Heute in den Feuilletons

Aus Solidarität mit Molly Norris

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.09.2010. Die taz erklärt, warum ihr Lady Gaga auch politisch ganz klar lieber ist als Stephanie zu Guttenberg. In der FAZ fragt der Kunsthistoriker Peter Geimer: Wozu noch Demokratie, wenn eine Kunstjury schon entschieden hat? Im Freitag erklärt der französische Philosoph Tzvetan Todorov, warum für ihn alles Kultur ist. Im Guardian wird ein säkulares Manifest zur Diskussion gestellt. Die Welt fordert Journalisten auf, Mohammed zu zeichnen. In der NZZ benennt Ahmed Rashid den saudiarabischen Anteil an der Verbreitung des Islamismus.

NZZ, 23.09.2010

Im Gespräch mit Ramon Schack wirft Ahmed Rashid, Experte für den Mittleren Osten, Saudi Arabien vor, ein wesentlicher Grund für die negative Entwicklung in Afghanistan und Pakistan zu sein: "Ich bin der Ansicht, dass die saudische Außenpolitik in den 1980er und 1990er Jahren einen unglaublich negativen Einfluss auf die Stabilität in der gesamten Region hatte. Der Wohlstand der Saudis, beziehungsweise die Art, wie dieser Wohlstand verwendet wurde, um radikalislamisches Gedankengut zu verbreiten, die wahhabitische Lehre, hat viele der heutigen Konflikte mit verursacht. Eine Chance wurde damals vertan. Wenn die Saudis sie genutzt und ihr Geld ins Bildungswesen der betreffenden Länder gesteckt hätten, dann hätten wir heute eine ganz andere und wesentlich weniger problembeladene islamische Welt."

Weitere Artikel: Genevieve Lüscher besucht die Schweizer Ausgrabung in der antiken griechischen Stadt Eretria und stellt die dazu gehörige Ausstellung der Fundstücke "Ausgegraben!" im Basler Antikenmuseum vor. Dirk Pilz berichtet von der Debatte um die Nachfolge des zurückgetretenen Schauspielhaus-Intendanten Friedrich Schirmer in Hamburg.

Besprochen werden Ryan Murphys Romanverfilmung "Eat, Pray, Love", Oskar Roehlers Film über den Film "Jud Süss - Film ohne Gewissen" und Horacio Castellanos Moyas Politroman (Leseprobe) "Der schwarze Palast" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 23.09.2010

Hannes Stein kommt im Forum auf den Fall der Zeichnerin Molly Norris zurück, die sich nach islamistischen Morddrohungen verstecken muss: "Das Mindeste, was wir Journalisten tun können, ist, dass wir uns aus Solidarität mit Molly Norris noch heute an dem von ihr ausgerufenen Zeichnet-Mohammed-Tag beteiligen." Stein tut es mit eine Kinderzeichnung ("eine Abbildung von Mohammed"). Anders als während des Karikaturenstreits druckt die Welt allerdings nicht Norris' Zeichnung.

Auf der gleichen Seite erklärt der Internetaktivist Jens Best, warum er den Kampf gegen Google Street View für eine Farce hält.

Im Feuilleton wird die große Monet-Ausstellung in Paris besprochen ("ein Abenteuer, nicht weniger", verspricht Hans-Joachim Müller). Und Feuilletonchef Cornelius Tittel fertigt recht zackig den Intendanten des Hamburger Thalia Thaters, Joachim Lux, ab, der es wagte, in einem leicht hysterischen Text auf Alan Poseners Kritik von Luk Percevals "Hamlet"-Inszenierung (Text: Feridun Zaimoglu) zu antworten. Mehr zu all dem auch bei Nachtkritik.

Aus den Blogs, 23.09.2010

(Via Nerdcore) Die Firma Ideo zeigt in folgendem Video einige Ideen zur Zukunft des Buchs (das sozusagen nach allen Seiten durchlässig wird). Bücher können sich vernetzen, und der Diskussionsprozess um ein Buch kann abgebildet werden:




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Stichwörter: Zukunft

Weitere Medien, 23.09.2010

Evan Harris, Wissenschaftsblogger im Guardian, legt nach dem Besuch des Papstes ein säkulares Manifest vor: "Secularism is not atheism (lack of belief in God) and nor is it humanism (a nonreligious belief system). It is a political movement seeking specific policy end-points. Many secularists are religious and many religious people - recognising the value of keeping government and religion separate - are secular."

