Heute in den Feuilletons

Ich mag Macht!

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.07.2010. In der FAZ predigt Roland Reuß zu geisteswissenschaftlichen Autoren: Totale Selbstaufgabe ist ein Akt der Souveränität. Der Tagesspiegel zitiert aus dem Gutachten des ehemaligen Verfassungsrichters Hans-Jürgen Papier, der das Internet als "Gebiet des Rundfunks" sieht. Die taz ist böse: Alice Schwarzer haut die Burka und meint die Linke. Die NZZ verzeichnet Fortschritte in den Bratislava-Wiener Beziehungen. Die FR liest Uwe Johnsons Interviews mit Fluchthelfern der DDR.

Tagesspiegel, 21.07.2010

Der Historiker Fritz Stern beschreibt in seiner Rede (gekürzte Fassung) zum 20. Juli im Bendler-Block die deutschen Widerständler als apolitische Menschen, keine Demokraten, sondern Menschen, die am Ende einfach ihrem Gewissen gehorchten. Damit standen sie nicht allein: "Ich glaube, es gab diese Gemeinsamkeiten im europäischen Widerstand. Es gab in Europa Menschen, die unter brutalsten Umständen ihr Leben riskierten, um Anstand, Gerechtigkeit, und menschliche Würde zu ehren, denen der Traum eines friedlichen Europas der Vernunft vorschwebte: Könnte man nicht dieser Gemeinsamkeit gedenken und eine europäische Erinnerungsstätte errichten", die, so Stern, "die späteren Freiheitskämpfer Osteuropas" einbezieht?

Internet ist Rundfunk. So liest es sich jedenfalls in einem Papier, das der ehemalige Verfassungsrichter Hans-Jürgen Papier in einem Gutachten im Auftrag der Anstalten vorgelegt hat und das Joachim Huber auf der Medienseite zitiert: "Begibt sich die Presse allerdings auf das Gebiet des Rundfunks, der im modernen Sinne auch Internetangebote umfasst, muss sie die öffentlich-rechtliche Konkurrenz aushalten", steht da. (Und jetzt aber her mit den Gebühren!, ruft der Perlentaucher.)

NZZ, 21.07.2010

Patricia Grzonka bewundert die neue Schiffsstation am Donaukanal in Wien, von der aus Schnellboote in nur 75 Minuten nach Bratislava fahren: "Nach den Plänen des aufstrebenden Wiener Architekturbüros Fasch & Fuchs ist der neue City-Terminal als ein gekrümmtes weißes Stelzengebilde erbaut worden, das entfernt an die utopischen Projekte wandernder Städte oder 'Walking Cities' der englischen Architektengruppe Archigram aus den 1960er Jahren erinnert."

Besprochen werden die Konzerte des Menuhin-Festival in Gstaad und Bücher, darunter Philip Roth' Roman "Die Demütigung" und Antony Beevors Geschichte der Landung in der Normandie "D-Day" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
Stichwörter: Archigram, Philip Roth, Wien

FR, 21.07.2010

Sven Hanuschek hat sich die Interviews angehört, die Uwe Johnson Silvester 1963 mit zwei Fluchthelfern der so genannten Girrmann-Gruppe geführt hat und die der Suhrkamp Verlag ins Netz gestellt hat. Johnson erweist sich für Hanuschek als Fragensteller mit entschiedenen Ansichten: "Ist die Solidarität, der Idealismus, den diese Fluchthelfer bei hohem persönlichem Risiko gezeigt hatten, ein ostdeutsches Verhalten? Warum interessiert man sich als Flüchtling lange Zeit nur für die Nachrichten über Ostdeutschland in den Zeitungen, was fehlt dem Westen? Wie laufen Einladungen bei Westberlinern ab? 'Es gibt widerliches Konfekt und Gebäck, und dann gibt es auch einen Cognac, und man redet, nicht? So wie diese Einladungen eben sind -, haben Sie dann das Gefühl, dass Sie ganz dazugehören?'"

Weiteres: In Times mager berichtet Sylvia Staude von besorgten Debatten im Netz auf die Krebserkrankung des bekennenden Atheisten Christopher Hitchens: "Ob man als Christ für seine Genesung beten soll und wenn ja, ob man es ihn dann wissen lassen sollte oder lieber nicht, um ihn nicht zu kränken." Abgedruckt wird der Vortrag des Soziologen und Max-Planck-Direktors Wolfgang Streeck, der über Familienpolitik, "arbeitsscheue" Welfare Queens und die Frage nachdenkt, warum die Mittelklasse-Frauen nicht die gewünschten Kinder produzieren.

