Heute in den Feuilletons

Mal richtig krachen lassen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.09.2010. Es entsteht zwar keine rechtspopulistische Partei, aber die Zeit bastelt schon mal eine zusammen. Sie ist enthemmt! Im Kulturteil steht dagegen ein Plädoyer gegen das Kopftuch. Wissenschaftlich gesehen ist Thilo Sarrazins Rückgriff auf eugenische und genetische Argumente totaler Kokolores, meint die Biologin Veronika Lipphardt im Freitag. Jungle World hat rechtsextreme Foren gelesen und festgestellt: Die echten Rechten fürchten Sarrazin eher: Wurde er vom Mossad geschickt? In der taz ätzt Antje Vollmer: An Bertelsmann geht keiner ran.

Freitag, 16.09.2010

Thilo Sarrazins Rückgriff auf eugenische und genetische Argumentationen ist schlicht Quatsch und unwissenschaftlich, meint Veronika Lipphardt, Biologin am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte: "Gene kodieren für Proteine, nicht für Eigenschaften. Kausale Zusammenhänge zwischen Genprodukten und Charaktereigenschaften herzustellen, ist Wissenschaftlern bisher nicht gelungen. Was sie lediglich nachgewiesen haben, ist, dass bestimmte Gen-Allele - sozusagen Versionen eines Gens - auffallend häufig mit Verhaltensbeobachtungen korrelieren. Damit ist noch nichts über die Ursache der Korrelation gesagt: Sie kann ein Artefakt, eine statistische Verzerrung, sie kann kulturell bedingt oder vollkommen anders zustande gekommen sein."

Außerdem: Unter der traurigen Überschrift "C'etait la vie" schreibt Matthias Dell einen Abgesang auf den französischen Film.

Jungle World, 16.09.2010

Matti Steinitz hat rechtsextreme Internetforen gelesen, wo man sich vor Sarrazin eher zu fürchten scheint: "Weit verbreitet ist zum Beispiel die Version, dass Sarrazin vom 'System' aufgebaut wurde, um ein Ventil für den wachsenden Unmut der Deutschen über die 'Überfremdung' zu schaffen. Demnach habe Sarrazin den Auftrag, eine staatlich kontrollierte Sammelpartei rechts der Union aufzubauen, was den Erfolg des 'wahren' nationalen Widerstands verhindern würde." Und dann stört Sarrazin mit seinen Äußerungen über die Intelligenz der Juden noch die zentrale Leidenschaft der Rechtsextremen, den Antisemitismus: "Entsprechend fleißig sammeln die Nazis Belege dafür, dass Sarrazin entweder selbst Jude sei oder zumindest als perfider Agent der Israel-Connection agiere."

Außerdem annonciert Martin Reeh, im Ton leicht skeptisch, einen Freischreiber-Kongress für freie Journalisten in Hamburg.

Aus den Blogs, 16.09.2010

ARD und ZDF steuern die Medienpolitik durch Gutachten, die meist von ehemaligen Verfassungsrichtern verfasst werden und zufällig immer auf der Linie der Sender liegen, schreibt Robin Meyer-Lucht in Carta. Und das geht so: Bezahlt werden die Gutachten "von ARD und ZDF. Die Höhe des Gutachterhonorars wurde nie bekannt gegeben. Das Ergebnis gefiel den Rundfunkräten ausgezeichnet."
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Stichwörter: ARD, ZDF, Medienpolitik

FR, 16.09.2010

Der Bertelsmann-Konzern feiert heute abend in Berlin mit viel Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kultur sein 175-jähriges Firmenjubiläum. Thomas Schuler, der gerade ein Buch über die Verflechtungen der Bertelsmann-Stiftung veröffentlicht hat, spuckt einmal kurz in die Bowle: "Die Stiftung hat mir auf Anfrage viele Studien und Publikationen zugänglich gemacht, das ja. Aber hat sie entscheidende Fragen zu ihrer Konstruktion und zu ihren Finanzen beantwortet? Nein, keine einzige. Sobald die Fragen Interessenkonflikte, die Kontrolle durch die Familie Mohn oder die Verwendung der Gelder betrafen, endete das Bekenntnis zur Transparenz. Die Stiftung hat ihr Archiv unter Verschluss gehalten und nicht einmal frühere Satzungen zugänglich gemacht. ... Dass die Transparenz an Grenzen stößt, sobald es ans Eingemachte geht, dass [der Vorstandsvorsitzende Gunter] Thielen glaubt, die Fragen nach den Gehältern seien unzulässig, und dass die Politik der Bertelsmann-Stiftung das gestattet, das ist einer der Skandale, der heute Abend freilich nicht thematisiert werden wird."

