Heute in den Feuilletons

Hierarchisch, hermetisch, vorhersehbar

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.07.2010. Nichts ist teurer als die Zeitung von gestern: Telepolis erklärt, was mit dem Springer Verlag, der 27.000 Euro für einen digitalen Zugang zur Vossischen Zeitung will, in Brasilien passieren würde. In der SZ schildert der Internetpionier Ethan Zuckerman das Problem der durch das Netz fragmentierten Öffentlichkeit. Das Ideal der "bürgerlichen Öffentlichkeit" funktioniert aber auch nicht, meint Carta. Fast alle Zeitungen feiern Mieczylaw Weinbergs wiederentdeckte Oper "Die Passagierin" in Bregenz: Musiktheater über Auschwitz.

Tagesspiegel, 23.07.2010

Der Produzent Artur Brauner ist bei Arbeiten zu einem Film über den Holocaust auf ein Dokument mit dem Vermerk "Einzigste Ausfertigung - Geheime Reichssache!" gestoßen. Darin steht: "Seit Dezember 1941 wurden beispielsweise mit 3 eingesetzten Wagen 97 000 verarbeitet, ohne daß Mängel an den Fahrzeugen auftraten." Brauner erklärt, was mit dem Wort "Verarbeitung" gemeint ist: "Die 'Verarbeitung' erfolgte in speziell für dieses Ziel präparierten Lastwagen, die die jüdischen Menschen aus dem Ghetto nach Chelmno, verdeutscht in Kulmhof, brachten. Der Weg dauerte ungefähr eine Stunde und startete in Radygast (polnisch Radogoszcz). Die Ladung bestand aus ausgewählten Ghetto-Insassen, hauptsächlich ältere Menschen und Kinder, da sie nicht genug Arbeit für das Deutsche Reich leisten konnten. Während der Fahrt wurde der Abgasschlauch in Richtung Ladefläche geleitet. Der Erstickungstod fand nach ungefähr 15 Minuten statt."
Stichwörter: Artur Brauner, Holocaust

Aus den Blogs, 23.07.2010

Peter Mühlbauer erzählt in Telepolis, was passiert, wenn nicht Google, sondern deutsche Verlage gemeinfreie Werke einscannen: Es wird teuer. De Gruyter und der Springer Verlag wollen für den Zugang zur digitalisierten Vossischen Zeitung, die 1934 ihr Erscheinen einstellte, 27.390 Euro. Alternativ dazu gibt es den Zugang für 5.390 Euro im Jahresabonnement. Das würde nicht in jedem Land funktioniert, erläutert Mühlbauer: "In Brasilien wird das Versehen gemeinfreier Inhalte mit DRM-Zugangssperren bald strafbar: Ein neuer Urheberrechtsgesetzentwurf der dortigen Regierung verbietet in Artikel 107 nämlich technische Sperren vor gemeinfreien Werken. Bei urheberrechtlich noch geschützten Inhalten wird derjenige bestraft, der mit dem DRM eine rechtmäßige Nutzung be- oder verhindert. In der 2003 von Brigitte Zypries vorgenommenen deutschen Umsetzung der WIPO-Urheberrechtsverträge fehlen solche Sanktionen bisher."

Ach, wie schön war noch die Öffentlichkeit, als es noch eine Gleichrichtung des Publikums durch eine begrenzte Zahl von Medien gab, seufzte neulich in der taz der Publizist Matthias Greffrath, der einst zu den Tenören dieser Öffentlichkeit gehörte. Robin Meyer-Lucht antwortet in Carta: "Das Ideal der 'bürgerlichen Öffentlichkeit' entlarvt sich in Greffraths Kolumnen-Traktat grandios selbst als Sprechmechanismus für bürgerliche Eliten. 'Gute Öffentlichkeit' herrscht demnach vor, wenn wohlgeordnete Institutionen dafür sorgen, dass wenige Köpfe und Leitmedien den Diskurs bestimmen. Der Diskurs soll damit gerade nicht offen für jeden, jedes Argument und jedes Ergebnis sein, sodern hierarchisch, hermetisch, vorhersehbar."

(Via Literaturcafe) "Vorwärts, und nicht vergessen..." Brecht würde im Grabe breakdancen. Alle Erläuterungen hier.



