Heute in den Feuilletons

Zauberhafte Anarchie des Netzes

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.04.2010. Heute ist Tag des Geistigen Eigentums. Wir zitieren Zweifel der Wikipedia an der Einschlägigkeit des Begriffs.  Techcrunch fragt: Kann man Facebook noch stoppen? Matthias Küntzel legt auf seinem Blog Ungereimtheiten bei der Neubesetzung der renommierten,  zur Zeit von Wolfgang Benz besetzten Professur für Antisemitismusforschung an der TU Berlin offen. In SZ Online äußert sich Harald Martenstein ein bisschen traurig zur Zukunft des Journalismus. Die FAZ feiert Kristof Schreuf.

NZZ, 26.04.2010

Roman Bucheli besucht den Buchrestaurator Martin Strebel in seiner Werkstatt in Hunzenschwil und lernt dort einiges über Papier: "Spürbar wird sein sinnliches und dennoch vollkommen unsentimentales Verhältnis zum Papier und zu den Büchern. Er fasst nicht nur anders danach, er spricht auch anders davon als unsereiner: 'Lappiges Papier tönt nicht mehr', sagt er - und achtet gar nicht auf das verständnisblöde Gesicht seines Besuchers. Das Papier habe, so fügt er an, 'Klang und Griff'."

Weiteres: Romeo Giger schreibt zum Tod des Schriftstellers Alan Sillitoe, der Stimme der englischen Arbeiterklasse. Besprochen werden die Ausstellung "De Chirico, Max Ernst, Magritte, Balthus" im Florentiner Palazzo Strozzi, ein Gastspiel des Gustav-Mahler-Jugendorchesters in Zürich und der Ballettabend "Milk & Honey" in Basel.

Weitere Medien, 26.04.2010

Zum heutigen "Tag des geistigen Eigentums" zitieren wir aus der Wikipedia: "Der Begriff des 'geistigen Eigentums' wurde vielfach - auch in der juristischen Literatur - kritisiert. Die Naturrechts- bzw. Eigentumstheorie ist nur eine von vielen Begründungen zur Gewährung von Immaterialgüterrechten, die vor allem beim Urheberrecht und - historisch überholt - beim Patentrecht angewendet wird. Anhänger anderer Theorien halten die Bezeichnung daher für verfehlt; sie stelle eine fehlerhafte Analogie zum Sacheigentum her."

FR, 26.04.2010

Im Kulturteil ist Paul Noltes Berliner "Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor" abgedruckt. Daniel Kothenschulte wünscht sich anlässlich der Verleihung der Deutschen Filmpreise etwas mehr Geschichtsbewusstsein in der Filmbranche. In Times Mager ist Christian Thomas entsetzt über das "Rumpöbeln und Niedermachen" der Afghanistan-Mission im Internet - wo genau im Netz das passiert, sagt er nicht.

Auf den Medienseiten von Berliner Zeitung und FR erklären die jeweiligen Chefredakteure, dass künftig eine Redaktionsgemeinschaft die vier Abonnement-Zeitungen von Dumont - Berliner Zeitung, Frankfurter Rundschau, Kölner Stadt-Anzeiger und Mitteldeutsche Zeitung - mit Berichten aus Politik und Wirtschaft versorgen wird.

Besprochen wird ein Konzert von Rihanna in Frankfurt und Hermann Schmidt-Rahmers Inszenierung von Martin Heckmanns Dissidenzdrama "Hier kommen wir nicht lebendig raus" am Düsseldorfer Schauspielhaus.
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Aus den Blogs, 26.04.2010

Die sehr renommierte Stelle des Antisemitismusforschers Wolfgang Benz soll neu besetzt werden. Auf der Kandidatenliste steht auch seine wissenschaftliche Mitarbeiterin Angelika Königseder, obwohl Hausbewerbungen in der Regel sehr ungern gesehen sind - und obwohl Königseder kaum zum Thema publiziert hat, schreibt Matthias Küntzel auf seiner Website: "Dieser Vorgang führt vor Augen, dass sich die Öffentlichkeit selbst bei einer so bedeutsamen Neubesetzung auf die Usancen des nicht-öffentlichen Verfahrens nicht verlassen kann. Bewerber, die als junge Professoren im Gegensatz zu Frau Dr. Königseder seit Jahren über Probleme des Antisemitismus forschen und publizieren - wie zum Beispiel Prof. Rensmann (University of Michigan) oder Prof. Salzborn (Universität Gießen) - wurden schon im Vorfeld aus dem Verfahren genommen und tauchten als ernst zu nehmende Konkurrenten gar nicht erst auf."

