Heute in den Feuilletons

Niemand schreit hier

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.04.2010. Trotz ihrer ersten Niederlage in der Kruzifix-Frage: Es ist gut, dass Aygül Özkan Ministerin wird, findet die taz. In der FR lernt Micha Brumlik bei Shlomo Sand Neues über die Geschichte der Juden. Die Auflage der amerikanischen Zeitungen ist um 9 Prozent gefallen, meldet die New York Times. Jörg Lau nennt die South Park-Zensur und die dahinterstehende Mentalität in seinem Blog "langsam verachtenswürdig". Mashable fragt: Warum twittert Hugo Chavez? Die SZ stellt Tato Tabordas Musiktheaterprojekt mit den Yanomami-Indianern vor.

TAZ, 27.04.2010

Daniel Bax will sich trotz der ersten Niederlage der neuen niedersächsischen Sozialministerin Aygül Özkan, die die längst fällige Forderung zur Abschaffung von Kopftuch und Kruzifix an Schulen stellte und von der CDU niedergepfiffen wurde, die Hoffnungen nicht nehmen lassen: "Aygül Özkan hat mit ihren eher beiläufigen Bemerkungen eine überfällige Debatte über die staatliche Neutralität gegenüber Religionen angestoßen - und Mut zur unpopulären Meinung bewiesen. Damit erweist sich jetzt, wie mutig es von Christian Wulff war, die Muslimin in sein Kabinett zu berufen." Eine ganze Tagesthemenseite ist dem Thema gewidmet.

Im Kulturteil unterhält sich David Denk mit den Machern eines heute Abend laufenden Dokudramas über Rudi Dutschke. Sonja Vogel verfolgte eine Berliner Tagung über Sinti und Roma in Europa. Isolde Charim kommentiert in ihrer wöchentlichen Kolumne die Wiederwahl des österreichischen Präsidenten Heinz Fischer.

Besprochen werden die Olafur Eliasson-Schau in Berlin und Atom Egoyans neuer Film "Chloe" (mehr hier).

Und Tom.

FR, 27.04.2010

Micha Brumlik liest auch noch einmal Shlomo Sands vieldiskutiertes Buch "Die Erfindung des jüdischen Volkes", dessen politische Agenda er zwar nicht unbedingt teilt, das er historisch aber überzeugend findet. Klargestellt sieht er zum beispiel, dass nicht die Römer die Juden aus Palästina vertrieben haben: "Da erstens schon zur Zeit des Zweiten Tempels die übergroße Zahl der Juden nicht in Judäa, sondern im gesamten Mittelmeerbecken lebte und die Römer zweitens, anders als die Assyrer, Juden weder beim ersten noch beim zweiten Aufstand im Jahre 70 und 132 deportierten... Zudem war schon die bedeutende 'zionistische' Historiographie, etwa in Gestalt des Historikers Benzion Dinur, davon überzeugt, dass es - wenn überhaupt - eine Vertreibung von Juden aus Palästina frühestens seit der arabisch-islamischen Eroberung gegeben habe."

Weiteres: Christian Schlüter beobachtet beim Kirchenpersonal die Menschwerdung in der Sünde: "Ihrer Soutane entkleidet, stehen sie nackt vor uns da." Natalie Soondrum berichtet vom Festival des osteuropäischen Films in Wiesbaden. In Times mager zeigt Soondrum dann, "dass Glück weh tun" kann.

Besprochen werden die Brecht-Stücke "Der gute Mensch von Sezuan" und "Der kaukasische Kreidekreis" in Berlin, Donizettis Oper "Maria Stuarda" in Darmstadt, Tomaz Pandurs Choreografie "Symphony of Sorrowful Songs" und Juan Gabriel Vasquez' Roman "Die Informanten" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 27.04.2010

(Via Mioskito) Keine guten Zahlen meldet die New York Times aus der amerikanischen Zeitungsindustrie: die Auflagen sind um weitere neun Prozent zurückgegangen. "The decline was widespread, as nearly all of the major newspapers and many of the smaller ones lost circulation. Among the 25 largest papers, The San Francisco Chronicle suffered the most, losing 22.7 percent of its weekday sales."
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Aus den Blogs, 27.04.2010

Die 200. und 201. South Park-Episoden bleiben weiterhin gesperrt und sind auch in Deutschland nicht mehr im Netz zu sehen. Die Medien stecken das mehr oder weniger weg - die meisten von ihnen trauen sich nebenbei nicht, Mohammed im Bärenkostüm zu zeigen, der sich in der 201. Episode als Weihnachtsmann entpuppt. Jörg Lau kommentiert in seinem Blog: "Ich finde das alles langsam verachtenswürdig. Kein einziger Muslim von Gewicht, keine angesehene Figur, keine Regierung eines islamischen Landes, kein Sprecher eines Verbandes hat irgendetwas gegen diese Folgen vorgebracht. Nur die drei, vier New Yorker Spinner! Vielleicht muss ich das noch einmal klarstellen: Es geht hier nicht um 'die Muslime'. Es geht um uns. Es ist die präventive Feigheit der westlichen Medienkonzerne, die aus einer Handvoll durchgeknallter 'Revolution Muslims' erst eine islamistische Bedrohung der Meinungsfreiheit macht."

