Heute in den Feuilletons

Kontrollversagen, Kartelle, Korruption

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.08.2009. In der Welt erinnert sich Andrzej Wajda an den Kriegsbeginn in Polen. In der FR vermisst der Politologe Harvey C. Mansfield Esprit und Schärfe in der Politik. In der taz erzählt Gabriele Goettle, warum nicht nur die Armen, sondern auch die Supermärkte von den "Tafeln" profitieren. Die NZZ greift rumänische Debatten um Mihail Sebastian auf. Die SZ zieht eine ziemlich traurige Bilanz des Wiederaufbaus von New Orleans.

Welt, 31.08.2009

Der polnische Regisseur Andrzej Wajda erinnert sich im Interview an den 1. September 1939 - an die Flucht vor den Deutschen, die Lügen nach Kriegsende und die Illusionen, die sich die Polen über ihre Armee machten, die noch auf den manuellen Kampf eingestellt war. "Noch während unserer Flucht trafen wir motorisierte deutsche Infanterie. Es war eine unendliche Kolonne mit aller denkbaren Militärtechnik, die wir uns gar nicht vorstellen konnten. Das nächste Mal habe ich solch ein Erlebnis erst in dem Film 'Krieg der Sterne' gehabt."

Michael Pilz sah im Kino Davis Guggenheims Dokumentarfilm "It Might Get Loud" über die Gitarristen Jack White, The Edge und Jimmy Page. Allein ersterem ist es zu verdanken, dass Pilz bis zum Ende durchhält. "Wenn Page unter sich biegenden Regalen voller Platten heute mit geschlossenen Augen und geschürzten Lippen 'Rumble' von Link Wray anspielt, schämt man sich wie ein 13-jähriger für seinen angetrunkenen Vater."

Manuel Brug feiert die 44-jährige Koloratursopranistin Natalie Dessay, von der man alles erwarten darf, nur keine schöne Stimme. Gerade sang sie in Santa Fe die Violetta in La Traviata, "wo man nicht jeden Ton auf die Goldwagen legen darf, wo die Stimme nicht selten eigentlich zu klein ist, zu wenig trägt, wo aber jeder Ton trifft und rührt, kalkuliert ist und doch spontan wirkt. Kaum eine Violetta der letzten Jahre - die Sensations-Netrebko von Salzburg einmal ausgenommen - hat in der scheinbar ausgelutschten Rolle so viele neue Nuancen entdeckt."

Weitere Artikel: Eckhard Fuhr war dabei, als in Weimar Lars Gustafsson, Sveree Dahl und Victor Marian Scoradet mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet wurden. Uwe Wittstock erlebt die Kür Ulrich Peltzers zum neuen Stadtschreiber in Bergen-Enkheim mit. Hgr. schreibt zum Tod der Schauspielerin Mady Rahl.

Besprochen werden die Ausstellung "Freie Reichsstadt Augsburg" in Moskau, ein Buch des "Skandalautors" James Frey und eine Ausstellung des Schweizer Künstlers Roman Signer in der Hamburger Kunsthalle.

FR, 31.08.2009

Abgedruckt wird ein Vortrag des amerikanischen Politikwissenschaftlers Harvey C. Mansfield über den Menschen als political animal: "In der Politik sucht man die Auseinandersetzung und vermeidet sie nicht. Eigeninteresse dagegen bevorzugt friedliche Verhältnisse, und wenn es den Thymos in unserer Seele ersetzen könnte, dann gäbe es keine Kriege mehr. Aber es ist nun mal so, dass Menschen eine bestimmte Idee vertreten wollen, was bedeutet, dass sie sich gegen andere stellen müssen, die eine andere Idee vertreten. Oft wird eine solche Situation in Beschimpfungen und Kränkungen ausarten, was in der Politik nicht außergewöhnlich, aber keinesfalls von Nutzen ist. Viele beklagen sich über einen Mangel an Höflichkeit in der Politik, doch woran es den Beschimpfungen wirklich mangelt, sind Esprit und Schärfe."

Weiteres: In Times mager fragt sich Hans-Jürgen Linke, ob die Rechnungsprüfer, die dem Bayerischen Rundfunk die Orchester absprechen wollen, wohl zuviel Privatradio gehört haben.

Besprochen werden eine Ausstellung chinesischer Architektur im Frankfurter DAM, Anne Teresa de Keersmaekers Choreografie zum Abschluss des "Tanz im August" und ein Konzert des Frankfurdi Raadio Sümfooniaorkesters mit Paavo Järvi in Tallinn.