Facebook ist jetzt da, wo Google vor zehn Jahren war, meint Michael Arringtron von Techcrunch: "Someday, maybe a decade from now, some new technology will rise and allow other companies to threaten Facebook. But until then there is little to stop them. Their march to dominance has just begun."

Bei Ars technica zeigt Nate Anderson wenig Verständnis für die Art, wie die amerikanische Unterhaltungsindustrie ihre Vorstellung vom Copyright weltweit durchsetzen will: "When the US entertainment industry looks at India, it sees one gigantic copyright problem. That's why it wants India to remain on the US government's 'Priority Watch List' for intellectual property issues in 2010, and that's why it blasted the country's new copyright proposals for (among other things) having too many legal reasons to bypass DRM. But what happens when you look at India from the perspective of culture and consumers? The country comes out number one. That's the result of the recent Consumers International 'IP Watchlist 2010,' a document that hopes to balance the perspective of the entertainment industry by looking at the same issues around the world from the point of view of citizens' rights and access to knowledge."

3quarksdaily hat bei Youtube ein Video mit Musik von Alfred Schnittke gefunden. Wie ein Kommentator mitteilt, handelt es sich dabei um Musik für einen Animationsfilm von Khrzhanovsky.


TAZ, 26.04.2010

Gabriele Goettle besucht ihren Nachbarn, einen Obdachlosen, der in Dahlem unter einem blauen Sonnenschirm "zwischen zwei übermannshohen weiblichen Eiben" lebt: "Ich trete so diskret wie möglich näher. Er sitzt auf dem Boden und liest. Mich für die Störung entschuldigend, stelle ich mich vor und formuliere kurz mein Anliegen. Unwirsch blickt er mich mit klaren blauen Augen an und sagt höflich auf Hochdeutsch: "Gespräche interessieren mich nicht, ich interessiere mich nicht für Obdachlose - und auch nicht für Leute mit Obdach."

Weiteres: Nach der Verleihung der Deutschen Filmpreise rauft sich Cristina Nord wieder die Haare: "Warum tut sich die Akademie so schwer mit dem, was nicht konsensfähig ist, warum sieht sie rot, sowie sie es mit Kunst und Kritik zu tun bekommt?" Ralf Sotschek erzählt von der Email, die vor dem Papst-Besuch im britischen Außenministerium kursierte und sich den "idealen Besuch" vorstellte: Zum Beispiel mit der Präsentation einer Kondommarke namens Benedikt.

Und Tom.

Welt, 26.04.2010

Ulrich Weinzierl inspiziert im Hinblick auf Luk Percevals Inszenierung der "Großen Freiheit Nr. 7" am Thalia-Theater das eigentliche Sankt Pauli, das den einstigen Klischees aber nicht mehr entspricht. Manuel Brug feiert in der Leitglosse eine Aufführung der "Stummen von Portici" in Dessau, die deshalb um so bemerkenswerter ist, als sie mit Qualität den Theaterabbauplänen der Stadt trotzt. Hanns-Georg Rodek berichtet von der Verleihung der deutschen Filmpreise. Tilman Krause berichtet von einem deutsch-französischen Literaturtreffen in Berlin. Michael Pilz gratuliert Giorgio Moroder zum Siebzigsten.

Besprochen wird die große Kirchner-Ausstellung in Frankfurt.

FAZ, 26.04.2010

Geradezu als Offenbarung feiert Richard Kämmerlings das Album "Bourgeois With Guitar" des Musikers und Autors Kristof Schreuf, der darin Klassiker der Popgeschichte in Text und Melodie zerlegt und wie neu wieder zusammensetzt. Und das alles nicht gewaltsam und ironisch, sondern mit sanftem Ernst: "'Bourgeois With Guitar' ist ein Album, das wie ein Best-of der Rockgeschichte daherkommt, auf dem man aber kaum ein Stück auf Anhieb erkennt und sich in manchen Titeln gleich drei oder vier Songs zugleich verbergen und Auferstehung feiern. Melodien für Millionen verwandelt Schreuf in ein Medley der Mythen, das gerade in der radikal subjektiven Anverwandlung den Songs ihre längst verscherbelte Aura zurückerstattet."