Besprochen werden Thor Freudenthals Kinderfilm "Gregs Tagebuch", Anton Corbijns Thriller "Der Amerikaner", Paul W.S. Andersons Film "Resident Evil - Afterlive", die neue CD von Juli, Calixto Bieitos Inszenierung der "Aida" in Basel und Thomas Lehrs Roman "September" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 16.09.2010

Antje Vollmer erzählt im Interview, wie sie einst mit einer Reform des Stiftungsrechts gescheitert ist und warum: "Stiftungen wie die Bertelsmann Stiftung waren und sind engste Politikberater - und damit größter Profiteur bestimmter politischer Weichenstellungen." Die Gesellschaft bekomme das kaum mit, "und das liegt am beinahe völligen Stillschweigen der Medien. Als wir Ende der 1990er Jahre das Stiftungsrecht reformieren wollten, hatte ich überall Gespräche über mögliche Fehlentwicklungen geführt - bei Spiegel, Stern, Focus, Zeit, FAZ, Süddeutscher oder auch bei TV-Magazinen wie 'Monitor'. Doch an Bertelsmann traute und traut sich niemand heran, mit Ausnahme eines Artikels im Tagesspiegel und der tapferen kleinen Neuen Westfälischen in der Provinz. Sonst aber legt sich eine Medienkrake nicht mit der anderen an. Die Angst vor Bertelsmann-Juristen und das potenzielle Bedürfnis, vielleicht mal etwas mit denen oder bei ihnen zu machen, hindert offensichtlich auch die Helden des investigativen Journalismus am Jagdeifer. Bertelsmann ist unberührbar."

Weitere Artikel: Barbara Behrendt porträtiert den zornigen Jungdramatiker Oliver Kluck, dessen Stück "Warteraum Zukunft" heute am Jungen Theater Göttingen Premiere hat: "Klucks Theaterverständnis ist das von einem Labor, 'wo du es mal richtig krachen lassen kannst'." Hannes Koch unterhält sich mit Peer Steinbrück über dessen heute erscheinendes Buch "Unterm Strich", gesellschaftgefährdende Privilegierte und eigene Versäumnisse. Nina Apin freut sich über die Ankunft des chinesischen Schriftstellers Liao Yiwu, der erstmals ins Ausland reisen durfte und als Gast am Internationalen Literaturfestival Berlin teilnimmt. Katrin Bettina Müller kommentiert den Rücktritt des Hamburger Schauspielhaus-Intendanten Friedrich Schirmer, der wegen der Unterfinanzierung des Theaters hingeworfen hat.

Besprochen werden die Kinokomödie "Mammuth" von Benoit Delepine und Gustave de Kervern mit Gerard Depardieu in der Hauptrolle und Anton Corbijns Spielfilm "The American" mit George Clooney.

Und Tom.

Spiegel Online, 16.09.2010

Online zu lesen ist jetzt das Interview mit dem deutsch-ägyptischen Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad, das ein Beispiel für jenen Journalismus liefert, der auf Zweifel mit Gewissheiten reagiert:
"Abdel-Samad: Mein Traum ist in der Tat ein aufgeklärter Islam, ohne Scharia und Dschihad, ohne Geschlechter-Apartheid, Missionierung und Anspruchsmentalität. Eine Religion, die sich jeder Kritik und Nachfrage stellt. Was mich betrifft: Ich bin schon vor längerem vom Glauben zum Wissen konvertiert.
Spiegel: Sie sind Atheist geworden.
Abdel-Samad
: Nein.
Spiegel: Können Sie ruhig zugeben, es ist ja keine Schande, Atheist zu sein.
Abdel-Samad: Aber es stimmt nicht.
Spiegel: Das würde Ihnen kein Imam, kein katholischer Priester, kein Rabbi durchgehen lassen. An Gott glauben heißt doch akzeptieren, dass etwas jenseits des Wissens existiert. Wenn Sie das nicht teilen - warum bestehen Sie darauf, sich als Muslim zu bezeichnen?"

NZZ, 16.09.2010

Anlässlich der Deportationen der Roma aus Frankreich (Ausschaffung sagen die Schweizer dazu) schildert Markus Bauer ihre Situation in Rumänien. Auf der Filmseite berichtet Geri Krebs vom Filmfestival San Sebastian, Susanne Ostwald feiert Hayao Miyazakis Anime "Ponyo".

