Heute in den Feuilletons

Literarische Anfütterung

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.01.2011. In der FR attackiert Theodor Buhl ("Winnetou August") seinen Kollegen Günter Grass, dessen "Blechtrommel" er gnadenlose Verdrängung vorwirft. Die NZZ wundert sich über die verschämte Anonymisierung der beiden deutschen Staatsgeiseln des Iran, Marcus Hellwig und Jens Koch. Die Zeit nennt die Namen zum ersten Mal. Die Welt hat eine gute Nachrichten: Erstmals wollen deutsche Theaterintendanten auch für sich selbst einen Moralkodex schaffen. Die SZ entwickelt einen höchst fälligen Würgreflex angesichts der immer häufigeren Marshmallows in unseren Stadtbildern.

Welt, 05.01.2011

Martin Eich berichtet von einer Tagung deutscher Intendanten, die nach einem mauen Theaterjahr offenbar recht verkatert waren, und nicht mehr nur dem unbeliebten Kapitalismus, sondern sogar sich selbst einen Moralkodex auferlegen wollen: "Dass diese Theaterleiter trotz üppiger Gehälter auch an anderen Häusern inszenieren, gleichzeitig aber gerne den Duktus des Klassenkämpfers bemühen und zum mentalen Barrikadenbau aufrufen, wird inzwischen selbst von nachsichtigen Kollegen als Problem begriffen."

Weitere Artikel: Werner Bloch sprach mit mit dem weißrussischen Journalisten Ales Kudrytski: "Unsere ganze Arbeit seit dem 19. Dezember ist laute Kritik, anders kann es auch gar nicht sein, wenn im Land nichts als lärmende Gesetzlosigkeit herrscht." Ralf Niemczyk konstatiert, dass das Ruhrgebiet nach dem Ende des Kulturhauptstadtjahrs in die vorherige Banalität zurückgefallen ist ("Weder Software entwickelnde Teilzeit-DJs noch metrosexuelle Hutdesigner im Dutzend... sind in die renovierten Kreativquartiere gezogen"). Alan Posener stellt in einem kleinen Text zum fünfzigsten Jubiläum von Hannah Arendts "Eichmann in Jerusalem" fest, dass Arendt den Antisemitismus Eichmanns verkannte. Hannes Stein liest Mark Twains Autobiografie, die in den USA überraschend zum Bestseller wurde. Und Kai Luehrs-Kaiser gratuliert Alfred Brendel zum Achtzigsten.

FR, 05.01.2011

Harry Nutt unterhält sich mit dem Autor Theodor Buhl, dessen später Erstling "Winnetou August", grundiert von persönlichen Erlebnissen, von der Vertreibung handelt. Die beiden reden auch über Grass' "Blechtrommel", der Buhl vorwirft, die Ereignisse drastisch zu verharmlosen: "Am Ende läuft es darauf hinaus; denn er wusste doch, dass in Danzig jede zweite Frau durch Sowjetsoldaten vergewaltigt worden ist und wie das geschehen ist, und wenn er das wegschiebt und seinen Homunkulus sagen lässt, 'die Russen probierten Nähmaschinen, Fahrräder und Frauen aus' und das das Resümee des massenhaften Verbrechens sein soll, dann wird hier ein Grundstein gelegt für die mitleidlose Verdrängung..."

Arno Widmann bespricht keineswegs nur freundlich Enzensbergers neueste Schnurren über seine Flops: "Das Reportagemagazin Transatlantik fehlt nicht in der Aufstellung der Flops. Aber weit davon entfernt, sich Gedanken zu machen, wie die literarische Anfütterung ein journalistisches Genre versaute, klagt Enzensberger fast rührend über das 'mörderische Geschäft am Zeitungskiosk'.".

