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Heute in den Feuilletons

Selbst Fassbinder lobte dich

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.04.2010. In der taz erklärt der Grünen-Politiker Volker Beck, warum er bestimmte Reggae-Musiker lieber nicht nach Deutschland lassen würde. Wisch und weg: Die FAZ entsorgt die deutsche Blogosphäre. In Qantara erklärt Antisemitismusforscher Wolfgang Benz, warum er am Begriff der Islamophobie festhält. Der Kölner Stadtanzeiger erblickt im Votum für das Kölner Schauspielhaus ein Hoffnungszeichen fürs ramponierte Städtchen. Unter anderem in der FR schreibt Rosa von Praunheim einen Liebesbrief an Werner Schroeter

TAZ, 14.04.2010

Anders als der Reggae-Musiker Gentleman, der Homophobie als Kulturerbe Jamaikas ansieht (hier und hier), findet der Grünen-Politiker Volker Beck, dass man Auftritte homophober Musiker wie Sizzla in Deutschland durchaus verhindern solle: "Wir akzeptieren es ja auch nicht, wenn Rassisten, Antisemiten, islamistische Hassprediger oder Holocaustleugner eine öffentliche Bühne in Deutschland dafür nutzen, zu Hass, Gewalt und Mord aufzurufen. Darum ist es nur konsequent, dass wir dort, wo wir die Möglichkeit dazu haben, auch gegen Reggae-Musiker wie Miguel Collins alias 'Sizzla' vorgehen." (So gesehen hätten die Grünen aber auch, als sie noch den Außenminister stellten, iranische Staatsbesuche verhindern können, mehr hier.)

Im Kulturteil schreibt interessanterweise der Wirtschaftsredakteur Hannes Koch über die Verschuldung in Griechenland und Deutschland, und erklärt das ungewöhnliche Thema so: "Wie die Forderung nach Wirtschaftswachstum gehört auch die öffentliche Verschuldung zu den kulturellen Konstanten dieses Landes. Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir uns ständig mehr wünschen können. Dabei steigt das Niveau der materiellen Bedürfnisse und ihrer Befriedigung schneller als die ökonomische Kraft." Und dann wird einem schwindlig: Die Wirtschaftskraft ist seit 1950 um das fünfzigfache gewachsen, die Verschuldung um das 175-fache.

Weitere Artikel: Cristina Nord schreibt zum Tod von Werner Schroeter. Besprochen wird die neue CD von Erykah Baddu.

In tazzwei unterhalten sich Wolf Schmidt und Daniel Schulz mit dem Wikileaks-Sprecher Daniel Schmitt. Und Kübra Yücel erklärt, warum sie gerne Kopftuch trägt: "Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass der Quran und die Sunnah des Propheten relativ eindeutig sind in dieser Frage. Für mich ist das Kopftuch eine religiöse Pflicht."

Und Tom.

Weitere Medien, 14.04.2010

Peter Berger kommentiert für den Kölner Stadtanzeiger die gestern Abend gefällte Entscheidung zum Schauspielhaus der Stadt: "Die Entscheidung des Stadtrats, in einer für die Kölner Kulturlandschaft eminent wichtigen Frage dem Bürgerbegehren zum Erhalt des Schauspielhauses zu folgen, stellt zumindest eine Zäsur dar. Sie könnte nach Jahren des politischen Niedergangs und vielen Fehlentscheidungen sogar dazu führen, dass Teile der Stadtgesellschaft, die sich spätestens nach dem Einsturz des Stadtarchivs von der Politik abgewendet hatten, wieder auf diese zugehen."

Der Antisemitsmusforscher Wolfgang Benz hält im Gespräch mit Claudia Mende von Qantara am Begriff der Islamophobie fest: "Islamfeindschaft, die sich selbst Islamkritik nennt und von manchen als Islamophobie bezeichnet wird, ist immer dann im Spiel, wenn keine Argumente mehr stattfinden, sondern nur noch gehasst wird. Was sich in manchen Blogs abspielt, hat nichts mehr mit Argumenten zu tun sondern mit Diskriminierung. Negative Eigenschaften werden Muslimen ein für alle Mal zugewiesen, das ist Ausgrenzung, keine Debatte."

FR, 14.04.2010

Vom verstorbenen Regisseur Werner Schroeter verabschiedet sich sein einstiger Liebhaber, Kollege und Konkurrent Rosa von Praunheim mit einem Liebesbrief: "Du warst einer der großen Außenseiter des deutschen Films und der Theaterbühne, ein perverser Poet, ein Zauberer des Lichts und der Schönheit, der sich erfrischend aus der Masse der Kinorealisten heraushob. Selbst Fassbinder lobte dich, der Dir aber später Dein Genet-Projekt 'Querelle' wegnahm." (Der Text ist übrigens auch in der Berliner Zeitung und bei Spiegel Online erschienen).

Der deutsch-polnische Autor Artur Becker beschwört nach dem großen Unglück von Smolensk Polens Tragik: "Ein bekannter russischer Kosmonaut und Pilot sagte in einem Interview, dass in Russland die Bodenkontrolle darüber entscheide, ob ein Flugzeug landen dürfe oder nicht: Im Westen würde der Pilot die Entscheidung zur Landung treffen müssen. Liegt also Polen im Westen?"

