Heute in den Feuilletons

Formales Wunder der Natur

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.11.2009. Die NZZ fragt: Kassiert das Internet das Individuum? Die Welt versucht mit David Foster Wallace das Wesen der Depression zu verstehen. Die FAZ staunt über einen japanisch-chinesischen Flirt. Die SZ hält am Analogbuch fest. Die Blogs gucken ein Video mit Ariana Huffington und Mathias Döpfner. Die FR ist verknallt in eine Schönheit aus Florenz: "Sie ist Venus und Flora, Minerva und die Grazien."

NZZ, 13.11.2009

Joachim Güntner denkt über die Schwarmintelligenz als Ideologie unser Zeit nach, die zwar die Geisteskraft demokratisiere, doch den Einzelnen abwerte: "Wie Freuds Aufwertung des Unbewussten unsere Vorstellung von einem souveränen Ich kränkte, so nagt die Ausrufung von Schwarmintelligenz am Ideal des kulturell schöpferischen Solisten. Jenes Postulat verträgt sich weder mit dem Humboldtschen Ideal eines wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns 'in Einsamkeit und Freiheit' noch mit dem von großer künstlerischer Inspiration und Meisterschaft." Und er fragt bang: "Kassiert nun das Internet diese Individuierung? Kann es auch ein Medium für neue Solisten in Kunst und Wissenschaft sein - oder ist es, was das große schöpferische Individuum betrifft, allenfalls ein Archiv für dessen glanzvolle Vergangenheit?"

In einer gemeinsamen Ausstellung koppelt die Galleria dell'Academia von Florenz Michelangelo mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe. Für Samuel Herzog passt Mapplethorpes formale Strenge ganz hervorragend zu Michelangelos marmornen Wohlgeformtheiten. "Sogar das männliche Geschlecht, im Alltag zur Verrichtung von allerlei mehr oder weniger prosaischen Hilfsdiensten verknurrt, erscheint in seiner Gestaltung wie eine kostbare Blume - und ihre Blüte nicht wie ein niedriger Trieb, sondern wie ein formales Wunder der Natur."

Weiteres: Aldo Keel erzählt, warum es auf Island beinahe keinen Verlag für Halldor Laxness mehr gegeben hätte. Auf der Plattenseite preits Jonathan Fischer Jahdan Blakkamoores Dancehall-Album "Buzzrock Warrior" als großes "Gebet für die Verlierer der Globalisierung"). Ueli Bernays hört wieder Robbie Williams.

Besprochen wird Wolfgang Scheppes voluminöse Venedig-Studie "Migropolis", die auch in einer Ausstellung aufbereitet ist.

FR, 13.11.2009

Arno Widmann hat die Boticelli-Ausstellung im Frankfurter Städel schon besucht und geht vor der Schönheit Simonetta Vespuccis auf die Knie: Sie ist Venus und Flora, Minerva und die Grazien. Sie ist das Pin-Up-Girl des Goldenen Zeitalters der Stadt Florenz. Sie war, um mit der Wahrheit herauszurücken, mein allererstes Pin-Up-Girl. Eine Reproduktion des Städel-Bildes hing bei einer meiner Tanten. Ich war kaum zehn, als ich mich in sie verguckte. Seit dem 19. Jahrhundert, seit den Nazarenern und den Präraffaeliten, ist dieser Frauentypus wieder en vogue. Es sind blonde junge Frauen in wallenden - Woodstock lässt grüßen - Gewändern. Sie sind Nymphen und Grazien. Ihre Gesichter sind so spitz wie die junger Mädchen. Aber sie haben Busen und - wichtiger noch - Bauch."

Weiteres: In Times mager rühmt Ina Hartwig den Band "Covering Onetti" und Autoren, "die sich ihre Liebe zu einem großartigen Autor leisten". Besprochen werden die Ausstellung "Bilder von Künstler" im Frankfurter Kunstverein, ein Konzert von Wayne Shorter, Norah Jones' neues Album "The Fall" und Helmut Kraussers Roman "Einsamkeit und Sex und Mitleid".

Perlentaucher, 13.11.2009

Seit der Finanzkrise halten sich die Bußprediger das Kinn und fordern eine Gesellschaft der Mäßigung und den Verzicht auf Luxus und Überfluss. Zum Glück ernten sie allenfalls ein betroffenes Nicken ohne praktische Konsequenzen, meint der Soziologe Gerhard Schulze, denn in Wirklichkeit ist Luxus notwendig: "Je mehr sich die Menschen dem Luxus zuwandten, desto geringer wurde die Not. Und das will einem nicht so richtig in den Kopf. Viel eingängiger ist die entgegengesetzte Botschaft der Bußprediger: Schluss mit der Gier, damit alle was vom Kuchen abkriegen. Das Gegenargument lautet: Ohne Gier entsteht erst gar kein Kuchen."
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Stichwörter: Gier, Glück, Luxus

Aus den Blogs, 13.11.2009

Nichts als Dokusoaps fand Alexander Kissler im European auf dem neuen ZDF-Kanal zdfNeo: "Im Einzelnen soll die Gebühren zahlende Familie sich delektieren an: 'Mein Superschnäppchen-Haus', 'Hochzeitsfieber!', 'Der Extremtester', 'Mamas Traumjob', 'Der Straßenchor', 'SOS Tierbabys', 'Traumberuf Tierarzt', 'Liebe ohne Grenzen'."