(Via 3 quarks daily) In The Walrus porträtiert Adam Hammond Wyndham Lewis, einen kanadischen Autor, der Kanada hasste und sich auch nicht viel aus Virginia Woolf, James Joyce, Ezra Pound, T.S. Eliot und Ernest Hemingway machte. Letzteren beschrieb er in einem Buch als "dummen Ochsen", was Hemingway nicht gut aufnahm: "On first reading it in the Shakespeare and Company bookstore in Paris, Hemingway became so enraged that he punched out a vase of tulips. Among the victims of the resulting spill, which cost Hemingway several thousand francs, was a drowned copy of 'Mrs. Dalloway'. In 'Time and Western Man', a sweeping work of social philosophy, Lewis described James Joyce?s 'Ulysses' as 'a suffocating moeotic expanse of objects' that would remain, in the history of literature, 'eternally cathartic, a monument like a record diarrhoea.' No kinder to his friends than to his enemies, he called Ezra Pound 'a person without a trace of originality,' and accused T. S. Eliot of 'dogmatic insincerity.' Revenge against Lewis took various forms. Hemingway delivered a mighty blow in 'A Moveable Feast', describing him as possessing the eyes 'of an unsuccessful rapist.' In 'Finnegans Wake', Joyce parodied Lewis as the author of 'Spice and Westend Woman.' Conversely, Pound called Lewis 'the only English writer who can be compared to Dostoevsky.' Eliot called him 'the most distinguished living novelist.'"

TAZ, 23.09.2010

Laura Ewert kommentiert den Auftritt von Lady Gaga in Portland, bei dem sie die Homophobie beim amerikanischen Militär kritisierte und verlangte, wer nicht ehrenhaft genug sei, ohne Vorurteile zu kämpfen, solle nach Hause gehen. "Während also Ministergattin Stephanie zu Guttenberg in ihrem aktuellen Buch von der Gefahr fantasiert, die sich hinter Lady Gaga verberge, und sich damit nicht nur vor Nachwuchswählern lächerlich macht, schafft Stefani Germanotta etwas, was in diesem Land zwar unvorstellbar ist, hier jedoch ebenfalls ein großes Geschenk an die Demokratie wäre. Sie nutzt den Freedom of speech, sie formuliert eine Forderung, obwohl das Image ihrer Person der politischen Klasse fremder nicht sein könnte."

Besprochen werden Oskar Roehlers Film "Jud Süß - Film ohne Gewissen" über Veit Harlans Propagandafilm (immerhin kann Cristina Nord Roehler zugute halten, dass er in Fahrt kommt, wenn er ein Tabu wittert), Andrea Arnolds Film "Fish Tank", Sabine Gisigers und Beat Häners Dokumentarfilm "Guru - Bhagwan, His Secretary & His Bodyguard", die DVD von Dominik Grafs "Die Freunde der Freunde" von 2001 sowie der neue Roman von Bret Easton Ellis "Imperial Bedrooms" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.

FR, 23.09.2010

Wie ist die Unesco nur auf die Idee gekommen, ausgerechnet in Teheran ihren Welttag der Philosophie auszurichten? Ziemlich entgeistert von dieser Idee berichtet der iranische Philsoph Ramin Jahanbegloo zum Beispiel, dass das iranische Regime einen "sanften Krieg" gegen die westliche Philosophie ausgerufen hat, die es für den "Verlust des Glaubens" verantwortlich macht. "Philosophische Texte in Teheran zu lesen und zu diskutieren, kann nicht nur dem Vergnügen oder der inneren Erbauung dienen, sondern ist immer auch eine politische Geste. Eine Geste des Widerstands, wenn das Philosophieren nicht bloß für das theokratische Regime inszeniert wird - was die Unesco nun aber wohl hinzunehmen scheint. Widerstand gegen dogmatische Enge und undemokratisches Denken! Gegen ein Denken, das längst aufgehört hat, Suche nach der Wahrheit zu sein."

Auf der Medienseite fordert der frühere Intendant Ernst Elitz eine unabhängige Stiftung Medientest, die sich ein wenig um die Qualität des Abendprogramms bei ARD und ZDF kümmern könnte: "Angesichts der heißen Debatten über die Haushaltsabgabe, die ab 2013 weit mehr als sieben Milliarden Euro jährlich einspülen soll, stehen ARD und ZDF unter Druck. Sie müssen die gesellschaftspolitische Notwendigkeit ihrer über fünfzig Radio- und inzwischen neunzehn Fernsehprogramme samt dazugehörigen Internetauftritten präzise begründen."

Besprochen werden Andrea Arnolds Jugenddrama "Fish Tank", Claus Wischmanns und Martin Baer Film über ein sehr unwahrscheinliches Orchester "Kinshasa Symphony", Bret Easton Ellis' neuer Roman "Imperial Bedrooms", das Album "Memphis Blues" von - ja! - Cindy Lauper und eine Mikis-Theodorakis-Box.

