Heute in den Feuilletons

Ebenjenes Lullefix

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.09.2010. In der Zeit vermisst Thea Dorn politische Polemiker. Außerdem findet die Zeit: Der deutschen Literatur geht's nicht so gut. Sie plappert. Wie die  "kindergeburtstagsfröhliche Literaturkritik". Die FAZ sieht Geert Wilders' Erfolg in den Niederlanden als Stoßseufzer einer satten Gesellschaft, die beim Verdauen nicht gestört werden möchte. 

TAZ, 30.09.2010

Frauke Böger berichtet über den Druck auf Kinobetreiber, für 3-D-Filme ihre Vorführtechnik umzurüsten. Joachim Lange berichtet über den Antritt von Jürgen Flimm als neuer Intendant der Staatsoper Unter den Linden in Berlin, die im baustellenbedingt derzeitigen Ausweichquartier Schillertheater beginnt.

Besprochen werden von Apichatpong Weerasethakuls Spielfilm "Uncle Boonmee erinnert sich...", der in diesem Jahr die Goldene Palme in Cannes gewann ("Was ein wunderbarer Trost, mit jemandem zu reden, der die Erfahrung zu sterben gemacht hat", schreibt Cristina Nord), Burhan Qurbanis Debütfilm "Shahada" über vier muslimische Jugendliche (Ines Kappert findet ihn "ungewollt rassistisch") und Lars Jessens Komödie "Hochzeitspolka".

In tazzwei erzählt Klaus Hillenbrand einen Kunstkrimi über das massenhafte Verschwinden von Ikonen und anderen sakralen Kunstwerken aus Kirchen in Nordzypern in den Wirren des Krieges 1974, die teilweise in München wieder auftauchten und nun per Gerichtsbeschluss zurückgegeben werden müssen.

Und Tom.

FR, 30.09.2010

Daniel Kothenschulte preist Apichatpong Weerasethakuls Cannes-Gewinnerfilm "Uncle Boonmee", der die Seelen so selbstverständlich durch Thailands Dschungel wandern lässt, "dass man seine märchenhaften Erzählungen auch schon auf Dokumentarfilmfestivals gezeigt hat."

Weiteres: Auf seiner Deutschlandtournee erreicht Arno Widmann Hopfengebiet. Harry Nutt plädiert gegenüber der Generation Hartz für eine Politik der zweiten Chance. Besprochen werden neue Stücke zum Saisonauftakt in Berlin, der Animationsfilm "Ich - Einfach unverbesserlich", Martin Greschats Studie über den "Protestantismus im Kalten Krieg" und Richard Russos Roman "Diese alte Sehnsucht" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

NZZ, 30.09.2010

Sven Ahnert hat Übersetzer Nikolaus Stingl besucht und mit ihm über seine Arbeit gesprochen. Stingl hat neben McCarthy und Gaddis auch Thomas Pynchon übersetzt, zuletzt dessen Roman "Inherent Vice" ("Natürliche Mängel"). Ein Roman, in dem alles easy ist. "'Alles easy' ist auch der Titel eines Slang-Wörterbuches des Übersetzerkollegen Eike Schönfeld, das Stingl bei der Übersetzung von 'Inherent Vice' immer wieder zu Rate zog. 'Bei diesem Roman war schnell klar, wie man einen bestimmten Redestil der Figuren wiedergeben muss. Einen Stil, dessen sich auch der Erzähler in einigen Passagen bedient. Den genauen Ton des Milieus zu treffen, ist jedoch heikel, da sich bei meiner Übersetzung immer wieder Anachronismen eingeschlichen haben. Worte wie 'geil' oder 'cool' waren in den sechziger Jahren im deutschen Sprachraum noch nicht eingeführt. 'Stark' sagte man damals immer, wenn man etwas besonders toll fand."

Außerdem: Ulrich Schacht berichtet über die Göteborger Buchmesse, auf der vom diesjährigen Schwerpunktland Afrika kaum etwas zu sehen war.