Jolie O'Dell erklärt im ReadWriteWeb, was es mit dem Vook auf sich hat, einer Mischung aus Buch und Video (am besten natürlich fürs Iphone).

Robin Meyer-Lucht hat sich für Carta ein video vom Medienforum angesehen, in dem Mathias Döpfner und Ariana Huffington über Print und Online streiten: "Als Döpfner von 'Inhaltediebstahl' sprach, sprang ihm Huffington ins Wort. Sie bestand darauf, dass ihre Publikation sich strikt an das Urheberrecht halte, noch nie eine Auseinandersetzung darüber geführt habe und im Gegenteil ständig von klassischen Medien gebeten werde, doch auf diese zu verlinken. 'Obwohl Sie unglaublich überzeugend klingen, Herr Döpfner, wird es sich zeigen, dass Sie unglaublich falsch liegen', sagte Huffington. 'Sie können nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen. Und den Fluss, in den Sie steigen möchten, den gibt es nicht mehr.'" Mehr dazu auch in Indiskretion Ehrensache.

Welt, 13.11.2009

Die Welt veröffentlicht eine Passage aus David Foster Wallace' Roman "Unendlicher Spaß", in der eine Figur zu beschreiben versucht, was Depression ist. Diesen Begriff lehnt sie aber ab und spricht von "dem Gefühl": "Stellen Sie sich vor, Sie würden sich drinnen überall so fühlen. Als wäre jeder Zelle und jedem Atom oder jeder Gehirnzelle oder was weiß ich so schlecht, dass sie kotzen will, aber nicht kann, und so fühlen Sie sich die ganze Zeit, und Sie sind sicher, Sie wissen ganz genau, dass dieses Gefühl niemals weggehen wird und dass Sie sich den gesamten Rest Ihres Lebens so fühlen werden. Das Gefühl fühlt sich an, als ob es schon immer da war und immer bleiben wird, und das andere vergisst man. Es ist, als würde sich ein Filter über die gesamte Einstellung zur Welt legen."

19 Professoren der Lomonnossow-Universität haben einen öffentlichen Brief gegen Viktor Jerofejew veröffentlicht, der in seiner "Enzyklopädie der russischen Seele" die große russische Sprache zerstört habe. Der Autor fühlt sich im Gespräch mit Manfred Quiring an Deutschland im Jahr 1933 erinnert: "Mir ist es peinlich für mein Land, dass so etwas wie mein Fall überhaupt möglich ist, dass 19 Professoren ein künstlerisches Werk zur Anzeige bringen können."

Weitere Artikel: In der Leitglosse bedauert Matthias Heine die Umbenennung des Sportsenders DSF in Sport1 - das Kürzel erinnerte ihn an die einst ebenso abgekürzte "Deutsch-Sowjetische Freundschaft". Hanns-Georg Rodek beschreibt die neue Filmtechnik der "Performance Capture" (oder "MoCap": Die Bewegungen eines Schauspielers werden elektronisch erfasst - dann kann man jede beliebige Hülle drüberlegen.

Besprochen werden die große Botticelli-Ausstellung in Frankfurt, Janaceks "Totenhaus" in der Regie von Calixto Bieito in Basel und Peter Hacks' Stück "Jona" in Wuppertal.

In ihrer Kolumne "Maxeiner & Miersch" auf der Forumsseite beschreiben die gleichnamigen Autoren die Piratenpartei als eine vielversprechende Kreuzung von Hippies und Nerds.

Weitere Medien, 13.11.2009

Chris Jordan zeigt in einem Blog der New York Review of Books eine bestürzende Fotoserie: Albatrosküken, die an Plastikmüll gestorben sind.


Stichwörter: New York

TAZ, 13.11.2009

Daniel Bax stellt in einem hymnischen Porträt die Chiemgauer Truppe La BrassBanda vor, die bayrische Blasmusik auf den Kopf stellt und rappt, dass einem Hören und Sehen vergeht. Zum Berliner Auftritt im Kreuzberger Lido-Club schreibt er: "Wie ein Spielmannszug laufen sie zum Konzertstart von hinten in den Saal ein und haben ihn, kaum dass sie barfüßig auf der Bühne stehen, mit Tuba, E-Bass und Trompete zum Tanzen gebracht... Am Ende des Abends, der alle Bayernklischees bestätigt und doch durcheinanderpustet, steht die Erkenntnis: Tuba ist die neue E-Gitarre. Und: Lederhosen sind der letzte Schrei."