Aus den Blogs, 31.08.2009

Eine Reihe bekannter Intellektueller, darunter Jürgen Habermas und Mario Vargas Llosa, rufen den UNO-Vorsitzenden Ban Ki Moon (unter anderem hier) auf, Druck auf die iranische Regierung auszuüben: "Sadly, the government of the Islamic Republic has faced off these peaceful and civil protests harshly, and several innocent people, including students in the nation's universities, have been barbarically assaulted by the state police. Numerous political and civil activists have been imprisoned without due process and, at the same time, communication networks have been widely disrupted and severe restrictions have been placed on the activities of reporters and international observers."
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TAZ, 31.08.2009

Nicht nur für die Armen sind die vielen "Tafeln" mit ihren kostenlosen Lebensmitteln von Vorteil, auch die Supermärkte profitieren, erklärt Gabriele Goettle in einer großen Reportage über eine "Tafel" in Teltow bei Berlin: "Ehedem musste bezahlt werden für die Abholung des 'Biomülls' - aus dem die Entsorgerfirmen eine Gärsubstanz herstellen, die sie an Biogasunternehmen weiterverkaufen, und die wiederum gewinnen aus 8.000 Tonnen Lebensmitteln ungefähr 3.000 Megawatt sauberen Strom. Nun erspart die Entsorgung über die Tafeln nicht nur die Kosten, es gibt auch noch gratis eine Imagewerbung mit dazu."

Auf der Medienseite informiert Steffen Grimberg über den neuesten Stand im Skandal um die NDR-Redakteurin Doris Heinze. Für die Tagesthemenseite interviewt Johannes Zang den israelischen Wirtschaftswissenschaftler Shir Hever, der darlegt, dass die israelische Politik gegenüber den Palästinensern die soziale Ungleichheit unter den Israelis verschärft.

Schließlich Tom.

NZZ, 31.08.2009

Ioana Orleanu berichtet vom Aufruhr, den die Autorin Marta Petreu mit einem Buch über den rumänisch-jüdischen Schriftsteller Mihail Sebastian ausgelöst hat. Darin wirft sie Sebastian, dessen Tagebücher aus dem Zweiten Weltkrieg als Jahrhundertdokument gefeiert wurden, vor allem seine Nähe zu dem charismatischen, aber faschistischen Philosophen Nae Ionescu vor. "Nun ist gegen die Aufdeckung der dunklen Seiten einer Biografie nichts einzuwenden", meint Orleanu, "wenn sie eine Sache gerechter Entmythologisierung ist, das Gesamtbild der Person nachzeichnet und der Aufdecker Objektivität wahrt. Marta Petreu aber hat leider durch maßlose Übertreibung Sebastian nur gründlich verfälscht. Dieser sei ein 'unverhohlener und eigentlicher Antidemokrat' gewesen, 'ein Antieuropäer, Beschwörer der Revolution, Profaschist, Bewunderer absoluter Führer und Anhänger der Massendiktatur'. Sebastian habe Nae Ionescus Ansichten geteilt und unter dessen Schutz alles, was im damaligen Rumänien Rang und Namen hatte, angegriffen."

Weitere Artikel: Eine ganze Seite widmet sich mit dem Auf- und Niedergang der Idee, in Bern ein Museum für Gegenwartskunst zu bauen: Samuel Herzog beobachtet die Nicht-Entwicklung seit 2000, Konrad Tobler sammelt Stimmen dazu und Matthias Frehner, Museumsdirektor, gibt ein Interview. Günter Seufert sucht in der größten kurdischen Stadt der Türkei, Diyarbakir, die Bereitschaft zur Versöhnung zwischen Kurden und Türken. Joachim Güntner freut sich, am Samstagabend mal etwas Substanzhaltiges gesehen zu haben, und zwar auf Vox.

Besprochen werden ein dreiteiliger Ballettabend im Opernhaus Zürich sowie zwei DVDs, nämlich "96 Hours" und "Hunger".

SZ, 31.08.2009

Roman Deininger zieht vier Jahre nach der Flutkatastrophe von New Orleans eine eher ernüchternde Bilanz, für die auch der Bürgermeister der Stadt, Ray Nagin, verantwortlich ist: "Seit 29. August 2005 hat New Orleans nicht nur mit den Folgen einer Naturkatastrophe, mit untauglichen Dämmen und einer pflichtvergessenen Regierung im fernen Washington zu kämpfen. Zu kämpfen hat es auch mit seinen alten Dämonen, mit schier unausrottbarem Rassismus und mit einer über Jahrhunderte zementierten Kultur der Korruption."

