Heute in den Feuilletons

Die Nacktheit des anderen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.04.2011. Die Welt stellt den neuen Stern am Kunsthimmel vor: Cyprien Gaillard. In der Berliner Zeitung rät Hans Küng von der Seligsprechung Johannes Pauls II. ab. Die NZZ geht in die Neuköllner Oper. Die FAZ sorgt sich weiter um die digitale Privatsphäre.  Der FR graust beim Anblick von Ai Weiweis nackten Bäumen in einer Berliner Galerie. Und in der SZ gibt Barbara Gärtner zu: Sie setzt sich nur für Ai Weiwei ein, weil ihr das ein gutes Gefühl macht.

TAZ, 29.04.2011

Sebastian Fischer berichtet über eine Diskussion des obersten Datenschützers Peter Schaar und einiger Blogger, die Datenschutz für unmöglich halten. Warum sich also aufregen? "Der freie Publizist Christian Heller träumt von einer besseren Welt: 'Wenn alle nackt sind, interessiert sich niemand mehr für die Nacktheit des anderen.' Er glaubt, dass wir alle toleranter werden, wenn das Private öffentlich ist."

Außerdem: Mla. kommentiert den "größten Hack aller Zeiten". Dominikus Müller wirft einen Blick auf das Kunstaustauschprogramm thermostat, mit dem deutsche Kunstvereine und französische Centres d?art auf die Globalisierung der Kunst reagieren. Cristina Nord stellt im Kurzporträt den Regisseur Darren Aronofsky vor, der in diesem Jahr die Jury der Filmbiennale von Venedig leiten wird.

Besprochen werden das Album "Black Sun" des britischen Produzenten Kode9 und des Rappers The Spaceape und die CD "Angels Of Darkness Demons Of Light I" der amerikanischen Band Earth.

Und Tom.

Aus den Blogs, 29.04.2011

Facebooks Zensursystem erlaubt es jedem weinerlichen, bösartigen oder einfach neidischen Troll, Ihre Facebookseite in den Orkus zu befördern, schreibt Gawkers Andrian Chen. Gerade ist dies einigen prominenten Tech-Blogs passiert, darunter ars technica. Irgendjemand hat behauptet, sie würden Copyrights verletzen, Facebook hat sofort ohne Nachfrage ihr Profil gelöscht. "If people don't like what you're saying they can file a bogus complaint about your content with the click of a button and have a very good chance of getting your profile deleted. Opponents of contentious causes often take advantage of this, banding together to report their enemies' content. Last year, sex writer Violet Blue's page was taken down after complaints by anti-porn activists. And a number of users critical of Islam have found their accounts deleted after abuse complaints filed by members of a group dedicated to identifying non-believers and chasing them off the internet."
Stichwörter: Copyright, Facebook, Islam

Weitere Medien, 29.04.2011

(Via Kress) Lutz Knappmann meldet in der FTD: "Die öffentlich-rechtlichen Sender wollen gemeinsam mit zahlreichen deutschen Film- und Fernsehproduktionsfirmen ein Bollwerk gegen Youtube und andere Videoanbieter im Internet errichten. Unter dem Arbeitstitel 'Germany's Gold' entwickeln sie derzeit eine groß angelegte kommerzielle Onlinevideothek." Die Archivinhalte sollen gegen Geld und/oder mit Werbung präsentiert werden.
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FR, 29.04.2011

"Da wird ein Störfall zum Bildwerk", sagt Ingeborg Ruthe zu Ai Weiweis großer Bauminstallation in der Berliner Galerie Neugerriemschneider, "denn das sind keine im Ganzen konservierten Gewächse, es sind lauter Torsi, zersägt und zerstückelt, aber nach dem Willen des 53-jährigen Ai Weiwei in raffinierter - traditionell chinesischer - Stecktechnik und mit martialischen Eisenschrauben zusammengehaltene Fragmente von 'Lebewesen'." Die Ausstellung konnte von den chinesischen Behörden ungehindert ausreisen, informiert Ruthe.

Weitere Artikel: Ulf Erdmann Ziegler unterhält sich mit der Frankfurter Architektin Marie-Theres Deutsch über ein Gelände, das für das geplante Frankfurter Museum der Weltkuturen in Frage käme, ein Grundstück in der Nähe des Frankfurter Literaturhauses. Natalie Soondrum berichtet über das elfte japanische Filmfestival Nippon Connection in Frankfurt.