Freitag, 23.09.2010

Im Gespräch mit Kersten Knipp erklärt der französische Philosoph Tzvetan Todorov, warum für ihn alles Kultur ist: "Ohne es zu wollen und ohne es wirklich zu bemerken, sind wir eingebettet in eine ganz bestimmte, regional geprägte Kultur. Und die gibt uns die Raster vor, durch die wir die Welt sehen. Das ist so selbstverständlich, dass wir es leicht vergessen. Jede Veränderung unserer Kultur nehmen wir darum als Aggression wahr. Die Anwesenheit einer fremden Kultur bedroht uns zwar nicht wirklich. Aber anders als den schleichenden Niedergang der Wirtschaft nehmen wir sie intensiv wahr."

FAZ, 23.09.2010

Der Kunsthistoriker Peter Geimer ist empört, dass die Zürcher Bürger in einer Volksabstimmung darüber entscheiden sollen, ob ein 5,9 Millionen Franken teures Kunstwerk von Thomas Demand auf dem Zürcher Escher-Wyss-Platz aufgestellt werden soll oder nicht. Demand hat für den unwirtlichen Platz - Beton-Brutalo-Architektur aus den Siebzigern - ein "Nagelhaus" entworfen. So nennt man in China alte Häuser, deren Bewohner sich weigern auszuziehen um Platz zu machen für moderne neue Architektur und die damit einhergehende Gentrifizierung. Nun könnte man darüber diskutieren, ob Demand hier ein Sinnbild des Protests benutzt, um den Gegenstand dieses Protests zu neutralisieren. Aber Geimer interessiert eher die Machtfrage: "Eine Gesellschaft, die sich darauf geeinigt hat, Kunst als integralen Teil ihrer Kultur zu akzeptieren, kann diese Akzeptanz nicht bei Bedarf aus den Angeln heben, die Arbeit von Jurys annullieren und Kunst mal durchwinken, mal im Kollektiv zu Fall bringen. ... Ganz gleich, wie die Wähler über das Nagelhaus entscheiden - problematisch ist, dass diese Abstimmung überhaupt stattfindet."

(Hier ein chinesisches Original, das Nagelhaus in Chongquing. Hier der Escher-Wyss-Platz. Hier sieht man, wie Demands Nagelhaus (rot) sich auf dem Platz einfügen soll. Gegen den Demand-Entwurf sind die rechte SVP und die linken Grünen: In der NZZ schrieb Urs Bühler einen Hintergrundartikel zur geplanten Neugestaltung des Platzes. In der WOZ beschrieb Edith Krebs das pro und contra zum Nagelhaus)

Weitere Artikel: Die Bremer Weserburg muss wegen "finanzieller Schwierigkeiten" Gerhard Richters Gemälde "Matrosen" bei Sotheby's versteigern, berichtet Rose-Maria Gropp und ahnt: "es geht an unser aller Eingemachtes". Paul Raabe fordert mehr Bundesmittel für das Bauhaus in Dessau. Dirk Meyhöfer stellt das neue polnische Luftfahrtmuseum in Krakau vor. Klaus Ungerer berichtet über einen Prozess wegen räuberischen Diebstahls und gefährlicher Körperverletzung vor dem Landgericht Berlin. Rüdiger Suchsland verfolgt die merkwürdigen Wandlungen des amerikanischen Schauspielers Joaquin Phoenix, die, laut Casey Afflecks Film "I'm Still Here" nur eine Performance waren. Paul Ingendaay berichtet vom Filmfestival von San Sebastian, wo ihn vor allem Sophie Heldmans Film "Satte Farben vor Schwarz" mit Senta Berger und Bruno Ganz beeindruckte.

Auf der Medienseite informiert uns Michael Hanfeld uns über die neue Rundfunkgebühr ab 2013 (mehr hier). Alex Gertschen berichtet über die buchstäblich mörderischen Bedingungen, unter denen Mexikos Journalisten arbeiten.