Besprochen werden der Animationsfilm "Despicable Me", eine Ausstellung über die Rekonstruktion von Altbauten im Architekturmuseum der Münchner Pinakothek der Moderne, Zambulat Idiews tschetschenische Novellen, "Spiele hinter Stacheldraht", und das autobiografische Projekt "Ich über mich" von Gregoire Bouillier (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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Zeit, 30.09.2010

Luther käme heute in der Evangelischen Kirche auf keinen grünen Zweig. Denn in Deutschland darf man zwar alles verharmlosen, aber wer polemisiert, wird aus dem Amt gemobbt, ärgert sich Thea Dorn. "Der Beifall, den Thilo Sarrazin erhält, ist in erster Linie ein Aufschrei derjenigen, die den verlogenen Kuschelsound nicht mehr ertragen. Deshalb ist es doppelt schockierend, zu sehen, wie unfähig unsere politische Klasse ist, dem 'Provokateur' oder 'Spalter' anders zu begegnen als mit noch höheren Dosen ebenjenes Lullefix, gegen das der Störenfried zu Felde zieht."

Kuschelsound auch in der Literatur. Iris Radisch beklagt im ersten Teil einer 3-teiligen Artikelserie zur Frage "Wie geht es der Deutschen Literatur?" den Plapperton in deutschen Gegenwartsromanen: "Dieses Erzählen in niedriger Flughöhe, sosehr eine neue warmherzige, kindergeburtstagsfröhliche Literaturkritik es auch preisen mag, hat zu Folge, dass Überhöhungs-, Übertreibungs-, Pathosformen der Litertatur wenig Verwendung finden, dass aus Verzauberung, Sprachbilder und überhaupt auf sprachliche Ermächtigung oder Stilsierung verzichtet wird." Dieser Stil "mag Ausdruck unserer ernüchterten Zeit und ihrer epochalen Ermüdung sein. Doch hat er zur Folge, dass sich im überwiegenden Teil der deutschsprachigen Romane, die im Geist dieser Ernüchterung verfasst sind, nachhaltige ästhetische Erfahrungen nicht mehr machen lassen."

Evelyn Finger ist empört über die Sparpolitik der Hamburger Kulturbehörde und schnaubt: "In der Krise zeigt Hamburgs Regierung ihr wahres Gesicht. Es ist das Pfeffersackgesicht des selbstherrlichen, an Renommiersucht gescheiterten Geizhalses - der nicht mal ordentlich rechnen kann."

Weitere Artikel: Thomas Groß spaziert mit der Band Erdmöbel durch deren Heimatstadt Köln. Christof Siemes lässt sich von Christoph Schlingensiefs Witwe Aino Laberenz erklären, wie es mit den unvollendeten Kunstprojeken Schlingensiefs weitergehen soll. Andrea Hanna Hünniger besucht den Regalbauer und Autor Rafael Horzon in seinem Berliner Laden.

Besprochen werden Apichatpong Weerasethakuls Film "Uncle Bonmee ...", zwei Ausstellungen - im Frankfurter Kunstverein und in der Berliner Akademie der Künste - mit Werken argentinischer Künstler, die Bühnenversion von Uwe Tellkamps Roman "Der Turm" in Dresden, Ernst Jüngers Kriegstagebuch (daneben revidiert im Interview der Kulturwissenschaftler Helmut Lethen seine Annahme, Jünger habe in den 20ern einen Kult der Sachlichkeit entwickelt "Jetzt weiß ich: Jüngers Kälte-Kult stammt aus dem 19. Jahrhundert.") und die Uraufführung von Hans Werner Henzes Oper "Gisela".

Außerdem heute in der Zeit: eine Literaturbeilage (im Aufmacher schreibt Eberhard Falcke über die interessantesten Bücher aus Argentinien) und eine Musikbeilage (es geht u.a. um Bluesalben von Cyndi Lauper, Robert Plant und Elton John, das Artemis-Quartett und eine CD der Band "Die Antwoord").