Besprochen werden zwei Prometheus-Produktionen von Rimini Protokoll und Sahika Tekand in Athen und Istanbul, Monteverdis Mariensvesper beim Rheingau Musik Festival, Karl-Markus Gauß' Reise-Erzählung "Im Wald der Metropolen" und der Crossover-Comic "Die Simpsons - Futurama" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Auf der Medienseite schildert Daniel Bouhs, wie ARD und ZDF gerade massenhaft ihre Internet-Inhalte depublizieren: "So verschwinden etwa 80 Prozent aller Einträge auf der Internetseite der Tagesschau. Der Online-Präsenz des Politmagazins Report Mainz geht immerhin jede zweite Seite verloren. Und die Sportredaktion des ZDF erlebt gerade, wie von ihren Webseiten kaum noch etwas übrig bleibt: Von sport.zdf.de verschwinden 19748 Einträge. Das sind 92 Prozent."
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Aus den Blogs, 21.07.2010

Im Blog der Tageschau erklärt Jörg Sadrozinski, was es mit dem Löschen sovieler Inhalte auf den Seiten der öffentlich-rechtlichen Anstalten auf sich hat: "Einige Nutzer haben gefragt, ob die Beiträge komplett gelöscht würden. Das ist nicht der Fall - die Inhalte verbleiben in unserer Datenbank, werden aber nicht mehr über unsere Webserver ausgespielt. Die Meldungen dürfen wieder 'leben', wenn ein Ereignis eintritt, das eine erneute Berichterstattung rechtfertigt."

In Open Culture gibt Dan Coleman Links zu 20 Autoren und Schauspielern, die große Literatur lesen: darunter Joyce ("Finnegans Wake"), Capote ("Breakfast at Tiffany's"), Hemingway ("In Harry's Bar in Venice") und T.S. Eliot ("The Wasteland").

Anlässlich des Historienspiels "Pageant of the Masters" in Kalifornien hat A fool in the forest einige Tableaux Vivants im Netz gesucht. Am besten gefiel uns dieses Musikvideo der Band "Hold your horses!" Die Darstellung von Botticellis Venus ist ganz bezaubernd!


Stichwörter: T.S. Eliot, Kalifornien

TAZ, 21.07.2010

Ein mit dem Kürzel "das/fra" zeichnendes Autorenteam kommentiert Alice Schwarzers Plädoyer für ein Burkaverbot: Alles nur ein Vorwand, die Linke anzugreifen, die es "so als Block gar nicht gibt". Yin Tsan beschreibt Versuche, Musikfestivals CO2-neutral zu gestalten. Anders als Till Briegleb in der SZ hält Petra Schellen die zurückgetretene Kultursenatorin Hamburgs, Karin von Welck, für ganz allein schuld an ihrem Scheitern. Kübra Yücel versucht einer französisch-amerikanisch-japanischen Freundin Deutschland zu zeigen. Kirsten Riesselmann erzählt von den Passionsspielen in Oberammergau.

Auf der Meinungsseite verteidigt Martin Greffrath die Öffentlich-Rechtlichen und plädiert für ein Werbeverbot.

Besprochen wird James Mangolds Actionfilm "Knight and Day" mit Cameron Diaz und Tom Cruise.

Und Tom.

SZ, 21.07.2010

Kai Strittmatter hat einen überaus anregenden Theaterabend in Athen verbracht. Gegeben wurde "Prometheus in Athen" von der Gruppe Rimini Protokoll. 100 Athener (mit einer Ausnahme keine Schauspieler) sollten sich einen Protagonisten aus Aischylos' "Der gefesselte Prometheus" als Leitfigur erwählen. "Mit Kratos, der Macht, mag sich kaum einer identifizieren, bis ein Elfjähriger an den Bühnenrand springt: 'Ich mag Macht!' Prometheus, der den Menschen aus Tonerde formte, ihm das Feuer brachte und darüber zum Rebellen gegen Zeus wurde, findet am meisten Zuspruch. 'Weil er Geduld und starken Willen zeigte', ruft eine 38-Jährige auf Jobsuche."