Besprochen werden die Ausstellung "Alles möchte ich immer. Franziska zu Reventlow (1871-1918)" im Buddenbrookhaus Lübeck, Alexandra Liedtkes "ein klein wenig mehr als biedere" Inszenierung von Neil LaButes Beziehungsdrama "Lieber schön" im Wiener Kasino (die Heldin darf ihre Anklage gegen den Helden "vom Zettel weg im Fastfood-Restaurant singen: 'Von deinen Nasenlöchern wird mir schlecht, und ich muss immer von unten in sie reinschauen, weil wir den einfallslosesten Sex haben, den man sich überhaupt vorstellen kann'", informiert uns Martin Lhotzky) und Bücher, darunter Stanley Cavells Band "Cities of Words. Ein moralisches Register in Philosophie, Film und Literatur" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 23.09.2010

Alex Rühle trifft den chinesischen Reporter und Schriftsteller Liao Yiwu in einer Hamburger Hafenkneipe (mehr war im SZ-Spesenkonto wohl nicht drin): "In der Kneipe zieht er, nachdem er vom Kaffee probiert hat, kurz eine Flasche chinesischen Schnaps aus dem Rucksack, 'das darf man hier nicht, oder?' Er lässt sie wieder im Rucksack verschwinden und sagt: 'Mein wichtigstes Arbeitsmittel. Den Block brauche ich nicht, ich hab mir im Gefängnis ein sehr gutes Gedächtnis antrainiert, aber den Schnaps brauche ich. Wenn die Leute vor Trauer verstummen, schenke ich ihnen ein paar Gläser ein, dann geht es wieder.'"

Stephan Speicher erinnert an die Geschichte des Rheinischen Merkur, einstmals "Organ der Befreiungskriege" gegen Napoleon, dann katholisches Blatt, demnächst nur noch Beilage der sich auf religiöse Themen spezialisierenden Zeit. Jens Bisky war beim Richtfest für das Kompetenzzentrum Archäologie in Berlin-Mitte. Vasco Boenisch erzählt, wie die Theater in Wuppertal und Moers trotz Finanzkrise weitermachen. Dem iranischen Blogger Derakhshan droht die Todesstrafe, berichtet kurz Nikolas Hofman. Auf der Medienseite weist Stefan Ulrich auf einen interessanten Fernsehfilm über Frankreichs Eliteschule ENA hin, der heute und morgen auf Arte läuft.

Besprochen werden Oskar Roehlers "Jud Süß"-Film (dem Fritz Göttler nicht viel abgewinnen kann), Andrea Arnolds Film "Fish Tank" (dazu gibt's ein Interview mit der Regisseurin), eine Retrospektive der Werke von Claude Monet im Grand Palais in Paris und Bücher, darunter Bret Easton Ellis' Roman "Imperial Bedrooms" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Zeit, 23.09.2010

Der rumäniendeutsche Dichter Dieter Schlesak zeigt Verständnis für seinen Kollegen und Freund Oskar Pastior, der sich als IM der Securitate verpflichtet hatte: "Vorweg muss ich sagen, dass ich Ossi, wie wir ihn nannten, voll und ganz verstehe, auch dass er schwach wurde und nachgab, sich schuldig gemacht hat!"

Außerdem lässt sich die Redaktion zwanzig eher unlustige Dinge einfallen, die sie bei der nächsten Wiedervereinigung besser machen will (für die sie diesmal auch wäre): Plattenbauten abreißen, gleich nach Berlin umziehen, Reiseverbot für Wessis, etc.. Als den Komponisten für unsere komplizierte moderne Welt rühmt Claus Spahn Pierre Boulez: "Der Organisationsgrad seiner Musik ist in der Tat einschüchternd." Moritz von Uslar begibt sich im Club-Untergrund auf die Suche nach dem neuen heißen Ding. DJ Hell verrät es ihm: "Alle Innovationen im Techno liegt im Revival des Deephouse oder des sogenannten Vocal House." Katja Nicodemus trifft den Wiener Emigranten und United-Artist-Chef Eric Pleskow, der auch Entnazifizierungsoffizier von "Jud-Süß"-Darsteller Ferdinand Marian war. Im Interview mit Susanne Mayer spricht die kolumbianische Politikerin Ingrid Betancourt über ihre sechs Jahre währende Entführung durch die Farc-Guerilla und ihren irgendwie doch sehr traurigen Schluss: "Ich habe mit Gott gerechtet. Gewütet. Dann habe ich verstanden, dass man demütig sein muss." Dirk Peitz erzählt, wie sich der Gitarrist Edwyn Collins von zwei Schlaganfällen kurierte.

Besprochen werden Ausstellungen zum Islam in Bochum, Karlsruhe und München und Bücher, darunter Thomas Pynchons neuer Roman "Natürlich Mängel" und Peter Handkes "Immer noch Sturm"( mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Im vorderen Teil sieht sich die Politologin Naika Foroutan unter zunehmendem Bekenntnisdruck und konstatiert: "Muslimischsein ist derzeit vor allem eins: das Gegenteil von Deutschsein." Özlem Topcu wirft Alice Schwarzer vor, mit ihrer Forderung nach einem Kopftuchverbot muslimische Mädchen und Frauen nicht zu befreien, sondern einzusperren.