Heute in den Feuilletons

Die Trennung von Körper und - ja was?

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.03.2011. Angesichts der Katastrophe in Japan kommt uns die Feuilletonrundschau ziemlich unwichtig vor. Hier ist sie dennoch: In der taz berichtet Ulrich Enzensberger von einer Vortragsreise nach Venezuela. In der Berliner Zeitung freut sich Salman Rushdie über den Aufbruch in Ägypten. In der NZZ erzählt John le Carre die Wahrheit über den Kapitalmarkt.

TAZ, 12.03.2011

Nüchtern berichtet der Autor Ulrich Enzensberger von einer Vortragsreise nach Venezuela, in ein Land, von dessen Ölreichtum er dabei wenig spürt: "In der außerhalb der Stadt gelegenen, technisch ausgerichteten Universidad Simon Bolivar, der die Regierung den Geldhahn zudrehte, halte ich einen Vortrag über 1968 in Westberlin. Meine Zuhörer können sich die Begeisterung manch deutscher Venezuela-Besucher über den 'Sozialismus des 21. Jahrhunderts' nicht erklären. Die unabhängige venezolanische Studentenbewegung ist jetzt vier Jahre alt. Sie hat Knüppeln, Gummigeschossen, Tränengasgranaten und Kugeln getrotzt. Regierungskritische Demonstranten wurden erschossen, die maskierten Täter aber nicht zur Rechenschaft gezogen."

Weitere Artikel: Jenni Zylka hat die Fernsehausstrahlung von Karl Theodor zu Guttenbergs großem Zapfenstreich gesehen. David Denk war dabei, als Peter Richter sein Buch "Über das Trinken" vorstellte. Auf der Berlin-Seite weist Bert Rebhandl auf die Arsenal-Retrospektive zum katalanischen Regisseur Pere Portabella hin. Abgedruckt wird eine Erzählung von Jochen Schimmang mit dem Titel "Guthermut und Rothermund". In der "Leuchten der Menschheit"-Kolumne kommentiert Andreas Fanizadeh Walter Kohls Bestseller "Leben oder gelebt werden".

Besprochen werden die Ausstellung "Kompass - Zeichnungen aus dem Moma New York" im Berliner Martin-Gropius-Bau, Mary Ochers erstes Soloalbum "War Songs" und Bücher, darunter William Voigts Filzgeschichte der aktuellen saarländischen Koalition "Die Jamaika-Clique" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Und Tom.

Weitere Medien, 12.03.2011

Japan droht eine nukleare Katastrophe. Im Atomkraftwerk Fukushima soll es eine Explosion gegeben haben. Ein Regierungssprecher erklärte, es sei möglich, dass gerade eine Kernschmelze ablaufe, meldet die FAZ hier und hier. Hier die vom Erdbeben stark zerstörte Stadt Sendai in besseren Tagen: Ein Film über Toyo Itos "Sendai Media Center" auf dem Blog ArchTalks:


Welt, 12.03.2011

Neil Tennant erklärt im Interview, was ihn an Christian Andersens Märchen "Das Unglaublichste" fasziniert, zu dem die Pet Shop Boys eine Ballettmusik komponiert haben: "Die Pointe des Märchens, nachdem die Prinzessin den Erfinder geheiratet hat, lautet: 'Nicht ein Neider war da - ja, das war das Unglaublichste!' Dieses heitere Ende hat einen bitteren Nachgeschmack. Denn was Andersen, dieser schwule Mann und zugleich neben Charles Dickens Europas berühmtester Autor, in Kopenhagen tagtäglich erlebte, waren Neid und Missgunst. Es heißt, er habe nie die Liebe seines Lebens gefunden, von einem erfüllten Sexualleben ganz zu schweigen."

Weiteres: Berthold Seewald erinnert an den amerikanischen Bürgerkrieg vor 150 Jahren. Alan Posener lädt Necla Kelek zum Essen ein. Silke Wichert berichtet von den Pret-a-Porter-Schauen in Paris. Besprochen wird eine Choreografie des London Royal Ballet zu Lewis Carrolls "Alice im Wunderland".