Facebook hat die Marke von 500 Millionen aktiven Nutzern überschritten (Aktive Nutzer bei Facebook sind solche, die sich in den letzten 30 Tagen mindestens einmal eingeloggt haben.) Marcel Weiss kommentiert im Neunetz: "Das jetzt kommende Internet-Jahrzehnt wird von Facebook bestimmt. Facebook ist nicht einfach 'nur' das nächste Google, was die Tragweite für das Web betrifft. Will man Facebooks mittelfristige Auswirkungen auf das Internet begreifen, muss man sich ein Google vorstellen, das zusätzlich noch mit seinem Aufkommen den Hyperlink erfand."

TAZ, 23.07.2010

Joachim Lange sah die szenische Erstaufführung der Oper "Die Passagierin" von Schostakowitsch-Schüler Mieczylaw Weinberg, mit der die Bregenzer Festspiele eröffnet wurden. "Bei der 'Passagierin' ist die Geschichte die Herausforderung und das Problem. Die Oper beantwortet nämlich die heikle Frage, ob der zivilisatorische Jahrhundertbruch namens Auschwitz ganz konkret auf der Bühne darstellbar ist, mit einem uneingeschränkten Ja."

Besprochen werden das Debütalbum "The ArchAndroid" der amerikanischen Singer-Songwriterin Janelle Monae und das einzige Deutschlandkonzert des amerikanischen Rock’n’Roll, Blues- und Jazzmusikers Dr. John in München.

Auf der Tagesthemenseite interviewt Peter Unfried Bettina Röhl, die ihrem Vater Klaus-Rainer Röhl vorwirft, sie sexuell missbraucht zu haben. Auf der Meinungsseite untersucht der gewesene FR-Chef Wolfgang Storz den gegenwärtigen Basta-Journalismus, der das Ende der schwarz-gelben Koalition herbeischreibt, die er gar nicht so erfolglos findet.

Und Tom.
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FR, 23.07.2010

Peter Iden will Rhein und Ruhr nicht unbedingt den Führungsanspruch mehr zukommen lassen, den sie mit auftrumpfenden Ausstellungen wie "Der Westen leuchtet" gegegnüber Berlin behaupten: "Auffällig ist, dass sich im Rheinland seit etwa dem Ende der neunziger Jahre die Höhenkammlinie der künstlerischen Energien abgesenkt hat."

Weiteres: Für Christian Schlüter hat es sich nach dem Rücktritt von Ole von Beust in der CDU ausmodernisiert. Besprochen werden die Uraufführung von Mieczyslaw Weinbergs Holocaust-Oper "Die Passagierin" in Bregenz, Ausstellung "Stadt-Grün" des Architekturmuseums im Frankfurter Palmengarten, das Album "Praise & Blame" des unverwüstlichen Tom Jones und Michael Brauns Lyriksammlung "Der gelbe Akrobat" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Auf der Medienseite schildert Daniel Bouhs den Clinch zwischen ARD und FAZ. ARD-Chef Peter Boudgoust hat sich in einem offenen Brief über einen kritischen Kommentar der FAZ sehr echauffiert: "Schirrmachers Sekretariat stellte auf Anfrage eine Antwort auf Boudgoust Zeilen in Aussicht."

Welt, 23.07.2010

Wieland Freund liest im Aufmacher Alex Rühles Buch über sein sechsmonatiges Leben ohne Internet. Hanns-Georg Rodek erklärt in der Leitglosse, wie es kommt, dass die Vampire in den Stephenie-Meyer-Verfilmungen Volvo fahren. Besprochen werden Strauss' "Schweigsame Frau" unter Kent Nagano in München und eine Ausstellung über die jüdische Emigration nach Argentinien in Berlin.

NZZ, 23.07.2010

In einem informativen Hintergrundtext schildert Stephan Templ am Beispiel der Sammlung Leopold, wie Österreichs Politik die Restitution zu einer Frage privater Profite hat werden lassen: "Die Auffindung von Rückstellungsberechtigten betreibt der Staat jedoch nicht selbst. Diese Arbeit überlässt er Genealogen und Anwälten, die sich vertraglich exorbitante Erfolgshonorare bei erfolgter Rückstellung sichern."

Weiteres: Dorothea Dieckmann denkt recht frei über Sommer, Feste und Festival nach und weiß: "Nichts ist öder als eine freie Stunde." Ueli Bernays porträtiert auf der Plattenseite den Soulsänger und Jazz-Crooner Jose James. Jürg Meier stellt das New Yorker Jazz-Label Sunnyside des 72-jährigen Francois Zalacain vor. Jürgen Tietz resümiert anlässlich einer entsprechenden Ausstellung die IBA Stadtumbau im schrumpfenden Sachsen-Anhalt.

