Heute in den Feuilletons

Anlass zur Theoriebildung

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.01.2011. In der taz spricht der iranische Filmemacher Rafi Pitts über einen Raum im Teheraner Filmmuseum, in dem Jafar Panahis Preise ausgestellt werden. Er ist größer als Panahis Gefängniszelle. Neunetz kann die Ansichten der ARD-Vorsitzenden Monika Piel über die "Geburtsfehler des Internets" nicht teilen. Christopher Hitchens gießt in Slate das Wasser über den Teebeutel und lehnt jede andere Methode rundweg ab. In der FAZ schildert der Autor  Michael Hvorecky das so gut wie nicht mehr existente afghanische Literaturleben.

TAZ, 04.01.2011

Ines Kappert unterhält sich mit dem mittlerweile in Paris lebenden iranischen Filmemacher Rafi Pitts über das Schicksal seines eingekerkerten Kollegen Jafar Panahi, dessen Filmpreise im Teheraner Filmmuseum in einem Raum ausgestellt werden, der größer ist als seine Zelle: "Das Regime schmückt sich noch immer mit seinem Ruhm und zerstört seine Existenz wegen einer Idee zu einem Film."

In seiner Kolumne plädiert Micha Brumlik dafür, Antisemitismus, Islamkritik, Islamfeindlichkeit und Islamophobie sehr genau auseinanderzuhalten: "So hat der Judaist Peter Schäfer in einem soeben publizierten Buch über den Antisemitismus der Antike unter Bezug auf den Autor G. I. Langmuir drei mögliche Bedeutungsdimensionen unterschieden: so gibt es 1. feindselig verwendete 'Realistische Behauptungen über Fremdgruppen'; 2. 'Fremdenfeindliche Behauptungen, die ein sozial bedrohliches Verhalten sämtlichen ihrer Mitglieder einer Gruppe zurechnen, die aber nur auf dem Verhalten einer Minderheit dieser Gruppe basieren', sowie 3. 'Chimärische Behauptungen, die mit Gewissheit Charakteristika, die empirisch nie beobachtet wurden ? einer Fremdgruppe und allen ihren Mitgliedern zuweisen.'"

Sabine Vogel besichtigt die vom Historischen Museum der Stadt Krakau zugänglich gemachte Fabrik Oskar Schindlers. Helmut Höge liest Lucio Urtubias Erzählung "Baustelle Revolution".

Bahman Nirumand erklärt auf der Meinungsseite, warum stille Diplomatie im Iran nicht weiterhilft: "Was ein iranischer Außenminister oder Vizepräsident verspricht, ist für die Staatsanwaltschaft und Justiz nicht einen Heller wert... Das Regime wird nur dann einlenken und einheitlich reagieren, wenn es von außen ernsthaft bedroht wird."

Dokumentiert wird auch das Manifest einer Free Gaza Youth: "Fick dich, Hamas. Fick dich, Israel. Fick dich, Fatah. Fick dich, UN. Fick dich, UNWRA. Fick dich, USA!"

Und noch Tom.

Aus den Blogs, 04.01.2011

(Via Achgut). Es ging durch die Medien: Die angebliche Langlebigkeit der Japaner, die zu jahrelangem Raunen der Experten geführt hatte, ist eine Legende - die Angehörigen hatten einfach den Tod der angeblich Uralten ncht gemeldet. Eva Ziessler schildert auf ihrem Blog ihre Reaktion auf die Meldung: "Meine Skepsis hatte mich dazu geführt, die Theorien über die Ursachen der Langlebigkeit anzuzweifeln, nicht aber das Faktenmaterial, das überhaupt erst den Anlass zur Theoriebildung gab, Faktenmaterial, im übrigen, das sehr wohl Anlass zum Zweifel hätte geben können. Und das war für mich das eigentlich Verstörende: Da, wo besondere Skepsis angebracht gewesen wäre - bei amtlichen Statistiken nämlich - habe ich kein bisschen gezweifelt."

