeigte Le-Carre-Verfilmung "Tinker, Tailor, Soldier, Spy". Auf der Medienseite unterhält sich Ulrike Simon mit dem Journalisten-Urgestein Klaus Harpprecht, der gestern für sein Lebenswerk den Theodor-Wolff-Preis erhielt.

Besprochen werden die große Schau zu Henri Cartier-Bresson im Kunstmuseum Wolfsburg, George Michaels Berliner Konzert (das Jens Balzer "einigermaßen langweilig" fand), Albrecht Selges Roman "wach" und Pete Dexters Roman "Deadwood".

Tagesspiegel, 07.09.2011

Im Interview mit Martina Meister spricht Tahar Ben Jelloun, der heute das Literaturfestival in Berlin eröffnet, auch über die rolle der Medien im arabischen Frühling: "Ich würde nie bestreiten, dass die sozialen Medien entscheidend waren, aber wir haben die Tendenz, ihre Rolle zu überschätzen und die der alten runterzuspielen. In Tunesien gab es keine freie Presse, aber dank des Internets konnten sich die Tunesier in der Auslandspresse auf dem Laufenden darüber halten, was in ihrem Land geschah. In Wahrheit handelt es sich um ein komplexes kulturelles Zusammenspiel."

Aus den Blogs, 07.09.2011

"Al Qaida hat verloren", meint Bernard-Henri Levy in La Regle du Jeu, die entscheidende Siege wurden aber nicht in Bagdad, sondern in Kairo und Tunis errungen. Und in Tripolis: "Ich halte den Krieg in Libyen für den ersten und vielleicht entscheidenden Schlag gegen die Idee vom Kampf der Kulturen, die, bevor sie eine amerikanische Idee wurde, eine Idee der religiösen Fanatiker war, wie auch ihr Terrain, ihr Nährboden und der Zement ihrer terroristischen Organisationen - und deshalb halte ich diesen nun gewonnenen Krieg für das Gegenstück zum Irakkrieg, für das Gegenteil dieser Art von Kollektivstrafe, der Replik, wie sie der amerikanische Krieg gegen Bagdad auch sein wollte, und deshalb für entscheidendes historisches Ereignis." Bleibt als Problem noch Pakistan.

Wer ist der Größte im Netz?, fragt Tim Carmody in einem Wired-Blog. Nein, nicht Apple: "Amazon has swiftly become the most disruptive company in the media and technology industries. Its potential in this space is simply off the charts: bigger than Apple's, bigger than Google's or Microsoft's. It?s becoming a purer version of all three."

Rupert Sommer blättert für kress durch die erste von Thomas Knüwer herausgebrachte deutsche Ausgabe von Wired: "Für ein Magazin, das zuletzt oft als Bilderbuch für die Kaffeetischchen der Digitalboheme belächelt wurde, wird in der ersten deutschen Wired-Ausgabe (Verlag: Conde Nast) viel um Worte gerungen."
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Weitere Medien, 07.09.2011

Fast unbemerkt werden Urheberrechte in Brüssel weiter verschärft, berichtet Philipp Otto auf dem Portal irights.info. Diesmal geht es um eine Schutzfristverlängerung für Tonaufnahmen von 50 auf 70 Jahre, die in dieser oder der nächsten Woche verabschiedet werden soll: "Doch es ist nicht nur eine Zahl, die da verändert wird. Es geht um die grundsätzliche Frage, was schützenswerter ist: Geschäftsmodelle und längst refinanzierte Produkte durch eine Verlängerung der Frist, oder Fortschritt, Innovation und kultureller Reichtum durch eine Beibehaltung der bisherigen Frist von 50 Jahren oder sogar eine Verkürzung."
Stichwörter: Brüssel, Urheberrecht

Welt, 07.09.2011

Der Künstler Daniel Richter, der den neuen Preis der deutschen Schallplattenkritik "Nachtigall" gestaltet hat, erklärt im Interview, warum er heute nicht mehr so gern Popmusik hört: Weil sie vor allem für 12jährige Handynutzer aufbereitet ist. "Der Grundwumms muss sich nach wenigen Sekunden erschließen. Eine Pest! Dagegen ist der Raumsound von analogen Boxen noch immer unschlagbar. Zum Beispiel Schostakowitschs Vierte ist eigentlich sehr lustig: auf schlechten Boxen hört sie sich an wie ein Küchenkonzert."