Weiteres: Arno Widmann hat den israelischen Historiker Shlomo Sand  getroffen, der in seinem Buch "Die Erfindung des jüdischen Volkes" erklärt, dass es ein historisch einwandfrei zu definierendes jüdisches Volk genauso wenig gibt wie ein deutsches oder französisches. jüdisches Besprochen werden Anne Teresa de Keersmaekers Choreografie "The Song", Gregor Mayers und Bernhard Odehnals Buch über Rechtsextremismus in Osteuropa "Aufmarsch" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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Aus den Blogs, 14.04.2010

Am Beispiel eines viel zitierten Tweets vom Bundesverfassungsgericht erklärt Robin Meyer-Lucht in Carta allen, die es noch nicht verstanden haben (zum Beispiel auch Marcus Jauer von der FAZ, siehe unten), wie grundsätzlich sich die Zirkulation von Informationen durch das Netz verändert hat: "Die zitierte Nachricht wurde nicht in einer Redaktion verfasst, nicht von einer Redaktion ausgewä̈hlt und nicht von einem klassischen Medienunternehmen verbreitet. Stattdessen wurde sie vom Gericht selbst abgesetzt, von einem dezentralen Netzwerk von Twitter-Nutzern als relevant identifiziert und über die Server eines 100-Mann- Unternehmens mit Sitz in San Francisco verschickt."

Welt, 14.04.2010

In Amerika wurden die Pulitzerpreise vergeben - an Leute, die es in Deutschland nicht mal auf die Gästeliste zur Preisverleihung gebracht hätten. Ausgezeichnet wurde, berichtet Wieland Freund, die Webseite ProPublica, und zwar in der Kategorie "Investigativer Journalismus". In der Kategorie "Fiction" wurde Paul Hardings Debütroman "Tinkers" ausgezeichnet, der in einem winzigen, erst vor wenigen Jahren gegründeten Non-profit-Verlag erschienen ist und noch nicht mal in der NYT besprochen war.

Die Komiker Oliver Polak und Serdar Somuncu verstehen im Interview nicht ganz, warum ihre Shows als so krass gelten, wo die Wirklichkeit so viel krasser sein kann. Erzählt Polak: "Einmal rief diese Veranstalterin vom Berliner Admiralspalast an und sagte: 'Hey Oli, wir machen hier Mauerfall-Revue am 9. November, 20 Jahre Mauerfall, musst du unbedingt vorbei kommen' und ich sagte: 'Nimm's mir nicht übel, aber zur Reichspogromnacht betrete ich keine Bühne' und dann sagt sie: 'Macht doch nichts, bringst du deine Freunde mit und dann feiern wir alle zusammen.'"

Weiteres: Unter der, ähm, provozierenden Überschrift "Wollt ihr das totale Design?" fordert Mateo Kries, Chefkurator des Vitra Design Museums in Weil am Rhein, eine neue Designtheorie, die Ethik ins Design bringt. Warum dem Buchmarkt eine Papierkrise droht, erklärt Andreas Rosenfelder. Matthias Heine versteht, dass der Papst sich noch nicht bei den Missbrauchsopfern entschuldigt hat: er musste erst den Beatles verzeihen. Wilhelm Roth schreibt zum Tod von Werner Schroeter. Besprochen wird Jörg-Uwe Albigs Roman "Berlin Palace".

Tagesspiegel, 14.04.2010

Vor dem heutigen Start der Blogger-Konferenz Re:Publica fragt Matthias Spielkamp vom Immateriblog zum Thema geistiges Eigentum, ob der Staat dafür sorgen muss, die Geschäftsmodelle der Unterhaltungs- und Kulturindustrie zu sichern: "Es gibt kein Recht auf Profit. Vor allem kann es nicht sein, dass der Staat Bürgerrechte einschränkt, um einer Branche zu helfen. Das wäre der Fall, wenn sich die Urheberrechtsindustrien - nicht die Kreativen - mit ihren Forderungen durchsetzen, dass Bürger überwacht, ihre Laptops an Flughäfen nach 'illegalen' Musikstücken durchsucht werden und ihnen bei Verstößen gegen das Urheberrecht der Zugang zum Internet gesperrt wird. Das ist kein theoretisches Horrorkabinett, sondern genau das, was sich einige Rechteverwerter von der Politik erhoffen und was in Ländern wie Frankreich und Großbritannien zum Teil bereits Wirklichkeit ist."

NZZ, 14.04.2010

Bei Andrea Köhler stößt Apples Ipad auf eine durchwachsene Resonanz. Ihr ist das Buchangebot zu uniform, und auch die Preise gefallen ihr nicht: "Da Apple den Verlagshäusern bei einer Kooperation mit seinem iBook-Store in der Preisgestaltung weitgehend freie Hand lässt, setzen immer mehr Verlage Amazon unter Druck. Bis heute verlangt der weltweit größte E-Book-Konzern für die meisten E-Titel 9 Dollar 99. Die Preise der fünf Vertragshäuser im Apple-iBook-Store aber liegen zwischen 12 und 15 Dollar pro Buch. So haben die Verlage Simon and Schuster und Harper Collins jetzt auch bei Amazon eine Preiserhöhung für ihre Titel durchgesetzt."