Ausschließlich Rezensionen in der Literarischen Welt. Besprochen werden unter anderem Peter Handkes Erzählung "Der große Fall" ("Wie so oft erteilt uns der Schrift- und Fallensteller Lektionen in der Hohen Schule des Sehens: Wer solche Gabe nicht besitzt, muss Handke lesen", meint Ulrich Weinzierl), Michel Houellebecqs Roman "Karte und Gebiet", die Gedichte Kurt Drawerts in einer Gesamtausgabe ("Seine Schwärze ist nicht angepasst von einem schicken Couturier; sie ist seine Verfasstheit", schreibt Fritz J. Raddatz, der Drawerts Gedichte gegen die "Kunstperlenproduktion eines Durs Grünbein" hält), Hans Magnus Enzensbergers Essay "Sanftes Monster Brüssel" und Hannelore Schlaffers Studie "Die intellektuelle Ehe".
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NZZ, 12.03.2011

John le Carre beschreibt in seinem neuen Roman "Verräter wie wir" die Korrumpierbarkeit des internationalen Kapitalmarktes. Stimmt alles, versichert er im Interview: "Natürlich würde man sofort die Polizei rufen, wenn Sie mit 10.000 Dollar in einem Koffer in eine britische Bank hineinspazierten: Aber wenn Sie Orlow hießen, von Ihren Hotel- und Restaurantketten erzählten und das Empfehlungsschreiben eines Moskauer Anwalts bei sich hätten, das Sie als ehrenwerten Mann ausweist, würde der Bankier Ihre 500 Millionen Dollar gern nehmen und lediglich sagen: 'Nun, ich bin ja kein Polizist.' Dies ist keineswegs das Hirngespinst eines Schriftstellers: Barclays, ABN Amro, Credit Suisse, um nur ein paar Namen zu nennen, mussten unlängst mehrere hundert Millionen Dollar Strafe zahlen, weil sie die Herkunft von Geld in Milliardenhöhe nicht nachweisen konnten."

Außerdem: John Berger besuchte im Herbst 2010 die große Basquiat-Retrospektive der Fondation Beyeler in Paris. Im Feuilleton erzählt Susanne Landwehr von den Schätzen, die bei der Renovierung der Hagia Sophia entdeckt wurden. Ranjit Hoskote beschreibt seinen digitalen Alltag.

Besprochen werden eine Ausstellung der dreitausend Jahre alten Skulpturen vom Tell Halaf im Pergamonmuseum, Uraufführungen beim Berner Ballett, Dusan David Parizeks Inszenierung von Kleists "Käthchen von Heilbronn" und Bücher, darunter Michail Schischkins Roman "Venushaar", David Albaharis kleine Prosa "Die Kuh ist ein einsames Tier" und Milovan Danojlics Briefroman "Mein lieber Petrovic" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr.

FR, 12.03.2011

Geradezu eine Offenbarung ist es für Peter Michalzik, die Schauspielerin Kathleen Morgeneyer sterben zu sehen, wieder und wieder, in der von "Auftrag:Lorey" eingerichteten Performance "Horror Vacui": "Fast eineinhalb Stunden tut Morgeneyer nichts als Tode zu spielen, zu sagen, zu behaupten. Sie steht auf einer großen weißen Bühne allein da, schaut uns an und sagt, dass sie gerade gestorben ist. Oder sie schießt sich in den Kopf und fällt um. Und wiederholt und wiederholt das. (...) Jedes Spiel vom Tod spielt mit der Trennung von Körper und - ja was? Ich, Geist, Seele."

Weitere Artikel: Weit, sehr weit holt der Schriftsteller Ralf Bönt aus, um anlässlich der Causa Guttenberg das schwierige Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft zu klären. In einer Times Mager kommt Hans-Jürgen Linke mit den welterschütternden Ereignissen des Jahrs 2011 schon gar nicht mehr mit. Harry Nutt unterhält sich mit Hilde Schramm, der Mitbegründerin der Stiftung "Zurückgeben", die mit Geldern aus dem Erbe ihres Vaters Albert Speer ins Leben gerufen wurde. 