Besprochen werden ein neues Album der Band Fleet Foxes (Musik) und Eva Baronskys Roman "Magnolienschlaf" (mehr hier).

NZZ, 29.04.2011

Die Neuköllner Oper ist ein echter Erfolg, schreibt Sieglinde Geisel, jedenfalls beim Publikum aus Prenzlauer Berg, Charlottenburg und Steglitz. "Die einzigen, die man in der Neuköllner Oper kaum je antrifft, sind die Neuköllner selbst - abgesehen von den 'Kreuzköllnern', die das Grenzgebiet von Neukölln und Kreuzberg zum neuen Szeneviertel erklärt haben. Das übrige Neukölln dagegen befindet sich in einer sozialen Abwärtsspirale: Die Gewinner ziehen weg, denn sie wollen ihre Kinder nicht in die mit Problemen befrachteten Schulen schicken. Es bleiben die Verlierer. 'Die geistige und materielle Verarmung ist immens, sowohl unter den Migranten als auch den Deutschen', sagt [der künsterlische Leiter Bernhard] Glocksin, 'und wer solche Probleme hat, geht nicht ins Theater.'"

Im Aufmacher bereitet uns Marion Löhndorf auf die königliche Hochzeit vor. Der Autor Najem Wali, der Bagdad besucht hat, erzählt entsetzt von der latenten Todesfurcht, mit der man dort leben muss. Sabine Haupt hofft, dass der neue Leiter der Genfer Buchmesse, Patrick Ferla, ihr wieder etwas mehr literarisches Profil verleihen kann. Besprochen wird Dietmar Elfleins Heavy-Metal-Studie "Schwermetallanalysen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 29.04.2011

Silke Hohmann stellt den neuen Star am Kunsthimmel Cyprien Gaillard vor, dem sie zwar durchaus "pubertäre Freude am Krawumm" attestiert, aber auch den nötigen theoretischen Überbau: "Cyprien Gaillard hasst Architekten und Stadtplaner mit Nachdruck. Doch Rem Koolhaas' Bedenken teilt er: Verfall hat einen viel zu schlechten Ruf. In den Augen des 1980 in Paris geborenen Künstlers tun wir genau jenen Bauwerken Gewalt an, die wir bewahren wollen. Darum hat er in den Kunst-Werken Berlin ein Monument mit Verfalls-Beschleuniger gebaut: Eine Pyramide aus Bier."

Weiteres: Mara Delius erklärt uns zur Einstimmung auf die heutige Hochzeit die neue britische Middleclass und den alten Adel: "Wo es vornehm wird, ist es nicht elegant." Henryk Broder würdigt auf seine Art Günter Grass' Denkmal für die Göttinger Sieben. Jan Klüver war dabei, als Herta Müller und Norbert Lammert in Marbach über den moralischen Kredit der Literatur diskutierten. Paul Jandl sieht Anzeichen dafür, dass die Kärntner endlich ihren Frieden mit den in Kärnten lebenden Slowenen machen.

Berliner Zeitung, 29.04.2011

Im Interview mit Joachim Frank spricht sich Hans Küng gegen eine Seligsprechung des Papstes Johnnes Paul II. aus: "Er ist .. der zwiespältigste Papst des 20.Jahrhunderts und taugt nicht dazu, den Gläubigen als Vorbild präsentiert zu werden."
Stichwörter: Hans Küng, Seligsprechung

FAZ, 29.04.2011

In ihrer "Aus dem Maschinenraum"-Kolumne kommentiert Constanze Kurz die jüngsten Datenlecks bei Apple und Sony: "Vielleicht sind die Problemfälle Apple und Sony ja der lang erwartete Wendepunkt im Umgang von Herstellern und Netzbetreibern mit den Daten ihrer Nutzer. Das ewige Problem mit der digitalen Privatsphäre ist eben immer noch: Man merkt selten, wie angenehm es ist, sie zu haben. Man merkt aber manchmal schmerzlich, was es bedeutet, keine Privatsphäre mehr gewährt zu bekommen."

