Heute in den Feuilletons

Wohliges Babyhautgefühl

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.09.2011. Christopher Hitchens rät in Slate gegen allzu viel Differenzierung im Falle Al Qaidas. In der FR erteilt Björk musikpädagogische Ratschläge: Nimm ein Sharpsichord und fang an. Die Welt hat herausgefunden: Die beiden gerade in Dresden ausgestellten Raffael-Madonnen waren nie ein Paar. Die Schuldenkrise konfrontiert uns unausweichlich mit unserem Niedergang, meint die SZ. Die NZZ guckt südkoreanische Fernsehserien.

Aus den Blogs, 06.09.2011

Differenzierung schön und gut, aber sie sollte uns nicht für die Sache blind machen, meint Christopher Hitchens in Slate in einem Artikel zum Jahrestag des 11. September: "To the government and most of the people of the United States, it seemed that the country on 9/11 had been attacked in a particularly odious way (air piracy used to maximize civilian casualties) by a particularly odious group (a secretive and homicidal gang: part multinational corporation, part crime family) that was sworn to a medieval cult of death, a racist hatred of Jews, a religious frenzy against Hindus, Christians, Shia Muslims, and 'unbelievers,' and the restoration of a long-vanished and despotic empire. To me, this remains the main point about al-Qaida and its surrogates."

Welt, 06.09.2011

Hundertprozentig zufrieden ist Hans-Joachim Müller mit der Präsentation der beiden Raffael-Madonnen in Dresden, deren eine vom Papst geliehen ist (und die in den Bildunterschriften der Zeitung genau falsch rum zugeschrieben werden) nicht. "Die beiden Bilder waren nie ein Paar, sind nie auseinandergerissen worden und haben genau besehen auch keine rechte Sehnsucht aufeinander", sagt er zuerst, und dann das Urteil über die Ausstellung: "So bestärkt sich schnell der Verdacht, dass auch hier wieder die drängende Konzeption darin bestand, ein paar prominente mit ein paar weniger prominenten Bildern in die Eventmaschinerie zu geben, um sie von ihr zum Ereignis auffrischen zu lassen."

Weitere Artikel: Lucas Wiegelmann ergründet die Position deutscher Kirchenfürsten zum Anti-Terror-Kampf. Berthold Seewald betrachtet die in Berlin ausgestellten kostaren Mauritius-Marken - die einem Publikum, das kaum mehr Briefe verschickt kaum mehr verständlich zu machen ist. Besprochen wird Hans Neuenfels' Autobiografie "Bastardbuch" (mehr hier).
Stichwörter: Berlin, Hans Neuenfels, Raffael

TAZ, 06.09.2011

Hans-Christoph Zimmermann hat beim Theaterspektakel in Zürich zwei Stücke aus Tunesien und Ägypten gesehen, die ziemlich wütend daherkamen: "Der Titel 'Lessons in Revolting' sei nicht nur als Anleitung des Revoltierens, sondern auch des Ekels und Kotzens gemeint, sagt die zurückhaltende ägyptische Regisseurin Laila Soliman."

Weitere Artikel: Mit ebenfalls unerquicklichen Gefühlen liest Micha Brumlik den Sammelband "The idea of communism", in dem die linken Galionsfiguren - Slavoj Zizek, Alain Badiou und Susan Buck-Morss - dem Stalinismus huldigen. Wenig Inspirierendes sah Cristina Nord in Venedig von Steve McQueen, Marjani Satrapi und Jonathan Demme.

Besprochen werden das Album "I'm With You" der Red Hot Chili Peppers und die Tagebücher von 1939 bis 1945 des Sozialdemokraten Friedrich Kellner "Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages).

Und Tom.
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FR/Berliner, 06.09.2011

Im Interview mit Robert Rotifer erzählt Björk, wie sie mit ihrem neuen Album "Biophilia", einem "Sharpsichord", einer vierarmigen Pendelharfe und jeder Menge Touchscreens und Apps die Musikerziehung auf Vordermann bringen will: "Alles ist so absurd akademisch. Als könnte man tanzen, weil man fünf Bücher darüber gelesen hat. Man muss es selbst tun, sonst lernt man es nie."

Einfach sensationell findet Nikolaus Bernau das neue Musikhaus von Helsinki, das reinste Finnland-Klischee: "Gesellschaftlich egalitär und harmoniesüchtig, ästhetisch fest in der Tradition der Moderne, kulturell musik- und naturverliebt, bildungshungrig - und urdemokratisch."

Außerdem: Martin Wilkening hört beim Berliner Musikfest Kompositionen von Hans Zender. Besprochen werden Aki Kaurismäkis antikapitalistisches Märchen "Le Havre", Hans Neuenfels' Inszenierung von Othmar Schoecks "Penthesilea" an der Frankfurter Oper ("großes Musiktheaterhandwerk", lobt Hans-Jürgen Linke), Friederike Hellers Inszenierung von Gerhart Hauptmanns "Einsame Menschen" an der Berliner Schaubühne und eine Heinz-Erhardt-Komödie in Frankfurt.