Außerdem gratuliert Daniel Kothenschulte Hayao Miyazaki zum Siebzigsten. Jürgen Otten gratuliert Alfred Brendel zum Achtzigsten. Besprochen werden außerdem Emmanuel Lepages und Sophie Michels Comic "Oh diese Mädchen" und eine Studie Georges Didi-Hubermans über Aby Warburg (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 05.01.2011

Stefan Niggemeier schreibt eine Art offenen Brief an die ARD-Vorsitzende Monika Piel, deren zahllose Interviews in den letzten Tagen auch ein paar echte Kracher enthielten. Zum Beispiel scheint sie von einem Burgfrieden mit den Verlegern zu träumen, indem sie ihnen verspricht, ihnen bei ihren neuesten Ipad-Strategien zu helfen. "Unter bestimmten Bedingungen wollen Sie öffentlich-rechtliche Inhalte, die für Geräte wie das iPad aufbereitet wurden, nur noch gegen Geld zugänglich machen. Ich habe Neuigkeiten für Sie, Frau Piel: Wir haben diese Inhalte schon bezahlt. Diese Inhalte gehören uns. Nicht im juristischen Sinne, aber in jedem anderen."

Henning Mankell
wird im deutschen Fernsehen hoch und runter genudelt. Die Blutrünstigkeit seiner Krimis korrespondiert dabei mit einem "nekrophilen Wunsch nach dem Armageddon", meint Alex Feuerherdt in Lizas Welt. Und er zitiert aus einem Guardian-Artikel Mankells, der das Selbstmordattentat des jungen Islamisten Taimour Abdulwahab in Stockholm vor Weihnachten ausgerechnet auf die "Islamophobie" des Westens zurückführt, Zitat Mankell: "War das nicht exakt das, was wir erwartet hatten? Eine Situation, in der die Extremen, die Verzweifelten und die Wütenden die westliche Welt angriffen, die so lange die muslimischen Länder gedemütigt hatte." Kommentar Feuerherdt: "Womöglich hatte Abdulwahab aber auch einfach nur zu viele schlechte Wallander-Krimis gelesen."
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Tagesspiegel, 05.01.2011

Malte Lehming verweist auf eine etwas verzerrte Wahrnehmung der UNO bezüglich der Christenverfolgung in vielen Ländern: "Seit 1948 hat sich der UN-Sicherheitsrat in 225 Resolutionen mit Israel befasst. In einer davon beschwert sich Argentinien im Jahre 1960, dass Israel bei der Entführung von Adolf Eichmann seine nationale Souveränität verletzte. In einer anderen, 20 Jahre später, wird Israels Angriff auf Saddam Husseins Atomreaktor aufs Schärfste kritisiert. Jetzt kommt die Preisfrage: Und wie oft hat sich der UN-Sicherheitsrat mit der zunehmenden Christenverfolgung besonders in islamischen Ländern befasst? Wie oft hat er eine Resolution verabschiedet, die in den Massakern eine Bedrohung des Friedens sieht? Antwort: kein einziges Mal."

TAZ, 05.01.2011

Sven von Reden hat sich Rob Epstein und Jeffrey Friedman habe die Geschichte um den Prozess von Allen Ginsbergs als "obszön" gebrandmarktes Gedicht "Howl" verfilmt, Sven von Reden kann Entwarnung geben: "Letztlich übersteht Ginsbergs Gedicht die hermeneutische Attacke von allen Seiten recht gut." Claudia Gass freut sich, dass Eric Gauthiers Tanz-Ensemble auch unter freischaffenden Bedingungen reüssiert. Rudolf Balmer schreibt den Nachruf auf die Autorin und DDR-Literaturfunktionärin Eva Strittmatter.

Und Tom.
Stichwörter: Rudolf Balmer

NZZ, 05.01.2011

Ulrich Schmid wundert sich über den Aufruf, den Bild am Sonntag für die beiden Staatsgeiseln des Iran Marcus Hellwig und Jens Koch lanciert hat: "So klar die Sprache in diesem Aufruf ist, so paradox erscheint er, denn noch immer werden die beiden in Täbris festgesetzten Deutschen nicht beim Namen genannt. Es ist ein fast grotesker Vorgang. Einerseits greift man zum Mittel der Publizität, da die stille Diplomatie offensichtlich nichts fruchtete. Anderseits beweist man Willfährigkeit gegenüber Teheran exakt dadurch, dass man die beiden Journalisten verschämt anonymisiert, um den Goodwill Irans zu stimulieren. Einer solchen Kampagne wird kein Erfolg beschieden sein. Wenn sich das Volk für das Schicksal Kochs und Hellwigs interessieren soll, müssen diese beim Namen genannt werden."