Weitere Artikel: Julian Weber würdigt im Nachruf den verstorbenen Schlagzeuger Jerry Fuchs. In tazzwei berichtet Klaus Irler über das noch nicht ganz aufgehende Konzept des Rolling Stone Weekender, ein neues Festival, bei dem sich über 30-Jährige zwei Tage in einer Ferienanlage an der Ostsee anspruchsvolle Rockbands anhören. Irler hat sich dort schon ein paar Konzerte und Auftrittsorte angesehen. Und in einem Essay denkt Jagoda Marinic nach dem Tod von Robert Enke über die "Diktatur des Glücks" in unserer Leistungsgesellschaft nach und meint: "Wir müssen lernen, den Aufstieg und die nie enden wollende Aneinanderreihung von Glück zu verweigern. Ohne dem Unglück zu verfallen."

Besprochen werden das Debütalbum "Love Comes Close" der US-Band Cold Cave, der Fotoband "Die Düsseldorfer Fotoschule" von Stefan Gronert, der die Erfolgsgeschichte von Bernd und Hilla Becher und ihren zahlreichen Schülern dokumentiert (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Und Tom.

FAZ, 13.11.2009

Mark Siemons schildert erstaunliche Annäherungsversuche zwischen China und Japan, bis hin zu Plänen für eine der EU nachempfundene "Asiatische Union". Das werde allerdings nicht einfach werden: " Es ist keineswegs ausgemacht, dass die chinesische Gesellschaft ihrer Regierung eine so rasche Annäherung verzeihen würde. Nach der Avance des japanischen Ministerpräsidenten hielt ein chinesischer Blogger die Zeit für reif, das Mitleid seiner Landsleute herauszufordern, und er stellte Fotos von japanischen Atombombenopfern ins Netz. Doch selbst bei diesen furchtbaren Bildern gingen die meisten Reaktionen in die entgegengesetzte Richtung. 'Mitleid zu haben mit dem Feind hieße, grausam gegen sich selbst zu sein', lautete ein Kommentar."

Weitere Artikel: Katajun Amirpur stellt ein Rechtsgutachten des iranischen Großajatollah Montazeri vor, der in der Frage nach der Legitimität des Atomwaffenbesitzes zu einem eindeutigen Urteil gelangt: "Der Bau und der Einsatz von Atomwaffen und Massenvernichtungswaffen sind aus vernunftmäßigen und religionsgesetzlichen Gründen (aqlan wa shar'an) verboten." In der Glosse liefert Patrick Bahners ein juristisches Gutachten zum vermeintlichen Fall von Zensur im Deutschen Historischen Museum. Vor einem Abrissverbrechen am Marktplatz im thüringischen Altenburg warnt Arnold Bartetzky. Eine Marbacher Tagung zum Thema "Schiller, der Spieler" hat Friederike Reents besucht. Ulrich Olshausen bilanziert das Berliner JazzFest. Sandra Kegel gratuliert dem Freien Deutschen Hochstift zum 150. Geburtstag. "hd" blickt voraus auf die Salzburger Festspiele 2010.

Besprochen werden die Uraufführung von Juli Zehs Komödie "Kaktus" am Münchner Volkstheater, eine vergleichende "Andrea del Sarto"-Ausstellung in der Münchner Alten Pinakothek und Bücher, darunter Martin Gülichs Roman "Septemberleuchten" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 13.11.2009

Lothar Müller hat Gundolf S. Freyermuths Thesen zum "Übergang von der analogen zur digitalen Wissenskultur" zur Kenntnis genommen (aber nicht beim Perlentaucher) und verweist, bei aller Wertschätzung für die Vorteile digitaler Texte, auf die Vorzüge der Dreidimensionalität des Analogbuchs. Von einer Weltarchitekten-Konferenz in Mexiko, bei der vor allem über das Thema "Nachhaltigkeit" diskutiert wurde, berichtet Till Briegleb. Alexander Menden porträtiert Penelope Curtis, die neue Leiterin der Londoner Tate Britain. Martin Urban beklagt, dass die kritische Theologie von der Amtskirche weitestgehend ignoriert wird. In einer Notiz werden die Arts-&-Letters-Daily-Artikelschlagzeilen zum Mauerfall übersetzt. Jörg Häntzschel hat die von Greil Marcus und Werner Sollors herausgegebene "New Literary History" gelesen, eine Sammlung "kultureller Schlüsselmomente" von Linda Lovelace bis Lolita. Für eine sehr hübsche Idee hält "blok" die Software "Add-Art" (umsonst, aber nur für Mozilla), die Werbebanner automatisch durch Kunstwerke ersetzt.

Besprochen werden Peter Konwitschnys Amsterdamer "Salome"-Inszenierung, Katie Mitchells Londoner Inszenierung von Ferdinand Bruckners "Die Krankheit der Jugend", eine große "Monet"-Ausstellung im Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal, Lasse Hallströms Film "Hachiko - A Dog's Story", Almut Gettos Komödie "Ganz nah bei dir" und Bücher, darunter Alan Pauls Roman "Die Vergangenheit" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).