Hugo Chavez eröffnet ein Twitter-Konto, meldet Curt Hopkins in Mashable und bietet folgende Erklärung an: "With Venezuela's once invincible-seeming oil-economy now in the toilet and his approval rating diving below 50% perhaps El Jefe feels he has no choice. Since mass media in Venezuela is under constant threat from its strongman head of state, his opponents and critics have monopolized the microblogging platform and that platform is becoming popular."

NZZ, 27.04.2010

Wuppertal wird die erste Stadt sein, die aus Finanznot ihr Theater aufgibt. Joachim Güntner berichtet von einer Diskussion in Bielefeld über die Zukunft der städtischen Kultur: "Ist uns allen hinreichend klar, wie sehr Stadt und bürgerliche Gesellschaft zusammengehören? Wollen wir es hinnehmen, dass städtische Bäder, Museen, Musikschulen schliessen und dass, wie jetzt schon in Oberhausen, abends nach neun Uhr keine Busse mehr fahren?"

Weiteres: Simone Wille führt durch die pakistanische Kunstszene: "Mit etwas mehr als 20 kommerziellen Galerien kann man sagen, dass Pakistan eine kleine, aber effektive Szene in Karachi, Lahore und Islamabad aufzuweisen hat." Uwe Justus Wenzel verabschiedet nach Vulkanausbruch und Flugverbot Vorstellungen vom "guten, störungsfreien Leben". Gar nicht einleuchten will Roman Bucheli, warum die Solothurner Literaturtage das Thema Frauenliteratur wieder aufs Tapet bringen.

Besprochen werden Annette Pehnts Erzählungen mit dem unschlagbaren Titel "Man kann sich auch wortlos aneinander gewöhnen das muss gar nicht lange dauern", Jean Echenoz' Roman über Emil Zatopek "Laufen" und Innokenti Annenskis Gedichtband "Wolkenrauch".

Welt, 27.04.2010

In Russland haben über hundert Prominente eine Petition unterzeichnet, in der sie ihren Rücktritt vom alten "Verband der Filmschaffenden" erklären und zur Gründung einer neuen Union aufrufen, berichten Anastassia Boutsko und Hanns-Georg Rodek. Die Petition richtet sich vor allem gegen Nikita Michalkow, Regisseur und Duzfreund Putins, der dem Verband seit 1998 vorsteht und dort in jüngster Zeit regelrechte Säuberungen durchführte, um seine Position zu sichern: "Uns gefällt nicht die selbstherrliche 'Machtvertikale' in unserer professionellen Vereinigung. Uns gefällt nicht der totalitäre Machtstil. Uns gefällt nicht die manische Suche nach dem 'inneren Feind', der Rauswurf von Nichtwilligen. Wir glauben, dass die Atmosphäre in unserer Union, die nun von einem 'einflussreichen Mann' alleinherrscherisch regiert wird, auch zur Verbreitung von verfassungswidrigen, antidemokratischen und moralfreien Tendenzen in der ganzen russischen Gesellschaft beiträgt", zitieren Boutsko und Rodek aus der Petition. Das Filmfestival in Cannes hat sich davon nicht beeindrucken lassen und Michalkows neuen Film "Die Sonne, die uns täuscht 2" in den Wettbewerb eingeladen.

Weitere Artikel: Die Zukunft New Yorks liegt in Harlem, versichert Stephan Wackwitz. Das "Große Deutsch-Japanische Wörterbuch" droht unvollendet zu bleiben, wenn sich kein Sponsor findet, berichtet Uwe Schmitt. Keiner mag "Für Elise", stellt Lucas Wiegelmann in der Leitglosse fest. Berthold Seewald rechnet mit dem Philhellenismus ab. Eckhard Fuhr annonciert eine Veranstaltungsreihe der Stiftung Zukunft Berlin über das geplante Humboldt-Forum. Uwe Wittstock schreibt zum Tod des englischen Autors Alan Sillitoe.