Die neue ARD-Vorsitzende Monika Piel erweist sich in ihren zahllosen Interviews mit ergebenen Medienjournalisten nicht nur als Betonköpfin, sie redet auch Unsinn, meint Marcel Weiß im Neunetz: "Monika Piel, die neue ARD-Vorsitzende, in einem Interview im Tagesspiegel: 'Den Geburtsfehler des Internets - kostenlose Inhalte - zu beseitigen ist aber schwierig und langwierig.'" Weiß' Kommentar: "Die Debatte ist so alt wie das Internet und wer heute von einem Geburtsfehler redet, kennt weder die Geschichte der Branche noch die auf die sie wirkenden Marktdynamiken."

Yoko Ono hat in der New York Times über John Lennons Teegewohnheiten geschrieben und veranlasst Christopher Hitchens in Slate zu lautstarkem Protest gegen die These, dass man den Beutel ins Wasser tun und nicht das Wasser über den Beutel gießen sollte: Schlimme Sitten muss der Brite in den USA beobachten: "It's quite common to be served a cup or a pot of water, well off the boil, with the tea bags lying on an adjacent cold plate. Then comes the ridiculous business of pouring the tepid water, dunking the bag until some change in color occurs..." Tom Scocca stimmt Hitchens in seinem Blog zu.

NZZ, 04.01.2011

Heute morgen war die NZZ leider noch nicht online, unser Resümee daher unverlinkt:

Marc Zitzmann berichtet, dass Frankreichs Regierung einen Pariser Prachtbau, das Hotel de la Marine, für die nächsten achtzig Jahre an einen privaten Investor verpachten will, allem Anschein nach an Sarkozys Wahlkampfspender Alexandre Allard, der daraus ein Luxushotel machten will. Joachim Güntner greift die jüngsten Nachträge zur Sarrazin-Debatte auf und verweist auf eine neue Studie über "Bildungserfolgreiche Transmigranten". Gabriele Detterer berichtet von Diskussionen um das von Herzog & de Meuron geplante Hochhaus für den Pharmakonzern Roche am Basler Rheinufer.

Besprochen werden Ngugi wa Thiong'os Erinnerungen an seine Kindheit in Kenia "Träume in Zeiten des Krieges" (Leseprobe hier) und Kim Thuys "Klang der Fremde" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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Welt, 04.01.2011

Andrea Seibel unterhält sich mit Eva Mattes über ihr Wirken als "Tatort"-Kommissarin, Kindererziehung und weitere Aspekte ihres Lebens. Richard Kämmerlings singt ein kleines Loblied auf die "Notizhefte" des Doyens des Geisteswissenschaftenjournalismus in der FAZ, Henning Ritter. Wolf Lepenies erinnert an den amerikanischen Kolumnisten H.L. Mencken, dessen Artikel in die Library of America (sozusagen die amerikanische Pleiade) aufgenommen wurden (hier ein Auszug). Andrea Backhaus berichtet, dass die Bauhaus-Stiftung die Zeitschrift bauhaus wiederbeleben will. Kai Luehrs-Kaiser stellt den Chorleiter Simon Halsey vor, der den Berliner Rundfunkchor zu neuen Höhen führte.

FR, 04.01.2011

John Malkovich plaudert im Interview über seine Rolle als Casanova im Wiener Musiktheaterprojekt "The Giacomo Variations" von Michael Sturminger und Martin Haselböck: "Der Casanova, den ich spielen werde, spricht viel davon, wie müde er es ist, charmant und höflich zu sein, sich immer unter Kontrolle zu haben und den Unterhalter in jedem Salon zwischen Versailles und Sanssouci, zwischen Kiew und St. Petersburg zu spielen."

Weitere Artikel: Hanns Zischler bewundert zwei Pariser Ausstellungen, die der "ästhetisch exorbitanten" Epoche der Kalotypie, der Salzpapier-Fotografie, gewidmet sind - im Pariser Petit Palais und in der alten Bibliotheque Nationale. Daniel Kothenschulte schreibt zum Tod des britischen Schauspielers Pete Postlethwaite.