Besprochen werden ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters unter Eliahu Inbal mit Musik von Webern bis Schostakowitsch, und Bücher, darunter Cora Stephans Desillusionierungsgeschichte "Angela Merkel - ein Irrtum" und Karl-Ove Knausgards Roman "Sterben" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Berliner Zeitung, 12.03.2011

Im Interview mit Martin Scholz spricht Salman Rushdie auch über den Umsturz in Ägypten: "Wir dürfen uns durch das Tempo dieser Umwälzungen keinen Illusionen hingeben: Der Wandel wird in der Region nicht über Nacht passieren, das wird eine Generation oder noch länger dauern. Dennoch: Wenn beispielsweise in Ägypten nach dem Abgang Mubaraks auch noch die ideologische Tyrannei beendet wird, kann dort eine moderne Gesellschaft entstehen. Das ist auch eine der Grundvoraussetzungen dafür, dass es diesen Ländern wirtschaftlich besser geht."
Stichwörter: Ägypten, Salman Rushdie

SZ, 12.03.2011

Der Internet-Skeptiker Evgeny Morozov kann schlecht leugnen, dass das Netz zur Mobilisierung des Widerstands in Ägypten massiv beitrug. An seiner Auffassung, dass klügere Diktatoren das Netz mindestens genauso gut benutzen können wie ihre Opponenten, ändert das freilich nichts: "Es war nicht das Internet, das Mubarak entmachtete. Es war Mubaraks vollkommene Ahnungslosigkeit, was das Internet betrifft." Das klingt ja nun fast bedauernd!

Weitere Artikel: In Khalid al-Khamissis Kairo-Kolumne erfährt sein christlicher Taxifahrer am Steuer vom Tod seines Sohnes bei einer Protest-Demonstration gegen die Zerstörung einer koptischen Kirche. Andreas Zielcke erklärt, warum der Schweizer Sterbehilfe-Verein "Dignitas" mit einer Klage gegen Michel Houellebecqs neuen Roman nicht durchkam (mehr in der FAZ). An die italienische Revolution vor 150 Jahren erinnert ganzseitig Gustav Seibt. Auf gleich zwei Seiten wird der Frage nachgegangen, warum die skandinavische Kriminalliteratur - vor allem in Deutschland - so erfolgreich ist. Angekündigt wird bereits eine in der kommenden Woche erstmals erscheinende neue Krimikolumne.

In der SZ am Wochenende gibt es die Erzählung "Der Tag, als Stig Göstasson beerdigt wurde" von Ulf Erdmann Ziegler zu lesen.

Besprochen wird Hans Falladas erstmals in ungekürzter Fassung vorliegender Roman "Jeder stirbt für sich allein" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 12.03.2011

Den Essay von Nicole Krauss aus dem New Republic über den Tod der Buchhandlungen hat die FAZ übersetzt. "Tahrir - ein Platz rockt die Welt" - auf der Tourismusbörse in Berlin tun die Ägypter ihr Bestes, Revolutionstouristen in ihr Land zu locken, berichtet Jakob Strobel y Serra. Jürgen Dollase lobt klassische Kochmethoden im Landhaus Bacher. Für Jordan Mejias ist in Amerika eine Hexenjagd auf Muslime im Stil von McCarthy im Gange. Ute Mings erzählt vom Leben mit ihrem Adoptivsohn.

Besprochen werden ein "bezaubernder" "Siegfried" an der Pariser Oper, die Ausstellung "Kompass" mit Zeichnungen aus New Yorks Moma im Berliner Martin-Gropius-Bau, einige CDs, darunter zwei Neuaufnahmen der "Kunst der Fuge" mit Musica Antiqua Köln und der Akademie für alte Musik Berlin, und Bücher, darunter Michel Houellebecqs Künstlerroman "Karte und Gebiet" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Den Aufmacher der Literaturbeilage widmet Felicitas von Lovenberg Lionel Shrivers Krebs-Roman "Dieses Leben, das wir haben" (wir werten die Beilage in den nächsten Tagen aus).

In Bilder und Zeiten schreibt Daniela Roth über das "Festival Mondial des Arts Negres" im Dezember 2010 in Dakar. Stefan Sienerth, Direktor des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas in München, stellt fest, dass der Inhalt der Securitate-Akte des IM Claus Stephani doch in einigem von Stephanis eigener Darstellung der Geschichte abweicht. Thomas David besucht den irischen Erzähler William Trevor in Devon.

In der Frankfurter Anthologie stellt Marie Luise Knott ein Gedicht von Franz Josef Czernin vor:

"zwischen bögen, über felder,
macht der ton die türen auf,
lacht die not die tiere drauf,
..."