Heute in den Feuilletons

Fachbereich für Drittmittelantragsdidaktik

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.07.2010. In Slate schimpft Christopher Hitchens auf Mel GibsonJungle World bringt ein Dossier zur Burka-Debatte und fragt nach Nebenwirkungen. Die FAZ fragt mit Martha Nussbaum: Was stört uns der Niqab, solange die so Verhüllte uns noch anblickt? Life Science untersucht einen prähistorischen Dildo.  Die Zeit hat festgestellt, dass noch gelesen wird, und dies sogar im Internet. Und die ARD wehrt sich mit aller Entschiedenheit gegen die FAZ.

Spiegel Online, 22.07.2010

Christian Stöcker stellt in Spiegel Online die Ipad-App Flipboard vor, die den auf das neue Gerät hoffenden Medien vielleicht nur halb gefallen wird: "Das Versprechen des Programms ist simpel: Ich bekomme ein Magazin zum Lesen. Es sieht magazinig aus, mit schickem Layout, strahlenden Bildern und viel Weißraum zwischen Textblöcken. Dazu auch noch Videos und Ton, das Ganze ist ja multimedial... Zusammengestellt wird das Magazin allerdings nicht von irgendwelchen Redakteuren - sondern von Ihrem eigenen Freundeskreis. Jenen Menschen, denen Sie bei Twitter folgen oder mit denen Sie auf Facebook freundschaftlich verbunden sind."
Stichwörter: Facebook, Twitter

Jungle World, 22.07.2010

Jungle World bringt ein ganzes Dossier zur Debatte um das Burka-Verbot in Frankreich. Bernhard Schmid weist auf ein interessantes Detail hin: "Dass sich das Gesetz nicht ausdrücklich auf religiös begründete Gesichtsschleier bezieht, hat zudem den praktischen Nebeneffekt, dass es zugleich ein Vermummungsverbot für politische Demonstranten einführt. Ein solches Gesetz, wie es 1988 in Westdeutschland eingeführt wurde, gab es bislang in Frankreich nicht." außerdem gibt's zur Debatte ein Pro und Contra.

Weitere Medien, 22.07.2010

Große Empörung hat bei der ARD offensichtlich Michael Hanfelds gestriger FAZ-Leitartikel zum Gebaren der Öffentlich-Rechtlichen im Netz ausgelöst. Der ARD-Vorsitzende Peter Boudgoust schreibt in einem offenen Brief an FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher: "Gegen diese Darstellung verwahre ich mich im Namen der ARD entschieden. Dies ist geschichtsvergessen und maßlos. Es macht mich sprachlos, dass Sie dies in einer Qualitätszeitung wie der FAZ zulassen."
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FR, 22.07.2010

Besprochen werden die Ausstellung "Geschichte der Rekonstruktion - Konstruktion der Geschichte" in der Münchner Pinakothek, die griechische Filmkomödie "Kleine Wunder in Athen", Richard Strauss' "Schweigsame Frau" in München, Jean-Pierre Jeunets Film "Micmacs" und der Actionknaller "Knight and Day" mit Cameron Diaz. Auf der Medienseite befasst sich Marin Majica mit modischen Versuchen, einfach mal ohne Internet zu leben.

NZZ, 22.07.2010

Manfred Schwarz besucht in Den Haag und Rotterdam Ausstellungen zum jungen Vermeer und seinem Fälscher Han van Meegeren. Gar nicht glauben kann er, wie man van Meegerens "Emmausmahls" für ein Meisterwerk halten konnte. Martin Sander beobachtet das polnische Gedenkspektakel zur Schlacht von Grunwald, als das vereinte polnisch-litauische Heer den Deutschen Ritterorden vernichtend schlug.

Auf der Filmseite begrüßt es Christoph Egger sehr, dass Alain Tanner dieses Jahr in Locarno einen Leoparden für sein Lebenswerk erhalten wird. Brigitte Kramer meldet, dass Pedro Almodovar seinen nächsten Film "La piel que habito" wieder mit Antonio Banderas dreht.