Weiteres: Joachim Güntner hat sich mit Schaudern in die Niederungen von Facebook begeben: "digitaler Exhibitionismus". Jürgen Tietz befasst sich mit Zvi Heckers Vorschlag für die Neugestaltung des Brandenburger Tors.

Besprochen werden Laura Wades Stück "Posh" am Londoner Royal Court Theatre, Reif Larsens Romandebüt "Die Karte meiner Träume" und T. C. Boyles Novelle "Das wilde Kind" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

SZ, 14.04.2010

Thomas Steinfeld erweist Ian McEwans Roman "Solar" (Auszug) die Ehre, ihn schon in der englischen Ausgabe zu besprechen, um ihn dann doch abzuservieren. Jens Bisky orientiert in einer kurzen Notiz über einen Besuch des Bundesbauministers Peter Ramsauer beim Berliner Schloss-Architekten Franco Stella. Fritz Göttler schreibt zum Tod von Werner Schroeter. Andrew Lloyd Webber spricht mit Helmut Mauro über sein neues Musical "Love Never Dies" und das Verfertigen von Musicals im allgemeinen. Gottfried Knapp zeichnet die die Debatte zum Kölner Schauspielhaus nach und vermutete schon gestern richtig, dass der Kölner Stadtrat letztlich gegen einen Abriss entscheiden würde.

Besprochen werden der Film "Date Night" mit den Fernsehkomikern Tina Fey und Steve Carell, eine Ausstellung von Textilkunst aus dem Jugendstil in München, ein Beethoven- und Brahms-Konzert mit Kent Nagano und Radu Lupu in München und Bücher, darunter der der erste Band der "WBG Weltgeschichte - Grundlagen der globalen Welt. Vom Beginn bis 1200 v.Chr." (Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.)

FAZ, 14.04.2010

Zum Start der Republica (eigentlich: re:publica) schreibt Marcus Jauer nicht weniger als drei Seiten über "Deutsche Blogger". Die Unterüberschrift macht schon klar, worauf es hinaussoll: "Die Menge an Information ist nicht das Problem am Internet, solange sie jemand einordnet und bewertet. Lange sah es so aus, als könnten Blogger das übernehmen. Leider beschäftigen sie sich lieber mit sich selbst." Vorgestellt werden im Artikel all die Blogger, die sowieso jeder kennt: von Johnny Haeusler (Spreeblick) über Robin Meyer-Lucht (Carta - er hätte ja erwähnen können, dass Carta interessanter ist als die Medienseite der FAZ, aber er begnügt sich mit boshaften Unterstellungen über die Motive des Erfinders) bis Felix Schwenzel (wirres). Die Melancholie der in seinem Artikel besuchten und zitierten Blogger Mitte vierzig kommt Jauer sichtlich recht, um das Ganze zu einem Abgesang auf die deutsche Blogosphäre zu verdichten.

Zwei grafische Einlagen gibt es außerdem im Text: Einer bildet die Blogs der Welt Punkt für Punkt thematisch nach Dichtepunkten und Zusammenhängen ab. Und unter der auch eher tendenziösen Überschrift "Wie Blogs ein Thema aufbringen, verbreiten, groß machen und fallenlassen" schildert Frank Westphal von Rivva am Fall Hegemann den Aufmerksamkeitszyklus für den betreffenden Skandal.

Weitere Artikel: In der Glosse erklärt Christian Geyer, dabei auch Verfassungsrichter Udo di Fabio widersprechend, warum sich die Kirche in den Pädophilie-Fällen durchaus der "fahrlässigen Unterlassung" schuldig gemacht hat. Andreas Rossmann meldet, dass in Köln nunmehr doch kein neues Theater gebaut, vielmehr das denkmalgeschützte alte saniert werden soll. Tilman Spreckelsen gratuliert dem ungarischen Schriftsteller Peter Esterhazy zum Sechzigsten. Zum Tod des Film- und Theaterregisseurs Werner Schroeter schreibt Andreas Kilb. Auf der DVD-Seite spinnt Michael Althen Fäden, die von Lasse Hallströms "Der große Bluff" zu anderen Filmen führen. Daneben werden die Neuerscheinungen "Diamond 13" von Gilles Behat, der "große amerikanische Film" (Bert Rebhandl) "Two Lovers" von James Gray und Charlie Kaufmans Regiedebüt "Synecdoche, New York" vorgestellt.

Auf der Medienseite berichtet Thomas Frickel, dass der WDR beim Deutschen Kulturrat eine Studie über sich bestellte, die dann auch auch das gewünschte Ergebnis erbrachte: Ja, der WDR ist ein wichtiger Kulturakteur. Die Kosten von 100.000 Euro übernimmt der Gebührenzahler.

Besprochen werden Bücher, darunter der Lyrikband "Narrativ" der soeben mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten US-Dichterin Rae Armantrout (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).