Vorige Woche menetekelte Frank Schirrmacher über unsere freiwillige Auslieferung an Modelle und Simulationen. FAZ-Lieblings-Computerwissenschaftler David Gelernter springt ihm nun bei: "Weil viele der Softwaremodelle, auf die wir uns verlassen, zu komplex sind, als dass die Öffentlichkeit sie verstehen könnte - und oft auch zu komplex, als dass irgendjemand sie verstehen könnte -, ähneln die Urteile, die sie uns verkünden, den unerfindlichen bürokratischen Diktaten eines kafkaesken Staats, denen fraglos Folge zu leisten ist, obwohl keiner sie erklären kann."

Weitere Artikel: Wolfgang Schneider resümiert das von der Berliner Akademie der Künste veranstaltete deutsch-französische "Rendez-vous litteraire". Gar nicht unfreundlich kommentiert Michael Althen die von Michael Hanekes "Weißem Band" dominierte Filmpreisverleihung. In der Glosse schildert Lorenz Jäger das mit schweren Vorwürfen gegen die Kirche verbundene Coming-Out des einst auf Diskretion versessenen Theologen David Berger. Die fünfzehnjährige FAZ-Praktikantin Laura Diehl verabschiedet sich mit der Beschreibung eines Fotos, das Dr. Helmut Kohl ("ein älterer, lieber Mann") neben Michael Ballack zeigt. Stephan Sahm schreibt zum Tod des Arztes Markus von Lutterotti. Die Geburtstagsglückwünsche der Woche gehen an die Autorin und Übersetzerin Lilian Faschinger (60), den Schriftsteller Bjarne Reuter (60), den Pianisten Christian Zacharias (60), den Komponisten Giorgio Moroder (70) und den Schauspieler Jean Rochefort (80).

Besprochen werden die Aufführung von Andre-Ernest-Modeste Gretrys Oper "Andromaque" in Schwetzingen, zwei Berliner Brecht-Inszenierungen in einem Aufwasch, nämlich "Der gute Mensch von Sezuan" an der Schaubühne ("kein Kalauer zu dumm, kein Mätzchen zu peinlich", meint Irene Bazinger) und "Der kaukasische Kreidekreis" am Berliner Ensemble ("durchdacht, konzentriert und spannend"), und Bücher, darunter Justine Levys Roman "Schlechte Tochter" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 26.04.2010

Sonja Zekri verfolgte an diesem Wochenende das polnische Filmfestival "Wisla" (Weichsel) in Moskau - die Kopien waren mit dem Präsidentenflugzeug nach Smolensk gereist und mussten nach dem Unfall neu besorgt werden. Der Produzent und Musiker Mathias Modica gratuliert Giorgio Moroder, dem Miterfinder der Disco-Musik, zum Siebzigsten. In den "Nachrichten aus dem Netz" beklagt Michael Moorstedt den immer zudringlicheren Zugriff sozialer Netze auf unsere Daten. Bert Hoppe fürchtet, dass die Katharinenkirche im früheren Arnau beim früheren Königsberg demnächst der orthodoxen Kirche übergeben werden muss. Burkhard Müller berichtet von der Verleihung der deutschen Filmpreise am Samstag. Cornelius Wüllenkemper verfolgte eine Berliner Diskussion über die deutsch-französischen Kulturbeziehungen, die weniger langweilig seien als ihr Ruf. Thomas Steinfeld schreibt zum Tod des britischen Autors Alan Sillitoe.

Besprochen werden ein Theaterabend mit dem Münchner Original Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig am Münchner Residenztheater, neue DVDs, Miraz Bezars Film "Die Kinder von Diyarbakir", Andre-Ernest-Modeste Gretry Oper "Andromaque" bei den Schwetzinger Festspielen und Bücher, darunter Hans Adlers wiederentdeckter Roman "Das Städtchen" aus dem Jahre 1926.

So etwas liest man von Printjournalisten selten - steht aber auch nur im Netz, in der SZ-Online-Serie über die Zukunft des Journalismus und ist von Harald Martenstein: "Das Internet wird außerdem mehr und mehr zu dem Ort, an dem die Debatten stattfinden, es entmachtet tendenziell die Meinungsseiten und die Feuilletons. Sie wirken langweilig, langsam und ferngesteuert, verglichen mit der zauberhaften Anarchie und Vielfalt des Netzes."