Besprochen werden eine Aufführung von "La Regina da Saba" beim rätoromanischen Origen-Festival auf dem Julierpass, Nicol Ljubics Roman "Meeresstille" und Gabriel Chevalliers Anti-Kriegs-Epos "Heldenangst" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Aus den Blogs, 22.07.2010

Etwas seltsam, erzählt Christopher Benfey in der NYRB, fühlte er sich schon, als er von Amherst in die Bronx reiste, um dort über "Emily Dickinson's Garden: The Poetry of Flowers" zu sprechen. Denn was fand er dort? "A virtual Amherst among the 250 lushly wooded acres of the Botanical Garden. The walks and flourishing garden plots around the imposing conservatory, the largest Victorian glass-house in the United States, were studded with placards of Dickinson?s poems, about a third of which deal in some way with flowers, sometimes invoking that traditional poetic code, as old as Shakespeare, where lilies signify coquetry and daisies innocence. Below four stately locust trees leading to the conservatory was her great poem that begins 'Four Trees-opon a solitary Acre,' with its Darwinian claim that nature is 'Without Design,/ Or Order, or Apparent Action,' and its poignantly uncertain conclusion:

What Deed is Their?s unto the General Nature-
What Plan
They severally-retard-or further-
Unknown-
...

(via BoingBoing) In Schweden wurde etwas aus der Steinzeit ausgegraben, das stark nach einem Dildo aussieht, erzählt Clara Moskowitz in LiveScience. "The carved bone was unearthed at a Mesolithic site in Motala, Sweden, that is rich with ancient artifacts from between 4,000 to 6,000 B.C. The area's unique features may have allowed bone artifacts, which usually get destroyed over the millennia, to survive. 'It's an organic object, that's why it's special,' Gruber told LiveScience. 'Normally when we excavate early Mesolithic sites we never get the organic material. But this site where we're excavating now is along the shoreline. The preservation is very good here - it's been lying in the bottom sediments and clay layers of the river, and it's been well preserved there.' The dildo-like object is about 4 inches (10.5 cm) long and 0.8 inches (2 cm) in diameter."

Katy Derbyshire hatte für den Bachmann-Wettbewerb einen Auszug aus Sabrina Janeschs Roman "Katzenberge" übersetzt. Der fertige Roman hat jetzt ihre gute Meinung bestätigt. Und noch etwas gefällt ihr sehr: Die Erzählerin ist eine deutsche Journalistin mit polnischem Familienhintergrund: "The Polish are barely visible in the bulk of German literature, despite being such close neighbours. With one exception - my friend and fellow translator Isabel Cole has a theory that the Polish cleaning lady is the German equivalent to the Black mammy."

In Israel haben es die Palästinenser schwer. Noch schlimmer ist ihre Lage nur in arabischen Ländern, schreibt Khaled Abu Toameh im Blog des Hudson Institute: "Until 2005, the law prohibited Palestinians from working in 72 professions. Now the list of jobs has been reduced to 50. Still, Palestinians are not allowed to work as physicians, journalists, pharmacists or lawyers in Lebanon. Ironically, it is much easier for a Palestinian to acquire American and Canadian citizenship than a passport of an Arab country."

Eine sehr hübsche Tirade gegen den katholischen Rüpel Mel Gibson bringt Christopher Hitchens in Slate: "what he is issuing is the distilled violence, cruelty, and bigotry - and sexual hypocrisy - that stretches from the Crusades through the Inquisition to the 'concordats' between the church and Hitler and Mussolini."

Freitag, 22.07.2010

Übernommen wurde Decca Aitkenheads Porträt des Journalisten und Internettheoretikers Clay Shirky aus dem Guardian (hier das Original). "Shirky besitzt keinen Fernseher. Die Amerikaner schauen zusammengenommen pro Jahr 200 Milliarden Stunden fern. Wenn die sozialen Online-Medien auch nur einen Bruchteil dieser Zeit abknapsen, so Shirky, dann kann das nur gut sein. 'Selbst der dümmste kreative Akt ist immer noch ein kreativer Akt. Eine halbe Stunde Zusammenarbeit mit anderen auf der albernsten Webseite der Welt ist sinnvoller als eine halbe Stunde vor dem Fernseher.'"

Eckhard Siepmann schildert Impressionen von der Beerdigung Fritz Teufels: "Die letzte Momentaufnahme zeigt den Nukleus der antiautoritären Bewegung ohne Exaltiertheit, ohne Kälte, ohne Greisentum und gekünstelte Jugendlichkeit, ohne Jämmerlichkeit oder Verhärmtheit: Der innerste Kreis der 68er-Zwiebel verabschiedet sich mit Leichtigkeit und Gelöstheit von der Bühne der Geschichte."

Und: Michael Angele erklärt, warum er dankbar ist für eine linke Zensurkampagne gegen rechte Medien in Berliner Kiosken.
Stichwörter: Guardian, Clay Shirky

TAZ, 22.07.2010

In der Debattenreihe über Musikkritik hält es der Blogger Christian Ihle nicht für ausgeschlossen, dass Blogs für die Musikkritik das werden könnten, was Punk für den Pop war: "Die Angst vor der falschen Prognose, das Misstrauen gegenüber Hypes schien im Printbereich schon immer stärker verbreitet zu sein als die Hoffnung auf Neues, Großes!"