SZ, 23.07.2010

Ethan Zuckerman, Gründer des Blognetzwerks Global Voices, erklärt, warum das Internet unseren Blick oft eher verengt, als ihn zu erweitern: "Suchmaschinen können uns sowieso nur zeigen, was wir sehen wollen; unsere Freunde in sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook können uns Dinge zeigen, von denen wir noch nicht wussten, dass wir sie sehen wollen. Zusätzlich gibt es Funktionen, die den glücklichen Zufall herbeirechnen, indem sie auswerten, was wir bisher gesucht haben, oder was uns und unsere Freunde bisher interessiert hat. Das Problem ist nur, dass der Mensch ein Herdentier ist, also sehen wir auf Twitter oder Facebook nur das, was die Herde sieht."

Weitere Artikel: Den aktuellen Stand der Netzpolitik-Diskussion mit den Thesen von Thomas de Maiziere und Chaos Computer Club fasst Dirk von Gehlen knapp zusammen. Egbert Tholl und R. Neumaier porträtieren den designierten neuen Intendanten des Münchner Theaters am Gärtnerplatz Josef Ernst Köpplinger. Einen Bericht vom nun zuende gehenden und in diesem Jahr weithin experimentierfreudigen Theaterfestival in Avignon liefert Jürgen Berger. Auf der Medienseite stellt Christopher Keil (vergleichsweise) sehr ausgewogen die öffentlich-rechtlich-privatwirtschaftlichen Konfliktlinien im Internet dar und schließt mit dem Rat: "ARD und ZDF brauchen Führung nach dem Prinzip: Nicht alles, was möglich ist, ist gut für das System. In diesem Sinne muss der Gesetzgeber schleunigst erzieherisch tätig werden."

Besprochen werden David Pountneys Bregenzer Inszenierung von Mieczyslaw Weinbergs Auschwitz-Oper "Die Passagierin" (Egbert Tholl staunt über das 24 Jahre nach seiner Entstehung erstmals szenisch aufgeführte Werk: "Was für ein Fund!"), zwei Ausstellungen zum "Mythos Burg", eine in Nürnberg und eine in Berlin, eine dem Historienmaler Jean-Leon Gerome gewidmete Ausstellung in Los Angeles und Bücher, darunter John Bergers neuer Roman "A und X" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 23.07.2010

Angesichts der verspäteten szenischen Uraufführung von Mieczyslaw Weinbergs Auschwitz-Oper "Die Passagierin" in Bregenz fragt Eleonore Büning: "Kann die Hölle von Auschwitz künstlerisch so verwandelt, verschönert und verkleinert werden, dass sie in einen Operabend hineinpasst, mit Arien, Soli, kontemplativen Ensembles und Freiheitschören?" Ihre Antwort ist ein ganz klares und höchst beeindrucktes Ja: "Mag sein, dass 'Die Passagierin'gar nicht die erste 'Auschwitz-Oper' ist - aber ein Meisterwerk. Warum hat es so lange gedauert hat, bis das jemand merkte?"

Weitere Artikel: Absurd findet Constanze Kurz die Urteile von Sozialgerichten, die das Fernsehen, aber nicht das Internet zur "Grundversorgung" von Hilfeempfängern zählen - umgekehrt werde schon eher ein Schuh draus. Scharf kritisiert Patrick Bahners die antiföderalistischen Wallungen von Bildungsministerin Annette Schavan. Andreas Lorenz-Meyer wägt vor der am Sonntag beginnenden Unesco-Welterbekonferenz Für und Wider der Aufnahme von - zum Beispiel KZ- - Gedenkstätten ins Welterbe. Joachim Müller-Jung findet, dass der "internationale Ökomulti" Greenpeace nicht nur in seinen Reaktionen auf die BP-Ölpest ganz schön alt aussieht. Stephan Sahm blickt in bioethische Zeitschriften. In der Glosse rät Andreas Rossmann, einen allerdings zu niedrigen Bundeszuschuss dennoch zur Sanierung der Ostseite des Kölner Doms zu nutzen. Wolfgang Sandner schreibt den Nachruf auf den englischen Tenor Anthony Rolfe Johnson.

Besprochen werden die von John Bock kuratierte Schlussausstellung "FischGrätenMelkStand" in der Temporären Kunsthalle Berlin, die Action-Komödie "Knight and Day" mit Cameron Diaz, und Bücher, darunter Javier Tomeos neuer Roman "Die Silikonliebhaber" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).