Der amerikanische Germanist Russell Berman erinnert sich an den 11. September, den er in Paris erlebte, und daran, dass die Solidarität mit den Amerikanern nur solange hielt, bis diese reagierten: "Mit einem Mal verwandelte sich die uneingeschränkte Identifizierung der Franzosen mit den Amerikanern in eine uneingeschränkte Gleichsetzung von fundamentalistischem Islam und fundamentalistischem Protestantismus."

Weitere Artikel: Hannes Stein erinnert an den verrückten Psychoanalytiker Wilhelm Reich, der die Popkultur so tief prägte - der britischer Journalist Christopher Turner widmet ihm eine neues Buch. Polen-Korrespondent Gerhard Gnauck zitiert eine Äußerung des in London lehrenden Zygmunt Baumann über Israels Grenzmauer: "Was ist diese Mauer, die um die besetzten Gebiete gebaut wird, anderes als der Versuch, die Auftraggeber der Mauer um das Warschauer Getto zu übertreffen?". Alan Posener versucht eine Etymologie des Begriffs "Gutmensch" (der offenbar von Karl-Heinz Bohrer erfunden wurde) und spießt einen Artikel Max Scharniggs in der SZ auf, der genau definiert, wer im Gegensatz zu SZ-Redakteuren kein Gutmensch ist. Und Manuel Brug bringt die traurige Meldung vom frühen Tod des Tenors Salvatore Licitra.

Besprochen werden die Apple-Ausstellung in Hamburg und eine Dramatisierung von Falladas "Jeder stirbt für sich allein" am Berliner Gorki-Theater.

TAZ, 07.09.2011

Im Schlagloch erinnert Ilija Trojanow an die Gründung von Pro Asyl vor 25 Jahren und informiert: "Nur zwei Prozent der Menschen, die im ersten Halbjahr dieses Jahres aus Libyen geflohen sind, haben den Weg nach Europa eingeschlagen. Mit anderen Worten: Wir stöhnen, während andere die Last tragen."

Im Kulturteil berichtet Ingo Arend von einer Berliner Diskussion um das Manifest "Kultur und Stadtentwicklung", in dem Kulturengagierte wie Volker Hassemer und Peter Raue, Wim Wenders und Sasha Waltz eine Zusammenlegung der beiden Ressorts fordern. Julia Niemann war beim Berliner George-Michael-Konzert: "Der Mann kann zwar singen, aber ein stilsicherer älterer Gentleman, der sein Alterswerk präsentiert, ist er nicht". Cristina Nord berichtet in ihrer Venedig-Kolumne über die Filme "Cut" von Amir Naderi und "Himizu" von Sono Sion.

Und Tom.

NZZ, 07.09.2011

Eine begeisterte Zwischenbilanz schickt Susanne Ostwald vom Lido, und in ihren Augen lässt Venedigs Festivaldirektor Marco Müller die Berlinale ganz schön blass aussehen: "Auffallend ist, dass Müller eine ganz andere Strategie als Kosslick verfolgt. Letzterer setzt insbesondere auf das Politkino, das an der Berlinale traditionsgemäss stark vertreten ist, zuletzt aber nur vereinzelt zu überzeugen wusste. Müller schert sich weniger um die mitunter etwas blasiert vorgebrachte Forderung nach der politischen Relevanz der Filme und setzt stärker auf solche, die die conditio humana beleuchten."

Weitere Artikel: Brigitte Kramer schreibt über den transatlantischen Brückenschlag von Amazon, das den spanischsprachigen Buchmarkt zwischen Europa und Lateinamerika vernetzen will: "Was Kulturminister nicht geschafft haben, das könnte nun amerikanischen Verkaufsplattformen gelingen". Ramon Schack besucht den Tartaren Mustafa Abdulcemil Kirimoglu, der sich seit Jahrzehnten dafür einsetzt, dass die 1944 von Stalin nach Zentralasien deportierten Tartaren auf die Krim zurückkehren können.