Weitere Artikel: Burkhard Müller wirft einen Blick auf die zwar blühenden, aber auch entleerten Landschaften und Städte der Neuen Länder und kommt zu dem Schluss, dass der Solizuschlag abgeschafft werden könnte: "Was sich dort durch Geld leisten lässt, dürfte weitgehend geleistet sein." In den Nachrichten aus dem Netz zitiert Johannes Boie skeptische Stimmen zu Twitter. Laura Weissmüller kommentiert die seltsamerweise von seinen Ko-Preisträgern verkündete Nachricht, dass Navid Kermani nun doch den Hessischen Friedenspreis erhalten soll. Susan Vahabzadeh konstatiert, dass Hollywood zwar wirtschaftlich blendend durch die Krise kommt, vermisst aber eine entsprechend erhöhte künstlerische Kreativität. Christian Rabe meldet, dass Noel Gallagher die Band Oasis verlässt. Volker Breidecker gratuliert dem Freien Deutschen Hochstift zum 150. Jubiläum.

Besprochen werden die Ausstellung "James Cook und die Entdeckung der Südsee" in Bonn, neue DVDs, Robert Henrysons Stück "Testament of Cresseid" beim Festival von Edinburgh und Bücher, darunter Tiziana Scarpas Roman "Stabat mater".

Auf der Medienseite stellt Hans Leyendecker nach den Enthülllungen um die NDR-Redakteurin Doris Heinze, die ihren Ehemann mit Aufträgen versorgte, die Systemfrage: "Die Systemfrage umfasst nicht nur krankes Sendungsbewusstsein, das oft Qualität verhindert, sondern: Kontrollversagen, Kartelle, Korruption, Vetternwirtschaft, Willkür, Nepotismus und lauter Abläufe, die nach dem Mafiaprinzip funktionieren: 'Lass mich in Ruhe, dann lass ich dich in Ruhe und von draußen lassen wir schon gar keinen reinschauen'."

FAZ, 31.08.2009

Paul Aiken, Vorsitzender des US-Autorenverbands, der mit Google Books den andernorts umstrittenen Vergleich geschlossen hat, erklärt, warum er das Google-Vorhaben unter den nun gefundenen Bedingungen für eine sinnvolle Sache hält: "Was wäre die Alternative gewesen - das Projekt staatlich verwalten zu lassen? Google bietet uns doch einen riesigen Vorteil. Es ist ein Unternehmen, das technisch unglaublich versiert ist und noch dazu finanziell abgesichert und erfahren mit der Organisation von Datenbanken. Würde das Projekt vom Staat betreut, hätten die Rechteinhaber dann dieselbe Flexibilität? Da bin ich mir nicht so sicher. Wir haben eine Lösung gefunden, die sowohl die Bedürfnisse der Rechteinhaber als auch die des Marktes berücksichtigt. Das ist doch eine nahezu ideale Lösung."

Weitere Artikel: Der polnische Publizist Adam Krzeminski schildert zum 70. Jahrestag des Kriegsbeginns Diskussionen darüber, ob sich Polen vielleicht hätte anders verhalten können. Er findet allerdings keine der Alternativversionen besonders überzeugend. Hannes Hintermeier war dabei, als das Freie Deutsche Hochstift (Website) in der Frankfurter Paulskirche seinen 150. Geburtstag beging. Lorenz Jäger erzählt eine kleine Fabel, in der Herr von G. (wie Goethe ) den Teheraner Kulturpreis erhält. Gina Thomas weiß, warum die in Großbritannien erstmals seit fünfzehn Jahren gestiegene Geburtenrate noch nicht unbedingt ein Grund zum Feiern ist. Michael Hanfeld lässt einen Drehbuchautor erklären, warum die NDR-Fernsehspielchefin Doris Heinze so lange damit durchkam, Drehbücher ihres unter Pseudonym schreibenden Ehemanns verfilmen zu lassen: "'Man legte sich besser nicht mit ihr an.'"

Geburtstagsglückwünsche gehen an den Schauspieler Richard Gere (60), den Autor Yann Queffelec (60), die Schauspielerin und Schlagersängerin Vivi Bach (70), die Schauspielerin Lily Tomlin (70) und den Kirchenhistoriker Victor Conzemius (80).

Besprochen werden die Uraufführung von Heinz Spoerlis Choreografie "Lettres Intimes" in Zürich, die Austellung "Aufbruch in die Gotik" in Magdeburg und Bücher, darunter Sebastian Barrys Roman "Ein verborgenes Leben" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).