NZZ, 06.09.2011

Südkoreanische Fernsehserien erfreuen sich grenzenloser Beliebtheit, stellt Hoo Nam Seelmann fest und unterwandern erfolgreich das nordkoreanische Regime: "Sichtbar ist der Einfluss der Fernsehdramen in Nordkorea bereits. Immer mehr Frauen imitieren Mode, Frisur und Make-up der Protagonistinnen. Bestimmte Sprachwendungen, Akzente und Gesten tauchen im Alltag auf. Das Misstrauen gegenüber dem Regime ist gewachsen und so auch das kritische Potenzial. Noch ist das Netz von Zuschauern im Norden nicht engmaschig genug und die Angst vor der staatlichen Repression groß. Aber das wachsende Wissen vom Leben jenseits der Grenze wird Veränderungen ermöglichen, die eine Erosion von Innen bewirken können."

Auf der Medienseite betrachtet Ronald D. Gerste den großen Gedenkaufwand der amerikanischen Medien zum Jahrestag von 9/11. Ein weiterer Artikel reflektiert rückblickend die Lage an der "Nachrichtenfront" nach dem 11. September und beschreibt den Aufstieg von al-Dschasira.

Besprochen werden Massimo Furlans Stück "Schiller Thriller" beim Genfer Festival La Batie, Elizabeth Taylors wiederentdeckten Roman "A View of the Harbour", hier unser Vorgeblättert und Margit Schreiners "Die Tiere von Paris", ein Roman über die intellektuelle Teilzeitehe und einen despotischen Autoren-Ehemann (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 06.09.2011

Es ist ganz sinnlos, die Schuld an der Schuldenkrise hin- und herzuschieben, meint Gustav Seibt. Fest steht: Schulden müssen bezahlt werden. Und: "Die Schuldenkrise konfrontiert uns zum ersten Mal mit unserem Niedergang."

Weitere Artikel: "Mit wohligem Babyhautgefühl" nach dem Besuch in der Hotelsauna berichtet Christine Dössel vom Stage Theaterfestival in Helsinki, das einen Überblick über das gegenwärtige finnische Theater bietet. Susan Vahabzadeh hat bei den Filmfestspielen in Venedig unter anderen neue Filme von Todd Solondz und Steve McQueen gesehen. Beim Besuch in Madrid ließ sich Anti-Kapitalist Stephane Hessel von der spanischen Protestbewegung feiern, berichtet Camilo Jimenez. Für Michael Moorstedt ist "Deus Ex: Human Revolution" "eines der ambitioniertesten Videospiele der vergangenen Jahre". Glatt in Donaueschingen wähnte sich ein hocherfreuter Wolfgang Schreiber bei der Aufführung von Hans Zenders Zyklus "Logos-Fragmente" beim Musikfest Berlin. In Anekdoten schildert Lothar Müller das Verhältnis zwischen Loriot und Wolfgang Hildesheimer und wie daraus Loriots nacherzählte Version vom "Ring des Nibelungen" erwuchs.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Madonnen von Raffael, Dürer und Grünewald in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister, eine Ausstellung mit "Recherche-Kunst" von Natascha Sadr Haghighian in Barcelona, sowie viele Bücher, darunter "Eine Kugel im Leibe", eine Studie von Wolfgang Matz über das intellektuelle Verhältnis zwischen Walter Benjamin und Rudolf Borchardt (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 06.09.2011

Jordan Mejias wirft einen sehr ernüchterten Blick auf die entstehende gedenkarchitektonische Kompromissgeburt am Ground Zero. Stararchitekten wurden gerufen und wieder abserviert, idealistisch sprang man los, um in Rentabilitätserwägungen zu landen. Nur ein Beispiel: "Was bleibt zu tun für einen Architekten wie Calatrava, der mit weniger Geld als versprochen auszukommen hat? Er kann seine Zeichnungen einpacken und gehen. Oder er kann aufhören, Wunder zu vollbringen, und etwa die beiden gigantischen Schwingen des Hallendachs, die bei schönem Wetter auseinanderfahren sollten, in die Unbeweglichkeit zurechtstutzen. Calatravas Bahnhof wird gebaut, ohne die angekündigte Dach- und Lichtmagie."

Weitere Artikel: Bei den Filmfestspielen in Venedig zeigt sich Dietmar Dath von Tomas Alfredssons John-Le-Carre-Verfilmung "Tinker, Tailor, Soldier, Spy" außerordentlich beeindruckt. An die islamistischen Hintergründe einiger libyscher Rebellen erinnert Joseph Croitoru. Impressionen aus dem "Freizeitpark Frankreich" liefert Jürg Altwegg. Die von Audi für Autos gebaute Messehalle, in der während der Buchmesse die digitale Zukunft des Buches zur Ausstellung kommt, stellt Hannes Hintermeier schon einmal vor. Einen Krankenhausbesuch Wladimir Putins, für den zum Beispiel die Zufahrtsstraße mit Badeshampoo auf Hochglanz poliert wurde, schildert sehr sachlich Kerstin Holm. Paul Ingendaay erkennt in einem orthografisch fehlerhaften Brief der Ministerpräsidentin Madrids, in dem es ums Engerschnallen des Gürtels der Lehrer geht, ein wahres "Bildungsdesaster".

Besprochen werden die Uraufführung von Theresia Walsers Stück "Eine Stille für Frau Schirakesch" in Osnabrück, die Frankfurter Übernahme von Hans Neuenfels' Basler Inszenierung von Othmar Schoecks "Penthesilea"-Oper, eine Frankfurter Ausstellung zum Thema "Blickachsen" und Bücher, darunter eine neue Schubert-Biografie von Hans-Joachim Hinrichsen (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).