Besprochen werden Bücher, darunter Peter Watsons Kulturgeschichte "Der deutsche Genius" und Lale Akgüns Buch "Aufstand der Kopftuchmädchen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 04.01.2011

Der Schriftsteller Michael Hvorecky ist in Afghanistan unterwegs und erlebt die sehr zarten Wurzeln dessen, was einmal eine intellektuelle Szene werden könnte. Er lernt unter anderem die Filmemacherin Diana Saqeb kennen, die in Teheran studiert hat, und den Schriftsteller Taki Akhlaqi: "Wie viele junge Afghanen verbringt er viel Zeit im Internet bei Facebook und anderen sozialen Netzwerken. Außer auf Dari bloggt er auf Englisch, um international Kontakte zu knüpfen. Die NGOs kümmerten sich zwar um alle möglichen Bereiche, meint er, doch die junge afghanische Literatur sei allen egal: 'Der Buchmarkt in Afghanistan ist tot, Buchhandlungen gibt es keine mehr.' Deshalb will er so bald wie möglich Prosa auf Englisch schreiben und besucht Englischkurse. "'Auf Dari zu schreiben heißt, keine Zukunft zu haben.'"

Weitere Artikel: Als Teil durchaus systematischen Terrors gegen Christen sieht Joseph Croitoru den Überfall auf die Kopten in der Silvesternacht in Alexandria. In der Glosse geht es um Knappschaftshistorie. Der Rechtsanwalt Johann Schwenn antwortet auf den Kollegen Oliver Tolmein, der seinen Aufsatz über fehlgeleiteten Opferschutz in einem vorangegangenen Artikel scharf kritisiert hatte. Andreas Platthaus stellt den neuen FAZ-Fortsetzungscomic "Das Tagebuch des Ricardo Castillo" von Alexis Martinez und Gunther Brodhecker vor. Außerdem schreibt er den Nachruf auf den Schauspieler Pete Postlethwaite. Auf der Medienseite beschreibt der (relativ) neue ZDF-Chefredakteur Peter Frey unter anderem, wie man ein überraschungsfrei durchformatiertes Programm macht: "Bisher sind wir um 20.15 Uhr zu heterogen. Der Zuschauer weiß nicht immer, was zu erwarten ist." Und dann wundert er sich, dass sein Sender das junge Publikum kaum noch erreicht.

Besprochen werden nicht weniger als vier weihnachtliche Aufführungen von Bachs Weihnachtsoratorium in München, das nach viel versprechendem Vorlauf im Frankfurter öffentlichen Raum installierte Kunstwerk "Rossmarkt³" von Tomas Saraceno (Niklas Maak ist ziemlich bitter enttäuscht) und Bücher, darunter Martin Suters erster Krimi in einer geplanten Serie "Allmen und die Libellen" und Ingeborg Gleichaufs Max-Frisch-Biografie "Jetzt nicht die Wut verlieren" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 04.01.2011

Eher skeptisch reagiert Niklas Hofmann auf den Vorschlag des Direktors des Oxford Internet Institute, Viktor Mayer-Schönberger, Informationen im Internet mit einem Verfallsdatum zu versehen: "Das Ergebnis wäre aber eben nicht segensreiches Vergessen, nicht befreiende Erinnerungslosigkeit, sondern es wäre Verschwommenheit, Ungewissheit". Christian Meier berichtet über die Wiedereröffnung des Museums für islamische Kunst in Kairo. Peter Vogt empfiehlt Ökonomen Max Webers 1894 erschienen Aufsatz "Die Börse". Der Fotograf David Burnett schreibt einen Nachruf auf Kodachrome. Helmut Mauro stellt den mexikanische Komponist Daniel Catan vor, dessen Oper "Il Postino" gerade am Theater an der Wien aufgeführt wurde. Der Archäologe Michael Müller-Karpe berichtet über die Rückgabe einer 3000 Jahre alten Königsinschrift aus Raubgrabung an den Irak und warnt: "Noch immer sind die Verkaufskollektionen und Auktionskataloge in Deutschland voll von Antiken, deren legale Herkunft nicht glaubhaft nachgewiesen ist." Fritz Göttler schreibt zum Tod des Schauspielers Pete Postlethwaite.

Besprochen werden die Rekonstruktion der großen Museumsausstellung Pablo Picassos von 1932 im Kunsthaus Zürich und Bücher, darunter eine Biografie des Historikers Simon Dubnow (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).