Susanne Ostwald verneigt sich vor Hayao Miyazaki, dem großen Meister des Animationsfilms, der heute siebzig wird. Ulrich Ruh exerziert Ernst Kantorowiczs Begriff von den "zwei Körpern des Königs" am Beispiel der letzten beiden Päpste durch.

Besprochen werden eine Giacometti-Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg, Toby Lesters Geschichte einer Weltkarte "Der vierte Kontinent" und Jan-Werner Müllers Schrift "Verfassungspatriotismus" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FAZ, 05.01.2011

Die Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher hält es für möglich, dass der ägyptische Staat die Terroristen bei ihrem Silvesteranschlag auf die Kopten hat gewähren lassen. Zur Missachtung der Rechte von Christen würde es ihrer Ansicht nach jedenfalls passen: "Rechtlich waren und sind Christen in islamischen Gesellschaften nachgeordnet, benachteiligt, Bürger zweiter Klasse. Ihnen sind höhere Posten in der Armee und dem Staatsdienst, an der Universität und bei den Sicherheitskräften grundsätzlich verwehrt. Dadurch, dass in Ägypten die Religionszugehörigkeit im Pass vermerkt ist, kommt es im Alltag zu vielen Diskriminierungserfahrungen."

Weitere Artikel: Jürg Altwegg erzählt, dass der 93-jährige Stephane Hessel seine kurze Streitschrift "Indignez vous" ("Empört euch", mehr hier) für den Radikalpazifismus und wider Finanzkapitalismus, Israel und andere Malaisen der Gegenwart bereits 400.000-fach verkauft hat. Von einer neuen Studie aus Andalusien zu den Mordopfern des Bürgerkriegs und des Franco-Regimes berichtet Paul Ingendaay. Dem nicht mehr auftretenden Pianisten Alfred Brendel gratuliert Julia Spinola zum Achtzigsten. Auf der DVD-Seite empfiehlt Dominik Graf den in Würzburg und anderen süddeutschen Städten spielenden Hollywood-Trümmerfilm "Entscheidung vor Morgengrauen". Außerdem geht es um Ridley Scotts "Robin Hood" und Werner Herzogs Doku "Begegnungen am Ende der Welt". In den Geisteswissenschaften erzählt Anton Holzer die Geschichte des "unaufhaltsamen Abstiegs" der Helene Odilon, um 1900 einer der großen Theaterstars in Wien.

Besprochen werden die Louise-Bourgeois-Ausstellung "Moi, Eugenie Grandet" in der Pariser Maison de Balzac, und Bertrand M. Patenaudes Geschichte der letzten Jahre des Leo "Trotzki" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 05.01.2011

Endlich spricht's mal einer aus! Ira Mazzoni hält ein Plädoyer gegen die überall grassierenden und ökonomisch offenbar gar nicht so sinnvollen Wärmedämmplatten: "Die meisten Häuser erhalten Fassaden, die so gedunsen aussehen, als seien sie aus Marshmallow, am besten noch in dazu passenden süßlichen Farben. Schon das erste angelehnte Fahrrad, der erste verschossene Ball hinterlässt eine Delle. An geschützten Stellen fangen neugierige Passanten an zu popeln."

Auf der Medienseite meldet Johannes Kuhn: "Aktuelle Verkaufszahlen zu den iPad-Titeln amerikanischer Medienhäuser zeigen, dass viele Magazine herbe Absatzprobleme haben." Die Absatzzahlen für die Wired-App sind von 100.000 auf 22.000 gesunken.