Besprochen werden außerdem Calixto Bieitos Inszenierung von Verdis "Aida" am Theater Basel, Paul Austers Roman "Unsichtbar" sowie Studien zu Hermeneutik und Posthermeneutik (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FAZ, 16.09.2010

Die Ergebnisse der jüngsten Shell-Jugendstudie stellt Lena Wilde vor. Es wächst offenbar eine pragmatische Generation ohne große Aufstiegshoffnungen und Widerstandswünsche heran: "Wem es zu Hause einigermaßen gut geht, der hofft maximal, nicht wesentlich absteigen zu müssen. [Der an der Erstellung der Studie beteiligte Klaus] Hurrelmann drückt dies so aus: 'Man ist schon zufrieden, wenn man das Leben der Eltern reproduzieren kann.' Aus diesem Grund ist auch von Rebellion keine Rede. Mehr als neunzig Prozent der Jugendlichen haben ein positives Verhältnis zu ihren Eltern, und die meisten würden auch deren Erziehungsstil übernehmen."

Weitere Artikel: In einer sehr abstrakt bleibenden Analyse denkt der ehemalige Verfassungsrichter und Rechtsphilosoph Ernst-Wolfgang Böckenförde über Säkularismus, die Neutralität des Staates und die Reformierbarkeit von Religionen unter dem Druck der Vernunft nach. Joseph Hanimann erzählt, wie in typischer UNESCO-Problemvermeidungsmanier der geplante und heftig umstrittene Philosophie-Großkongress in Teheran nicht abgesagt, sondern ohne weitere Einlassungen ins Unbedeutende herabgestuft wurde. Werner Spies erinnert daran, wie vor hundert Jahren ein von einem Esel gemaltes Gemälde im Salon von Paris für Gelächter sorgte - und dass damit ein vorläufiger Höhepunkt des "hämischen, von Komplexen begleiteten Angriffs auf die gesamte Avantgarde" erreicht war. Auf dem Filmfestival von Toronto sieht Verena Lueken unter anderem Neues von Clint Eastwood und Michael Winterbottom. In der Glosse erläutert Swantje Karich, wie eine Jörg-Immendorf-Biografie nicht durch ihren Inhalt, sondern durch Begleitverlautbarungen, Skandal machen will. Elke Heidenreich berichtet weiter vom "Ring"-Projekt in Shanghai, unter anderem dass die Eintrittskarte beachtliche 240 Dollar kostet.

Kürzlich durfte Frank Schirrmacher für den vom Red-Bull-Eigner Dietrich Mateschitz gegründeten österreichischen Fernsehsender "Servus TV" (Website) keinen Geringeren als Neil Armstrong interviewen. Jetzt kommt es zur freundlichen Gegeneinladung: Michael Hanfeld stellt den Sender, seine Macher und seine Pläne auf der Medienseite maximal ausführlich und wohlwollend vor.

Besprochen werden die Ausstellung "Geschichte der Rekonstruktion" in der Pinakothek der Moderne, Richard Thompsons neue Platte "Dream Attic", Dieter Ilgs improvisierter "Otello", Benoit Delepins und Gustave Kerverns Depardieu-Film "Mammuth" und Bücher, darunter Monika Helfers Roman "Bevor ich schlafen kann" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 16.09.2010

Johan Schloemann zählt Gründe auf, warum die von Antifaschisten in spe herbeigesehnte rechtspopulistische Partei in Deutschland nicht zustandekommt - einer davon: die "ritualisierte Holocaust-Erinnerungskultur": "Mit der 'Nie wieder'-Erziehung scheint es wie mit den Erkenntnissen der Produktwerbung zu sein: Die stets repetierte Reklame für eine Joghurtmarke kann lästig sein und überflüssig wirken; wird sie indes unterlassen, wird der entsprechende Joghurt tatsächlich weniger gekauft."

Weitere Artikel: Die Begeisterung aktueller US-Musiksuperstars für die Eurodance-Musik kann Jan Kedves erklären. Fritz Göttler stellt die dem italienischen Schauspieler Toto gewidmete Reihe im Münchner Filmmuseum vor. Markus Zehentbauer stellt die Roboter-Installation "Outrace" auf dem Londoner Trafalgar Square vor. Auf der Medienseite resümieren Caspar Busse und Hans-Jürgen Jacobs die aktuelle Bertelsmann-Kritik.