Freitag, 30.09.2010

Der Literaturteil belebt in einem Sonderteil zur Frankfurter Buchmesse das Literarische Quartett. Michael Angele, Dorothea Dieckmann, Frank Fischer und Magda Geisler streiten über Judith Zander, Martin Mosebach und Andreas Maier. Dieckmann aber nur unter Protest: "Indem die Bücher, die wir besprechen wollen, aus der Longlist des Deutschen Buchpreises gewählt wurden, richten wir uns nach den Kriterien des Marktes. Das finde ich schade. Und dann hätte es auf der Longlist auch packendere Titel gegeben. Aber ich tröste mich damit, dass ich den gehobenen Mainstream aus diesem Grund mal gelesen habe."

Zu 20 Jahren Wiedervereinigung gibt es natürlich auch einen Schwerpunkt. Für eine ziemlich verlorene Zeit in Sachen Mulitkulturalismus hält Mark Terkessidis die letzten zwanzig Jahre: "Während sich viele in den achtziger Jahren unter dem Stichwort 'Multikulti' durchaus naiv für die Idee der Vielfalt interessierten, für Vermischung und Werden, begab man sich nach 1989 auf eine fruchtlose Suche nach dem Deutschen in der Kultur." Außerdem schreiben Daniela Dahn, Sammy Deluxe ("Klugscheißerei ist etwas sehr Deutsches, viel mehr als Lederhosen oder Pünktlichkeit"), Martin Sonneborn und Raul Zelik, aber auch György Dalos.

Außerdem geht Joachim Lottmann in die Schweiz, er hat sich verliebt: "Den Ausschlag für meinen Entschluss, ganz dort zu bleiben, gaben dann drei Schweizerinnen, die ich in Genf, Zürich und Lugano kennenlernte. Gemeinsam war ihnen, bei aller Unterschiedlichkeit, zunächst eines: Sie waren beziehungsfähig. An diesem Punkt setzte ich an. Warum, so fragte ich, konnten diese Frauen noch Männer lieben, gänzlich ungebrochen, wie einst Uschi Glas den Fritz Wepper?"

SZ, 30.09.2010

Gustav Falke gibt eine sichtlich erfahrungsgestützte Einführung in die gewaltigen kulturellen und interkulturellen Unterschiede zwischen verschiedenen Einwanderergruppen. Ein Auszug: "Türken sind, wie viele Einwanderergruppen, ungeheuer fleißig. Das fällt nur nicht auf, weil Gewinne, die erst hart erarbeitet wurden, in die Heimat transferiert beziehungsweise in Immobilien angelegt werden. Es zählt also zuerst Besitz, nicht Bildung. Umgekehrt sind nicht alle Iraner Augenärzte."

Weitere Artikel: Oliver Das Gupta spricht mit Wir-sind-Helden-Frontfrau Judith Holofernes über Chancen und Grenzen der "Kreuzberger Multi-Kulti-Blase", in der sie lebt. Nicht ohne Sympathie blickt Christine Dössel auf die Pläne, die der neue Intendant Anselm Weber mit dem Theater in Bochum hat. Gustav Seibt berichtet von der Eröffnungsveranstaltung des Deutschen Historikertags und verleiht an Angela Merkels Rede dabei das Prädikat "witzig und interessant". Über die merkwürdige Geschäftsidee, Wikipedia-Auszüge als so dilettantisch gemachte wie sauteure Bücher bei Amazon zum Verkauf anzubieten, informiert Corinna Nohn. Fritz Göttler blickt auf das Programm des Münchner Underdox-Festivals. Tobias Kniebe schreibt zum Tod der Cutterin Sally Menke, die unter anderem sämtliche Filme Quentin Tarantinos geschnitten hat. Auf der Kinoseite unterhält sich Fritz Göttler mit Apichatpong Weerasethakul über dessen Cannes-Gewinnerfilm "Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben".