Und noch eine Meldung: Chinas Zensoren haben Änderungen an Tove Janssons Mumins-Theaterstück "Der Vater und das Meer" gefordert, dass das finnische Programm bei der Weltausstellung in Shanghai eröffnen sollte: "Laut der Regisseurin Anneli Mäkelä kritisieren die Behörden, in der jetzigen Fassung werde nicht hinreichend zwischen Gut und Böse unterschieden. Und eine der Figuren sei zu individualistisch." Die Regisseurin lehnte eine Veränderung des Stücks ab.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken von Olafur Eliasson im Berliner Gropius-Bau, die Uraufführung der Choreografie "Symphony of Sorrowful Songs" in Berlin (ziemlich narzisstische findet es Manuel Brug, wie sich der "ästhetisch sehr eingeengte Chefideologe Vladimir Malakhov neuerlich in den Mittelpunkt stellt")

FAZ, 27.04.2010

In Peking regt sich Widerstand gegen den geplanten Abriss und musealen Neuaufbau eines der ältesten Stadtviertel, berichtet Mark Siemons. Wenig Verständnis zeigt Karol Sauerland für die Kritik am polnischen Nationaltaumel. Er freut sich vielmehr, dass nach dem Tod Lech Kaczynskis die "bewusste Ausgrenzung und Herabwürdigung des Präsidenten" in Polen hinfort nicht mehr zu erwarten ist. Irene Bazinger war bei einer Veranstaltung im Berliner Ensemble, bei dem Weggefährten, den soeben erschienenen letzten Band der Autobiografie des Regisseurs in der Hand, Peter Zadeks gedachten. Jürg Altwegg schildert in der Glosse, wie es kam, dass der Exilarmenier Charles Aznavour in Sachen türkischer Genozid von seinem Land einen Maulkorb verpasst bekam. Arvid Hansmann begutachtet ein Denkmal (hier ein Bild) für Caspar David Friedrich in Greifswald. Jordan Mejias liest in amerikanischen Zeitschriften Aufsätze, die die Politik Barack Obamas und vor allem die Reaktion seiner Gegner von weit rechts zu ergründen versuchen.

Besprochen werden ein Konzert von The Unthanks in München, die Düsseldorfer Uraufführung von Martin Heckmanns' Stück "Hier kommen wir nicht lebendig raus", eine Inszenierung der Erstfassung von Beethovens "Fidelio" an der Komischen Oper in Berlin, Ausstellungen mit Werken von Alicja Kwade in Hannover und Münster, Jean-Marc Vallees Film "Young Victoria" (mehr) und Bücher, darunter Yoram Kaniuks autobiografischer Roman "Zwischen Leben und Tod" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 27.04.2010

Eine Seite ist der Musikbiennale in München gewidmet. Helmut Mauro stellt ein Projekt des Komponisten Tato Taborda vor, der mit Yanomami-Indianern aus dem Amazonas-Gebiet zusammengearbeitet hat. Dabei macht er keine "keine Anleihen an Schamanengesängen", sondern stellt ganz andere Fragen: "Wie kommunizieren Tiere im Regenwald, und warum muss der Mensch in diesem gewaltigen Lärm nicht dagegen anschreien? Seltsamerweise, sagt Taborda, ist der Frequenzbereich der menschlichen Stimme im Urwald unbesetzt. So muss keiner schreien. Und dies ist tatsächlich einer der ersten Eindrücke von den Yanomami. Niemand schreit hier, nur Kinder beim Ballspiel, niemand ruft andere herbei, es gibt nicht einmal Namen, nur charakterisierende Spitznamen, die man aber nicht offen ausspricht."

In einem zweiten Artikel erklärt Reinhard J. Brembeck, "warum ein Avantgardefestival für die Klassikszene wichtig ist". Und Egbert Tholl unterhält sich mit den jungen Komponisten Philipp Maintz und Marton Illes.

Weitere Artikel: Gustav Seibt macht sich in einem hübschen kleinen Text anhand zweier aktueller Inszenierungen Gedanken über die Frage, ob und wie man heute noch die für ihr nachhaltiges Kauerlebnis berühmten Lehrstücke von Brecht spielen kann - es geht nur als museales Exerzitium (Manfred Karges Inszenierung des "Kaukasischen Kreidekreises" am Berliner Ensemble) oder als respektlose Show (der "Gute Mensch von Sezuan" in der Regie Friederike Hellers an der Schaubühne). Thomas Steinfeld stellt im Aufmacher in Aussicht, dass Henning Mankell mit "Der Feind im Schatten" nun tatsächlich seinen letzten "Wallander"-Krimi verfasst hat. Und Hans-Peter Kunisch berichtet von einem deutsch-österreichisch-ungarischen Autorentreffen in Budapest.

Besprochen werden eine Museumsschau Olafur Eliassons in Berlin, die "Dreigroschenoper" und eine Dramatisierung der "Großen Freiheit Nummer 7" in Hamburg und William Forsythes Choreografie "Artifact" zum Auftakt der Ballettfestwochen in München.

Auf der Medienseite berichtet Nikolaus Piper über den New Yorker Zeitungskrieg - Rupert Murdoch hat dem Wall Street Journal Lokalseiten spendiert, um die verhasste New York Times zu bekämpfen. Mehr dazu bei Gawker, das auch die erste Titelseite des neuen Lokalteils präsentiert: "Rats Mob the Upper East Side" lautet die Überschrift des Aufmachers.