Besprochen werden die Ausstellung "Zukunft der Tradition, Tradition der Zukunft" in München, die an eine Ausstellung muslimischer Kunst vor hundert Jahren erinnert und sie mit neuer muslimischer Kunst konfrontiert, neue Filme, darunter Marvin Krens Berlin-Zombie-Film "Rammbock", Benoit Delepines und Bruno Kerverns Depardieu-Komödie "Mammuth" (mehr) und Hayao Miyazakis jüngster Anime-Wurf "Ponyo" (mehr) und Bücher, darunter Michael Kleebergs Roman "Das amerikanische Hospital" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Zeit, 16.09.2010

In einem Text, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt, stellt Iris Radisch klar, dass man gegen das Kopftuch und trotzdem nicht rechts sein kann. Zum Beispiel aus feministischen Gründen, wie Alice Schwarzer, die in ihrem neuen Buch "Die große Verschleierung" gegen jede "naive Toleranz" in Stellung geht und ein Kopftuchverbot für Schülerinnen an deutschen Schulen fordert: "Alice Schwarzer und ihre Kombattantinnen denken politisch und nicht popliterarisch. Für sie ist der Schleier keine individuelle Modeentscheidung, es trägt nicht das eine Mädchen aus Spaß ein Kopftuch und das andere aus demselben Spaß lieber Rastalocken. Das Kopftuch ist wie auch die Burka ein politisches und religiöses Symbol. Beide Kleidungsstücke folgen einem Menschenbild, nach dem Frauen unrein und dem Mann nachgeordnet sind. Der Schleier hat den Sinn, die durch das bloße Frausein verlorene Würde wiederzuerlangen. Eine unverschleierte Frau ist deswegen immer würdelos."

Weitere Artikel: Im Interview mit Stephan Lebert spricht Harald Schmidt über seinen gefühlt dreiundsiebzigsten Wechsel zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Anstalten. Katja Nicodemus hat bei der Mostra in Venedig viele hässliche Männer hässliche Dinge tun sehen. Außerdem schreibt sie den Nachruf auf Claude Chabrol. Wolfram Goertz rühmt die Sopranistin Mojca Erdmann.

Besprochen werden der Wiener Saisonstart mit Grillparzers "Jüdin von Toledo" und Thomas Bernhards "Heldenplatz", Jan Bosses Inszenierung der "Blechtrommel" in Bochum, Anton Corbijns Film "Der Amerikaner", eine Ausstellung zu Pierre Bonnard im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum Wuppertal und Bücher, darunter Ann Cottens neuer Lyrikband und Claude Lanzmanns Memoiren (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Außerdem: Im Interview werfen Bernd Ulrich und Heinrich Wefing einem perplexen Thomas de Maiziere vor, dass "Sie als Innenminister stets reagieren wie ein Zeit-Redakteur, abwägend, differenzierend, reflexiv". Weil sie das selbst langweilt, schreibt sich die Zeit-Redaktion dann eine neue Rechts-Partei herbei: "Wenn tatsächlich eine neue Partei entstehen sollte, wäre sie indes keine klassisch konservative, keine, die auf gutes Benehmen und alte Werte baut, sondern eher das Gegenteil: eine Partei der Enthemmung", formulieren Matthias Geis und Bernd Ulrich schon mal die Richtung. Zwar hat Thilo Sarrazin bisher jede Frage, ob er eine neue Partei gründen will, mit Nein beantwortet, informiert uns Tina Hildebrandt in einem zweiten Artikel. Auch Friedrich Merz, Wolfgang Clement, Roland Koch und Erika Steinbach hätten bisher keine Ambitionen in diese Richtung erkennen lassen. Aber die Überschrift "Noch nicht" und ein Bild der fünf Politiker unter der Bildzeile "Könnten, wollen aber (noch) nicht" schubst die unwilligen Kandidaten energisch an. In einem dritten Artikel schließlich schreibt Khue Pham, dass laut Umfragen zwar "18 Prozent eine Partei unter Sarrazin wählen würden", aber Joachim Gauck "den befragten Deutschen als Vorsitzender einer neuen Partei noch lieber als Sarrazin" wäre. Kurz: "Einer neuen rechten Partei fehlt nicht nur das Personal, sondern auch die Wählerschaft." Das heißt ja wohl, dass mindestens die Hälfte der Zeit-Redaktion im Sandkasten spielt.