Besprochen werden ein "Fliegende Holländer" im Stadttheater Bern, Heinrich Wefings Bericht über den NS-Verbrecher Iwan Demjanjuk sowie Kinderbücher. (Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 07.09.2011

Eine Renaissance des Originals macht Lothar Müller mit Blick auf aktuelle Ausstellungen und den spektakulären Kunstfälscherprozess in Köln aus. Einen Widerspruch zu den immer perfekteren Möglichkeiten der digitalen Reproduktion sieht er darin nicht: Die Museen "wissen, dass ihre Originale im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit den Status gewonnen haben, den in der modernen Ökonomie das Gold gegenüber dem elektronisch zirkulierenden Geld innehat."

Weitere Artikel: Till Briegleb stellt die Arbeit der frischen Hamburger Kultursenatorin Barbara Kisseler vor, die Geld für den Kulturstandort Hamburg nicht nur fordert, sondern auch tatsächlich bekommt. Jörg Häntzschel wirft einen ob der "schieren Größe" befremdeten Blick auf die Gedenkstätte am "Ground Zero" in New York, die kommenden Sonntag eröffnet wird. Von "glanzvollen Konzerten" beim Festival Klang und Raum in Irsee berichtet Michael Stallknecht. Helmut Mauro hat den Nachruf auf den italienischen Tenor Salvatore Licitra verfasst, der 43-jährig bei einem Unfall ums Leben gekommen ist.

E lucevan le stelle:



Besprochen werden neue CDs, darunter das neue Album von "The Rapture", der neue Film von Aki Kaurismäki "Le Havre" (mehr), Berliner Theaternachwuchsaufführungen von Hauptmanns "Einsame Menschen" in der Schaubühne und Falladas "Jeder stirbt für sich allein" im Maxim Gorki Theater, und Bücher, darunter Art Spiegelmanns endlich auf Deutsch veröffentlichter Kunstcomic "Im Schatten keiner Türme" über den 11. September 2001 (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 07.09.2011

Verzückt steht Andreas Platthaus vor Dresdner Madonnen. Der besondere Clou der Ausstellung "Himmlischer Glanz" (Website) ist für ihn, trotz anderer Meisterwerke im Raum, doch die Begegnung der in Dresden ansässigen Sixtinischen Madonna und der unmittelbar zuvor fertiggestellten, nun aus Italien angereisten Foligna: "Die Foligna strahlt in kräftigen, beinahe poppigen Farben, während die Sixtina abgedämpfter denn je wirkt. Die Vatikanischen Museen haben kürzlich den alten Firnis ihres Bildes abgenommen, und so präsentiert sich Raffael darin wie im Farbenrausch."

Weitere Artikel: Beim Blick in amerikanische Zeitschriften stößt Jordan Mejias auch auf einen ziemlich verblüffenden Aufsatz in Foreign Policy, in dem Joshua S. Goldstein vorrechnet, dass das vergangene Jahrzehnt - jedenfalls in Kriegstoten gerechnet - das friedlichste der vergangenen hundert Jahre war. In der Glosse berichtet Kerstin Holm, dass der als eifriger Publizist tätige ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch nun als Plagiator entlarvt wurde. Bei ihren Auftritten beim spanischen "Quincena"-Festival in San Sebastian erfreut sich Christian Wildhagen an der Qualität der Rundfunkorchester des hr und des WDR. Rüdiger Suchsland berichtet von den Nebenreihen in Venedig.

Besprochen werden George Michaels Tourneeauftaktkonzert in Berlin, Gerhart Hauptmanns "Einsame Menschen" in der Inszenierung von Friederike Heller an der Berliner Schaubühne, Aki Kaurismäkis neuer Film "Le Havre" und Bücher, darunter Reinhard Kaiser-Mühleckers Roman "Wiedersehen in Fiumicino" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).