Weiteres: Doris Akrap befasst sich ernsthaft mit dem Video der australischen Künstlerin Jane Korman, in dem diese ihren alten Vater, den Auschwitz-Überlebenden Adolek Kohn, und fünf seiner Enkel in KZ-Gedenkgestätten zu Gloria Gaynors "I will survive" tanzen lässt. Besprochen werden die Ausstellung "A Star Is Born" über die Beziehung zwischen Fotografie und Rockmusik im Essener Folkwang-Museum, die 17. Rohkunstbau-Ausstellung im Schloss Marquardt bei Potsdam und Asli Özges Film "Men on the Bridge" über drei Männer, die auf der Istanbuler Bosporusbrücke ihr Auskommen suchen.

In tazzwei schreibt Arno Frank über das Album, das zwar als musikalisches Format erledigt schien, derzeit aber in verblüffend kreativen Varianten wieder zurückkehre.

Und Tom.

Welt, 22.07.2010

Tenzing Barshee porträtiert den ehemaligen Punkmusiker und heutigen Maler Billy Childish, der mit van-Gogh-ähnlichen Gemälden Überraschungserfolge auf der Basler Kunsmesse feierte. Stefan Koldehoff schildert den zermürbenden Streit zwischen zwei alten Damen und dem Staat Israel um den Nachlass von Max Brod mit Kafka-Autografen. In der Leitglosse erinnert Marko Martin daran, dass es häufig jüdische Intellektuelle waren, die vor 15 Jahre die Muslime in Bosnien verteidigten, während sich die heutigen "Islamversteher" damals nicht zu Wort meldeten. Besprochen wird der Film "Knight and Day" mit Tom Cruise.

Für die Magazinseite besucht Joachim Hentschel Prince in seinem Paisley Park. Auf der Forumsseite hat der Soziologe Wolfgang Sofsky nichts gegen Poltiker, die zurücktreten, einzuwenden.

FAZ, 22.07.2010

Aktuelle Diskussionen über das Burkaverbot, angeregt von Martha Nussbaums Blog-Intervention, referiert Patrick Bahners und weist auch auf ein im Fortgang der Debatte von Nussbaum eingebrachtes Argument hin: "Wo andere Verbotsgegner die Ansicht übernehmen, dass Burkaträgerinnen aus der Bürgerschaft ausstiegen, und sich lediglich gegen die Nötigung zur Kontaktaufnahme wenden, da behauptet Martha Nussbaum nun, dass die Verhüllte sich der Kommunikation gar nicht verweigere. Der Kontakt von Mensch zu Mensch werde durch die Augen hergestellt, die nicht ohne Grund in der dichterischen Tradition die Fenster der Seele hießen." (Schade nur, dass man bei einer Burkaträgerin die Augen nicht sehen kann.)

Weitere Artikel: In westlichen Gesellschaften, Großstädten insbesondere, sind Patchwork-Familien allgegenwärtig. Ganz anders, staunt Felicitas von Lovenberg, als in der Literatur - und freut sich umso mehr auf Thomas Hettches kommenden, offenbar sehr einschlägigen Roman "Die Liebe der Väter". Die komplizierte Geschichte des Beutekunst-Streits um Egon Schieles Beutekunst-Gemälde "Wallys Bildnis" schildert Dirk Schümer - und kann mit der frohen Botschaft beginnen, dass das Gemälde in einem außergerichtlichen Vergleich nun für 19 Millionen Euro von der Wiener Leopold Privat-Stiftung angekauft wurde. Gina Thomas berichtet über den Verfall des einstigen Wohnhauses von Arthur Conan Doyle. Martin Otto kennt, aus Anlass des Rücktritts von Ole von Beust, die Geschichte des Adelsgeschlechts derer von Beusts vor- und auch rückwärts. In der Glosse erzählt Hubert Spiegel launig von einem etwas gespenstischen Goethe-Quiz im Elephant Hotel Weimar. Auf der Kinoseite staunt Hans-Jörg Rother über eine Reihe mit mexikanischen Melodramen vor allem der vierziger Jahre im Berliner Arsenal. Mark Siemons beschreibt, wie China gerade mit marktwirtschaftlichen Mitteln versucht, Hollywood zu überholen, ohne es einzuholen.