Weitere Artikel: Till Briegleb fasst die Probleme zusammen, die zum Rücktritt der Hamburger Kultursenatorin Karin von Welck geführt haben: Sie hatte letztlich wohl einfach keine Lust, "Watschenfrau" zu sein "für Fehler, die sie ursprünglich nicht zu verantworten hatte oder für deren Erkennen ihrer Behörde das qualifizierte Personal fehlte". Petra Steinberger resümiert einen letztes Jahr erschienenen Report der American Psychological Association über das "Interface zwischen Psychologie und globalem Klimawandel". Syrien verbietet den Niqab, berichtet Tomas Avenarius. (Das Bild daneben zeigt eine Frau im metallischblau glänzenden Niqab mit hinreißend geschminkten Augen, in denen die tausend Geheimnisse des Orients schimmern! Wer sich übrigens auch fragt, was genau eigentlich der Unterschied zwischen Niqab, Burka und Tschador ist: Hier eine Darstellung der verschiedenen "Schleier"-Arten)

Besprochen werden einige CDs und Miljenko Jergovics Roman "Freelander" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 21.07.2010

Ausgerechnet als Vertreter der AutorInnen geriert sich der Initiator des "Heidelberger Appells" Roland Reuß in seiner flammenden Streitschrift gegen ein nun sogar von konservativen Politikern gefordertes "unabdingbares Zweitveröffentlichungsrecht" bei wissenschaftlichen Texten. Es geht darum, dass nach einer zu bestimmenden Frist die Verfasser ihr Recht zur Veröffentlichung des in meist ungelesenen Bänden vergrabenen Textes auf zum Beispiel der eigenen Website erhalten. Schädigung der Autoren, ruft reichlich widersinnig nun Roland Reuß auf der Wissenschaftsseite und fordert die Autoren zur totalen Herausgabe der Nutzungsrechte an die Verlage auf - gerade in diesem Akt der Selbstaufgabe liege ihre Souveränität! Sonst wird das "Investitionsrisiko des Verlags zu groß, und dem Autor wird nur übrig bleiben, seine unlektorierten und unbeworbenen Schriften im ach so überschaubaren Netz allein 'sichtbar' zu machen".

In einem Kommentar auf Seite eins geißelt Michael Hanfeld ein von den Öffentlich-Rechtlichen in Auftrag gegebenes Gutachten des Ex-Verfassungsrichters Hans-Jürgen Papier, demzufolge im Internet so gut wie nichts "presseähnlich", dafür aber im Prinzip alles "Rundfunk" sein soll: "Es verkündet nichts anderes als einen totalen Machtanspruch, das Ende der freien Presse und die Herrschaft des Staatsjournalismus. Das Internet, die Presse werden zum Rundfunk und zu einer hoheitlichen Aufgabe erklärt."

Weitere Artikel: Mit dem Bayreuth-Novizen Hans Neuenfels unterhält sich Eleonore Büning unter anderem über seine "Lohengrin"-Inszenierung, über die Bedeutung der Mythen und über seine "Epigonen im Regietheater". Hans-Christian Rössler vermeldet, dass der kafkaeske Max-Brod-Nachlass nun geöffnet wurde - was drin ist, weiß aber immer noch nur eine Handvoll Menschen. Gina Thomas kann nicht erkennen, dass David Camerons Beschwörung einer "neuen Kultur des Voluntarismus, der Philanthropie, des sozialen Handels" angesichts absehbar massivster Kürzungen von Kulturetats besonders gut ankommt. Leicht gekürzt abgedruckt wird Werner Spies' Dankrede zur Verleihung des Carlo-Schmid-Preises. In der Glosse macht sich Edo Reents Gedanken über Amtsmüdigkeit. Auf der DVD-Seite werden unter anderem eine Edition der Filme des japanischen Regisseurs Keisuke Kinoshita und von Volker Schlöndorffs Director's Cut der "Blechtrommel" vorgestellt.

Besprochen werden Doug und Mike Starns Bambus-Pflanzung als Kunst "Big Bambu: You Can't, You Don't, and You Won't Stop" auf dem Dach des Metropolitan Museum in New York, die Abschieds-"Magnum"-Ausstellung von c/o Berlin im nun an Investoren verkauften Postfuhramt, Asli Özges Film "Men on the Bridge" (mehr) und Bücher, darunter Florion Kührers Kulturgeschichte "Vampire. Monster - Mythos - Medienstar" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).