Der neue Sender ZDFKultur (für den der Theaterkanal aufgegeben wird) soll vor allem das Rentnerimage des ZDF bekämpfen, meint Tomasz Kurianowicz auf der Medienseite, nachdem er der Vorstellung des Konzepts für ZDFKultur beigewohnt hat: "Der Blick ins Programmheft belegt, dass die Ausrichtung eine eingleisige Jugendoffensive ist: Indie-Musik-Programme, Pop-Sendungen mit jungen Moderatoren wie Katrin Bauerfeind und Live-Übertragungen von Rock-Konzerten sind die wesentlichen Bestandteile des Portfolios." Und klassische Kultur wird in den finanziell ausgedörrten Sender 3sat abgeschoben.

Weitere Artikel: Nicht für Gesetzesverschärfungen, aber für schnelleres und schärferes Handeln der Justiz plädiert anlässlich der jüngsten Fälle von Straßengewalt in Berlin Regina Mönch. In der Glosse erklärt Karen Krüger, wie die türkische Regierung die gar nicht so seltenen Frachterzusammenstöße am Bosporus zukünftig unterbinden will. Über Indizien, dass die Hisbollah und Sicherheitskräfte des Iran in Syrien auf der Seite des repressiven Regimes gegen die Protestierenden vorgehen, berichtet Joseph Croitoru. Gina Thomas liefert einen Stimmungsbericht aus Großbritannien am Tag der viel übertragenen Hochzeit. Über neue Erkenntnisse zum Pergamonaltar und ihre mögliche Deutung denkt der Archäologe Bernard Andreae nach. Informationen zum aktuellen Stand im Ringen um den Verkauf des Karl-May-Nachlasses informiert Peter Schilder.

Besprochen werden eine "Lorenzo Lotto"-Ausstellung in den Scuderie del Quirinale in Rom, Emmanuel Laurents Nouvelle-Vague-Doku "Godard trifft Truffaut", Justin Lins rasender Film "Fast and Furious Five" und Bücher, darunter Esther Kinskys Gedichtband "Die ungerührte Schrift des Jahres" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 29.04.2011

Barbara Gärtner ist der entschiedene Wille anzumerken, die westlichen Protestaktionen gegen die Verschleppung Ai Weiweis irgendwie problematisch zu finden. Mit Gründen wie diesen: "All das Mahnen und Demonstrieren und Unterschreiben aber, das machen wir, so ehrlich sollten wir sein, auch für unser eigenes Gefühl. Wenn die Sehnsucht übermächtig wird und der Realitätsbezug klein ist, dann könnte man auch Kitsch dazu sagen. Insofern wird mit all den Wir-tun-was-Aktionen das tatsächliche Leid von Ai Weiwei benutzt."

Weitere Artikel: Willi Winkler war dabei, als in Göttingen das von Günter Grass entworfene Göttinger-Sieben-Denkmal (Winkler: "ein Ding von ostblockhafter Scheußlichkeit") vom Künstler selbst einer Öffentlichkeit übergeben wurde, die pflichtgemäß staunte: "Das rostet ja schon!" Über die Plünderung von Archiven und Kirchen in Tschechien nach 1989 berichtet Klaus Brill. Dorion Weickmann porträtiert den Choreografen Nasser Martin-Gousset (Video). Als aufgewärmte Verschwörungstheorie sieht Thomas Urban die These Rolf Hochhuths, Winston Churchill habe im Jahr 1943 den polnischen Exil-Premier Wladyslaw Sikorski ermorden lassen. Inga Rahmsdorf informiert über den Streit unter Fachleuten um die Länge römischer Schiffe.

Besprochen werden die Uraufführung des irgendwas-daran-ist-vermutlich-wirklich von-Shakespeare-Stücks "Double Falsehood" in Stratford-upon-Avon, die Performance-Installation "Die Hundsprozesse" der Gruppe Signa (mehr bei der Nachtkritik), eine große "Joan Miro"-Ausstellung in der Tate Modern, die aus dem Umfeld der Tea Party finanzierte amateurhafte und in den USA schnell abgesoffene Ayn-Rand-Verfilmung "Atlas Shrugged" und Bücher, darunter der neue Oliver-Sacks-Band "Das innere Auge" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).