Auf der Medienseite gibt es Auszüge aus Klaus Lemkes radikalem Anti-Filmförderungs-Manifest. Das geht zum Beispiel zum Thema deutscher Gegenwartsfilm so: "Unsere Filme sind wie Grabsteine. Brav. Banal. Begütigend. Goetheinstitut. Aber Film ist keine aussterbende Tierart... Rettung kann allein von Omas Häuschen kommen, das man heimlich bei der Bank beleiht."

Besprochen werden eine Ausstellung über Serge Dhiagilew und seine Ballets Russes im Londoner Victoria & Albert Museum, Lars Jessens Filmkomödie "Hochzeitspolka" und Bücher, darunter Judith Zanders Romandebüt "Dinge, die wir heute sagten" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 30.09.2010

Hinter den Erfolgen des nun duldend mitregierenden Geert Wilders stehen für Dirk Schümer nicht zuletzt die Wünsche ehemals liberaler Bürger nach Besitzstandswahrung: "Die hergebrachten Sitten, Drogen, Gewohnheiten einer alternden Bevölkerung von Eingesessenen werden stark gemacht gegen alles Abweichende, Eingreifende, Bevormundende und Fremde: Islam, Bürokratie, Europa, Dritte Welt, Zuwanderung... "

Weitere Artikel: Antonia Baum war in einem Berliner Kino "live" bei einem Konzert der Fantastischen Vier, das aus Halle auf hundert Leinwände der Republik übertragen wurde. Wiebke Hüster hatte bei der Biennale de la Danse in Lyon deutlich mehr Spaß als zuletzt bei Tanzfestivals in Deutschland. In Sachen Baukunst bleibt, wie Kerstin Holm bilanziert, vom nunmehr geschassten Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow vor allem geschmackloser "Bombast". Nicht ohne Staunen beobachtet Hannes Hintermeier die "Retro-Lederhosierung" beim Oktoberfest. Patrick Bahners glossiert Angela Merkels etwas physikerinnnenhaften Auftritt zur Eröffnung des Historikertags. Auf der Kinoseite informiert Jürg Altwegg über den Sensationserfolg (mehr als eine Million Zuschauer nach nur zwei Wochen) des französischen Films "Des hommes et des dieux", der von der Ermordung französischer Mönche durch Islamisten (oder durch den algerischen Geheimdienst, meint - gegen die Lesart des Films - Altwegg) im Algerien der neunziger Jahre erzählt. Bert Rebhandl lässt die Experimentalfilme, die er beim Festival in Toronto gesehen hat, Revue passieren. 

Besprochen werden Robert Lepages (Regie) und James Levines (Dirigent) technoide "Rheingold"-Inszenierung zur Saisoneröffnung der New Yorker Met (Lepage wagt wenig und so ist das Ergebnis für Jordan Mejias auch bestenfalls "zufriedenstellend"), Volker Löschs Inszenierung "Hänsel und Gretel gehn Mümmelmannsberg" am Hamburger Schauspielhaus, eine Ausstellung mit "Holländischen Gruppenporträts" im Wiener Kunsthistorischen Museum, das neue Weezer-Album "Hurley", Buran Qurbanis Spielfilmdebüt "Shahada" (mehr) und Bücher, darunter Yann Martels neuer Roman "Ein Hemd des 20. Jahrhunderts" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Arthur Penn ist gestorben. faz.net bringt ein schönes Gespräch mit ihm aus dem Jahr 2007, als er den Ehrenbären erhielt. Auf die Frage, was er heute für einen Film drehen würde, antwortete er: "Ich würde einen sehr kleinen Film drehen, eine ganz einfache Geschichte erzählen. Ich weiß nicht genau, was das Thema wäre, aber es wäre wohl die Geschichte einer Niederlage."