Besprochen werden eine an die Opern-Diaspora-Verhältnisse adaptierte (nämlich gekürzte und erklärte) Aufführung von Mozarts früher Oper "La finta giardiniera" beim Al Ain Classics Festival, die von Kent Nagano dirigierte und von Barrie Kosky inszenierte Münchner Aufführung von Richard Strauss Opernkomödie "Die schweigsame Frau", Jean-Pierre Jeunets neuer Film "MicMacs", Einspielungen mit noch zu entdeckenden PianistInnen in der Edition Klavier Festival Ruhr und Bücher, darunter Steffen Jacobs' Gedichtband "Die Liebe im September" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 22.07.2010

Alex Rühle befragt den Germanisten Mathias Mayer, der einen kulturgeschichtlichen Essay über die "Kunst der Abdankung" geschrieben hat, zur aktuellen Rücktrittsserie in der Politik. Mit deutlich spürbarem Kopfschütteln informiert Johann Schloeman darüber, dass an der Uni in Frankfurt jetzt ein millionenschwerer Topf fürs Drittmitelantrags-Coaching bereitsteht, und fragt: "Und wann gibt es die ersten Professuren, Bachelorstudiengänge und Fachbereiche für Drittmittelantragsdidaktik?" Jens Bisky meldet, dass mit dem Berliner Schlossaltneubau jetzt doch bereits 2012 begonnen werden soll - und eine Kuppel obendrauf gibt es auch. Fritz Göttler gratuliert der Schauspielerin Vera Tschechowa zum Siebzigsten.

Besprochen werden die von Kent Nagano dirigierte und von Barrie Kosky inszenierte Münchner Aufführung von Richard Strauss' - sehr musicalhafter, wie Reinhard J. Brembeck findet - Oper "Die schweigsame Frau", die Ausstellung "Geschichte der Rekonstruktion - Konstruktion der Geschichte" in der Münchner Pinakothek der Moderne, die von John Bock kuratierte Schlussausstellung "FischGrätenMelkStand" in der Temporären Kunsthalle Berlin, neue anlaufende Filme, darunter James Mangolds Tom-Cruise-Vehikel "Knight and Day", Asli Özges Spielfilmdebüt "Men on the Bridge" (mehr) und Jean-Pierre Jeunets "MicMacs" (mehr) und Bücher, darunter Christopher Caldwells noch nicht übersetzte Islamisierungs-Warnschrift "Reflections on the Revolution in Europe" und - in einer verspäteten und kalendarischen Rezension - die Best-of-Fassung von Helmut Kraussers Tagebüchern des Titels "Substanz" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Zeit, 22.07.2010

Pessimismus war gestern. Bei der Zeit ist jetzt Fortschritttseuphorie ausgebrochen. Die Redaktion hat festgestellt, dass immer noch gelesen wird - selbst im Internet. "Ein solider Sockel von Viellesern steht einem, zugegebenermaßen ebenso soliden Sockel von Nichtlesern gegenüber", versichert Jens Jessen im Aufmacher. Der in Sachen E-Books eh sehr entspannte Umberto Eco fürchtet in einem Gespräch mit Jean-Claude Carriere nicht um die große Errungenschaft Buch: "Das Buch ist wie der Löffel, der Hammer oder das Rad: Sind diese Dinge erst einmal erfunden, lässt sich Besseres nicht mehr machen. An einem Löffel gibt es nichts zu verbessern... Vielleicht wird es sich in seinen Komponenten weiterentwickeln, vielleicht werden seine Seiten nicht mehr aus Papier sein. Aber es wird bleiben, was es ist."

Weitere Artikel: Christine Lemke-Matwey stimmt sich mit einem Besuch der Proben zu Hans Neuenfels' "Lohengrin" auf die am Sonntag eröffnenden Bayreuther Festspiele ein. Alexander Cammann war bei Fritz Teufels Beerdigung und berichtet in einem weiteren Text von den Plänen Altenburgs, seinen historischen Marktplatz abzureißen. Willi Jaspers geht der Frage nach, warum sich Carla Mann, die Schwester von Thomas und Heinrich, ebenso wie ihre Schwester Julia das Leben nahm. Im Aufmacher der Literaturseiten stellt Insa Wilke den in Berlin lebenden georgischen Autor Giwi Margwelaschwili vor.

Besprochen werden die Ausstellung "Der Westen leuchtet" in der Bonner Kunsthalle und das Album "The Defamation of Strickland Banks" des britischen HipHoppers Plan B und Bücher, darunter Paul Austers "Unsichtbar" und Michael Sontheimers RAF-Geschichte "Natürlich kann geschossen werden" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).