Weitere Artikel: Susan Vahabzadeh beobachtet John Malkovich bei den Proben zu seinem Wiener "Casanova"-Auftritt. Patrick Roth unterhält sich mit Christina Aguilera über ihren neuen Film "Burlesque". Fritz Göttler freut sich auf die neuesten Filme von Jean-Marie Straub am Wochenende im Münchner Filmmuseum. Dorion Weickmann berichtet, dass der "Tanzplan Deutschland", eine Förderung der Tanzszene in Deutschland durch die Bundeskulturstiftung, nach fünf Jahren endet. Schließlich gibt es einige Geburtstagsglückwünsche u.a. für Alfred Brendel.

Zeit, 05.01.2011

Hani Shukrallah, langjähriger Chefredakteur der englischen Ausgabe der ägyptischen Zeitung Al Ahram, klagt im Politikteil nach dem Anschlag auf eine koptische Kirche in Alexandria Heuchelei und Doppelmoral auch unter moderaten Muslimen an: "Ich klage jene unter uns an, die sich lautstark über die Entscheidung empört haben, dass der Bau eines muslimischen Zentrums in der Nähe des Ground Zero in New York gestoppt werden sollte, und auf der anderen Seite applaudieren, wenn die ägyptische Polizei den Bau eines Treppenhauses in einer koptischen Kirche im Kairoer Omranya-Bezirk zum Stillstand bringt."

Mariam Lau ist angesichts der Geiselnahme der beiden deutschen Journalisten Marcus Helwig und Jens Koch jetzt doch für eine härtere Gangart gegenüber dem iranischen Regime und nennt auch ausdrücklich die Namen.

Özlem Topcu, eher säkulare Reporterin der Zeit, erzählt in einem lesenswerten Dossier, wie sie mit ihrer Bekannten, der strenggläubigen Sevgi Erdem, zum Hadsch nach Mekka gereist ist. An der Kaaba machte sie ein erschreckendes Erlebnis: "Verdammt, was ist das? Ich bin in ein archaisches Event geraten, das man perfekter nicht hätte inszenieren können: Eine Masse kreist um einen Kern. Bin ich jetzt der willenlose Teil eines Kollektivs? Ja, das bin ich - und ich fühle mich wohl damit."

Vor 200 Jahren hat Heinrich von Kleist Henriette Vogel und sich am Berliner Wannsee erschossen, das Feuilleton läutet das Kleist-Jahr ein. Jan Philip Reemtsma spricht im Interview mit Ulrich Greiner und Adam Soboczynski über die Gewalt bei Kleist, sein "Konsequenztalent" und "terroristisches Gedankengut": "Kleist war ein Theoretiker des ungerechten Krieges. Wenn die Franzosen zivilisiert auftreten, muss man ihnen erst recht barbarisch gegenübertreten. So dachte er, ganz im Sinne des 20. Jahrhundert."

Außerdem erklärt Adam Soboczynski die anhaltende, von Kleist ausgehende Faszination: "Was immer Kleist anpackte, misslang grandios." Mehrere Autoren antworten auf die Frage, wie gefährlich Kleist ist. Peter Kümmel findet "Gewaltentzücken und Wutglück" in Kleist Theaterstücken. Ijoma Mangold beschreibt die Geschichte seiner politischen Dienstbarmachung. Und Ulrich Greiner untersucht Kleists Sprache.

Weitere Artikel: Ursula März porträtiert Bestsellerautor Richard David Precht. Peter Sloterdijk erweist dem verstorbenen Umweltpolitiker Hermann Scheer seine Reverenz und stellt dessen letztes Buch "Der energethische Imperativ" vor. Und Sven Behrisch porträtiert das Oberhaupt der Muslimischen Gemeinschaft Italiens, Scheich Palazzi, der den Muslimen aus dem Koran erklärt, warum man als Muslim Zionist sein muss. Besprochen werden unter anderem Ashgar Farhadis iranischer Film "Elly", Peter Greenaways demnächst auf arte gezeigter Film über Rembrandts "Nachtwache", Frederic Beigbeders "Französischer Roman" und Karen Duves Selbstversuch "Anständig essen" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).